E4 über den Peloponnes in Griechenland, von Vresthina bis Gythio

 

Seit einer Woche sind wir nun auf dem E4 unterwegs und haben längst unseren Laufrhythmus gefunden. Auch Beine und Füße haben sich an die ungewohnte Zumutung angepasst, täglich ihrer eigentlichen Bestimmung nachzukommen.

Unser Tagesablauf richtet sich nach der Sonne. Jeden Tag klingelt im Morgengrauen um 7.15 Uhr der Wecker. Eine halbe Stunde später marschieren wir los und zwischen 9 und 9.30 Uhr gibt es Frühstück am Wegrand, Wasser mit Müsli – einfach und sättigend. Bis abends wird dann munter gelaufen, natürlich mit mehr oder weniger Pausen zwischendurch. Zwischen 18.00 und 18.30 Uhr wird das Zelt aufgebaut. Manchmal wird es auch später und wir müssen uns beeilen, denn um 19.00 Uhr ist es schon dunkel. Danach gibt’s Abendessen, kalter Instant-Kartoffelbrei. Mäßig lecker, aber praktisch, denn so brauchen wir keinen Kocher. Und gegen 20.00 Uhr schlafen wir meist schon tief und fest. Zwischendurch sehen wir eine uralte Kulturlandschaft und großartige Bergwelt, begegnen freundlichen Menschen und genießen den Spätsommer. Außerdem ist jeder Tag voller Überraschungen. Was für ein herrliches Leben, wir sind dankbar dafür und genießen jede Minute.

 

8. Etappe von Vresthina bis Anavryti, 12 Kilometer (24.10.20)

Frühstück mit friedlichen Hunden auf dem Dorfplatz von Vresthina

Der heutige Samstag wird ein ungeplanter Ruhetag. Obwohl unsere wunderbare Zeltstelle unter Esskastanienbäumen im Flusstal unterhalb von Vresthina auch bei Wildschweinen beliebt ist, haben wir friedlich geschlafen und stehen nach einer halben Stunde Fußmarsch bereits um 8.30 Uhr leicht fröstelnd auf dem großen Dorfplatz von Vresthina. Nachts ist es in den Bergen mit ca. 5 bis 8 Grad schon ziemlich kühl, auch wenn tagsüber locker 20 bis 25 Grad erreicht werden. Leider hat die Taverne noch zu, zum Frühstück gibt’s also nur kalten Instantkaffee und unser übliches Wassermüsli.

Unser Wanderführer rät sehr eindringlich dazu, die nächsten 9 Kilometer auf der Asphaltstraße zu gehen, anstatt im Tal entlang des Wanderweges zu laufen. Grund sind sieben aggressive Hunde, die dort seit diesem Frühjahr unbeaufsichtigt eine Schafsherde bewachen. Wie wir später erfahren, hat das Rudel schon einmal zwei Wanderer eingekreist, die sich auf einen Baum retten  konnten und dort mehrere Stunden ausharren mussten. Das wollen wir uns nicht antun. Mit einem Hund würden wir es schon aufnehmen, aber gleich sieben auf einen Streich?  

Nach der Teerstraße stehen noch 9 Kilometer Schotterstraße bis Theologos an. Von dort sollte man per Taxi über Sparta nach Mystras fahren, um weitere 15 Kilometer auf Hauptstraßen zu umgehen oder aber direkt ab Vresthina ein Taxi nehmen.

Achtung – Wildschwein kreuzt Straße

Es gefällt uns überhaupt nicht so weite Strecken motorisiert zurück zu legen. Schließlich sind wir zum Wandern hier. Doch bereits gestern sind wir nur auf Straßen gelaufen und nun noch einmal 4,5 Stunden darauf entlang zu tippeln und dann schließlich doch mit dem Auto weiterzufahren, ist auch irgendwie blöd. Also beschließen wir, von Vresthina per Taxi nach Mystras zu fahren. Unsere Hoffnung, dass wir per Anhalter ggf. bis Sparta mitgenommen zu werden, erfüllt sich nicht. So früh am Samstagmorgen ist noch niemand unterwegs, mit Ausnahme etlicher Männer, die zur Wildschweinjagd fahren. 

Per Handy ordern wir ein Fahrzeug aus Sparta und nach einer halben Stunde Wartezeit ist der Taxifahrer da. Nach 40 weiteren Minuten stehen wir schon auf dem idyllischen Dorfplatz von Mystras. Die Fahrt hat übrigens 35 Euro gekostet.

Mystras ist ein sehr schöner Ort und beliebtes Ausflugsziel. Hoch oben über den urigen Bruchsteinhäusern thront wie ein Adlerhorst auf einem Felsen die 800 Jahre alte Ruinenstadt einer byzantinischen Festung. Dahinter geht es sehr steil hinauf in das felsige Taygetosgebirge, dessen über 2400 Meter hohe Gipfel die höchsten Erhebungen des Peloponnes sind.

In einem Mini-Supermarkt kaufen wir neuen Proviant ein. Das Kartoffelbreipulver ist zwar sechs Monate hinter dem Haltbarkeitsdatum, aber trotz Protest des Ladeninhabers nehmen wir es, weil wir ja abends irgendwas essen müssen, und bekommen die Packung schließlich geschenkt.

Von Mystras geht es wieder in die Berge
Durch die Schlucht hinter Mystras führt der Wanderweg über eine Wasserleitung

Mit spürbar schwereren Rucksäcken machen wir uns auf den Weg. Anstelle des E4 folgen wir, entsprechend dem guten Rat des Wanderführers, einem wunderschönen Pfad hoch durch eine dramatische Felsenschlucht. Der Weg führt über eine alte Wasserleitung und ist teilweise direkt in die Felsen geschlagen. In dieser wilden Gegend sollen die Spartaner in der Antike schwache Säuglinge und Kinder, Kranke sowie Greise ausgesetzt haben. Grausame Sitten, die dazu dienten, die Macht des Militärstaates zu erhalten. Nach einer Dreiviertelstunde treffen wir wieder auf den E4, der uns stetig aufwärts führend in weiteren 2,5 Stunden nach Anavryti bringt.

Anavyrti – hoch über der Ebene von Sparta

Eigentlich wollten wir noch weiter hoch in die Berge laufen. Doch nachdem wir die Höhenlinien auf der Karte näher studiert und die Vegetation an den Hängen betrachtet haben, zweifeln wir dort einen guten Zeltplatz zu finden und beschließen, heute hier zu übernachten und die nur 12 Kilometer lange Etappe kurzerhand zum Ruhetag zu deklarieren.

In Anavytri

Apistolia’s Guesthouse vermietet für 50 Euro ein sehr schönes Ferienhaus für 4 Personen in einem stilvoll restaurierten Gebäude. Es gibt eine perfekte Küche mit allen denkbaren und undenkbaren Elektrogeräten. Leider aber ohne Geschirr… . Dafür ist die Dusche nach vier Tagen ohne Waschen und viel Schwitzen ein Genuss. Auch unsere Kleidung freut sich darüber gewaschen zu werden und wieder duften zu können. Den Nachmittag verbummeln wir faul auf der Veranda mit Traumblick auf die Ebene und die große Stadt Sparta.

9. Etappe von Anavryti bis Arna, 26 Kilometer (25.10.20)

Dem faulen Tag gestern folgt heute die anstrengendste Etappe der Tour. Stolze 1945 Höhenmeter auf 26 Kilometern über teilweise sehr unwegsame Pfade sind zu bewältigen. Wir sind ein wenig unter Zeitdruck, weil im Wetterbericht für übermorgen ein Unwetter angekündigt wird. Bis dahin wollen wir in Gythio sein. So fassen wir kurzer Hand zwei Tagesetappen zu einer zusammen und wundern uns am Ende des Tages, dass unsere Kondition dafür ganz gut gereicht hat.

Anavyrti schläft noch als wir aufbrechen – es wird ein langer Tag

Die Sonne geht gerade auf und ein zuckerwatte-rosa Himmel leuchtet über uns, als wir Anavytri verlassen. Die Luft ist seidig weich. Das Dorf schläft noch, nur der Hahn ist schon wach. Es ist erst 6.30 Uhr, in der Nacht wurde auf Winterzeit umgestellt.

Steil geht es direkt nach dem Dorf hoch – da kommt der Kreislauf in Schwung

Sofort steigt der Pfad steil im Wald an und kurze Zeit später sind wir bereits nass geschwitzt. Es geht über weiche, schmale Pfade durch herrlichen Bergkiefernwald. Mächtige, ehrwürdige Baumriesen wachsen hier, es ist ein Genuss. Der Wald duftet und der weiche Nadelboden federt unter den Füßen. Nach knapp zwei Stunden gibt es die erste Rast mit Frühstück an einer Quelle. Heute am Sonntag sind wieder Jäger unterwegs, die mit ihren Hunden auf Wildschweine aus sind. Gut, dass Dreamwalkers knallrosa Shorts so schön leuchten und wir damit nicht Gefahr laufen mit einer wilden Sau verwechselt zu werden.

Panorama des Profitis Ilias Massiv

Immer weiter hoch zieht sich der Weg, nun auch oft sehr steinig und sehr steil. Nach etwas über 3 Stunden seit dem Ort wird der Pfad endlich flacher, verlässt den dichten Wald und verläuft über Bergwiesen. Wir können die sehr beeindruckenden Blicke auf die schroffen Gipfel des Profitis-Iliasmassivs nun wirklich genießen. Ein unglaublich schöner Abschnitt und einer der Höhepunkte der gesamten Tour.

Die markante Felzpyramide des 2404 Meter hohen Profitis Ilias, dem höchsten Berg des Peloponnes

Hier hätten wir auch Zeltstellen in absoluter Traumlage und idealer Entfernung gefunden und ärgern uns ein wenig, dass wir gestern doch nicht weitergelaufen sind. Die heutige Etappe wäre dann deutlich weniger anstrengend geworden.

Und von hier sehen wir auch in der Ferne plötzlich silbern das Meer in der Sonne glänzen –  das Ziel unserer Wanderung, fast zum Greifen nahe. Ein tolles und sehr motivierendes Gefühl. Nach rund 1100 Höhenmetern stehen wir pünktlich zur Mittagsrast vor der Berghütte unterhalb der mächtigen Felspyramide des Profitis Ilias, mit 2404 Metern der höchste Berg des Peloponnes. Viele Gipfelstürmer haben ihre Zelte vor der Hütte stehen, sie kommen bequem mit dem Auto hierher.

Danach geht es zunächst auf schmalen, unwegsamen Pfaden wieder bergab, immer unterhalb der großartigen Kulisse des vegetationslosen Profitis Ilias. Ein herrlicher Weg, aber auch echt anstrengend, denn man muss sehr konzentriert auf den steinigen Boden achten. Einige Geröllfelder werden gequert, an einer Stelle geht es sehr steil über blanken Fels und eine Eisenleiter in eine Schlucht runter und dann aber nochmal viele Höhenmeter bergauf. Lange zieht sich der Pfad durch den Wald in Serpentinen empor zu einem Sattel. Ziemlich fertig kommen wir oben an, denn die bereits bewältigten Anstiege haben doch gut Kraft gekostet. Eine kurze Rast und einige Schokoriegel für den Blutzuckerspiegel später geht es wieder ebenso steil nach unten.

Einladung zum Namenstagsfest des Heiligen Dimitri

Bei der Kapelle Agios Dimitri kommen wir an die Forststraße. Hier feiert ein Dorf gerade den Namenstag des Heiligen mit einem großen Picknick. Der Feiertag wäre zwar erst am morgen, aber an einem Montag müssen alle arbeiten. Schon am Samstag hatte man das Fest begonnen, doch weil nicht alle an diesem Tag Zeit hatten, wurde die bereits vorverlegte Feier kurzerhand um noch einen Tag verlängert. Griechen sind eben äußerst flexibel und pragmatisch.

Doch auch die Gastfreundschaft wird ganz groß geschrieben und wir haben die liebenswürdigen Menschen hier schon längst in unser Herz geschlossen. Alle Wanderer werden zu dem Fest eingeladen. Sofort werden wir mit herzlicher Selbstverständlichkeit in die Dorfgemeinschaft aufgenommen, mit Kuchen, Salat, Brot und Wein verwöhnt und können unsere Energiereserven nochmals auftanken. Zwar sprechen einige unserer Gastgeber Englisch, nicht jedoch die freundlichen alten Damen, die die kulinarischen Köstlichkeiten hergestellt haben. So bleibt es bei Gesten und Lächeln, um zu zeigen, wie gut es uns schmeckt und wieder einmal bedauern wir unsere nicht vorhandenen Sprachkenntnisse.

Ein Stück folgen wir der Forststraße bergab, dann biegt der E4 auf einen sehr unwegsamen felsigen Weg bergauf ab. Kurze Zeit später erreichen wir eine kleine Kapelle aus Bruchsteinen. Danach queren wir einen steilen Hang durch dichten Wald. Wäre nicht die seit Mystras ausgezeichnete Markierung des E4 auch hier vorhanden, wir würden stark bezweifeln, überhaupt auf einem Pfad zu sein.

… ja, das ist der Wanderweg …

Es ist das wohl unwegsamste Stück der gesamten Wanderung. Viele Bäume liegen quer am Boden und müssen überklettert oder umkraxelt werden. Dort, wo der Boden weicher ist, haben Wildschweine alles umgepflügt. Den riesigen Kothaufen nach zu urteilen, müssen es wirklich imposante Tiere sein. Kein Wunder, bei den Unmengen Kastanien und Eicheln, die den Boden bedecken.

Das Laufen ist extrem mühsam. Mein Wanderstock verhakt sich an einigen Felsen, ich falle auf einem Baumstamm und zwar genau auf einen abgebrochenen Aststumpf, der wie ein Speer empor ragt und sich in meinen Unterschenkel bohrt. Die tiefe Fleischwunde blutet heftig und sieht nicht sehr appetitlich aus. Dreamwalker, meine treue Wanderpartnerin, hilft sachkundig beim Verarzten.  Ein gutes Gefühl, in solchen Situationen nicht alleine zu sein. Nach einer Weile kann ich mit einem Druckverband am Bein und einer Schmerztablette im Bauch weiterlaufen.

… aber dann wird es erst richtig anstrengend….

Allerdings kommen wir nun noch langsamer voran, denn die Kletterei über querliegende Bäume und Felsen gefällt dem lädierten Bein gar nicht. Endlich erreichen wir den „Kameno Vrachos“, eine Stelle, wo der Weg in den blanken Fels geschlagen werden musste. Links geht es senkrecht nach unten, rechts ist die Felswand. Aber der Pfad ist ca. 1,5 Meter breit und eben. So sind die wenigen Meter auch für nicht schwindelfreie Angsthasen wie mich ohne Probleme zu bewältigen. Und kurz danach wird der Weg dann auch endlich wieder deutlich besser.

Kameno Vrachos – der „Weg im Felsen“

Es dämmert bereits, erst mit dem letzten Tageslicht erreichen wir um 18.00 Uhr den Beginn der Straße, nur 2 Kilometer vor Arna. Hier finden wir unterhalb einer kleinen Kapelle endlich wieder die erste Zeltstelle seit 3 Stunden und sie ist einfach perfekt. Zur Belohnung des anstrengenden Tages gibt es außerdem einen traumhaften Blick auf das Meer und die herrlich rot im Licht der untergehenden Sonne leuchtenden Bergen – Alpenglühen auf griechisch.

Der Profitis Ilias im Abendrot – wunderbare Belohnung für einen anstrengenden Tag

Nach 12 Stunden auf den Beinen sind wir nun wirklich müde. Nur noch rasch den Rest des Brotes vom Picknick essen und im Schlafsack liegend das Tagebuch schreiben, dann fallen uns die Augen zu. Trotz des kleinen Zwischenfalls ein toller, erlebnisreicher Tag, der jeden Schweißtropfen wert war.

10. Etappe von Arna zur Klosterruine Zodocho Pigis, 26 Kilometer (26.10.20)

Im ersten Morgenlicht läuft es sich leicht hinunter nach Arna. Mein Bein beschwert sich zunächst etwas, aber nach ein paar hundert Metern funktioniert es wieder gut. Die wunderschöne Stimmung am frühen Morgen des neuen Tages ist uns immer am liebsten. Sie schenkt uns ein Gefühl, als ob uns die Welt gehören würde.

Die Häuser in dem hübschen Dorf Arna kleben, wie in so vielen Orten, wie Schwalbennester am Berghang. Der einladende Dorfplatz wird von einer gigantischen Platane überschattet. Es soll eine der größten in Griechenland sein. Eine der Tavernen hat bereits geöffnet, alte Männer sitzen dort beim Plausch. Auch wir gönnen uns einen zuckersüßen griechischen Kaffee und löffeln unser Müsli unter den weitausladenden Ästen des prachtvollen Baumes.

Die ehrwürdige Platane auf dem Dorfplatz in Arna

Hinter dem Ort geht es 300 Höhenmeter über steinige Pfade recht steil bergab in ein enges Tal. Das mag mein verletztes Bein gar nicht, bergauf ist ihm lieber. Den Gefallen bekommt es sofort, denn nach Querung eines trockenen Bachbettes steigen wir direkt wieder hoch. Ein uralter Weg, oft mit Mauern gestützt oder mit Kopfsteinpflaster befestigt, windet sich über 500 Höhenmeter hoch durch einen wahren Zauberwald, in den kaum ein Sonnenstrahl auf den Boden dringt. Altehrwürdige riesige Eichen, knorrig und von Efeu überwuchert, moosige Felsen und ein dämmriges Licht schaffen eine unwirkliche, märchenhafte Atmosphäre.

Ein uralter Pflasterweg durch dichten Wald – wunderschön

Die Anstrengung der gestrigen Etappe sitzt uns noch in den Knochen. Ziemlich schlapp erreichen wir nach der heftigen, langen Steigung endlich die Straße und das wie eine Festung über dem Tal thronende große Kloster Panagia Giastria. Über Straßen gelangen wir leicht abwärts zum kleinen Ort Kastania. Am Dorfplatz gibt es eine geschlossene Taverne mit Tischen und Stühlen draußen und einen Brunnen – das ist der Ort für die Mittagsrast.

Nun gelangen wir in die großen Olivenhaine, für die die Region Mani berühmt ist. Wunderschön glänzt das silbrige Laub über den knorrigen Stämmen. Die verkehrslose Straße wechselt zwischen Schotter und Asphalt. Weit reicht der Blick über die uralte Kulturlandschaft mit ihren terrassierten Olivenhainen und den kleinen weißen Dörfern, die sich harmonisch an die Hügel schmiegen. Wieder ein neues Bild auf dieser so abwechslungsreichen Tour.

Bergdorf Agios Nikolaos in der Region Mani

Es ist zwar erst 16.00 Uhr, als wir das verlassene Kloster Zodocho Pigis erreichen, doch die Wiese davor mit Blick bis zum Meer ist einfach zu schön und damit würdig, der letzte Zeltplatz dieser Wanderung zu sein. Lange sitzen wir in der Sonne. Nicht weit entfernt stehen ca. 70 Bienenkästen, um die es summt und brummt. Abends flattern Fledermäuse über uns. Es ist wunderbar friedlich hier, wie schade, dass nun unsere Tour fast zu Ende ist

11. Etappe von der Klosterruine Zodocho Pigis nach Gythio, 26 Kilometer (27.10.20)

Heute laufen wir ausschließlich über Asphalt- und Schotterstraße. Direkt hinter dem Kloster geht die Straße in vielen Kurven steil hinunter. Eine halbe Stunde sind es nur bis zum kleinen Dorf Krini. Weiße Häuser, üppig blühende Rosen, Oleander und Palmen – plötzlich sieht es mediterran aus. Am Brunnen gibt es Frühstück, das Müsli wird ergänzt durch köstliche Feigen, Mandarinen und Äpfel, die wir unterwegs an Wegrand aufgelesen haben. Wir wandern durch ein wahres Schlaraffenland.

Frühstück am Brunnen in Krini
Die letzten Rast der Wanderung – unter Olivenbäumen

Den Umweg zum verlassenen Dorf Despina schenken wir uns. Rasch bringt uns der Wanderweg durch Olivenhaine immer tiefer ins Tal. Auch hier wären noch nette Zeltstellen gewesen. Doch in den Zweigen der Bäume baumeln oft lustig im Wind die weißen Plastikkanister mit der Aufschrift „Glyphosat“. Und auf diesen verseuchten Böden mag man dann doch besser nicht schlafen.

Dank der schönen Ausblicke zum Meer im Süden und auf die hinter uns liegenden Berge ist die Strecke trotz der Führung über Straßen nicht langweilig. Angenehm ist auch, dass praktisch kein Verkehr ist.

Bei Platanos ändert sich das. Wir kommen in die dichter besiedelte Ebene, in einiger Entfernung sehen wir eine Fabrik qualmen, öfters überholt uns nun ein Auto. Die nur noch 10 Kilometer entfernte Stadt Gythio macht sich bemerkbar. Und knapp zwei Stunden später stehen wir am Meer.

Am Ziel – nach 11 herrlichen Wandertagen und 260 Kilometern

Wie es einst die griechischen Helden der Antike nach bestandenen Abenteuern taten, tauchen auch wir zum Dank an die Götter unsere Hände in das lauwarme Wasser. Wir sind am Ziel, nach 11 Wandertagen und 260 Kilometern und 9.360 Höhenmetern zu Fuß – die Taxitransfers sind natürlich nicht eingerechnet. Viele Schweißtropfen haben wir unterwegs vergossen, oft einen weiten Bogen um wütend kläffende Hunde gemacht und von dornigem Gestrüpp versperrte Pfade haben unzählige Kratzer an Armen und Beinen hinterlassen. Doch das alles wurde durch unsere Erlebnisse mehr als aufgewogen. Reich beschenkt wurden wir mit einer wunderschönen Natur und urtümlichen Dörfern. Beeindruckend war die unglaubliche Vielfalt an Landschaftsformen. Doch am meisten berührt hat uns die Herzlichkeit und liebenswürdige Gastfreundschaft der Menschen, denen wir begegnen durften. Wir haben also wirklich jeden Grund dankbar zu sein.

Ausklang und Heimreise

Fast zwei Tage bleiben wir in der hübschen Stadt Gythio. Malerisch türmen sich am Berghang bunte Häuser über dem Hafen. An der Meerespromenade reiht sich ein nettes Lokal an das nächste. Doch es ist kein steriler Touristenort, sondern eine lebendige Stadt, der man ihr Alter ansieht. In den Straßen hinter der Promenade ist so manches Haus dabei in sich zusammen zu fallen. Uns gefällt es hier gut, der ideale Platz, um die Reise ausklingen zu lassen

Das Timing unserer Wanderung war eine echte Punkt-Landung. Jeden Tag wurden wir während der Tour mit gutem Wetter verwöhnt. Pünktlich mit Erreichen unseres Ziels in Gythio gibt es in der Nacht den erwarteten Wolkenbruch mit einem heftigen Gewitter.

Gythio im Regen
Bilderbuchwetter am nächsten Tag – Beach Time

Auch den gesamten nächsten Tag regnet es ohne Unterbrechung wie aus Eimern. So bleibt Zeit die kleine Krankenstation direkt neben unserer Pension Saga aufzusuchen und mein Bein professionell behandeln zu lassen. Die zwei tiefen Löcher in der Wade werden gründlich von Geweberesten gereinigt, das ist nicht sehr angenehm, aber notwendig. Die Ärztin schimpft mich ordentlich aus, weil ich erst zwei Tage nach dem Unfall komme. Als ich erkläre, dass es eben so lange braucht, um 60 Kilometer aus den Bergen hierher zu wandern, ernte ich verständnisloses Kopfschütteln. Die gute Frau hat ja Recht…. die spinnen, die Deutschen. 

Am nächsten Morgen ist der Himmel wieder klar und blau. Vormittags treffen wir uns mit Rolf Roost auf einen Erfahrungsaustausch, ein wirklich interessantes Gespräch, und wir freuen uns, Mister E4 persönlich kennenlernen zu können. Ihm und seinem Mitstreiter George Kanellopoulos möchten wir ein herzliches Dankeschön sagen. Sie haben den E4 in Eigeninitiative durch den Pennopoles initiiert und sorgen für seine Instandhaltung. Ohne ihr bewundernswertes Engagement wäre diese Tour nicht möglich gewesen.

Den Rest des Tages verbummeln wir gemütlich und um 16.00 Uhr fährt pünktlich unser Fernbus nach Athen ab. Nur 4 Stunden später spukt uns der Bus in das quirlige Gewühl der 5-Millionen-Metropole aus. Eine rasante Taxifahrt mit 80 km/h bringt uns zu einem Hostel in der Altstadt. Was für ein Kontrast zu den ruhigen Wanderpfaden des E4. Müde fallen wir ins Bett.

Am nächsten Tag ist klassisches Sightseeing angesagt. Natürlich geht es hinauf zur Akropolis und den Aeropag. Um unsere Füße streichen viele wohlgenährte Katzen, die hier wohnen und wohl die eigentlichen Herrscher der antiken Stätten sind.

Göttinnen der Antike auf der Akropolis
Katzen-Bande in Athen

Wo sich normalerweise Menschenmassen drängeln, ist alles leer und beschaulich. Wegen der Covid 19 Pandemie sind nur wenige Touristen unterwegs. So können wir in aller Ruhe die beeindruckende Tempelanlage und das Akropolis Museum genießen. Doch plötzlich beginnen die Marmorstatuen zu schwanken, der Boden zittert und die Fenster klirren. Das sind die Ausläufer eines schweren Erdbebens in der Ostägäis. Nach ca. 15 Sekunden ist alles vorbei. In Athen hat es keine Schäden gegeben, doch in der Region um das türkische Izmir haben die Erdstöße viele Gebäude zerstört, es gibt über 80 Tote und 1.000 Verletzte zu beklagen.

Gegen Abend sitzen wir oben auf dem Filippouhügel und genießen den wunderschönen Blick zur Akropolis im Licht der untergehenden Sonne. Wie eine Insel ragt der Burgberg aus dem unendlichen Häusermeer Athens, das die gesamte Ebene ausfüllt. Im touristischen Altstadtviertel Plaka gönnen wir uns noch zum Abschluss der Reise ein gutes Abendessen mit Wein.

Am folgenden Morgen, am 31. Oktober, geht in aller Frühe unser Heimflug nach Frankfurt. Es war eine schöne Zeit.

Blick von Filippouhügel auf die Akropolis

 

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