Abschiedstournee durchs Hochland

Unweigerlich geht unsere Reise nun ihrem Ende entgegen. Fast 7.000 Kilometer haben wir auf Islands Straßen zurück gelegt und festgestellt: Die schönsten Plätze findet man abseits der Ringstraße –  auf den Schotterpisten, in den abgelegenen Fjorden und vor allem beim Wandern. Zum Abschied wollen wir nun noch einmal hinauf ins Hochland, das uns besonders fasziniert hat.

Unsere Tour durch Island

Winterwanderung am Laugarfell

Am 25.09. geht es zunächst wieder nach Djupivogur und dann über den Öxipass ins Landesinnere. Den ungeteerten Öxi sind wir schon einmal mit dem Rad gefahren, allerdings in umgekehrter Richtung. Ansonsten wären die knackigen 17% Steigung, die es bergauf vom Meer geht, echt hart gewesen. Auf der Passhöhe landen wir sofort im Winter mit gefrorenen Bächen und Schneewehen. Wunderschön ist dann die Fahrt durch das sonnendurchflutete Tal der Grimsa. Die bis 1200 Meter hohen Berge tragen schon ihr weißes Winterkleid, aber im Tal leuchten die goldenen Laubbäume und an den Hängen glüht die Fjällheide im allerschönsten Gelb, Rot und Orange. Darüber leuchtet ein frostklarer blauer Himmel. Indian Summer in Island – ein Traum.

Auf dem Öxipass
Indian Summer im Tal der Grimsa
Der Vulkan Snaefell mit einem Hauch von Winter

Vorüber am See Lagarfljöt, in dem der Sage nach, ähnlich wie im schottischen Loch Ness,  ein Seeungeheuer leben soll, fahren wir dann hinauf ins Hochland. Über die für den Staudamm Kárahnjúkar errichtete Asphaltstraße ist es sehr leicht zu erreichen. Ab 500 Meter Höhe präsentiert sich die vegetationslose Landschaft schon mit einem Hauch von Winter. Pudriger Schnee überzuckert die weite Fläche, die zugefrorenen Seen glänzen in der Sonne. Mittags klettert das Quecksilber nicht über -1 Grad. Am Horizont erstreckt sich die Eiskappe des Vatnajökull, vor uns thronen die vergletscherten Gipfel des Vulkans Snaefell.  Der kurze Herbst ist vorbei, bald ist das strahlende Weiß für die nächsten acht Monate die dominierende Farbe. Es ist toll, den Wechsel der Jahreszeiten miterleben zu können.

Berghostel Laugafell
Wasserfälle der Jökulsá i Fljótsdal

Unser Ziel ist das bereits zum Saisonende geschlossene Berghostel Laugarfell, von dort machen wir eine schöne Wanderung über die verschneite Fjällheide zu den Wasserfällen der Laugará und der Jökulsá i Fljótsdal. Immer wieder bieten sich beeindruckende Blicke auf die Schlucht der Jökulsá und Snaefell. Leider sind die Wasserfälle wegen des momentan sehr niedrigen Wasserstands nicht so eindrucksvoll wie gewohnt. Die Jökulsa ist außerdem Teil des Kárahnjúkar-Staudammprojekts und hat dadurch an Wasserkraft stark verloiren. Dennoch ist es eine sehr schöne Tour und die Bewegung in der klaren, kalten Luft tut gut. Abends parken wir unser rollendes Heim in der Nähe des Hostels.

Großes Bullitreffen

Am nächsten Morgen fahren wir weiter in die Berge. Nun hängt alles in den Wolken, die aber der Landschaft eine besondere Dramatik verleihen. Der Schnee zaubert wahre grafische Kunstwerke auf die schwarzen Berge.

Der Kárahnjúkar-Staudamm, von dem wir schon so viel im Zusammenhang mit den umstrittenen Aluwerken gelesen haben, ist dann für uns wirklich ein Schock. Eine der großartigsten Schlucht Islands, der 50 Kilometer lange und bis zu 200 Meter tiefe und wie eine schmale, gigantische Erdspalte wirkende Kárahnjúkar-Canyon, wird durch den Damm zerschnitten. Der Boden des Canyons ist fast trocken, der Gletscherfluss Jökulsá a Dal existiert kaum mehr. Schon allein dieser Anblick tut weh, von den dramatischen ökologischen Folgen einmal abgesehen. Mittlerweile wird sogar von staatlicher Seite bestätigt, dass das Projekt auch finanziell nicht rentabel ist. Der Stausee ist durch das sedimenthaltige Wasser bereits stark versandet. Doch der entstandene Schaden ist nicht reparabel und in den Westfjorden würden manche Leute gerne noch einen weiteren Staudamm errichten. Lernt der Mensch eigentlich nie etwas aus seinen Fehlern?

Winteranfang im Hochland
Kaligraphie in XXL
Snaefell

Eigentlich wollten wir von hier aus über die Piste 923 zur Straße 901 und weiter nach Mödrudalur fahren. Doch nach kurzer Strecke kehren wir um. Zu tief sind die Schneeverwehungen. Wir möchten nicht stecken bleiben, denn im Hochland ist nun kaum mehr ein Fahrzeug unterwegs, dass uns herausziehen könnte. Also geht es den ganzen Weg zurück und über Egilsstadir auf der Ringstraße 1 nach Norden, bis wir auf die 901 stoßen. Hier ist alles schneefrei. Bei einem Zwischenstop treffen wir uns auf einen Kaffee und einen gemütlichen Plausch mit unseren Bulli-Reisenden aus Rosenheim. Und in Mödradalur warten schon unsere Madelon und Paul auf uns. Es ist sehr schön, immer wieder Freunden zu begegnen, die unsere Reiseleidenschaft teilen.

Am folgenden Tag wandern wir vom Bauernhof Mödrudalur zu viert querfeldein über die weiten, moorigen Wiesen. Unser Ziel ist ein ca. 50 Meter hoher Minihügel mit interessanten Lavaformationen. Um nicht vom starken Wind umgepustet zu werden, krabbeln wir auf allen Vieren den rutschigen Steilhang hoch und haben viel Spaß dabei. Doch beim Abstieg wird meine Mütze ein Opfer des Sturms. Sie fliegt in hohem Bogen davon und ward nicht mehr gesehen. Nachts gibt es wunderbares Nordlicht, dass wir aber blöderweise verschlafen, weil der Abend noch völlig bewölkt war. Aber eine Chance haben wir ja noch.

Torfhof Saenautasel, Hobbiton in Island

Mit Paul und Madelon fahren wir anderntags wieder über die Pisten 901 und 923. Einen Zwischenstopp gibt es am Torfhof Saenautasel. Bis 1946 wurde der Hof bewirtschaftet, jetzt ist es ein Museum, direkt daneben gibt es einen wunderbar gelegenen Campingplatz . Auch wenn es idyllisch wie eine Hobbithöhle aussieht, das Leben gemeinsam mit dem Vieh in den düsteren, feuchtkalten Erdhäusern, die nur winzige Fenster und einen Fußboden aus Lehm haben, muss sehr hart gewesen sein. An der Kárahnjúkar-Schlucht wandern wir zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man in den wirklich unheimlichen Abgrund sehen kann. Wir kommen uns winzig klein angesichts der ungeheuren Dimensionen vor. Senkrecht gehen die 200 Meter hohen Felswände hinunter in den schmalen Canyon – es wirkt wie das Eingangstor nach Mordor. Wahnsinnig beeindruckend, schön und schaurig zugleich.

Gigantisch – die Kárahnjúkar-Schlucht

Nordlicht-Gala

Zwischen der Staumauer und Snaefell parken wir unsere beiden Bullis auf einer Schotterfläche an der Straße. Ein grandioser Sonnenuntergang, der die verschneiten Berge von Snaefell rosa erleuchtet, läßt auf eine gute Nordlichtnacht hoffen. Die Aurora-Vorhersage der hervorragenden isländischen Wetter-App verkündet Stufe 6, hohe Sonnenwindaktivität. Und wir werden nicht enttäuscht.

Schon um 20.30 Uhr beginnt die große Show. Bei wirklich arktischen Temperaturen und in sechs Lagen Kleidung eingepackt stehen wir mitten im einsamen Hochland, starren mit offenem Mund auf den Himmel und können nicht fassen, was für ein unglaubliches Schauspiel uns die Natur schenkt. Grüne und rötliche Schleier und Spiralen tanzen durch die Nacht, verändern ständig ihre Form und scheinen über den Himmel zu fliegen. Mal leuchtet es strahlend hell, dann erlischt es ganz, nur um wieder an anderer Stelle aufzuglühen. Manchmal ist der ganze Himmel mit Nordlichtern überzogen, so dass wir gar nicht wissen, wohin wir zuerst schauen sollen, um nur nichts zu verpassen. Zwei Stunden dauert der lautlose Tanz der Lichter. In dieser Zeit schießt Olaf 136 Bilder, ein wahrer Fotorausch. Im Bus tauen wir wieder langsam wieder auf. Wie sehr hatte ich mir gewünscht einmal im Leben Nordlichter zu sehen. Noch beim Einschlafen habe ich die geisterhaften Bilder vor Augen und bin einfach nur dankbar.

Island hat uns vor 10 Wochen mit einem Regenbogen bei der Einfahrt in den Seydisfjödur empfangen, nun verabschiedet es sich mit dieser unvergesslichen Nordlicht-Gala. Ein wunderbares Geschenk, das wir nie vergessen werden.

 

Der Kreis schließt sich

Auf der Rückfahrt treffen wir anderntags am Berghostel Laugarfell auf zwei Hüttenwarte des isländischen Wandervereins, die dabei sind alles winterfest zu machen. Wir kommen ins Gespräch und wie so oft lernen wir wieder einmal sehr interessante Leute kennen. Denn außer dem Sommerjob hier im Hochland führen die beiden in Reykjavik zusammen mit der Universität internationale Workshops für kreatives Gestalten und Gesang durch und bauen ein Kunstmuseum auf. Wir sind immer wieder verblüfft, wie unkonventionell, flexibel und vielseitig viele Isländer leben. Wahrscheinlich ist das gar nicht anders möglich in einem Lebensraum, der sich ständig und unberechenbar durch Wetter und Naturkräfte radikal verändert. 

Letzte Station: Seydisfjödur

Dann fahren wir hinunter nach Egilsstadir und über den in Wolken hängenden Pass zur Küste nach Seydisfjödur. Noch eine letzte Nacht und einen Tag in Island. Am Abend des 30.09. geht es auf die Fähre nach Dänemark. Dauerregen und Kälte machen den Abschied leichter. Die Natur zeigt uns, dass Sommer und Herbst vorbei sind und der Winter vor der Tür steht. Wir verstehen – es ist Zeit nach Hause zu fahren.

Was wir mitnehmen sind die Bilder einer einzigartigen, unfassbar schönen und dramatischen Natur, die sich ständig wandelt und doch zeitlos erscheint. Für uns ist Island einer der faszinierendsten Ort der Welt.

 

 

 

 

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