Im Hochland und an der Südküste Islands

Landmannalaugar im Hochland und die Südküste Islands sind die Zentren des Massentourismus in Island. Wir haben das große Glück nun in der Nachsaison und dank Corona, unbehelligt von Horden selfisüchtiger Urlauber aus Übersee oder Busladungen von Kreuzfahrern, die wunderbaren Naturschönheiten zu erleben. An der Südküste sind eine Unmenge Hotels und Ferienhäuser entstanden, wir erkennen die Gegend kaum wieder. Es gibt wohl keinen Bauernhof, der nicht Gästezimmer oder Campingmöglichkeiten anbietet. Auf Plakaten entlang der Ringstraße werden alle möglichen kommerziellen Aktivitäten beworben, anscheinend reicht die spektakuläre Natur als Attraktion nicht mehr aus. Vom Eisklettern über Kajakfahren am Gletschersee bis zu SUV-Touren über den schwarzen Strand ist fast alles möglich, das Geschäft mit den Massen blüht. Entsprechend hoch ist augenscheinlich der Lebensstandard. Nirgendwo haben wir an der Nordküste oder in den Westfjorden so große und wohlhabend wirkende Farmen und Orte gesehen wie hier. Aber wir hören nun auch einige kritische Stimmen von Isländern, die mit Sorge die Auswüchse des Tourismus sehen und einen Ausverkauf ihrer Insel befürchten. Dazu gehören auch durchaus Leute, die mit den Urlaubern ihr Geld verdienen, aber erkannt haben, dass langsam die Grenzen des Wachstums erreicht sind. Dieses Jahr sind viele Einheimische froh, dass sie nun auch endlich eine Chance haben, ihr Land zu bereisen. Die Südküste kann man in normalen Jahren nur meiden. 

Unsere Route durch Island bis Vik

Landmannalaugar, Traumziel für Wanderer

Am 03.09. pustet uns der Sturm über die Kjölurpiste 35 wieder nach Süden. Bei Windgeschwindigkeiten von 100 km/h läßt sich bei unserem Bus nur noch die Schiebetür gefahrlos öffnen. Überhaupt scheint dem Sandfloh das arktische Wetter nicht gut zu bekommen. Vor einigen Wochen hatte die Klimaanlage unüberhörbare Verdauungsprobleme. Nun scheint der Ärmste an hohem Fieber mit Schweißausbrüchen zu leiden, denn trotz eisigem Wind klettert die Außentemperaturanzeige in kürzester Zeit von 4,5 auf 26 Grad. Besorgt stoppen wir am Rand der Piste. Kühlwasser und Öl sind okay, das über den Laptop angeschlossene Diagnosekabel zeigt keine Störungen. Sehr mysteriös. Schließlich entwickelt Olaf die Hypothese, dass der Rückenwind, der ja deutlich schneller ist als unser mit 15-20 km/h über Wellblech und durch Schlaglöcher springende Sandfloh, uns quasi überholt und somit die heiße Luft des Motors auf den Temperaturfühler drückt. Da scheint etwas dran zu sein, denn als wir wieder auf Asphalt zügiger rollen können, geht die Temperatur schlagartig zurück. Beim Gullfoss erreichen wir wieder das Tiefland. An der Brücke bei der Hvitaschlucht gibt es einen Parkplatz mit Picknicktischen, unser idealer Stellplatz für die Nacht. Es wird nun schon vor 21.00 Uhr dunkel. Die ganze Nacht stürmt es noch immer wie verrückt. Obwohl das Aufstelldach zugeklappt bleibt, wird der Bus wild hin und her geschüttelt, wenn sich wieder eine Böe pfeifend nähert.

Ausläufer des Langjökull am Hvitarvatn /Straße 35
im Pjörsatal
Sandsturm an der F208

Anderntags verwöhnt uns endlich einmal blauer Himmel, garniert mit dramatischen Sturmwolken. Mehr als 6 Grad werden es nicht, im sehr starken Wind fühlt sich das nochmal kälter an. Uns zieht es trotzdem wieder ins Hochland. Es geht zunächst durch das Pjörsatal mit seinen saftig-grünen Weiden. Doch schlagartig ändert sich die Idylle in eine sandige Wüste, aus der vereinzelt aber schon wieder neue Pflanzen sprießen. Hier ist Asche des nahen Eyjafjallajökull niedergekommen, dessen Ausbruch im Jahr 2010 wochenlang den Flugverkehr lahmlegte. Ein weiterer, wegen seiner unberechenbaren Eruptionen gefürchteter, Vulkan ist die schneebedeckte Hekla, die auf der anderen Seite des Tales liegt. Im Mittelalter vermutete man hier den Zugang zur Hölle. Immer spärlicher wird das Grün, schließlich sind wir in einer großen Lavawüste. Die folgende Piste F208 kennen wir bereits von unserer Familienradtour. Ihre teilweise sehr steilen Anstiege, der grauenhafte Wellblechbelag und der tiefe Sand waren mir gar nicht mehr so in Erinnerung. Nachträglich muss ich unseren Kindern noch einmal Hochachtung für ihre Leistung zollen. Heutzutage wäre das wahrscheinlich ein Fall für den Kinderschutzbund.

Die Fahrt durch die Wüste ist faszinierend. Drohend steigen die schwarzen Vulkanberge aus der Ebene empor, der Wind peitscht Sandfahnen auf und läßt sie tanzen. Ein wunderschönes, zugleich aber auch beängstigendes Bild. Sind wir auf dem Weg nach Mordor? Am späten Nachmittag erreichen wir die grüne Oase Landmannalaugar. Die Wanderhütten im sonnigen Tal am Rand eines mächtigen Lavastroms und inmitten bunter Berge sind der Traum eines jeden Islandreisenden. Grün, blau, gelb, weiß, braun und rot leuchten die schroffen Schotterkegel, als hätte ein Maler seine Palette gemischt. Dazwischen glänzt glasartige, pechschwarze Obsidianlava, die in phantastischen Formen erstarrt ist. Schneefelder leuchten an den Berghängen, aus denen heißer Dampf der Solfataren aufsteigt. Und als wären das nicht genug Naturwunder, gibt es auch noch einen durch Thermalquellen erwärmten Bach zum Baden. Eine surreale Landschaft, wie man sie sich kaum vorstellen kann, und doch Wirklichkeit.

Auf dem Weg nach Landmannalaugar

Natürlich zieht die spektakuläre Gegend die Touristen in Scharen an. Wie schon am Gullfoss und dem Geysir fallen uns die Veränderungen durch den Massentourismus auf. Im Gegensatz zum weniger besuchten Norden gibt es hier gepflegte, perfekt markierte Wanderwege, potentielle Gefahrenstellen, z. B. an Solfataren, sind umzäunt und beschildert. In den Sanitärgebäuden hängen reichlich Benutzungsregeln, die Duschzeiten sind für Camper, Hüttengäste und Tagebesucher eingeteilt. Denn normalerweise gleicht Landmannalaugar einem Heerlager, in dem sich die Zelte und Geländefahrzeuge drängen, die Hütten sind 6 Monate im Voraus ausgebucht. Jetzt ist alles fast leer. Die Saison ist zu Ende, auf den höchsten Bergen liegt Neuschnee und nachts gibt es auch im Tal schon Frost. Corona tut ein übriges. Abends rollt jedoch die Karawane der Ausflügler aus der Hauptstadt an, denn am Wochenende fahren die Isländer liebend gerne mit ihren aufgemotzten Geländewagen auf den Hochlandpisten herum. Bei unseren Wanderungen treffen wir jedoch nur wenig Leute, obwohl das Wetter großartig ist. Eine herrliche Ganztagestour führt uns auf die Caldera Suðurnámur und den hohen Gipfel des glaugrünen Bláhnúkur. Nach jeweils anstrengenden Aufstiegen über steile, rutschige Schotterhänge und schmale Grate werden wir mit einem unglaublichen Panorama über die Täler, gefächerten Flussläufe und Berge rund um Landmannalaugar bis hin zu den großen Gletschern im Westen belohnt. Wen diese Landschaft nicht restlos begeistert, dem ist nicht zu helfen.

Hütten und Zeltplatz in Landmannalaugar
Panoramawanderung in Landmannalaugar
Im Land der bunten Berge

Rückkehr zur Südküste

Leider ist der Himmel am nächsten Tag schon wieder grau. Ab Mittag sind heftiger Regen und Sturm angesagt, weshalb auch die geplante dreitägige Wanderung nach Pörsmörk auf dem legendären Laugavegur, der als einer der schönsten Wanderwege weltweit beworben wird, ausfällt. Da nun nur noch am Wochenende Busse von Pörsmörk abfahren, kann man das Wetter auch nicht aussitzen. Wir machen uns also über die Piste F225 und die mittlerweile durchgängig geteerte Straße 26 auf den Rückweg zur Küste. Die F225 hat zwar zwei Furten, die momentan aber nicht tiefer als 20 cm und daher auch für 2WD-Pkw fahrbar sind. Bei der normalen Wassertiefe von 40 cm hätten auch wir ggf. umkehren müssen. Der Belag ist insgesamt glatter und deutlich besser als auf der F208. Nur auf den wenigen geraden Teilstücken gibt es heftiges Wellblech, denn hier brettern die Geländewagen gerne mit Höchstgeschwindigkeit. Die Piste führt ansonsten sehr abwechslungsreich in vielen Kurven durch eine großartige Lavawüste. Die schwarzen Berge mit den abstrakten Mustern der neongrünen Flechten oder die grau bemoosten Lavaströme könnten kein Graffitikünstler besser entwerfen.

Rückfahrt über die F225

Pünktlich um 12.00 Uhr setzt starker Regen ein und den Rest des Tages schüttet es wie aus Eimern. Genau das richtige Wetter für einen Cafebesuch in Selfoss. Auf dem Campingplatz in Stokkseyri sind alle Sanitärgebäude abgeschlossen, obwohl der Platz eigentlich noch geöffnet hat. Also fahren wir noch eine Stunde weiter nach Hella. Doch dort wiederholt sich auf dem Campingplatz das Spiel. Nun aber bleiben wir über Nacht hier. Es wird Zeit, dass wir mal wieder duschen. Also nutzen wir das schlechte Wetter für einen Freibadbesuch in Hella. Mittags hat der Regen aufgehört und der Himmel klart immer mehr auf.

Hochlandpiste ins Markarfjóttal

Auf der Straße 261 fahren wir durch das fruchtbare Weideland des Fljótshlíd. Kaum zu glauben, dass hier am Fuß der Hekla und wie überall an den Sandern der Südküste bis vor 100 Jahren nur eine schwarze Sandebene war. Mit importierten Lupinen und Strandroggen wurden die Aschefelder gebunden und fruchtbar gemacht. Allerdings bedrohen nun die alles überwuchernden Lupinen die heimischen Pflanzen. Wenn der Mensch in die natürlichen ökologischen Kreisläufe eingreift, geht eben doch meistens etwas schief.

Auf der Piste F261 geht es wieder ins Hochland. Der Viehabtrieb, jedes Jahr ein großes Ereignis, ist bereits im Gange. Uns kommt eine Herde Schafe entgegen, die mit Pferden, ATV und Hunden ins Tal getrieben wird.

Canyon des Markarfjót

Wir fahren entlang des breiten Sander, den der Gletscherfluss Markarfljót geschaffen hat. In der schwarzen Sandebene sucht sich der weit verästelte Fluss stets neue Wege. Dahinter ragen die imposanten Flanken des Eyjafjallajökull auf. Leider verhüllt sich die oberste Gletscherkappe in den Wolken. Zu Füßen des Gletschers liegt zwischen zerklüfteten Bergen das grüne Tal Pörsmörk, ein wahrhaftig traumhaftes Wandergebiet. Dorthin können wir wegen der zu tiefen Furten leider nicht. Aber die Kulisse dieser Urlandschaft aus wild gezackten schwarzen Bergen, grünen Moosen, Gletschern und Flüssen beeindruckt uns auch bereits aus der Ferne zutiefst. Dazu kommen die dramatischen Lichtspiele aus Wolken und Sonne. Wie oft haben wir auf dieser Reise schon gedacht, dass die Schönheit der Landschaft nicht zu steigern ist – und prompt werden wir dann eines besseren belehrt. Großartig ist auch der weitere Verlauf der Piste, vorbei am markanten Einhornberg und dem gruseligen Canyon, den die Markarfjót tief in die Basaltfelsen gegraben hat. Die Piste verlangt unserem Sandfloh teilweise einiges ab: ein paar Furten, grobes Wellblech, dicke Steine, knackige Steigungen. An der verschlossenen Hütte Mosar werden wir die Nacht verbringen, in netter Gesellschaft von zwei anderen Bullifahrern, die wir schon seit einigen Tagen immer mal wieder getroffen haben.

Der markante Einhornberg im Markarfjót

Neuschnee in der Lavawüste

Am nächsten Tag regnet es wieder mal. Wir fahren auf der Piste weiter nach Norden durch eine unglaubliche pechschwarze Lavalandschaft, die mit neonfarbenen Moosen überzogen ist. Es wird immer kälter und schließlich zeigen sich die Berggipfel mit Neuschnee überzuckert. Wider Erwarten läßt sich die Piste gut fahren, an der letzten Furt kapitulieren wir jedoch. Zu tief, zu steil und zu starke Strömung. Da trauen wir uns nicht rein und treten den Rückweg an. Wir beobachten noch wie andere Fahrzeuge die Furt queren, um dann ggf. doch einen Versuch zu wagen, werden aber in unserer Einschätzung bestätigt. VW-Busse haben hier keine Chance.

Endstation für Bullis

Entlang der Südküste nach Vik

Unsere Fahrt führt uns über die Ringstraße 1 weiter nach Osten. Schön ist der Seljalandsfoss, man kann sogar hinter den Wasserfall laufen. Ganz klar ein Touristenmagnet, wie die großen, jetzt aber leeren, Parkplätze zeigen. Trotz Regen ist die Südküste schön. Die dramatischen Felswände und die flachen Weiden vor den Klippen bilden einen sehr reizvollen Konstrast. Früher brauste an den grün bewachsenen Steilklippen das Meer, heute liegt die Küstenlinie weit entfernt hinter der fruchtbaren Marschlandschaft. Leider nimmt der Regen immer mehr zu. Am herrlichen Skogafoss beenden wir unsere heutige Tour, der Rest des Tages vergeht mit gemütlichen Lesen und Teetrinken. Auch hier stehen nur eine Handvoll Autos auf dem Campingplatz, am Abend kommen noch zwei pitschnasse Radler.

Seljalandfoss
Skogavoss

Islands Wetter ist immer für eine Überraschung gut. Uns weckt strahlender Sonnenschein, der für ein paar Stunden anhält. Perfekt für einen Spaziergang hinauf auf die Klippe, um den Skogafoss und seine kleineren Kollegen zu besuchen. Dann geht es über die Stichstraße 221 zum Solheimsjökull. An der Südküste reichen die Gletscher fast bis zum Meer heran und ihre Abflüsse bilden mächtige Sanderflächen. Die relativ kleine Eiszunge ist Teil des mächtigen Gletschers Mýrdalsjökull, unter dem die berüchtigte Katla verborgen ist. Der Ausbruch eines von Eis bedeckten Vulkans ist besonders gefürchtet, denn er bringt nicht nur Ascheregen, sondern vor allem gefährliche Fluchtwellen des geschmolzenen Eises mit sich. Diese Gletscherläufe reißen Straßen, Brücken und Häuser mit sich und verändern ganze Küstenregionen.

Solheimsjökull

chste Stationen sind das über die Straße 218 zu erreichende Kap Dyrrhólaey, der südlichste Punkt Islands, mit seinen berühmten Felsentoren und der Strand von Reynis, wo phantastisch geformte Basaltsäulen und Höhlen zu bewundern sind. Im Meer ragen bizarre Felsspitzen empor, an denen sich die Wellen brechen, weiß schäumt die Brandung an den schwarzen Strand. Ein dramatisch schönes Bild. Am späten Nachmittag erreichen wir Vik und abends beginnt es wieder ausgiebig zu regnen.

Kap Dyrrhólaey

 

 

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