Dempster Highway – das ultimative Abenteuer (15. – 21.8.2022, 1.650 km)

Der Dempster, das sind 735 Kilometer Piste durch Wildnis mit zwei Siedlungen und Tankstellen zwischen dem Abzweig vom Klondike Highway und dem Ziel in Inuvik sowie mehreren Forest Campgrounds. Bis zum Polarmeer sind es rund 880 Kilometer. Eine größere Panne sollte man unterwegs also nicht haben. Und weil das Ganze eine Sackgasse ist, muss man natürlich den gleichen Weg wieder zurück fahren.

Der Dempster Hichway – die wahrscheinlich längste Sackgasse Nordamerikas

Auf der Anfahrt zum Dempster Highway regnet es den ganzen Vormittag über. Das ist keine gute Voraussetzungen, die Tour auf der ansonsten staubigen Piste wird dann schnell zur Schlammschlacht. Normalerweise ist der Dempster aber für alle Fahrzeuge machbar. Hier fahren jede Menge „normale“ Pkw, sogar mit Wohnwagen hinten dran. Das „ultimative Abenteuer für harte Kerle“, als das dieser letzte nicht asphaltierte Zugang zum Polarmeer gerne verkauft wird, ist es also nicht.

Unsere Route auf dem Dempster Highway (Kartengrundage: Mile Post)

Doch prompt treffen wir am Beginn des Dempsters ein gigantisches, blitzsauberes Expeditionsfahrzeug, das in Ausmaßen und Ausstattung schon fast peinlich übertrieben wirkt. Ein Mercedes-Lkw mit drei Achsen, monströser Wohnkabine in Tarnfarben und kompletter Bergeausstattung – natürlich aus der Schweiz. Der Fahrer bietet angesichts unseres vergleichsweise zierlichen Landcruiser ernsthaft an, dass wir mit ihm zusammen fahren können, es könnte uns dann bei Bedarf „herausziehen“. Welche Abenteuer erwartet der denn hier und was für eine Beleidigung für unseren Yoda! Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Wir sehen „unseren“ Schweizer unterwegs natürlich immer wieder, jedoch steht diese Festung auf Rädern nachts immer auf einem Campground, sicher ist sicher. 

Geballte Abenteuerlust – made in Switzerland

Von Dempster Crossing zum Polarkreis

Auf den ersten 40 Kilometern gibt es zahlreiche Schlaglöcher und Waschbrettstellen. Man muss gut aufpassen. Von den Bergen um uns herum sehen wir leider nichts. Nach 80 Kilometern durch Wald erreichen wir mittags das Besucherzentrum des Tombstone Territorial Parks. Master Yoda ist schon ordentlich mit Schlamm verschmiert, er sieht richtig gut aus. Aber der Regen hat aufgehört und wir können noch einen schönen Spaziergang am Northern Klondike River machen.

Die schief stehenden Bäume nennt man hier „Drunken Forest“ – schuld ist der Permafrostboden
North Fork Pass im Tombstone Territorial Park

Hier oben in rund 900 m Höhe wachsen keine Bäume mehr, es beginnt die arktische Tundra. Was für eine überwältigende Berglandschaft – ein Wanderparadies, allerdings ohne Wege. Und mit der beginnenden Herbstfärbung sind wir genau zur richtigen Jahreszeit hier. Wir werden stark an Lappland erinnert. Wirklich traumhaft schön dann die Fahrt über den North Fork Pass, die mit 1.400 Metern höchste Stelle des Dempsters. Auf der Tundra-Hochfläche der Blackstone Uplands finden wir wieder einen einsamen Stellplatz, von dem der Blick weit über das mit buschigen Birken und Moospolstern bewachsene Hochtal reicht. 

Im Tombstone Territorial Park

Morgens ist es kalt, die Standheizung läuft erstmals. Allerdings schaltet sie sich nach kurzer Zeit immer wieder aus, ohne dass das System einen Fehler meldet. Wir hoffen, dass es wir das Problem beheben können, wenn wir wieder in der Zivilisation sind. Im Laufe des Tages wird das Wetter immer besser und richtig sonnig-warm.

Stellplatz mit herrlichem Ausblick
Yoda in den Blackstone Mountains – die Macht ist mit uns
Engineer Creek

Die Fahrt durch die Olgilvieberge ist ein absoluter Genuss. Die Strecke ist äußerst abwechslungsreich, sie führt entlang des Blackstone Rivers und später durch das enge, felsige Tal des Olgilvie Rivers. In den durch herrliche Berge geschützen Lagen gibt es wieder Wald. Der Highway klettert schließlich 600 Höhenmeter auf die Seven Miles Hills mit großartiger Fernsicht. Über die vielen Höhenrücken der Eagle Plains und niedrigen Wald mit Blick auf die Richardson Mountains kommen wir schließlich zum Eagle Plains Hotel. Nach 365 Kilometern, auf halber Strecke, eine Oase der Zivilisation mit Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurant, Campground und Tankstelle.

Bizarre Felsformationen – hier leben viele Greifvögel
Seven Miles Hills
Eagle Plains Hotel

Vom Polarkreis zum Mackenzie River

Ca. 40 Kilometer später erreichen wir den Polarkreis, wo wir stilvoll unsere Teepause machen. Hier ist nun wieder Schluss mit Wald, weite Täler mit Birkengestrüpp, Mooren und Heideflächen prägen das Bild. Kurz darauf ist unser wieder einmal großartiger Übernachtungsplatz erreicht. Abseits der Straße, totale Ruhe und ein toller Blick über die Tundra. Durch diese Gegend zieht in wenigen Wochen eine über 160.000 Tiere umfassende Caribouherde, die hier überwintert. Schade, wir sind etwas zu früh. Dafür können wir abends noch in der Sonne draußen sitzen, es wird die ganze Nacht nicht dunkel. „Echte“ Mitternachtssonne gibt es aber bis nur zur ersten Augustwoche.

Wir sind am Polarkeis
Panoramablick von Polarkreis Monument

Nachts entwickelt sich der Abendwind zu einem heftigen Sturm, der Master Yoda beutelt. An Schlaf ist nicht zu denken. Olaf dreht den Wagen aus dem Wind. Nun ist es besser, aber die Zeltwände des Aufstelldaches knattern noch immer. Schließlich klappen wir um drei Uhr  das Dach runter und ich mache es mir unten neben Olaf „bequem“. Schön kuschelig eng, aber immerhin ist jetzt Ruhe.

Durch die Richardson Mountains zum White Pass

Durch die Richardson Mountains bleibt uns die offene Weite der Tundra erhalten,  nur in den Tälern wächst wieder dichter Nadelwald. Wir trauen unseren Augen kaum, als wir einen einsamen Wanderer Richtung Norden entdecken. Er zieht einen überdachten  Karren, in dem er wie in einem Miniwohnwagen auch schlafen kann. Eine optimale Lösung, denn in dem moorigen Gelände abseits der Straße kann man weder wandern noch ein Zelt aufbauen. Und die Distanzen zwischen den befestigten Platze in Straßennähe, auf denen wir übernachten, sind für Wanderer zu groß. Wir treffen ihn auf unserem Rückweg wieder. Daraus kann man seine Tagesleistung von ca. 35 Kilometern errechnen. Dann braucht man 26 Tage von Dawson City bis Tuktoyaktuk. Die körperliche Anstrengung auf der Piste dürfte dabei für einen geübten Wanderer gut machbar sein. Es ist wohl eher die enorme mentale Herausforderung, täglich diese Etappen ausschließlich auf einer breiten, öden und oft genug schnurgeraden Schotterstraße zurück zu legen, die uns enormen Respekt abverlangt.

Fähre über den Peel River

Am White Pass queren wir wieder die kontinentale Wasserscheide und kommen von Yukon in die Northern Territories. Danach geht es bergab in das Tiefland des Mackenzie Rivers. Eine Seilfähre bringt uns über den Peel River, bald darauf ist Fort McPherson erreicht. Hier leben die Teltit Gwich’n First Nation, immerhin eine Gemeinde von 900 Einwohnern. Es gibt eine Tankstelle und einen gut sortierten Supermarkt, die erste Verpflegungsmöglichkeit auf der Strecke nach 590 Kilometern ab Dawson City, abgesehen vom Hotel Eagle Plains, wo es ja ein Restaurant gibt und man auch Proviantpakete hinschicken kann. Ein Bummel durch den Ort ist nett.

Hauptstraße in Fort McPherson
Wohnhaus in Fort McPherson

Wie üblich sind die einfachen Wohnhäuser sehr schmucklos, wegen des Permafrostbodens auf Stelzen gebaut und mit außen liegenden Versorgungsleitungen. Aber es gibt ein Café und ein paar Grünflachen mit Blumen. Kleine Kinder sausen auf Minimotorrädern und Motorscootern wild durch die Gegend, das beste Freizeitvergnügen hier. Die Leute grüßen uns freundlich, eine ganz andere Atmosphäre als im trostlosen Ross River vor einigen Tagen. Interessant ist auch immer der Friedhof. Die Art und Weise, wie mit dem Tod umgegangen wird, sagt viel über eine Kultur aus. Man findet hier mit Plastikblumen geschmückte Gräber, liebevoll gestaltete Kreuze und Grabsteine mit Bildern. Dazwischen sehr alte, verfallene Grabstätten. Auffallend die hohe Sterblichkeit von Kleinkindern und jungen Erwachsenen. Und ungefähr 20 % der Gräber sind in den letzten zwei Jahren entstanden – durch Corona, wie uns ein alter Mann erklärt.

Friedhof in Fort McPherson

Die restliche Fahrt führt uns weiter über die große Tiefebene mit einigen Seen und Sümpfen. Erstaunlicherweise wachsen hier, so weit im Norden, noch immer richtige Bäume auf den moorigen Ebenen – so weit das Auge reicht. Dem Wald entkommt man in Kanadas wohl nie.

Mackenzie-Ebene

Uns begegnen zwei einsame Tourenradler auf dem Weg nach Süden. Eine Stunde später setzen wir mit einer weiteren Fähre über. Der Mackenzie River, mit 4.300 Kilometern der längste Strom Kanadas, ist hier einen Kilometer breit. Er sieht sehr imposant aus. Vor seiner Mündung ins Polarmeer verzweigt er sich ab Inuvik in ein riesiges Delta, wichtiges Angelrevier für die Inuit. Die Fähren verkehren nur im Sommer. Im Winter fährt man über den zugefrorenen Fluss und in der Zwischenzeit, wenn das Eis noch zu dünn ist, kommt man nur mit dem Flugzeug weiter.

Fähre über den Mackenzie River
Mackenzie River – längster Fluss in Kanada

Vom Mackenzie River nach Inuvik

Hinter der Mackenzie Fähre wird das Gelände sehr flach, abgesehen von wenigen Einschnitten durch Bäche oder kleine Hügel. Die Straße folgt einer schnurgeraden Linie durch den sumpfigen Wald. Rechts und links von uns fliegen die Bäume vorbei, schaut man jedoch nur geradeaus, hat man den Eindruck, das Auto würde stillstehen. Eine absolut faszinierende Eintönigkeit.

Fast am Ziel – Mackenzie River Delta

Das einzige Highlight ist eine Bärenmutter mit ihrem Kind am Straßenrand. Auf der Rückfahrt sehen wir an gleicher Stelle einen sehr großen Schwarzbären, der intensiv mit Beerenpflücken beschäftigt ist, zufrieden schnaubt und sich durch uns nicht im geringsten stören lässt. So können wir ihn aus nur ca. 15 Metern Entfernung in aller Ruhe aus dem offenen Autofenster beobachten. Ein beeindruckendes Erlebnis.

Schwarzbär auf Beerenjagd- da lässt man sich nicht stören

Kurz vor Inuvik hat die Piste dann tatsächlich ein paar Kurven. Ab dem Flughafen, vier Kilometer vor dem Ort, fahren wir wieder auf Asphalt. Die Nacht über hat zu regnen begonnen und die Schotterfahrbahn war stellenweise sehr aufgeweicht und mit tiefen Pfützen versehen. Yoda rollt als wahrer Schlammspringer nach Inuvik hinein.

Hauptstraße in Inuvik

Der hauptsächlich von Inuit bewohnte Ort ist erstaunlich groß mit 3.600 Einwohnern und hat eine sehr gute Infrastruktur. Es gibt ein nettes Infozentrum, etliche Geschäfte, eine Bücherei mit WiFi (wichtig für Reisende), ein Krankenhaus, Tankstellen, Campingplatz, mehrere Hotels und Lokale. Der Supermarkt verkauft nicht nur Lebensmittel, sondern u.a auch Möbel, Kleidung, Werkzeug, Autoreifen, Jagdausrüstung und sogar Skiscouter und Quats. Eben alles, was man braucht.

Iglukirche – das architektonische Highlight in Inuvik
Wohnhäuser in Inuvik – quadratisch, praktisch, gut

Ebenso wie die Wohnhäuser sind alle Gebäude reine Zweckbauten. Orte, an denen man sich draußen aufhalten kann, gibt es nicht, nur am Mackenzie River einen kleinen Park. Genau wie in Fort McPherson sind die Häuser wegen des Permafrostbodens auf Stelzen gebaut. Die Wasserleitung sind oberirdisch ebenfalls auf Stelzen verlegt.

Rückfahrt in die Zivilisation

Das Wetter ist bei unserem Besuch in Inuvik sehr ungemütlich. Regen und ein eisiger Nordwind lassen die 8 Grad deutlich kälter erscheinen. Fröstelnd flüchten wir nach einem Bummel über die Hauptstraße in die warme Bibliothek, laden den letzten Blogeintrag hoch und machen uns dann wieder auf den langen Rückweg. Auf die restlichen 130 Kilometer der erst 2019 gebauten Strecke nach Tuktoyaktuk verzichten wir leider angesichts des schlechten Wetters. Den „klassischen“ Dempster haben wir immerhin komplett befahren.

In der Nähe des Midway Lake sehen wie den Wanderer wieder. Er hat die typische muskulös-ausgemergelte Figur eines Long-Distance-Hikers und auch die dazu passenden hageren Gesichtzüge. Ob er wohl auf dem Transkanada Trail, der hier entlang läuft, unterwegs ist? Auf jeden Fall lernt er den Dempster in einer Intensität kennen, die für uns unerreichbar ist. Vergleichbar ist der Unterschied mit einer Bergtour. Wer aus eigener Kraft den Gipfel erklimmt, hat den gleichen Fernblick wie jemand, der mit einer Bergbahn hinauf fährt. Das Erlebnis ist jedoch völlig verschieden.

Wir treffen auch die Radfahrer wieder, als sie nach einer langen Steigung eine Verschnaufpause einlegen. Beide freuen sich über die Bananen, die wir ihnen schenken. Verschwitzt und dreckig, doch mit strahlenden Augen berichten sie von ihrer Tour. Da werde ich fast neidisch. Jedenfalls solange das Wetter einigermaßen mitspielt. Ja, ich kämpfe noch immer damit, nun in einer Blechkiste unterwegs zu sein, statt zu Fuß oder per Rad die Natur zu erleben.

Am White Pass machen wir eine Pause. Endlich scheint die Sonne. Mich hält es nicht mehr im Auto, ein kleiner Spaziergang über die Heideflächen am Pass tut unheimlich gut. Endlich wieder Bewegung, frische Luft und Wind spüren.

Der Dempster Highway – multimodale Straße für Autos, Radfahrer und Fußgänger – und manchmal auch für Flugzeuge

Bald danach regnet es wieder anhaltend, die Schotterstraße ist stark durchweicht. Was für eine Schlammpiste. Jetzt tun mir die Radler wirklich leid, mit dem Rad ist das hier eine echte Tortur. Für uns macht sich Yodas Vierradantrieb bezahlt. Trotzdem fahren auch wir die insgesamt 150 Kilometer langen Teilstrecken mit besonders viel Schlaglöchern und Waschbrett nur langsam mit ca. 40 km/h. Auf dem Rest kann Yoda doppelt so schnell sausen.

Am Abend parken wir nicht weit von der Straße in der Nähe des Ogilvie-Peel Viewpoint. Es drängt mich nach dem Essen angesichts des sonnigen Wetters zu einem kleinen Spaziergang. Da stehen plötzlich mitten auf der Straße zwei große Elche, nur ca. 20 Meter von mir entfernt. Wir beobachten uns gegenseitig lange Zeit, dann verschwinden sie im Gebüsch. Eine schöne Begegnung.

Frühstück am Ogilvie-Peel Viewpoint

Am letzten Tag auf dem Dempster scheint wieder nun manchmal sogar wieder die Sonne. Bei kühlen 6 Grad können wir sogar draußen frühstücken, direkt am Olgilvie-Peel-Viepoint, einem der schönsten Aussichtspunkte am Highway. Der Peel River liegt noch im Nebel, aber die ca. 200 Kilometer entfernten Berge werden schon von der Sonne bestrahlt. Besser kann ein Tag kaum beginnen. Obwohl wir die Strecke nun schon kennen, ist es kein bisschen langweilig. Am Nachmittag erreichen wir den Tombstone Territorial Park, Zeit für einen netten Zwei-Stunden-Spaziergang. Auf dem schönen Goldensides Trail, der uns um 350 Höhenmeter auf einen Aussichtspunkt bringt, haben wir einen herrlichen Blick in das North Fork Klondike Valley. Am nächsten Tag sind wir dann schnell wieder auf dem asphaltierten Highway nach Dawson City.

Blick vom Goldensides Trail auf das Tombstone Interpretive Center mit Campingsplatz
Blick vom Goldensides Trail in das Tal des North Fork Klondike

Hat sich die lange Tour in den hohen Norden gelohnt? Auf jeden Fall, denn die Schönheit der verschiedenen Landschaften hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen. Und es war sehr interessant, die Orte Fort Macpherson und Inuvik zu sehen, die als Außenposten der Zivilisation einen ganz speziellen Charakter haben.

 

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