Von Asbyrgi in das Hochland Islands

Eine Woche sind wir nun schon in Island und haben uns mittlerweile mit dem rauen Wetter arrangiert. Noch nicht gewöhnt aber haben wir uns an das irre Preisniveau. Für ein paar Möhren, etwas Käse und Skyr, 6 Eier sowie 3 Rollen Kekse bezahle ich im winzigen Supermarkt in Kópasker stolze 24 Euro. Da geht man schon fast freiwillig auf Diät.

Dies führt unweigerlich zu der Frage, wovon wir uns während unserer Reise ernähren. Kulinarische Gaumenkitzel sind für uns unterwegs eher Nebensache, daher setzen wir, wie immer, auf Bewährtes, was gut haltbar und schnell zuzubereiten ist.  In diesem Fall Tee und unseren üblichen Haferporridge zum Frühstück, wegen der eingeschränkten Einkaufsmöglichkeiten jedoch nicht mit frischem, sondern mit Trockenobst. Mittags gibt es Schwarzbrot mit vegetarischen Aufstrich bzw. manchmal Käse für mich und abends Couscous mit Tomatenstücken aus der Dose. Weil wir die isländischen Preise kennen, wurde natürlich unser Sandfloh zu Hause randvoll mit Lebensmitteln gepackt. Wer nun jedoch meint, wir führten ein spartanisches Leben, der täuscht sich sehr. Immerhin sind, der Luxus einer Chemietoilette und, Gipfel der Dekadenz, eine elektrische Zahnbürste an Bord.


Unsere Route bis Mödradulur und ins Hochland

Asbyrgi, die Götterburg

Unser nächstes Ziel ist die hufeisenförmige, bis zu 100 Meter tiefe Schlucht Ásbyrgi, in deren Mitte der mächtige Felskeil Eyjan liegt. Der Legende nach soll die Schlucht durch den Hufabdruck von Odins achtbeinigem Pferd geschaffen worden sein. In Wirklichkeit war es jedoch die Jökulsá á Fjöllum, die vor Jahrtausenden über die Felswand der Ásbyrgi ins Meer stürzte und die Senke ausspülte. Heute hat sich die Mündung um viele Kilometer nördlich verlagert. Jökulsá heißt “Gletscherfluss“ und dieser hier transportiert vom 200 Kilometer entfernten Gletscher Vatnajökull täglich sagenhafte 20.000 Tonnen Gesteinsedimente ins Meer, wodurch eine weite Schwemmebene vor der Küste geschaffen wird. Diese Sander sind große Sandwüsten, die bei Gletscherläufen urplötzlich geflutet werden.
Asbyrgi – Burg der Götter

Die hohen Felswände, die Ásbyrgi schützend umgeben, schaffen ein besonders mildes Mikroklima, das Birken, Weiden und blühende Sträucher gedeihen lässt. Mehrere Meter hohe Bäume sind in Island eine echte Rarität. Besonders eindrucksvoll ist diese Oase in der rauen Tundra, wenn man aus der Steinwüste des Hochlands kommt. Südlich von Ásbyrgi  hat die Jökulsá in ihrem heutigen Bett einen bis zu 140 Meter tiefen Canyon von 25 Kilometern Länge und 500 Metern Breite in das Lavagestein gegraben. In dieser größten Schlucht Islands liegen die mächtigen Wasserfälle Selfoss, Dettifoss, Hafragilsfoss und Réttarfoss. Die ganze Region ist heute Nationalpark. Wir möchten  hier gerne einige Wanderungen unternehmen und hoffen, dass das Wetter dies zulässt.

Am 23.07, dem ersten Tag in Ásbyrgi, regnet es jedenfalls ausgiebig, so dass nur gegen Abend eine kleine Wanderung auf den großen Felsblock Eyjan, der wie eine Insel in der Schlucht liegt, möglich ist. Von dort oben haben wir einen sehr schönen Blick über die mit üppiger Vegetation gefüllte Schlucht und die wie mit einem Messer geschnittenen, senkrechten Felswände. Eine außergewöhnliche Landschaft. Kein Wunder, dass früher hier die “Burg der Götter“ vermutet wurde, denn genau das bedeutet der Name Ásbyrgi. Zum Übernachten fahren wir wieder, wie in der Nacht zuvor, ans Meer und finden dort eine sehr schöne Wildcampingstelle direkt am schwarzen Sandstrand. Es ist sehr schön, gemütlich im warmen Bus zu sitzen, den elegant segelnden Vögeln zuzuschauen und die Ruhe zu genießen. Die ganze Nacht über hat der Regen auf unser Dach geprasselt. Im Schlafsack ist es dann so richtig kuschelig, aber zum Wandern ist dieses Wetter bei Wind, Dauerregen und nur 5 Grad denkbar mies. Wir schlafen lange, frühstücken gemütlich und fahren dann wieder 25 Kilometer bis zum Besucherzentrum in Ásbyrgi, in der Hoffnung, dass der Regen irgendwann am Nachmittag nachlässt, wie vom Wetterbericht versprochen. Aber eine Wetterbesserung ist nicht in Sicht. Wir suchen nach Alternativen. Sollen wir noch 60 Kilometer weiterfahren zu einem Campingplatz mit heißen Quellen zum Baden? Oder zum Myvatn? Oder vielleicht doch besser direkt ins Hochland? Aber überall ist das Wetter zurzeit schlecht und und in den Bergen ist es noch mal wesentlich kälter. Und eigentlich wollten wir hier ja wandern und nicht tagelang auf der Suche nach besserem Wetter durch die Gegend fahren. Also beschließen wir, doch in Asbyrgi auf dem Campingplatz zu bleiben und den Regen auszusitzen. Zeit genug haben wir und es ist eigentlich eher eine Kopfsache sich in Geduld zu üben und an die Gegebenheiten anzupassen. Wie war das doch gleich: Flexibilität und eine Portion Gelassenheit braucht man, um trotz der Launen des isländischen Wetters glücklich zu werden. Und bei Kaffee, Keksen und einem Buch vergeht der Tag doch rasch. Die Heizung läuft auf Hochtouren, so haben wir es sehr gemütlich und Olaf kommt endlich dazu, seine Fotos und Videos am Laptop zu bearbeiten. Außerdem rollen abends etliche andere Camper auf den Platz und wir beobachten interessiert, wie aufwändig ein klappbarer, geländegängiger Wohnwagenanhänger montiert wird. Fernsehen live und in Farbe, direkt vor unserem Fenster.

Am Grand Canyon von Island

Canyon der Jökulsa a Fjöllum

Und das Warten hat sich gelohnt. Der nächste Tag ist zwar bewölkt, aber trocken und es ist mit ca. 10 Grad deutlich wärmer. Also nichts wie rein in die Wanderstiefel. Es geht in einer großen Rundtour entlang des Jökulsa-Canyons nach  Süden und am Rand der Ásbyrgi zurück. Vom Campingplatz wandern wir zunächst zur senkrechten Felswand der Ásbyrgi, die wir an dem Tófugjá genannten Einschnitt mit Stiegen und bei leichter Kletterei mit einem Sicherungsseil empor kraxeln. Oben befinden wir uns auf einem fast waagerechten Plateau. Durch einen richtigen kleinen Wald aus Krüppelbirken und Weiden wandern wir nach Osten und dann einige Kilometer nach Süden. Der Rundweg ist sehr gut markiert und nicht zu verfehlen. Gut, dass wir unsere Regenkleidung anhaben, denn die klatschnassen Gräser und Sträucher hängen über dem schmalen Pfad. Schließlich hört der Wald auf, wir laufen über weite Heideflächen und genießen bald ab dem Aussichtspunkt Kúahvammar herrliche Ausblicke auf die imposante Jökulsáschlucht. Fast senkrecht fallen die Felswände ab, 140 Meter unter uns strömt der graue Gletscherfluss. Ein sehr beeindruckendes Bild. Ca. 8 Kilometer geht es am Rand der Schlucht entlang, bis vor uns am Aussichtspunkt Kviar in einiger Entfernung die kupferroten und schwarzen Schotterhänge des Vulkans Rauðhólar auftauchen.

Von hier aus geht es nach Norden über die Heide und einige sumpfige, mit Bohlen belegte Stellen zum Aussichtspunkt Klappir an der westlichen senkrechten Steilwand des Plateaus. Der Blick von der hufeisenförmigen Klippeit auf den kleinen See Botnsjörn am Ende der Ásbyrgi, 100 Meter senkrecht  unter uns, ist beeindruckend. Entlang der Felskante laufen wir bis zum Einschnitt Tófugjá zurück, an dessen Felswand nun wieder mit Seil und Stiegen  hinunter geklettert wird. Hinauf war es angenehmer, für mich als nicht schwindelfreien Angsthasen eine kleine Mutprobe. Nach 6 Stunden sind wir pünktlich zum Tee und gleichzeitig mit  beginnenden Nieselregen wieder zu Hause.

Wie sollte es anders sein, nachts regnet es ausgiebig. Aber der nächste Tag bleibt trocken und die Wolken hängen nicht mehr ganz so tief. Doch wärmer als 7 Grad wird es nicht. Wir fahren entlang der teilweise nicht geteerten, aber guten Straße 862 ca. 12 Kilometer nach Süden. Am Wanderparkplatz Hijóðaklettar starten wir eine schöne, vierstündige Tour, die uns zunächst auf den farbenprächtigen Vulkan Rauðhólar führt, dessen Schotterflanken rot, orange und schwarz leuchten und von dem aus wir einen weiten Blick über die Schlucht genießen. Steil hinunter über Stufen und Schotter führt uns der gut gehbare Weg an einer gewaltigen Basaltmauer vorbei, dann geht es auf und ab durch fantastische Lavaformationen. Einzelne Felsen stehen frei wie Wehrtürme, andere bilden breite Blöcke oder Mauern, wieder andere stehen als mächtigen Zacken frei. Es ist, als würde man durch die Ruinen einer riesenhaften Burg laufen. Die Basaltsäulen bilden oft rosettenförmige Muster, die durch die Abkühlung der Lava entstanden. Gasblasen in der Lava schufen glatte, kugelförmige Ausbuchtungen. Beeindruckend ist auch die große Lavahöhle Kirkja. Ein Abstecher nach Süden bringt uns entlang der Jökulsá zu den zwei großen, freistehenden Felssäulen Karl og Kerling, die wie Wachtürme  am Ufer des Flusses stehen. Direkt dahinter schäumt die graue Jökulsá an den Felswänden. Es eine surreale Landschaft, wie die Filmkulisse für einen Tolkien-Roman. Wenn eine Horde Orks um die Ecke gerannt käme,  wir würden uns nicht wundern. Doch unbehelligt von solch düsteren Gestalten erreichen wir wieder unseren Bus und beim Nachmittagskaffee kommt sogar für eine Weile die Sonne heraus.

Vulkan Rauðhólar
Lavahöhle Kirka
In der Hijóðaklettar

Von den großen Wasserfällen der Jökulsá á Fjöllum nach Mödrudalur

Die Nacht verbringen wir auf einem Aussichts-Parkplatz am Südrand des Nationalparks. Im Nationalpark ist wild-campieren verboten und der Campingplatz Vestadalur bei Hijóðaklettar ist wegen Straßenbauarbeiten nicht zugänglich. Schon am Morgen klart es immer mehr auf und es wird ein richtig sonniger Tag mit blauem Himmel und einigen Wolken. Nass werden wir trotzdem, denn beim Besuch des Dettifoss hüllt uns die aufsteigende Gischt ein, als ob wir unter einer Dusche stehen würden. Schon aus einiger Entfernung hören wir  das Brausen der Wassermassen und sehen Wolken aus der Schlucht aufsteigen. Direkt an der Abbruchkante wird uns die Gewalt des Naturschauspiels unmittelbar bewusst. Donnernd stürzen auf einer Breite von 100 Metern sagenhafte 200 Kubikmeter Wasser pro Sekunde 44 Meter in die Tiefe. Fasziniert schauen wir auf die schlammig-grauen Wassermassen, die in dem brodelnden Abgrund verschwinden. Die Sonne zaubert einen Regenbogen in die Gischt. Nicht umsonst ist der Dettifoss, immerhin der größte Wasserfall Europas, eine der Hauptattraktionen Islands. Umso angenehmer ist es, dass die befürchteten Touristenmassen von Kreuzfahrschiffen und Busrundreisen ausbleiben. So hat die Corona-Pandemie wenigsten etwas Gutes.

Dettifoss – Europas größter Wasserfall
Selfoss Der Canyon nördlich des Hafragilsfoss
Nur einen Kilometer flussaufwärts präsentiert sich der weniger beachtete Selfoss als mindestens ebenso sehenswert. Er ist zwar nur 13 Meter hoch und damit nicht so spektakulär, aber deutlich breiter als der Dettifoss. Von allen Seiten stürzt das Wasser in die V-förmige Schlucht. Der 27 Meter tiefe Hafragilsfoss liegt etwas abseits unterhalb des Dettifoss über eine zwei Kilometer lange Piste erreichbar. Hierher kommen nur ganz wenige Touristen, die ja meistens wenig Zeit haben. Dabei hat man vom Aussichtspunkt am Parkplatz einen besonders schönen Blick auf den Wasserfall und die hohen Felswände des Canyons im Norden.

Den ganzen Vormittag verbringen wir bei den Wasserfällen und wandern ca. eine Stunde am Rand der Schlucht entlang. Im Gegensatz zum grünen Ásbyrgi wächst hier fast nichts. Wir klettern über nackte Lavafelsen und durch schwarzen Sand.

Ein wahrer Genuss ist die weitere Fahrt über die Straße 862 sowie entlang der Ringstraße 1 durch herrliche Lavafelder und weite Gebirgstäler in Richtung Süden. Die Sonne lässt die Heide- und Moosflächen in allen erdenklichen Grüntönen leuchten, ein herrlicher Kontrast zu den schwarzen Vulkanbergen. Die Jökulsá á Fjöllum windet sich nun als breiter, flacher Strom in weiten Bögen durch das Tal. Schließlich biegen wir auf die nicht geteerte Straße 901 ab, die uns nach 8 Kilometern zur Farm Mödrodalur bringt. Der Bauernhof liegt auf über 400 Metern Höhe und ist damit der höchstgelegene in Island. Außer dem Farmhaus und einer kleinen Kirche gibt es als traditionelle Torfhäuser gebaute Unterkünfte, ein Restaurant und die wahrscheinlich niedlichste Tankstelle Islands, die ebenfalls als Torfhaus errichtet wurde. Wir bleiben auf dem  wunderbar gelegenen Campingplatz, auch hier sind Toilette und Küche in Torfhäusern eingerichtet.
Die Farm Mödrudalur
WC im Torfhaus – fast wie bei Hobbits


Tankstelle in Mödrudalur, einfach süß.
Holz war früher Mangelware und so wurden die Wohn-und Stallgebäude von drei Seiten in einem Grashügel oder Torfwall gegraben und die Wände von innen mit großen Steinen ausgekleidet. Nur die windabgewandte Eingangsfront ist aus Holz und hat kleine Fenster. Das grasbewachsene Dach ist ebenfalls Teil des Erdhügels. Durch diese Konstruktion spart man Holz und erhält gleichzeitig guten Wind- und Kälteschutz. Die Häuser erinnern ein wenig an Hobbithöhlen, auch wenn das Leben in den feucht-kalten Wänden und mit dem gestampften Lehmboden sehr viel weniger behaglich gewesen sein dürfte. Vom Campingplatz genießen wir den weiten Blick über das grüne Tal bis zum Tafelberg Herðubreið. Der Gipfel des 1682 Meter hohen Bilderbuchvulkans ist auch im Sommer von einer weißen Schneekappe bedeckt. Im hellen Sonnenlicht ist die kleine Ansiedlung eine wahre Idylle. Leider ziehen  am Abend wieder dichte Wolken auf und es regnet mal wieder.

Über Pisten zu den Vulkanen Askja und Herðubreið

Noch am nächsten Tag ist es ungemütlich, wir schlafen bis 9:00 Uhr. Doch dann steigt die Wolkendecke rasch höher und am späten Nachmittag brechen wir zu unserer ersten Pistentour ins Hochland auf.

Es geht auf der auch für Pkw gut fahrbaren Piste 901 mit viel Wellblechrillen über zwei Pässe mit 10 bzw. 12% Steigung in die Berge des Miklafells. Dann biegen wir auf die nach Süden führende Piste F907 ab. Auch sie hat keine Furten und ist für Pkw fahrbar. Das Wetter wird immer besser, die Sonne kommt heraus und es wird mit ca. 10 Grad richtig warm. Auf der F910 und der 910 (nur eine einfache, Pkw-taugliche Furt) erreichen wir den Stausee Halslön, der Energie für ein Aluminiumwerk liefert. Das umstrittene Stauseeprojekt in der herrlichen Schlucht der Jökulsá á Brú wurde jahrelang von Umweltschützern bekämpft, aber im Zuge der Finanzkrise 2008 dann doch realisiert, um mit dem Aluwerk Arbeitsplätze und Exporterlöse zu gewinnen.

Auf dem Weg ins Hochland

Hinter der Staumauer ruckeln und holpern wir über eine namenlose Piste (auch mit 2 WD und 20 cm Bodenfreiheit machbar) durch eine eintönige Steinwüste, die uns sehr an die Hamadas in der Sahara erinnert. Dann erreichen wir endlich wieder die F910. Der große Umweg diente dazu, zwei tiefere Furten auf der F910 zu umgehen. Dann geht es bei strahlendem Sonnenschein bis zum bekannten Vulkan Askja. Eine großartig, wilde Landschaft mit schwarzen, bizarr geformten Lavafeldern und hellen Aschewüsten. In der Ferne glänzen die Eisfelder des Vatnajökull im Licht der tiefstehenden Sonne. Die Fahrt zieht sich, denn die Strecke ist kurvenreich und steinig. Über Brücken queren wir die wilden Gletscherflüsse Jökulsá á Fjöllum und Kreppa. Nun sind wir im Nationalpark Vatnajökull. Besonders begeistern uns die noch sehr jungen Lavafelder. Der letzte Vulkanausbruch liegt erst 5 Jahre zurück. Die Eruption des Bárðarbunga 2014/15 war die größte in Island seit 230 Jahren und bedeckte eine Fläche von 85  Quadratkilometer mit einer 10-14 Meter hohen Lavaschicht.

Am Abend erreichen wir gegen 19:30 Uhr die Berghütten Dreki am Fuß des Dyngjafjöll. Es gibt eine Station der Nationalparkranger, der isländische Wanderverein betreibt mehrere Hütten und einen Campingplatz. Auf der Schotterfläche stehen schon viele Zelte und Autos. Neben den üblichen Geländewagen und einigen Expeditionsfahrzeugen sind auch erstaunlich viele höhergelegte Pkw und VW-Busse dabei. Das macht uns Mut für den Rückweg, denn die müssen ja auch irgendwie über die tieferen Furten auf der F910 gekommen sein. Erstmals ist es so warm, dass wir vor dem Bus zu Abend essen können.
Seen In der Caldera der Askja

Auch das Frühstück genießen wir in der Sonne. Dann geht es über eine 8 Kilometer lange Piste hinauf zum Krater des Vulkans Askja. Nach 2.5 Kilometern Fußweg über schwarzen Lavasand und ein Schneefeld ist dann die riesige Caldera erreicht. Am Grund des Kraters gibt es einen 220 Meter tiefen, dunkelblauen See, in dessen Wasser sich die schneebedeckten, schwarzen Berge spiegeln. Direkt daneben liegt ein kleiner Kratersee mit milchig-weißem Wasser, das durch den sehr aktiven Vulkan auf Badetemperatur gewärmt wird. An den Rändern des Kraters steigen Schwefeldämpfe auf. Die sonst so frische isländische Luft riecht nach faulen Eiern.

Wanderung mit Rucksack und Zelt durch die Lavawüste

Start zur Wanderung durch den Ödaharaun

Das großartige Hochlandwetter mit sagenhaften 18 Grad lockt natürlich zum Wandern. Ich starte mittags zu einer Zweitagestour, die über 40 Kilometer von den Drekihütten zu den Hütten bei Herdubreidarlindir führt, wo Olaf mich erwarten wird. Unterwegs werde ich im Zelt vor der Braeðrafell-Hütte schlafen. Im Nationalpark ist das Wildzelten nicht erlaubt. Die Route ist mit Holzpflöcken markiert, außerdem habe ich den GPS-Track auf dem Handy dabei. Nachdem ich mich bei den Rangern habe registrieren lassen, fährt Olaf mich zum Startpunkt und los geht es zunächst über ein weites Aschefeld. In dem Boden ist keine Spur und schon gar nicht ein Pfad zu erkennen. Die Markierungspflöcke stehen so weit entfernt, dass ich kurzsichtiges Blindhuhn sie selbst bei optimaler Sicht kaum ausmachen kann. Mir kommen leise Bedenken, ob diese Solotour wirklich eine gute Idee war. Doch danach wird das Gelände einfacher, ich kann gut einzelnen Fußspuren und den Pflöcken folgen. Einen Wanderpfad, wie wir ihn kennen, gibt es aber nicht und ich muss mich auf meinen Orientierungssinn und das GPS verlassen. Die Route führt mich durch eine richtige Wüste. In das riesengroße Lavagebiet Ödrahraun, die „Sahara Islands“, wurden früher die Geächteten verbannt.

Herdubreid begleitet mich auf der ganzen Wanderung
Kuhfladen-Lava

Es geht parallel zu einem Bergrücken über weite Ascheebenen und Lavafelder unterschiedlichen Alters. Immer im Blickfeld ist in der Mitte der Ebene die mächtige Herdubreid, deren Schotterhänge sich fast senkrecht erheben und auf deren Gipfel der Göttervater Odin leben soll. Insgesamt lässt es sich gut laufen. Schwierig wird es nur dann, wenn es durch junge Lavafelder im Zick-Zack durch ein enges Labyrinth schwarzer, wild gezackter Wände geht, die oft mehrere Meter hoch sind und die Sicht versperren. Selbst bei hellem Sonnenschein ist das eine beklemmende, unheimliche Gegend. Wie furchterregend muss das erst in Regen und Nebel sein? Man braucht keine Phantasie, um in den bizarren Gesteinsformen die merkwürdigsten Gestalten zu erkennen. Kein Wunder, dass hier Trolle und andere Fabelwesen zu Hause sind. 

Markierung der Route im Lavafeld
Mühsamer „Wanderweg“ durch die Lava
Auch in der Lavawüste gibt es Blumen

Nach sechs Stunden erreiche ich gegen 18:00 Uhr die Hütte. Sie ist verschlossen, es sind keine anderen Wanderer da. Im Windschutz hinter dem Haus wird das Zelt aufgebaut. In dem felsigen Boden halten die Häringe nicht, ich muss große Lavabrocken darauf legen. Trinken gibt es nur aus  Plastikkanistern hinter der Hütte, in denen Regenwasser gesammelt wird. Der Niederschlag versickert sofort im Boden. Während des ganzen Tages bin ich außer zwei Vögel keinem Lebewesen begegnet. Ich empfinde diese absolute Einsamkeit jedoch nicht als beängstigend. Zufrieden und dankbar für den herrlichen Tag sitze ich noch zwei Stunden in der Abendsonne mit Blick auf Herdubreid und den fernen Gletscher des Kverkföll. Am meisten beeindruckt  aber die absolute Stille. Es gibt wirklich kein einziges Geräusch. Sehr deutlich wird mir bewusst, wie klein und unbedeutend der Mensch in dieser großen, wilden und auch schonungslosen Natur ist.

Das erste Tagesziel – die Braeðrafell-Hütte
Zeltplatz in der Einsamkeit

Sehr früh morgens, gegen 3:00 Uhr, weckt mich das knatternde Zelt. Der Wind hat gedreht und kommt nun quer. Zwei Stunden hält es mich noch im Schlafsack, um 6:00 Uhr marschiere ich los. Das Wetter ist noch besser als gestern. Laut meinem Handy sollte sich die Route kurz hinter der Hütte verzweigen und ich müßte auf der nach Norden führenden Route noch ein Stück parallel zu einem anderen Weg gehen, um dann zur Nordflanke der Herdubreid und weiter nach Herdubreidarlindir zu kommen. Die andere Route geradeaus führt auf den Gipfel der Herdubreid. Die Realität sieht aber anders aus als der GPS-Track. Nach Norden sind weder Markierung noch Fußspuren zu finden. Ich folge trotzdem dem GPS-Track, doch nach einer halben Stunde tauchen noch immer keine Pflöcke auf. Was tun? Nur dem virtuellem Track nachlaufen, erscheint mir risikoreich. Zurück gehen zur Hütte und der sehr gut markierten, augenscheinlich oft begangenen Route in Richtung Herdubreidgipfel folgen? Oder im äußersten Notfall den gestrigen Weg wieder zurückgehen? Aber das wäre gegen meine Wandererehre. Ich schalte mein Hirn ein und versuche es mit Logik. Eigentlich wäre es ja unsinnig, zwei weitgehend parallel laufende Routen zu markieren und vielleicht teilt sich ja der Weg erst am Fuß des Berges. Und die zahlreichen anderen Wanderer, deren Spuren ich sehe, werden doch nicht alle auf den als schwierig geltenden Bergsteigergipfel der Herdubreid gestiegen sein. Das ist die bessere Option. Also stehe ich um 7:00 Uhr wieder an der Hütte und laufe über Lavafelder strikt auf den mächtigen Bergklotz zu. Nervöses Bauchkribbeln begleitet mich die nächsten anstrengenden zwei Stunden. Und wirklich – endlich taucht ein Wegweiser auf und ich stehe vor der erhofften Wegverzweigung am Fuß des Steilhangs. Große Erleichterung und ein wenig Stolz auf meinen Instinkt, dann geht es zügig weiter. Ein toller Weg entlang des Berges durch die Einsamkeit der Wüste, wieder treffe ich niemanden. Ich höre nur den Wind hoch oben um den Berggipfel säuseln – oder flüstert da Odin mir zu? Die letzten zwei Stunden sind noch mal sehr anstregend durch ein Lavalabyrinth, dann ist nach 20 Kilometern und 6 Stunden die Oase Heidubreidarlindir mit ihren grünen Wiesen und Bachläufen erreicht – und Olaf erwartet mich schon mit Kaffee und Keksen am Bus. Es war eine tolle Tour und eine großartige Erfahrung. 

Wanderung nach Herdubreidlindir – fast am Ziel

Feuer und Eis – Zum Gletscher-Vulkan Kverkfjöll

Und schon geht es weiter über 100 Kilometer auf den Wellblechpisten F88, F910 und F902 zum Vulkan Kverkfjöll, der unter einer dicken Eisschicht liegt. Bei Herdubreidarlindir gibt es drei Furten von etwa 30 Zentimetern Tiefe, die Pisten sind gut zu fahren, aber kurvig und mit einigen steilen Kuppen. Auf den geraden Stücken gibt Olaf ordentlich Gas, wir fliegen mit 60 bis 70 Sachen über das Wellblech und hinterlassen große Staubwolken. Die Piste zum

Kverkfjöll ist für nicht hochgelegte 2WD-Fahrzeuge wegen sandiger Passagen und tiefer Rinnen kaum fahrbar.
Doch der Weg lohnt sich. Der gigantische Eispanzer des Vatnajökull und der zerklüftete Gipfel des vergletscherten Vulkans Kverkfjöll, aus dessen Flanken Schwefeldämpfe steigen, leuchten blendend weiß vor den schwarzen Lavafeldern und Vulkanen.

Hütte am Kverkfjöll

Ein wirklich surreal schönes Bild – eine Landschaft, wie es sie auf der Welt wohl kein zweites Mal gibt. Das vielzitierte Klischee von Island als „Insel aus Feuer und Eis“ ist hier Realität und wunderschön. Für den Rückweg fahren wir von der F910 auf die F905 und wagen uns damit an die beiden tiefen Furten, die wir auf dem Hinweg ins Hochland umfahren haben. Die erste ist zwar breit, aber eher harmlos und ca. 30 Zentimeter tief. Die zweite ist sehr breit, 10 Zentimeter tiefer und mit mehr Strömung, aber auch sie wird mit äußerster Vorsicht und Olafs Fahrkünsten gut passiert. Offiziell liegt nach Werkangaben die maximale Wattiefe unseres Sandflohs bei 30 Zentimetern. Also für uns grenzwertig, für normale VW-Busse nicht machbar? Wie sind  die ohne Schäden hier durchgekommen?

Am späten Abend erreichen wir wieder den Campingplatz von Mödrudalur. Der nächste Tag bringt Regen und ist damit genau richtig für eine Verschnaufpause, denn hier gibt es ein gemütliches Café mit gutem Kuchen.

Olaf prüft die Wassertiefe – und dann mit Mut durch die Furt
Zurück vom Hochland in Mödrudalur
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