Einsamer Stellplatz an den Geoglyphos de Telviche

Durch die Atacama-Wüste nach Santiago de Chile

Tacna, 2.2.2026

Unser letzter Tag in Peru. Zum Abschied von Arequipa wird uns beim Frühstücken noch einer der seltenen Blicke auf die Eiskappen der Vulkane geschenkt, die sich sonst in den Wolken verstecken. Rund 40 km geht es dann auf der stark befahrenen, kurvigen Hauptstraße über die Berge wieder zurück Richtung Panamericana. Dann lässt der Verkehr schlagartig nach und die Straße führt die nächsten 350 km fast schnurgerade durch die endlos monotone Wüste. Ein paar Kurven gibt es, wenn eines der seltenen Täler oder ein Gebirgszug zu queren sind. Das Highlight sind die spärlichen Oasen mit Obst-, Wein- oder Reisanbau und öden Dörfern an den drei Flussläufen, die wir passieren.

Ansonsten gibt es wirklich nichts. – keinerlei Vegetation oder Siedlungen. Man könnte man das Lenkrad festbinden, immer endlos geradeaus geht die Straße. Einzige Abwechslung bringen, so makaber es ist, die vielen Kreuze für die Verkehrstoten an der Strecke. Uns ist es ein Rätsel, wie man es hier schafft zu verunglückten. Aber vielleicht verleitet gerade die Monotonie zum Rasen und Überholen oder die Fahrer schlafen einfach ein.

Die Wüste ist teils sandig, überwiegend gleicht sie aber einer gigantischen Kiesgrube. Bei Südwind sind die Temperaturen von 25-28 Grad gut auszuhalten.

Mitten im Nirgendwo gibt es manchmal Bauruinen von Retortendörfern mit winzigen Häuschen, die nie fertig gestellt wurden. Bei der Stadt Camiara passieren wir eine Zollkontrolle. Die peruanische Grenzprovinz zu Chile ist Sperrgebiet für die Einfuhr von Obst und Gemüse. Wir haben unsere spärlichen Lebensmittel versteckt und stellen uns dumm – No hablo español. Das funktioniert meistens gut, auch dieses Mal. Am späten Nachmittag tauchen spärliche Pflanzenpolster am Straßenrand auf, sensationell. Dann sind wir 15 Kilometer weiter in Tacna, eine große Stadt mit 230.000 Einwohnern, mitten in der Wüste mit chaotischem Verkehr, vielen Geschäften und Werkstätten. Der Campingplatz Elvis liegt ganz nett im Grünen am Rand der Stadt zwischen einem Gartenlokal und einem Fußballplatz. Am Wochenende soll hier viel los sein.

Man muss sich einen Campingplatz in Peru deutlich anders vorstellen als in Europa oder Nordamerika. In der Regel ist das nur eine leere Fläche an einem Wohnhaus oder Hotel, wenn man Glück hat, eine Wiese. Dann gibt es einen Wasserhahn, aus dem aber nicht immer Wasser kommt, eine Toilette und manchmal eine meist kalte Dusche, die in diesem Fall mal wieder nur aus einem Rohr aus der Decke besteht. Die Toiletten bei „ Elvis“ sind ähnlich rudimentär. Die Deckel der Spülkästen fehlen, manche sind auch ohne Wasser. Es fehlt natürlich ein Toiletten-Sitz, vor allem aber auch ein Abfallkorb für das benutzte Toilettenpapier. Wegen der schmalen Abwasserrohre darf man es ja nirgendwo einfach ins Klo werfen. Hier entsorgen die Gäste es mangels Alternativen also auf dem Fußboden, wo es anscheinend erstmal gesammelt wird und Tummelplatz für Ameisen ist. Am Rand der Campingwiese türmen sich Bauschutt, alte Möbel und Gartenabfälle.

Die einzigen weiteren Campinggäste sind zwei Motoradfahrer aus Argentinien, die seit 2 Jahren Südamerika bereisen. Was für ein Zufall, es ist das Pärchen, das Olaf bei seinem Aufenthalt im Refugio Lima kennengelernt hat. Die Welt ist klein. Abends sind wir damit beschäftigt, die erforderlichen Formulare für den Grenzübertritt nach Chile auszufüllen.

Geoglyphos de Telviche, 3.2.2026

Wir sind in Chile! Unsere Fahrt durch die mit 3000 km weltweit längste „Kiesgrube“, die sich an der Küste von Peru und Chile erstreckt, geht weiter. Nur heißt sie in Chile – Atacama, die trockenste Wüste der Welt.

Rund 40 km südlich von Tacna kommen wir zur Grenze nach Chile. Rund eine Stunde dauert es, bis alle Papiere gesichtet, abgeschrieben und abgestempelt sind. Wie immer müssen zuerst wir aus Peru ausreisen und dann in Chile einreisen. Dann muss für das Fahrzeug die gleiche Prozedur durchlaufen werden. Olaf hat wieder mal perfekt alles vorbereitet, die erforderlichen Formblätter, soweit es geht, vorab ausgedruckt und ausgefüllt, auch die notwendige Versicherung ist bereits online abgeschlossen. Alle Schalter sind direkt nebeneinander. Es geht sehr geordnet zu und freundliche Beamte weisen zur Not den Weg. Penibel verläuft allerdings die Fahrzeugkontrolle. Hier treffen wir unsere beiden Motorradfahrer vom Campingplatz wieder. Sie mussten tatsächlich ihr gesamtes Gepäck abladen und komplett auspacken. Bei uns begnügt sich der Beamte mit einem Blick ins Fahrzeug und in einige Schränke. Gerne hätte er die Dachbox besichtigt, aber es ist für ihn wohl zu mühsam. Statt dessen erfreut er uns mit einigen deutschen Sprachbrocken. Nach Lebensmitteln fragt niemand. Dabei hätten wir so gerne unsere einzige noch vorhandene Limone abgegeben. Der Import von Obst und Gemüse ist streng verboten, um die Verbreitung von Fruchtfliegen zu verhindern. Chile wird durch die Topographie, d,h. die Anden und die Wüste, vom Rest Südamerikas gegen Schädlinge abgeschirmt und so will man auch die Einwanderung per Auto unterbinden.

Kurz hinter der Grenze liegt die Hafenstadt Arica, früher ein Zentrum für den Salpeterexport. Als Basis für Sprengstoff und Kunstdünger war Salpeter einst das „Gold“ Chiles. Wir halten uns nur zum Kauf einer Telefonkarte und zum Abheben von chilenischen Geld in der quirligen Stadt auf. Dass auf dieser Seite der Grenze mehr Wohlstand herrscht als in Peru, sieht man nicht nur an den schicken Neubau-Apartments am Meer. Das gesamte Straßenbild ist europäischer, sogar die vertrauten Knäuel der Stromleitungen fehlen. Die Fahrweise im Autoverkehr ist gelassener und relativ rücksichtsvoll, sogar an Zebrastreifen wird gehalten!

Gut ausgebaute Straße, trotzdem viele Kreuze
Gut ausgebaute Straße, trotzdem viele Kreuze

Auf der Ruta 5, der Panamericana, rollen wir weiter nach Süden und staunen. Die Straße ist hervorragend ausgebaut, die Steilhänge sind befestigt, jede Kurve wurde mit einem Übergangsbogen trassiert. Sogar breite, asphaltierte Rastplätze gibt es. Die langen Rampen zu den tief eingeschnittenen Tälern sind dreispurig mit einer extra Fahrbahn für den langsamen Lkw-Verkehr. So kann man zügig und bequem fahren. Und welch Wahnsinn: alle Abhänge sind mit Leitplanken gesichert! Trotzdem schaffen es auch hier etliche Leute tödlich zu verunglücken. Statt simpler Kreuze werden zum Gedenken oft kleine Kapellen mit Tischen, Bänken und einem Fahnenmast gebaut.

Einer der unzählingen Schreine zur Erinnrung an Unfallopfer
Einer der unzählingen Schreine zur Erinerung an Unfallopfer

Die Wüste ist weiterhin völlig vegetationslos, abgesehen von den Flussoasen in den Tälern, aber nicht langweilig. Endlose Ebenen, steile Sandhänge in vielen Farbtönen, gleißend weiße Flächen. Auf 1000 m Höhe ist es mit 25 Grad im scharfen Südwind nicht zu heiß.

Geoglyphos de Telviche
Geoglyphos de Telviche

Nach rund 170 km hinter Arica biegen wir nördlich von Telviche auf eine Piste ab, die zu den Petroglyphen führt. In einem Hang ist eine Herde von Lamas mit einem Hirten dargestellt, sehr sehenswert – ein wunderbarer ruhiger Platz zum Übernachten. Immerhin ist es schon Abend, denn mit dem Wechsel nach Chile mussten wir die Uhr um 2 Stunden vorstellen.

Río Loa, 4.2.2026

Um 7 Uhr ist Zeit zum Aufstehen, wie immer. Doch heute ist es noch dämmerig und die Luft sehr kühl. Zum Frühstücken vor dem Auto sind Jacke und lange Hose angesagt. Denn dank der Zeitverschiebung zwischen Peru und Chile ist es ja „eigentlich“ erst 5 Uhr, aber der Sonnenaufgang über der Wüste hat auch seinen Reiz.

Über das perfekte Asphaltband der Ruta 5 ist am späten Vormittag der Wüstenort Pozo Almonte rasch erreicht. Da nun die Kontrollstellen für Obst- und Gemüseimporte hinter uns liegen, können wir hier endlich unsere Vorräte ergänzen.

Auf der Hauptstraße gibt es eine lange Reihe kleiner Läden unter schattigen Laubengängen, wie im Wilden Westen. Auch hier merken wir den Unterschied zu Peru. Die Geschäfte sind sauber und aufgeräumt, als Fußgänger kann man ohne um sein Leben zu rennen die Straße queren. Und es gibt sogar eine kleine, gepflegte Grünanlage mit schattigen Bänken. Der gewisse Wohlstand des Ortes kommt ggf. auch durch die benachbarte Kupfermine.

Atacama im Norden Chiles
Atacama im Norden Chiles

Schnurgerade zieht sich dann die Straße weiter durch die Wüste. Das Thermometer klettert auf über 30 Grad. Wir fahren durch zwei Reservate der Pampa del Tamarugal. Der Name dieser Hochebene im Norden der Atacama kommt vom Tamarugo-Baum, der nur hier wächst. Der Baum kann noch aus 5-12 Metern Tiefe Grundwasser ziehen und sogar mit versalzenem Boden überleben, daher ist er extrem dürre-resistent. Die kleinen harten Blätter dienen als Viehfutter. Für die Industrieanlagen im Kupfer- und Salpeterabbau wurden jedoch die Bestände weitgehend abgeholzt. Heute wird im Schutzgebiet südlich von Pozo Almonte gezielt aufgeforstet. Trotzdem sehen die Bäumchen ziemlich dürftig aus, einige Flächen sind verbrannt.

Auch wenn Chile auf den ersten Blick „moderner“ als Peru erscheint, in punkto Bürokratie steht es dem nördlichen Nachbarn nicht nach. Obwohl schon 450 Kilometer von der Landesgrenze entfernt, passieren wir wieder eine Zollstelle, denn hier beginnt die Provinz Antafogasta. Alle Fahrzeuge und Fahrer werden akribisch geprüft. Auch sämtliche Passagier der Linienbusse müssen aussteigen, ihr Gepäck durchwühlen lassen und die Pässe vorzeigen. Das ist nervig, auch wenn die Beamten sehr höflich und nett sind. Wir haben mal wieder Glück. Gerade als sich ein Zollbeamter unserem Auto zur Inspektion nähert, macht ihn ein Kollege auf die Kaffeepause aufmerksam und sofort erlischt das hoheitliche Interesse. Man muss Prioritäten setzen.

Salar de Llanara
Salar de Llanara

Am Nachmittag legen wir einen sehr lohnenden Zwischenstop am Salar de Llanara ein. Im gleißenden Sonnenlicht sehen die weißen Kristallhügel des kleinen Salzsees ziemlich surreal aus, in der Mitte gibt es sogar eine freie Stelle mit kristallklarem Salzwasser. Ohne den sehr kräftigen Wind könnte man es in der Hitze nicht aushalten. Auch einige Geoglyphen sind unterwegs zu bewundern, ebenso die Ruinen ehemaliger Salpeterminen und eine alte Trafostation von 1910. Unser heutiger Übernachtungsplatz liegt einige Kilometer abseits der Straße, am kleinen Rio Loa, der ein tief eingeschnittenes Tal bewässert. Ein uralter Tamariskenbaum spendet Schatten. Leider finden es auch viele Pferdebremsen hier sehr schön. Mit DEET Insektenspray halten wir sie uns aber wirksam vom Leib. Im nur leicht grünen und etwas salzigem Flusswasser können wir uns sogar etwas waschen.

Oficina Salitrera José Santos Ossa, 5.2.2026

Bei wolkenlosem und völlig dunklem Himmel konnten wir heute Nacht einen unvergleichlichen Sternenhimmel bewundern. Unzählige strahlend helle Sterne glitzerten und noch nie habe ich die Milchstraße so deutlich gesehen.

Unsere heutige Fahrt geht noch einige Kilometer auf der Ruta 5 nach Süden, immer parallel zu einer aufgegebenen Eisenbahnlinie. Die Atacama hatte ein dichtes Netz privater Schmalspurbahnen, die zum Transport des Salpeters, aber auch zur Versorgung der Minenstädte essenziell waren. Sogar Wasser wurde hiermit in die „Oficina Salitreras“ befördert.

Fahrt nach Codelco
Fahrt nach Codelco

Bei Santa Elena biegen wir nach Osten ab auf die Ruta 24. Schier endlos kommt uns die rund 90 Kilometer lange Fahrt durch die Wüste vor. Wir passieren große Fotovoltaikanlagen. Durch den momentanen Ausbau zu einer 4spurigen Schnellstraße sind immer wieder längere Strecken nur in einer Richtung befahrbar. Stetig geht es bergauf bis auf 3100 m Höhe. Dann liegt direkt vor uns die weltweit größte Kupfermine.

Chuquicabata - größtet Kupfertagebau der Welt
Chuquicabata – größter Kupfertagebau der Welt

Chuquicabata ist ein 1000 m tiefes Loch von 3 km Breite und 5 km Länge, umgeben von Industrieanlagen und durchzogen von einem Netz staubiger Pisten, auf denen gigantische Lkw das Gestein zu Abraumhalden transportieren. Nur 0,8 % des gebrochenen Gesteins ist Kupfer. Die 7.500 Arbeiter gehören zu den bestbezahlten in Chile. Mit einem Monatslohn von durchschnittlich 2000 € netto bekommen sie mehr als das Dreifache des landesweiten Lohnes. Dazu kommen jährliche hohe Boni und mietfreies Wohnen. Dafür leben sie mitten im Nirgendwo in der Retortenstadt Calama, die über schicke Einkaufszentren, Universität, Flughafen, moderne Sportanlagen und eine superschicke Klinik verfügt. Die Fassaden dieser Prestigebauten sind, natürlich rein zufällig, mit Kupfer verkleidet.

Zu gerne hätten wir an einer Führung der Minengesellschaft Codelco teilgenommen, um mit einem Tourbus durch das Gelände gefahren zu werden. Leider waren alle Plätze bereits seit Tagen ausgebucht. So begnügen wir uns mit einem Blick aus der Ferne von einem Aussichtspunkt.

Da bekommen nicht nur Männer glänzende Augen - und ich fühle mich winzig neben diesen Giganten
Da bekommen nicht nur Männer glänzende Augen – und ich fühle mich winzig neben diesen Giganten

In der 10 km von der Mine entfernen Stadt Calama füllen wir unsere Lebensmittelvorräte komplett auf. Hier bekommt man alles, allerdings auch zu deutlich höheren Preisen als in Peru. Am Stadtrand können wir dann noch einen Minenlastwagen und Bagger aus nächster Nähe anschauen. Wie riesige Saurier schmücken sie am Rand des Codelco-Geländes die Einfahrt in die Stadt. Der Eindruck ist wirklich überwältigend. Man kommt sich vor wie ein Zwerg, denn schon ein Lkw-Reifen misst 4 Meter.

Über die breite und leere Autobahn rollen wir wieder bergab nach Südwesten, vorbei an etlichen Salpeterminen. In der Boomzeit 1880-1914 wuchsen die Abbaustätten wie Pilze aus dem Boden. Chile wurde zum weltweit wichtigsten Salpeterproduzenten. Es entstanden Hunderte „Oficinas Salitreras“, Eisenbahnen und ganze Wüstenstädte. Mit der Erfindung des synthetischen Düngers brach die Nachfrage ein und die Weltwirtschaftskrise führte zu massenhaften Stilllegungen.

In der Geisterstadt einer solchen „Oficina Salitrera“ mitten in der Wüste übernachten wir heute zwischen den Ruinen, ein sehr spezieller Ort.

Caleta Botija, 6.2.2026

Am Vormittag besichtigen wir die nahe an unserem Stellplatz gelegene Oficina Salitrera Chacabuco. Die Salpetermine wurde erst 1922 gegründet und war eine der größten Anlagen in Chile. Die zugehörige Siedlung war eine komplette Stadt mit Krankenhaus, Schule, Theater, Markt, Sportanlagen und Hotel mitten in der Wüste. Bis zu 7000 Arbeiter und ihre Familien lebten hier bis 1940. Dann wurde das Werk aufgegeben und verfiel.

Geisterstadt Chacabuco
Geisterstadt Chacabuco
Mahnmal für die politischen Gefangenen des Pinochet-Regimes in Chacabuco
Mahnmal für die politischen Gefangenen des Pinochet-Regimes in Chacabuco

Nach dem Militärputsch 1973 nutzten die chilenischen Streitkräfte zwei Jahre lang die verlassenen Gebäude als Gefangenenlager und Foltergefängnis für über 1200 politische Häftlinge, eines der größten des Pinochet-Regimes. Wir durchstreifen zwei Stunden lang das Ruinengelände, die Atmosphäre dieses Ortes ist faszinierend und schrecklich zugleich.

Am Nachmittag führt die weitere Fahrt Richtung Küste. Die Hafenstadt Antofagasta umgehen wir, große Städte sind uns meist zu stressig.

Beeindruckend sind die Kupferminen von La Negra mit weitläufigen Industrieanlagen, die ihren Dreck direkt neben Siedlungen in die Luft pusten. Auf der Autobahn sind auch einige Schwertransporter mit den gigantischen Minenfahrzeugen unterwegs.

Monumento Natural Poposo Norte
Monumento Natural Poposo Norte

Wenig später biegen wir ab auf die ruhigere Ruta B710 und dann auf die praktisch verkehrsfreie Ruta 700, die uns in vielen Kurven von fast 2000 m Höhe in kurzer Zeit hinunter ans Meer bringt. Im Monumento Natural Poposo Norte reichen hundert Meter hohe Berge bis unmittelbar zum Pazifik. Dazwischen ist gerade noch Platz für die gewundene Straße. Siedlungen gibt es an dieser großartigen, einsame Küste keine, nur eine Handvoll Hütten aus Holzstangen und Planen, in denen Fischer wohnen. Gegen 17 Uhr rollen wir auf einen schönen Stellplatz am Strand. Allerdings ist der Wind von Meer so stark, dass man nicht draußen sitzen kann. Durch die großen Temperaturunterschiede zwischen dem dank Humboldtstrom kaltem Meer und der Wüste entwickelt sich im Tagesverlauf eine extreme Thermik. Erst als die Sonne hinter den Nebelbänken, die sich abends immer über dem Wasser bilden, untergeht, lässt der Sturm nach, so dass wir das Zeltdach aufklappen können. Es ist schön, beim Einschlafen wieder die Brandung der Wellen zu hören.

Las Guaneras, 7.2.2026

Den ganzen Vormittag verbummeln wir an unserem Stellplatz. Es ist nun windstill und noch nicht zu heiß , so dass die Kletterei zwischen den Felsen richtig Spaß macht. Auf der weiteren Fahrt nach Süden hängen die Nebel an den Bergen und sorgen für geringfügig feuchtere Luft. Zumindest reicht es dazu, dass die Vegetation relativ üppig wird, d.h. es wächst überhaupt wieder etwas, wenn es auch nur Kandelaberkakteen und wenige niedrige Büsche sind. Auch die Besiedlungsdichte in Form einfachster Holzhütten von Fischern nimmt zu.

Den kleinen Ort Paposo durchfährt man in einer Minute. Immerhin gibt es eine Schule und ein Museum zur Erinnerung an die Grenze zwischen Bolivien und Chile, die vor dem Salpeterkrieg hier verlief. Am Ort kommt die Hauptstraße von Antofagasta aus den Bergen hinunter ans Meer. Nun stehen in vielen der wunderbaren Buchten an der wilden Felsenküste ganze Zeltlager von Wochenendurlaubern. Noch eine weitere Grenze queren wir heute. Über den Wendekreis des Steinbocks verlassen wir die Tropen.

Der größte Ort an der Küste ist Taltal, einige Kilometer weiter südlich. Er hatte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts seine Blütezeit als Salpeter- und Mineralhafen. Daher sieht man einige schöne alte Häuser. Heute leben hier 13.000 Menschen vom Fischfang. Der weitere Küstenabschnitt ist spektakulär mit vielen schroffen Felsformationen und sandigen Buchten. Überall gibt es traumhafte Stellplätze, allerdings meist üppig dekoriert mit dem Müll der Besucher. Das reicht von zertrümmerten Glasflaschen, Dosen und Kleidung bis zu den üblichen braunen Haufen mit meterlangen Klopapierfahnen. Bei Las Guaneras zweigt die Panamericana vom Meer ab, unmittelbar an der Küste geht aber eine kleine Straße noch wenige Kilometer weiter. Hier finden wir einen schönen Strandplatz in absoluter Ruhe. Der Müll ist wenigstens überwiegend auf Plastikflaschen begrenzt, die ordentlich zwischen die Felsen gestapelt sind. Den anderen Restmüll ignorieren wir.

Pan de Azucar, 8.2.2026

Morgens lassen wir uns wieder viel Zeit, gehen nach dem Frühstücken am Meer spazieren und trinken in aller Ruhe am späten Vormittag unseren Kaffee. Die nächste Bucht ist rasch mit dem Auto erreicht. Die Caleta Cifuncho soll einen der schönsten Strände in Nordchile haben, das müssen wir natürlich sehen. Und der weiche Sandstrand in der kleinen Bucht ist wirklich wunderbar, allerdings dicht bevölkert. Ganze Zeltstädte und Wohnwagen stehen hier dicht an dicht, Holzkohlengrills glühen, Generatoren laufen, Lautsprecher plärren. Am Rand der Bucht gibt es viele einfache Hütten zum Mieten und einige Strandkokale. Es ist Wochenende und außerdem sind Sommerferien. So interessant es auch ist, das Urlaubsleben chilenischer Großfamilien zu beobachten, übernachten möchten wir in dem Trubel nicht.

Caleta Cifuncho
Caleta Cifuncho

Sehr schön ist nun die weitere Fahrt durch die Atacama. Die Berge leuchten in verschiedenen Braun- und Ockertönen, es gibt relativ viel Vegetation in Form großer Kandelaberkakteen. Am späten Nachmittag queren wir den Nationalpark Pan de Azucar. Durch ein Wüstental wandern wir 3 Kilometer hinauf zu einem Aussichtspunkt hoch oberhalb der Küste mit tollem Panoramablick über die Steilküste und die Insel Pan de Azucar. Das karibikblaue Meer 400 m unter uns lockt zum Baden, ist aber sehr kalt. Interessant sind die Überlebensstrategien der Kakteen hier. Diejenigen, die wie fette Würmer ca. 1 Meter aus dem Boden wachsen, richten sich dabei schräg nach Norden aus, um die Sonneneinstrahlung zu minimieren. Die bis zu 3 Meter hohen Kandelaberkakteen sind dicht behangen mit Flechten, die die Feuchtigkeit aus dem Morgennebel ziehen. Tiere sehen wir keine, außer den üblichen schwarzen Geiern und einem Fuchs, der äußerst neugierig ist und anscheinend auf einen guten Happen hofft.

Mirador im Nationalpark Pan de Azucar
Nationalpark Pan de Azucar
offizieller Campingplatz Pan de Azucar
offizieller Campingplatz Pan de Azucar

Unterhalb des Miradors gibt es einen „professionellen“ Campingplatz. Nach einer Woche „Wildcampen“ müssen wir dringend uns und die staubige Kleidung waschen. Der einfache Platz direkt am Meer bietet immerhin kalte Duschen (3 Stunden täglich geöffnet), vermutlich saubere Toiletten (da das elektronische Licht nicht funktioniert nur schwer zu bewerten) und ein Spülbecken mit spärlich fließendem Wasser. Dafür zahlen wir pro Nacht für 2 Personen 26 €, nicht gerade wenig. Ein Check von anderen Plätzen weiter südlich an der Küste ist ernüchternd, hier liegen die Preise zwischen 40 und 65 €.

Caleta Totoral, 9.2.2026

Die Stränd im Süden des Parks Pan de Azucar sind einfach ein Traum. Eine menschenleere, sichelförmige Bucht reiht sich an die nächste mit schneeweißem, pudrigen Sandstrand und türkisblauem Wasser, allerdings mit Nordsee-Temperatur.

Bei der Kleinstadt Chañaral kommen wir wieder auf die Panamericana Ruta 5. Die Küste ist wirklich sehr schön, wir fahren an etlichen Siedlungen vorbei, die aussehen wie Ferienhauskolonien. Die Hafenstadt Caldera ist jedenfalls unverkennbar auch ein beliebter Urlaubsort, ebenso das südlich anschließende Bahia Inglesa, was nur aus Hotels und Ferienappartements besteht. Beim Einkauf im Supermarkt werden unsere Spanischkenntnisse auf eine harte Probe gestellt, da Obst und Gemüse, ähnlich wie in Deutschland, selber abgewogen und mit einem Barcodezettel beklebt werden müssen. Dafür muss man natürlich die exakte Bezeichnung des jeweiligen Produktes wissen. An der Kasse merken wir wieder mal, dass Chile keine Billigland ist. Die Preise entsprechen etwa denen daheim. Hinter dem Ort verlassen wir die Ruta 5 und biegen ab auf die verkehrsfreie Ruta C 10, die sehr schön durch die Wüste in Küstennähe führt, Schotterflächen und große Sandgebiete wechseln sich ab. An Dünengebieten gibt es Sandverwehungen auf der Fahrbahn.

Schließlich fahren wir auf die ungeteerte Ruta C 416, die unmittelbar am Meer verläuft. Nach nur wenigen Kilometern finden wir einen einsamen Stellplatz. Allerdings weht ein scharfer Südwind. Eine kräftige Brandung klatscht malerisch gegen die zerklüfteten Felsen. In einiger Entfernung gibt es wieder einige einfache Hütten. Hier wohnen Fischer oder Seetang-Sammler. Mit das schönste ist an diesen abgelegenen Plätzen der Nachthimmel mit Unmengen funkelnder Sterne. Nicht umsonst gibt es in Nordchile wegen der ungewöhnlichen klaren Atmosphäre und der absoluten Dunkelheit die größten Teleskope der Welt.

Caleta Hornos, 10.2.2026

Über die Ruta C 10 fahren wir weiter entlang der Küste und gegen Mittag den größeren Ort Huasco. Hier gehen wir einkaufen und genießen beim Mittagessen die frische Brise an der Strandpromenade. Wie üblich gibt es Tomatensalat mit Avocado, dazu entweder Tortillas oder Brot. Am breiten Sandstrand ist viel Betrieb, erst Anfang März enden die fast dreimonatigen Sommerferien.

Huasco ist besonders. Hier mündet ein ganzjährig Wasser führender Fluss ins Meer. Im breiten Tal gibt es daher ausgedehnte Olivenplantagen und Weingärten. Sogar richtig große Pappeln, Eukalyptus und Palmen wachsen hier. Wie wohltuend ist es, mal wieder lebendiges Grün zu sehen!

Die Straße führt durch das Tal hinauf bis Vallenar, einer größeren Stadt an der Ruta 5. Die Panamericana ist im weiteren Verlauf als Autobahn ausgebaut und lässt sich mit rund 100 km/h sehr entspannt fahren, denn alle halten sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, auch in den Orten. Ein krasser Unterschied zu den Ländern weiter nördlich. Die Berge der Atacama erreichen hier rund 1500-2000 Meter Höhe. Einige Gipfel sind mit silbernen Kuppeln geschmückt, das sind die weltweit größten Teleskope zur Himmelsbeobachtung. Auch Besucher können sie besichtigen, jedoch nur Samstags und nach Anmeldung. Die Termine sind leider schon bis Ende März ausgebucht. Schließlich fällt die Panamericana in vielen Kurven bei Caleta Hornos wieder hinunter zum Meer. Am weiten Sandstrand gibt es die üblichen Zeltstädte der Urlauber. Einige Machos können der Versuchung nicht widerstehen, und testen die Geländetauglichkeit ihrer Pkw am Erklimmen der supersteilen, tiefsandigen Düne hinter dem Strand. Keiner schafft es bis oben, auch wenn die Motoren jaulen und die Reifen glühen. Dank 4×4 können wir aber durch den weichen Sand bis zum Ende der Bucht fahren, wo wir einen wunderbar ruhigen Stellplatz für die Nacht haben. Heute ist es fast windstill, ein gemütlicher Strandspaziergang rundet den Tag ab. Nach Sonnenuntergang, in Chile nun erst gegen 20.30 Uhr, wird es am Meer rasch kalt.

Canel Baja, 11.2.2026

Es ist einer dieser Tage, an denen irgendwie der Wurm drin ist. Es fängt schon damit an, dass Olaf nachts mit leichtem Durchfall dringend nach draußen zum Klo muss.

Morgens ist es beim Frühstücken neblig und richtig kühl, wir fahren nach unserem üblichen Kaffee erst spät los. Nach 20 km auf der Ruta 5 fällt uns auf, dass wir unseren Holzklotz vergessen haben, den wir zum Ausgleichen von unebenem Boden unter den Reifen legen. Also noch mal zurück. Der Klotz ist wichtig, außerdem noch ein „Erbstück“ von Olafs Vater.

Auf der Zufahrt über den Strand fahren wir uns kurz vor dem alten Stellplatz fest. Gestern sind wir mit Schwung durch die tiefsandigen Kuhlen gekommen. Aber jetzt geht nichts mehr. Also Reifendruck senken und frei schaufeln. Erstmals dürfen seit den USA die Sandbleche zum Einsatz kommen. Damit und mit Differentialsperre kommt der Wagen rasch frei. Doch das Schlimmste: ich vergesse natürlich, die ganze Aktion filmisch zu dokumentieren – unverzeihlich.

Gut 1 Stunde später sind wir wieder auf der Ruta 5 und mittags in La Serena. Die Stadt und ihr Nachbarort Coquimbo liegen in einer weiten Bucht durch einen ca. 9 km langen Sandstrand getrennt. Es ist in Chile das beliebteste Ferienziel für Badeurlauber, was angesichts der Hotels und Apartment-Hochäuser nicht zu übersehen ist. Wir könnten ebenso gut in Benidorm oder einem anderen Massentouri-Ort am Mittelmeer sein.

Strrand von La Serena
Strrand von La Serena

Also nur rasch in einen Supermarkt zum Einkaufen und Staunen wegen der hohen Preise. Danach am Strand zum Picknick und wieder auf die Ruta 5. Dort quälen wir uns dann lange durch den Stau an einer Baustelle. Die nächsten Stunden auf der Panamericana sind öde. Hügelige Landschaft, deutlich mehr Büsche und Grün als im Norden, keine Siedlungen. Vom Meer bläst ein irre starker Seitenwind, fast schon Sturm. Kein Wunder, dass es hier große Parks mit Windrädern gibt. Gegen Abend biegen wir auf eine Landstraße ins Landesinnere ab und kurz vor dem Dorf Canel Baja auf eine Schotterstraße, die über mit stacheligen Sträuchern bewachsene Hügel führt. Nahe einer Hecke aus Kakteen finden wir einen windgeschützten Stellplatz. Doch nach kurzer Zeit kommt ein Auto gefahren und eine Frau erklärt, wir dürften hier nur mit der Erlaubnis der Gemeinde stehen, wegen der Tiere. Es sind zwar weit und breit keine Tiere zu sehen, aber was soll’s. Wir packen also wieder ein und fahren einige hundert Meter weiter außer Sichtweite vom Dorf auf einen anderen Stellplatz. Es wird schon dunkel, als ein Mann zu uns kommt und anscheinend auch wegen unserer Platzwahl nicht glücklich ist. Wir verstehen ihn aber nicht wirklich und auf Google translater will oder kann er nicht sein Anliegen schreiben. Nach einiger Zeit zieht er resigniert ab.

Wunder der Wüste - ein Baum
Wunder der Wüste – ein Stellplatz mit Baum

Nach Sonnenuntergang geht auch der Wind schlafen, wir haben eine in jeder Hinsicht ruhige Nacht und wieder einen phantastischen Sternenhimmel. Um dessen funkelnde Pracht und das perfekte Band der Milchstraße zu würdigen, stehe ich sogar mitten in der Nacht auf. Solche Momente sind echte Geschenke in unserem freien Reiseleben, das ich so liebe. Mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht krieche ich wieder in den warmen Schlafsack.

Santiago de Chile, 12.2.2026

Im Ballungsraum von Santiago leben rund 7 Mio. Menschen, ungefähr 40% der gesamten Bevölkerung des Landes. Der Verkehr auf der Autobahn wird stetig dichter. Auch einige chilenische Wohnmobile sind dabei. Da jedoch die Lkw konsequent die rechte Spur nutzen und allgemein rücksichtsvoll gefahren wird, bleibt alles sehr entspannend. Ca. 100 km vor der Stadt wird die Landschaft mit weitläufigen Obst- und Avocadoplantagen richtig grün. Abseits der bewässerten Flächen gibt es nur buschige Steppe. War es am Meer mit 16-18 Grad recht kühl, klettert nun das Thermometer wieder auf knapp unter 30 Grad. Die Panamericana macht vor der Stadt einen Bogen nach Osten und plötzlich sehen wir die eisbedeckten 6000 m hohen Gipfel der Anden direkt vor uns liegen. Ein toller Kontrast.

Blick auf die schneebedeckten Anden kurz vor Santiago
Blick auf die schneebedeckten Anden kurz vor Santiago

Am frühen Nachmittag sind wir in einer Werkstadt am Stadtrand. Ölwechsel für Differential, Getriebe und Achsen steht an. Außerdem lassen wir die hinteren Bremsen reinigen und prüfen. Die Mechaniker bekommen glänzende Augen, als sie unseren Yoda sehen und arbeiten mit sichtbarer Freude sehr gründlich. Wieder bewährt die von Olaf erstellte, ordentlich laminierte Checkliste, in der alle Wartungsarbeiten sowie Spezifikationen für Verschleißteile detailliert in Englisch und Spanisch beschrieben sind. Das erleichtert uns die Kommunikation sehr. Mehr als 4 Stunden wird geschraubt und gefachsimpelt. Zum Abschied gibt es noch eine Fotosession. Die beste Werkstatt, in der wir bisher waren.

Abends gegen 20 Uhr sind wir endlich ziemlich müde auf einem Campingplatz außerhalb der Stadt