Heimreise in Zeiten von Corona


Am 17. März machen wir uns also höchst unfreiwillig auf den Heimweg von Marokko nach Deutschland. Von Tafraoute bis Ceuta sind noch ca. 1000 Kilometer zu fahren. Bis zum Abend haben wir den Anti-Atlas durchquert und sind durch eine langweilige Gegend um Agadir mit plastiküberspannten Gemüseplantagen gefahren. Im gesamten Land haben nun alle Schulen und Universitäten, aber auch die Restaurants und Cafés geschlossen. Letzteres ist für die sehr kommunikativen marokkanischen Männer natürlich echt schlimm, denn der tägliche Schwatz im Café ist ihre wichtigste Freizeitbeschäftigung. So treffen sie sich statt dessen in den öffentlichen Grünanlagen und wenn der Platz auf den Parkbänken nicht reicht, rückt man etwas enger zusammen…

Unsere Route bis Ceuta

Das Wetter entspricht unserer Stimmung. Der Himmel ist grau, morgens regnet es kurze Zeit und wir stellen sogar die Standheizung während des Frühstücks an. Von den Bergen des Hohen Atlas in der Nähe von Marrakesch ist nichts zu sehen, sie hängen tief in den Wolken. Südlich von Marrakesch beginnt die große Ebene. Über die recht leere Autobahn lässt es sich entspannt fahren. Je weiter wir nach Norden kommen, desto grüner wird die Landschaft. Ab Rabat fahren wir tatsächlich wieder an blühenden Wiesen und Feldern vorbei, die auch ohne Bewässerung auskommen. Wir haben den Eindruck, schon wieder in Europa zu sein. Auch die Ortschaften sehen deutlich anders aus. Schon in Tafraoute sind uns die im Vergleich zum Süden und Osten des Landes zahlreichen sehr großen und wohlhabend wirkenden Wohnhäuser aufgefallen. Die gesichtslosen Neubauviertel entlang der Autobahn bei Casablanca sehen so aus wie überall auf der Welt, auf den Straßen begegnen uns nun schicke, große Autos – BMW, Audi und Mercedes, alle nagelneu und blitzblank. Und der teure Marjane-Supermarkt in Rabat ist voller Kunden, während die Filialen im Süden fast leer waren. Hier tragen auch kein Mann und nur wenige Frauen die traditionellen langen Gewänder oder eine Kopfbedeckung. Doch am Rand der modernen, reichen Großstädte an der Küste gibt es auch ziemlich dunkle Ecken. Aber während im Süden und Osten die Menschen häufig einfach “nur“ arm sind, sieht man in diesen Slums richtiges, hoffnungsloses Elend. Was für ein riesiger Unterschied in Lebensstandard und gesellschaftlichen Strukturen besteht doch innerhalb des Landes.

Nördlich von Rabat verbringen wir noch einmal eine Nacht auf einem Campingplatz direkt am Meer. Nach der langen Autofahrt tut ein ausgedehnter Strandspaziergang am Abend sehr gut. Am späten Vormittag hatte uns übrigens die deutsche Botschaft angerufen und informiert, dass in 4 Stunden im Rahmen der “Luftbrücke“ (was für ein Panik stiftender Begriff) ein Flug für deutsche Rückkehrer ab Marrakesch geht, danach würde der Luftraum geschlossen. Sein Auto solle man einfach irgendwo sicher abstellen und irgendwann wieder abholen … Das kann doch nicht wahr sein. Erstens wäre das alles zeitlich nicht zu schaffen und wir würden doch auch unseren treuen roten Sandfloh nicht einfach im Stich lassen. Viel mehr hätten uns aktuelle Infos zur Grenze nach Ceuta und den Fähren geholfen. Aber davon kommt vom Auswärtigen Amt oder von der Botschaft seit mehreren Tagen nur der Hinweis, es verkehren keine Fähren nach Spanien.

Endlich in Ceuta

Am nächsten Tag sind wir gegen Mittag am Straßenabzweig zur spanischen Exklave Ceuta und befinden uns urplötzlich in einem Pulk von ca. 50 Wohnmobilen. Die Straße nach Ceuta ist gesperrt und die Polizei teilt uns mit, dass die Grenze Ceuta -Marokko durch die Spanier geschlossen worden sei. Gestern war noch alles offen und keiner weiß, ob und wann die Sperre aufgehoben wird. Infos von offizieller Seite, wie vom Auswärtigen Amt oder den Botschaften, sind nicht vorhanden. Aber toll ist, dass wir Paul und Madelon wieder sehen, mit denen wir in den letzten Tagen natürlich per whatsapp in Kontakt waren. Große Freude auf allen Seiten. Wir richten uns schon mental darauf ein, hier übernachten zu müssen und kochen erstmal einen Kaffee. Da kommt plötzlich Paul angerannt und berichtet, dass für Deutsche die Zufahrt zur Grenze offen sei. Warum sich so rasch die Lage geändert hat und wieso das für die anderen EU-Bürger nicht gilt, ist ein Rätsel. Peinlich betroffen, dass nur die Deutschen passieren dürfen, sagen wir unseren Freunden hastig auf Wiedersehen, stellen den Kocher ab und rollen zuversichtlich zur Straßensperre, wo man wirklich nach Prüfung der Ausweise die Fahrzeuge einzeln durch läßt. Schnell erreichen wir die Grenze. Die Marokkaner wollen fünf Mal unsere Pässe sehen, beim Zoll ist der Beamte fasziniert von unserer multifunktionalen Rückbank, deren Sitzfläche man nach verschiedenen Seiten aufklappen kann. Dann kommt noch der Drogenspürhund zum Einsatz und wir dürfen nach Spanien einreisen. Noch ein paar Mal die Ausweise vorzeigen, im Slalom durch die Absperrungen und nach ca. weiteren zwei Stunden Warterei und mehreren Tassen Kaffee sind wir tatsächlich auf dem Schiff. Kein Mensch interessiert sich für unseren Gesundheitszustand im Hinblick auf eine eventuelle Corona-Infektion – erstaunlich. Nach einer sehr wackeligen Überfahrt mit hohem Seegang rollen wir in Algeciras an Land und suchen uns einen ruhigen Stellplatz in den Hügeln oberhalb der Stadt. Gut, dass wir nicht auf die von Aktionismus getriebenen Hinweise des Auswärtigen Amtes gehört haben, sonst würde unser Auto nun völlig sinnlos alleine irgendwo in Marokko stehen.

Die Fahrt durch Spanien erscheint unendlich lang. Der Himmel ist grau, tief hängen die Wolken und es ist kühl. Es besteht eine allgemeine Ausgangssperre. Alle Geschäfte, außer Lebensmittelläden und Apotheken, sind geschlossen. Ebenso natürlich Gaststätten, Hotels und sogar die Toiletten auf den Rastplätzen. Nur zu bestimmten Zwecken, wie Einkauf, Weg zur Arbeit oder Versorgung von älteren Angehörigen, darf man sich draußen aufhalten. Auch EU-Ausländer als Transitreisende in ihr Heimatland dürfen unterwegs sein. Entsprechend leer sind die Straßen, auf der Autobahn sehen wir nur einige wenige LKW, selten Pkw und natürlich Wohnmobile, die wie wir auf dem Heimweg sind. An den Autobahnabfahrten kontrolliert punktuell die Polizei. Es ist eine ganz merkwürdige, sehr deprimierende und surreale Stimmung. In Marokko gilt ab dem 20. März übrigens ebenfalls eine Ausgangssperre, nur 3 Tage nach unserer Ausreise wurden auch die Grenzübergänge Ceuta und Mellila geschlossen. Wir sind also noch gerade so rauß gekommen. Unsere drei Nächte in Spanien verbringen wir, stets gut versteckt in der Nähe der Autobahn, einmal auf einer Wiese hinter einem verfallenen Haus, das andere Mal an einem Feldweg neben einer verfallenen Synagoge. Da auch die Campingplätze geschlossen haben und wir wegen der Ausgangssperre nicht kreuz und quer durch die Gegend fahren wollen, ist die Auswahl an Stellplätzen ziemlich eingeschränkt und auf den vollen Rastplätzen der Autobahn mit den geschlossenen Toiletten wollen wir nicht übernachten.

Auf den Autobahnen fahren die Wohnmobile und Wohnwagengespanne inzwischen in Kolonne. Zum 26. März müssen alle Campingplätze in Spanien schließen. Auch die Hotels haben zu. Daher setzt eine große Rückreisewelle ein. Sogar Norweger, Finnen und Schweden sehen wir. Besonderes Pech hat, wer gerade erst im Süden angekommen ist und sogleich wieder umkehren darf.

Verdiente Pause in der Provence

Bei Barcelona wird das Wetter endlich wieder schön. Das Mittelmeer glitzert blau in der Sonne, die Luft duftet nach Orangenblüten. Da fällt es doppelt schwer, den Tag im Auto zu verbringen. Die Grenze nach Frankreich wird problemlos gequert, die Polizei winkt wie erwartet alle Wohnmobile und Wohnwagenfahrer durch. Auch in Frankreich herrscht gespenstische Leere – keine Menschenseele ist unterwegs, außer ein paar LKW und heimreisenden Urlaubern. Es ist absolut surreal, eine Endzeitstimmung wie in einem Science Fiction Film. Wie lange kann eine Gesellschaft diese Schockstarre sozial, wirtschaftlich und mental aushalten? Nach dem tagelangen Fahren und den Übernachtungen im Lärm der Autobahn sehnen wir uns nach Ruhe. Schon am frühen Nachmittag fahren wir hinauf in die einsamen Hügel hinter Nîmes und finden einen wunderbaren Stellplatz mitten im Nirgendwo. Kaffeetrinken, lesen, spazierengehen. Genau richtig für uns.

Gut erholt schaffen wir am nächsten Tag die restlichen 600 Kilometer bis Deutschland. Einige Tage bleiben wir im Schwarzwald. Der strahlendblaue Himmel verlockt zu schönen Wanderungen, auch wenn es mit nur 4 Grad am Tag und -6 Grad in der Nacht echt kalt ist, vor allem für wüstenverwöhnte Reisende. In der Gegend um den Feldberg liegt sogar noch richtig viel Schnee.

Von der Wüste in den Schnee
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2 Kommentare

  1. Schön, dass ihr wieder gut angekommen seid.
    Endlich bin ich mal dazu gekommen, in eurem Blog zu lesen. Ich wusste, dass ihr unterwegs seid und habe mich immer gefragt, ob ihr es problemlos und rechtzeitig in der Coronazeit zurück nach Deutschland geschafft habt. Es gab einige abenteuerlichen Zeitungsartikel über Wohnmobilisten und Camper in Marokko.
    Das war ein Erlebnis, das ihr nicht vergessen werdet – und wir werden die Zeit im Homeoffice auch nicht vergessen 😉
    Grüsse Volker

    1. Ich hoffe, Corona lässt bald mal wieder ein Treffen zu. Wir bereiten gerade unsere nächste Reise vor. Allerdings ist wegen Corona noch manches offen.

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