Park Pumalin, 2.3.2026
Gestern sind wir nachts gegen 23 Uhr bei Regen in Chaitén angekommen. Etwas südlich vom Ortsrand fahren wir zum Übernachten auf eine Schotterfläche abseits der Straße, Morgens sehen wir, dass es der Rodeoplatz ist und wir in Gesellschaft etlicher Pferde geschlafen haben, die hier frei weiden. Beim Frühstück regnet noch ausgiebig, hört aber dann bis auf einige Schauer im Tagesverlauf auf.

Ein kleiner Bummel führt uns durch das Dorf Chaitén. Im Jahr 2008 wurde es fast zur Hälfte beim Ausbruch des gleichnamigen Vulkans durch Asche und eine Schlammlawine zerstört. Die Bewohner wurden gerade noch rechtzeitig evakuiert. Deutlich sieht man die Grenze zwischen dem alten und neuen Ort.

Ca. 30 km entfernt besuchen wir den Nationalpark Pumalin. Anfang der 1990er Jahre begann der US-amerikanische Unternehmer und Umweltschützer Douglas Tompkins (u.a. Inhaber der Outdoormarke The North Face) große Landflächen in der Region zu kaufen. Sein Ziel war es, den einzigartigen gemäßigten Regenwald vor industrieller Rodung zu schützen und das Gebiet langfristig als Nationalpark zu sichern. Parallel unterstützte er die Einheimischen bei der Entwicklung ökologischer Landwirtschaft und umweltverträglichem Tourismus. Der Erwerb von über 5500 qkm Land durch einen Ausländer löste in Chile kontroverse politische Diskussionen aus. Heute gilt das Projekt als Musterbeispiel für nachhaltigen Umweltschutz , der zusätzlich die meisten Arbeitsplätze in der Region schafft. Nach Tompkins Tod wurde das Naturschutzgebiet 2017 dem chilenischen Stadt geschenkt.

Wir können leider lediglich einen kurzen 5 km-Rundweg durch den Regenwald wandern. Alle anderen Wege sind momentan zwecks Regenerierung geschlossen. Der Pfad geht teilweise über Stege, Leitern und matschige Pfützen durch den dichten Wald und an einem rauschenden Bach entlang. Nett, aber nicht besonders spektakulär. Immerhin haben wir Glück und es regnet nicht. Am Nachmittag sind wir auf einem Campingplatz im nahen Ort El Amarillo, um endlich mal wieder uns und die Wäsche zu waschen. Warmes Wasser zum Duschen gibt’s aber erst am anderen Tag. Abends regnet es wieder.
Puerto Cárdenas, 3.3.2026
Es regnet weiterhin. Nein, es schüttet wie aus Eimern. Und zwar 24 Stunden lang. Deshalb beträgt unsere Tagesetappe heute rekordverdächtige 22 km. Angeblich soll man ja auf der Straße entlang des Rio Yelcho eine tolle Aussicht auf Berge und Gletscher haben. Davon sehen wir allerdings nichts . Die Wolken hängen auf Höhe null. Wir fahren wie durch ein Aquarium, denn auch von innen sind die Scheiben komplett nass. Da wir gestern zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt gewaschen haben und unsere Kleidung sich Mühe gibt, an einer kunstvoll verspannten Leine im Auto zu trocknen, ist die Luftfeuchtigkeit in unserem rollenden Zuhauses zur Zeit deutlich erhöht.

Am Ende des verlassenen Flugfeldes von Puerto Cárdenas schlagen wir unser Quartier auf, einigermaßen windgeschützt und auf Schotter. Ideal bei diesem Wetter. Den ganzen Tag verbringen wir im Auto. So bleibt wenigstens Zeit, um die Blogeinträge zu aktualisieren und alle Bilder zu bearbeiten. Dabei hören wir die beängstigenden Nachrichten aus dem Nahen Osten, wo Israel und USA den Iran angegriffen haben und sich der Krieg nun auch auf benachbarte Länder ausweitet. Das ist für uns alles so weit weg und doch so nah.
Am Abend sind die Wolken endlich leer. Wir können einen kleinen Spaziergang nach Puerto Cárdenas machen. Der aus 3 Häusern bestehende „Ort“ liegt sehr schön am Lago Yelcho, kurzzeitig haben wir sogar Blick auf die von den steilen Bergen herabhängenden Gletscher. Zurück an unserem Stellplatz begrüßen wir ein schottisch-texanisches Paar, das hier ebenfalls in seinem Van übernachten will, und die zahlreichen Moskitos, die nun ausschwärmen. Abends regnet es dann wieder und es donnert sogar.
Mirador am Fjord Puyuhuapi, 4.3.2026
Endlich ist der große Regen vorbei. Aber richtig kalt ist es geworden. Morgens haben wir nur 4 Grad, im Laufe des Tages immerhin 13 Grad. Langsam lösen sich die Wolken morgens auf und geben den Blick auf schroffe Bergspitzen und Gletscher frei. Oberhalb der Baumgrenze ist über Nacht der erste Schnee gefallen.

Nur ein paar Kilometer von unserem Stellplatz befindet sich der Ausgangspunkt zur kurzen Wanderung zum Mirador Ventisquero Yelcho. Der Weg zum Aussichtspunkt auf den blauschimmernden Hängegletscher führt durch den dichten, märchenhaften Regenwald. Riesenfarne, mächtige Bäume mit Moosen und Flechten überwuchert, dazwischen mannshohe Fuchsienbüsche, Bambus und die zwei Meter großen Blätter der Nalca-Pflanze, die wie ein gigantischer Rhabarber aussieht und deren Stile auch so ähnlich schmecken. Hier leben auch Pumas und Ozelot, die wir natürlich nicht zu sehen bekommen. Der einfache Weg bis zum Mirador ist nur 3 km lang und führt fast ohne Steigung am Gletscherfluss entlang. Es geht über Steine, Wurzeln und etliche Schlammpützen. Die nassesten Stellen werden durch Stege überbrückt. Immer weiter reißen die Wolken auf, so dass wir die Aussicht wirklich genießen können.

Unsere weitere Fahrt auf der Ruta 7/Carretera Austral führt uns durch das Tal des Rio Palena. Es gibt hinter dem Dorf Villa Santa Lucia die nächsten 100 km keine Orte, nur Höfe mit Viehwirtschaft. Den originären Regenwald haben nur die Schutzgebiete vor der Rohdung bewahrt. Steil ragen an den Seiten des weiten Tales die bewaldeten Berge hoch. Eine tolle Landschaft.
Bei Puyohuapi kommen wir nach 150 km ans Meer. Der Fjord ist optisch nicht von einem langgestreckten Bergsee zu unterscheiden. Unser heutiger Stellplatz ist denn auch ein Aussichtsparkplatz direkt an der Straße mit Blick auf Delfine, die direkt vor uns schnaubend durch das Wasser ziehen.
Fjord Queulat, 5.3.2026
Der wolkenlose Himmel schenkt uns einen wunderbaren, warmen Sommertag im Nationalpark Queulat. Bereits gestern haben wir online Tickets gebucht, denn der Eintritt ist limitiert. Leider gilt die großzügige Senioren-Ermäßigung des Eintrittspreises nur für Chilenen. Wir zahlen dem Gringo-Normalpreis von 12 € pro Person. Aber als alte Leute dürfen wir bis zu dem Parkplatz fahren, der direkt am Beginn der Wanderwege liegt. Alle anderen müssen zusätzlich einen Kilometer laufen.
Obwohl die Hauptsaison vorbei ist, herrscht schon richtig viel Betrieb hier. Ein Ranger erklärt in gutem Englisch die Wanderwege. Zunächst müssen alle Wanderer über den reißenden Gletscherfluss, der von einer breiten Hängebrücke gequert wird. Nur 4 Personen gleichzeitig dürfen auf die robuste Brücke, warum auch immer. Und natürlich müssen alle ausgiebig Selfies und Videos produzieren, damit die Welt weiß: „Ich war hier“. Wir stehen hier ca. 10 Minuten im Stau und sind die einzigen, die die Brücke ohne Dreharbeiten queren. Typisch deutsch.

Unser erstes Ziel ist der Mirador Ventisquero Colgante. Rund 3,5 km geht es bergauf durch immergrünen Regenwald, nur teilweise steil. Die schwierigeren Passagen sind durch Metalltreppen und -stege überbrückt. Teilweise muss man dennoch über Wurzeln, Steine und Matsch balancieren. Aber alles kein Problem, sondern ein sehr schöner Pfad zwischen bemoosten Bäumen, Riesenfarnen und Felsbrocken. Das Sonnenlicht fällt in hellen Flecken durch das dichte Grün, eine märchenhafte Stimmung. Anfangs wandern wir noch in einer langen Reihe mit vielen anderen Besuchern, aber bald zieht sich der Pulk auseinander. Der Aussichtspunkt ist nach 1,5 Stunden erreicht, von der Plattform aus sehen wir den blauschimmernden, stark zerklüfteten Gletscher spektakulär an der Abbruchkante hängen. Das Schmelzwasser stürzt als 200 m hoher Wasserfall in die Tiefe. Der sichtbare Gletscher ist lediglich eine winzige Eiszunge des 35 qkm großen und teilweise 1200 m dicken chilenischen Eisfeldes. Wie auch in den anderen Nationalparks ist nur ein winziger Teil der Naturschutzgebietes durch Wege erschlossen. Der Rest ist Wildnis. Zurück im Tal laufen wir noch zu zwei weiteren Aussichtspunkten, wobei der Mirador am Anleger der Ausflugsboote eigentlich dem schönsten Gletscherblick mit dem türkisfarbenen See im Vordergrund bietet, ganz ohne Mühen einer Wanderung.

Am Nachmittag verlassen wir den Nationalpark, fahren noch wenige Kilometer auf der nun ungeteerten Carretera Austral Richtung Süden und parken pünktlich zur Tea Time auf einem sehr schönen wilden Stellplatz am Fjord Queulat. Der tiefblaue Fjord mit vielen Inseln, umgeben von bewaldeten Bergen, ist eine wahre Idylle.

Hier bleiben wir, verwöhnen uns mit Schokokeksen und genießen den traumhaften Platz. War ein schöner Tag heute. Beim Schrubben meiner verschlammten Wanderschuhe und Hosenbeine frage ich mich allerdings, wieso Olafs Sachen noch so sauber sind, wo wir doch auf dem gleichen Weg unterwegs waren. Am Abend mutiert unser Spot auf einem alten Straßenstück zum Mini-Campingplatz. Zwei Wohnmobile und zwei Zelte kommen dazu. Es ist nämlich gar nicht so leicht, einen „wilden“ Stellplatz an der Carretera Austral zu finden. Außerhalb von Orten ist in der Regel alles eingezäunt und sämtliche kleine Schotterwege sind mit Toren versperrt.
Coyhaique, 6.3.2026
Den ganzen Tag fahren wir auf der Ruta7/Carretera Austral nach Süden. Eine landschaftlich herrliche Strecke, besonders bei wolkenlosen Himmel und 25 Grad. Genial schön ist der Abschnitt durch den Nationalpark Quelat mit seinen großen Gletscherfeldern, die sich über dem dichten Regenwald erheben. Hier schlängelt sich die Straße in steilen, sehr engen Serpentinen hoch und runter, zusätzlich gibt es nur in eine Richtung einen mit Beton befestigten Untergrund. Ansonsten ist die gesamte Strecke beidseitig asphaltiert und in hervorragenden Zustand. Die Trassierung erlaubt ein zügiges Fahren, was aber bei der herrlichen Landschaft wirklich dumm wäre.


In Villa Amengual, einem hübschen Bergdorf, machen wir Mittagspause. Ein Bilderbuchsee ist der tiefblaue Lago Torres, der von Bergen mit schroffen Granitspitzen begrenzt wird. Die Täler werden danach weiter, die Siedlungsdichte nimmt langsam zu. Es gibt aber keine größeren Orte. Man lebt hier von der Weidewirtschaft. Südlich von Villa Mañihuales wechseln wir auf die Ruta X50 und kurz von Puerto Aisen auf die Ruta 240, die die Hauptverbindung nach Coyhaique bilden. Die etwas kürzere Strecke auf der hier als ungeteerte Nebenstraße geführten Ruta 7 soll in keinem guten Zustand sein. Kurz vor Coyhaique kommen wir wieder auf die nun geteerte Ruta 7.

Heute sehen wir sehr viele Radfahrer, die in der Regel in Richtung Norden unterwegs sind. Viele mühen sich mit sehr viel Gepäck ab. Auch wenn man es im Auto nicht so spürt, es geht ständig hoch und runter.
Coyhaique ist mit rund 60.000 Einwohnern die Hauptstadt der Region Aysén. Hier fahren wir gegen 17.00 Uhr nach rund 200 km auf den Campingplatz El Camping, der sehr ruhig etwas außerhalb der Stadt am Rio Simpson liegt. Heute ist mal wieder duschen und Wäsche waschen angesagt, für uns der einzige Grund einen kommerziellen Platz anzusteuern. Wie üblich gibt es aber erst ab 19 Uhr warmes Wasser zum Duschen, für uns verwöhnte Europäer ungewöhnlich.

Laguna Cerro Castillo, 7.-8.3.2026
Morgens ist Großeinkauf in einem Supermarkt angesagt. Coyhaique ist die letzte große „Stadt“ auf unserem Weg nach Süden mit vielen Geschäften und regen Autoverkehr – und einen echten Baumarkt! Homecenter ist eine amerikanische Kette und das Gegenstück zum deutschen „ Bauhaus“. Wir brauchen Frostschutzmittel für die Scheibenwaschanlage (winter is coming), neue Spanngurte für die Heckmarkise und Ersatz für die Plastikbox mit unseren täglichen Kochuntensilien. Die alte, sehr stabile Box hat den Purzelbaum in den Graben auf Chiloe nicht unbeschadet überstanden. Erst mittags sind wir wieder unterwegs. Wieder sehen wir sehr viele Tourenradler.
Hinter Coyhaique beginnt Südpatagonien. Das Landschaftsbild ändert sich schlagartig. Die Wälder sind radikal abgeholzt zugunsten großer Weiden. Vereinzelt sieht man Kiefernplantagen, als Wald möchte man das nicht bezeichnen. Die Berge werden flacher, das Valle Simpson immer weiter.

Einige Kilometer vor dem neuen Flughafen Balmaceda knickt die Careterra Austral nach Süden ab. Wir kommen in den Nationatpark Cerro Castillo. Die Berge sehen echt krass aus: Steilhänge aus Schotter, gekrönt von grandiosen Felsformationen. Wie Nadeln ragen die Granitspitzen empor.
Als wir dann die vielen Serpentinen hinunter Villa Cerro Castillo fahren, liegen die berühmten Gipfel des Cerro Castillo uns direkt gegenüber. Der Name könnte nicht treffender sein: Wie eine düstere , gewaltige Burg mit unzähligen spitzen Türmen ragt das Massiv über dem Gletscher auf. Eine Kulisse wie aus einem Fantasyfilm.

Der „Sendero Mirador Laguna Cerro Castillo“ ist einer der legendären Wanderwege in Patagonien. Wir wollen ihn morgen in Angriff nehmen. Zum Ausgangspunkt der Wanderung führt eine Schotterstraße. Direkt am Trailhead gibt es einen privaten Campingplatz in absoluter Ruhe, wo wir unser „ Basislager“ für zwei Nächte buchen. Der Platz liegt sehr schön im Nirgendwo zwischen Weiden und Fluss am Fuß der Berge. Außerdem müssen wir an der benachbarten Rangerstation die happige 20 € Eintritt pro Person und Tag für den Nationalpark zahlen und uns für die Tour registrieren. Nur rund 140 Wanderer sind laut Auskunft des Rangers momentan täglich auf dem Weg unterwegs, in der Hauptsaison Januar – Februar sind es 400-500 Wanderer pro Tag. Einen limitierten Permit braucht man hier aber noch nicht.
Am nächsten Morgen ist es noch dunkel, als der Wecker um 6 Uhr klingelt. Der Wanderweg ist zwar pro Richtung nur 7,5 km lang, mit 1100 steilen Höhenmetern braucht man hin und zurück 5 Stunden. Der Ranger hat wegen der Wetterprognose einen frühen Start empfohlen. Gegen 7.30 brechen wir auf, es ist gerade hell geworden. Allerdings liegen die Berge ab 900 m Höhe vollkommen in Wolken. Wir hoffen darauf, dass es im Tagesverlauf wie versprochen besser wird. Die ersten 3 Kilometer führen durch schönen, moosbehangenen Laubwald. Es gibt einige steile Wegstücke, doch zwischendurch kann man bei gemäßigter Steigung verschnaufen. Sehr schön ist trotz Nebel der Blicks ins Tal des mäandrierenden Rio Ibanéz.

Der Nieselregen nimmt zu als wir weiter aufsteigen. In der „atmungsaktiven“ Goretexjacke sind wir rasch nass geschwitzt. Nun wandern wir durchgehend steil bergan und ziemlich anstrengend auf lehmigen Weg durch Buschwerk. Die letzten 2,5 Kilometer sind echt hart. Auf Stein und Lehm geht es sehr, sehr steil über vegetationslose Schotterfläche, völlig ungefährlich, aber wirklich anstrengend. Es wird deutlich kälter. Dann stehen wir nach 3 Stunden und ohne Pause ziemlich ausgepowert am Mirador und sehen – absolut gar nichts. Weder die türkisblaue Lagune noch die ikonischen schwarzen Felszacken. Der Blick reicht im dichten Nebel gerade mal 20 Meter weit. Ungefähr 1,5 Stunden harren wir vergeblich aus in der Hoffnung auf Wetterbesserung. Dann wird uns trotz 2 Lagen Merinohemden, Fleecejacke, Regenhose und -Jacke einfach zu kalt und wir treten resigniert den Rückweg an. Nun kommen trotz des Wetter noch mehrere Wanderer hinauf. Der Ranger erzählt uns später, dass 40 Leute unterwegs waren. Wie muss das in Spitzenzeiten mit der zehnfachen Menge sein?
Der Abstieg dauert 2 Stunden und geht wegen des Gefälles in die Knie. Gut, dass der angekündigte Regen ausgeblieben ist. Der Trail dürfte dann sehr rutschig werden. Trotz der absolut enttäuschenden Aussicht war es eine schöne Tour. Die körperliche Anstrengung hat gut getan. Im Tal ist es trocken und warm. Den Nachmittagstee mit Schokokeksen und eine heiße Dusche am Campingplatz haben wir uns verdient.
