Abfahrt auf der Ruta C-13 von einem 3650 Meter hohen Pass

Von Santiago de Chile nach Chañaral an der Pazifikküste

Annette ist für sechs Wochen von Santiago de Chile nach Deutschland geflogen. Ich werde in dieser Zeit nach Peru fahren. Dort wollen wir uns in der Stadt Arequipa wieder treffen.

Von Santiago de Chile nach Valparaiso

Nach Annettes Abflug nach Deutschland bleibe ich noch einige Tage auf dem Campingplatz Izuelina bei Santiago. Es wird Zeit für umfassendere Reinigungs- und Wartungsarbeiten im Innenraum unseres Landcruiser. Alle Schränke müssen ausgeräumt und gereinigt werden. Das Holz der Schränke kann mal wieder eine Auffrischung mit Öl vertragen, die intensive Sonneneinstrahlung setzt dem Material ziemlich zu. In einer Werkstatt lasse ich das Motoröl wechseln, den Wagen abschmieren, die Reifen auswuchten und rotieren sowie alles durchchecken. Wann immer es machbar ist, mache ich den Ölwechsel und das Abschmieren nicht selber.
Camping Izuelina bei Santiago de Chile
Camping Izuelina bei Santiago de Chile
Zur Hafenstadt Valparaiso führt von Santiago eine vierspurige mautpflichtige Autobahn. In Valparaiso gibt es keine Möglichkeit, das Fahrzeug sicher abzustellen. Ich fahre daher zum eine halbe Fahrstunde entfernten Cabanas Casanova (Rancho Casanova), wo man campen kann oder auch das Fahrzeug für den Besuch von Valparaiso abstellen kann. Auf Grund von Empfehlungen anderer Overlander habe ich ein Zimmer im Bed&Breakfast „Marion Café Aleman“ reserviert. Das B&B wird von der deutschen Auswandererin Marion betrieben. Sie lebt seit 16 Jahren in Chile und hat hier aus einem heruntergekommenen 150 Jahre alten Haus ein richtiges Kleinod geschaffen. Die Zimmer sind sehr einfach ausgestattet, Toilette und Dusche sind über den Flur gelegen. Zum Ausgleich schmeckt der von Marion selbst gebackene Kuchen sehr gut und die Atmosphäre ist sehr herzlich. Marion erzählt mir von den vielen Hürden, die es zu überwinden galt, um das denkmalgeschützte Haus zu renovieren und ein Café und B&B zu etablieren. Ich werde mehrere Tage in Valparaiso bleiben und sozusagen Urlaub vom Reisen machen. Oft sitze ich auf der herrlichen Terrasse des Cafés. Sie ist wunderbar bepflanzt, man sitzt an kleinen runden Tischen zwischen kleinen Bäumchen und vielen Blumen.
B&B Café Marion Aleman in Valparaiso
B&B Café Marion Aleman in Valparaiso
Nach der ersten Nacht im B&B kann ich in ein besseres Zimmer umziehen, das einen wunderbaren Blick auf die Stadt und die weite Bucht mit den dort vor Anker liegenden Schiffen bietet. Das Frühstücksbuffet ist erwartungsgemäß klein, aber qualitativ gut. Es gibt Brötchen, Wurst und Käse, Müsli mit Joghurt und natürlich Kuchen. Nach dem Frühstück erkunde ich das nähere Umfeld. Das Café Aleman ist Teil einer auf einem Hügel liegenden Häuserzeile mit Blick über die Bucht von Valparaiso. Vor den Häusern führt eine kleine Fußgängerpromenade. Hier spazieren die Ausflügler, um den Blick auf die Stadt zu genießen. Viele Touristen nehmen an geführten Touren teil. Auf dem Hügel erstreckt sich das Altstadtviertel mit vielen schönen historischen Häusern. Ein Merkmal der Altstadt sind die vielen Murals auf den Wänden der Häuser. Es sind oft wirklich schöne bzw. interessante Gemälde. In jeder Gasse und Straße gibt es etwas zu entdecken. Einige Wege führen steil in Stufen die Hügel hinauf. Mittags esse ich im Café Aleman. Es Burger mit Frikadelle und anschließend noch ein Stück Erdbeerkuchen. Nachmittags schlendere ich durch eine von hohen Palmen gesäumte Straße mit der Universität in der Neustadt unterhalb der Altstadt. Zur Historie von Valparaiso (Quelle: Google Gemini):

Die Entstehungsgeschichte von Valparaíso unterscheidet sich grundlegend von den meisten anderen Kolonialstädten Südamerikas. Sie ist nicht das Ergebnis einer geplanten Reißbrett-Gründung mit einem zentralen quadratischen Platz (Plaza de Armas), sondern entwickelte sich organisch aus einer geschützten Meeresbucht heraus. Die Geschichte lässt sich in vier prägende Phasen unterteilen:

1. Die Entdeckung und Namensgebung (1536)

Vor der Ankunft der Spanier wurde die Bucht vom indigenen Volk der Changos (die vor allem vom Fischfang lebten) und den landwirtschaftlich geprägten Picunche genutzt. Im Jahr 1536 erreichte der spanische Konquistador Juan de Saavedra die Bucht. Er befehligte die Santiaguillo, ein Versorgungsschiff für die Expedition von Diego de Almagro. Saavedra war von der Schönheit der von Hügeln eingerahmten Bucht so angetan, dass er sie nach seinem spanischen Heimatdorf benannte: Valparaíso de Arriba (in der Provinz Cuenca). Das spanische Valparaíso bedeutet übersetzt schlicht „Paradiestal“.

2. Das Schattendasein in der Kolonialzeit (16. – 18. Jahrhundert)

Im Jahr 1544 erklärte Pedro de Valdivia, der Gründer Santiagos, die Bucht offiziell zum Hafen der neuen Hauptstadt. Dennoch blieb Valparaíso über Jahrhunderte hinweg kaum mehr als ein unbedeutendes Nest mit einer Kirche und wenigen Lagerhäusern. Da Spanien den Handel streng reglementierte und alle Schätze über Peru geleitet werden mussten, wuchs der Hafen kaum. Stattdessen wurde er immer wieder zum Ziel von Piraten und Freibeutern, die die Route durch die Magellanstraße nutzten – darunter Sir Francis Drake (1578) und Richard Hawkins (1594). Erst spät, im Jahr 1791, erhielt der Ort eine eigene Stadtverwaltung und wurde 1802 offiziell zur Stadt erhoben. Zu diesem Zeitpunkt lebten dort gerade einmal ein paar tausend Menschen.

3. Der Boom nach der Unabhängigkeit: Das „San Francisco des Südens“

Der eigentliche Wendepunkt kam mit der Unabhängigkeit Chiles im Jahr 1818. Der Hafen wurde für den freien Welthandel geöffnet und stieg schlagartig zum wichtigsten logistischen Knotenpunkt an der gesamten südamerikanischen Pazifikküste auf.

  • Strategische Lage: Jedes Schiff, das die berüchtigte Route um das Kap Hoorn oder durch die Magellanstraße bezwang, musste in Valparaíso Halt machen, um Vorräte aufzunehmen und Reparaturen durchzuführen.
  • Der Goldrausch (1848–1858): Während des kalifornischen Goldrauschs war Valparaíso der wichtigste Versorger für die Westküste Nordamerikas. Weizen, Baumaterial und Passagiere wurden von hier aus verschifft.
  • Kosmopolitische Einwanderung: Tausende Händler und Seeleute aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien ließen sich nieder. Sie brachten nicht nur Geld, sondern auch moderne Infrastruktur: Die erste Börse Lateinamerikas, die erste freiwillige Feuerwehr, Telegrafenleitungen und private Banken entstanden hier oft noch vor der Hauptstadt Santiago.

4. Die Entstehung des einzigartigen Stadtbildes

Weil der flache Küstenstreifen (genannt El Plan) extrem schmal war und durch die rasante Zunahme der Bevölkerung im 19. Jahrhundert schnell aus allen Nähten platzte, wichen die Menschen auf die steilen Hügel (Cerros) aus. Die wohlhabenden europäischen Einwanderer – allen voran die Briten – bauten ihre Villen auf den markanten Hügeln Cerro Alegre und Cerro Concepción. Da der tägliche Auf- und Abstieg beschwerlich war, erfand man eine urbane Besonderheit: Ab 1883 wurden die mechanischen Standseilbahnen, die Ascensores, errichtet. Sie prägen das Stadtbild bis heute und verbanden das geschäftige Treiben im Hafen mit den Wohnvierteln über den Wolken.

Mit der Eröffnung des Panamakanals im Jahr 1914 brach der Schiffsverkehr um das Kap Horn abrupt ein. Valparaíso verlor über Nacht seine Vormachtstellung und verarmte wirtschaftlich. Doch genau dieser Stillstand bewahrte die historische Bausubstanz des 19. Jahrhunderts vor dem Abriss durch moderne Großprojekte. 2003 wurde das historische Viertel schließlich zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Valparaiso
Valparaiso
Gestern Abend wurde es immer nebeliger über dem Meer, bis schließlich die Schiffe und Häuser auf der anderen Seite der Bucht nicht mehr zu sehen waren. Heute Morgen klart es sich langsam auf, bis schließlich die Sonne von einem makellosen blauen Himmel strahlt. Ich gehe zum Ascensor Cordillera.
Es ist der zweitälteste Aufzug der Stadt, er wurde im Jahr 1887 eröffnet und hat seit 1998 den Status eines nationalen Denkmals (Monumento Histórico). Der Aufzug ist eine Standseilbahn (Funicular) mit einer Steigung von 70 Grad und gehört zu den steilsten der Welt. Auf einer Fahrstrecke von ca. 60 Metern überwindet er einen Höhenunterschied von ca. 55 Metern und kann in jeder der beiden gegenläufig fahrenden Kabinen 10 bis 12 Personen transportieren. Heute wird der Funicular elektrisch angetrieben, ursprünglich wurde eine Dampfmaschine eingesetzt.
Zum Mittagessen esse ich eine Kleinigkeit in einem Restaurant, da das Café Aleman heute Ruhetag hat. Das Restaurant ist jedoch die reinste Touristenabzocke. Für einen Teller labberiger Pommes mit ein paar Champignons und Möhrenschnipseln und einer Limonade bezahle ich 23 Euro! Das passiert mir hier nicht noch einmal.
Historischer Aufzug "Ascensor Cordillera" in Valparaiso
Historischer Aufzug „Ascensor Cordillera“ in Valparaiso
Für den nächsten Tag sagte der Wetterbericht durchgehend Bewölkung voraus. Und so ist es auch gekommen. Gestern Abend begann es schon nebelig zu werden und heute kommt die Sonne nicht einmal zum Vorschein. Es ist so kühl, dass ich mich nicht draußen hinsetzen kann. Vormittags mache ich einige Büroarbeiten, dann gehe ich hinüber zum „504 coffee“ an der Plaza Echaurren. Das Ambiente des Cafés ist im Fabrikstil gehalten. Es wird jedoch sehr guter Kaffee geboten, schließlich verfügt es über eine eigene Rösterei, die ebenfalls in dem großen Gastraum untergebracht ist. Man hört die Geräusche der Maschinen und es duftet nach der Verarbeitung von Kaffee. Es ist also sehr authentisch hier. Und der Preis für den Americano ist niedriger als oben auf dem Touristenhügel. Anschließend entdecke ich, dass man gleich hier in der Nähe in den Hafen gehen kann. Es gibt dort eine kurze Uferpromenade, die Muelle Prat heißt. Von hier kann man in offenen Booten Hafenrundfahrten unternehmen. Ich stehe sehr lange auf der Promenade und schaue dem Treiben zu. Ein alter Mann rudert die Skipper zu ihren Booten, die etwa hundert Meter entfernt vor Anker liegen. Zu weiter entfernten Schiffen gibt es motorgetriebene Zubringer. Ein Lotsenschiff bringt die Lotsen für die großen Frachtschiffe zurück an Land. Links erstreckt sich der Containerhafen. Lastwagen fahren ununterbrochen Container rein und raus, Containerbrücken stapeln die Metallkästen übereinander. Rechts liegt ein großes Frachtschiff an einem Pier. Schiffseigene Kräne und Hafenkräne heben und versenken ständig irgendetwas in den und aus dem Bauch des langen Schiffes. Über Mittag bin ich wieder im Café Marion, esse eine hausgemachte Tomatensuppe und ein Stück Erdbeerkuchen.
Die bunten Häuser von Valparaiso
Die bunten Häuser von Valparaiso
Am folgenden Tag ist der Hochnebel weg, morgens werde ich wieder von einem schönen blauen Himmel begrüßt. Ab acht Uhr gibt es Frühstück im Café Aleman. Dann bin ich auch immer pünktlich unten, obwohl es um die Zeit noch recht kühl ist – sowohl auf der Terrasse als auch im Frühstücksraum. Denn eine Heizung gibt es in dem Gebäude nicht. Heute ist erster Mai und auch in Chile ist der Tag der Arbeit ein Feiertag. Für alle Arbeitnehmer ist arbeitsfrei, also hat fast alles geschlossen. Auf meinem touristischen Hügel sind trotzdem viele Restaurants und Cafés geöffnet und auch Busse und Taxis fahren. Ich schlendere in Schlangenlinien beginnend bei meinem B&B den Hügel hinauf und schaue mir noch einmal alle Straßen an. Zum Mittagessen gibt es Hackbraten im Café Aleman und zum Nachtisch gönne ich mir mal wieder ein Stück Erdbeerkuchen, er ist einfach zu köstlich. Für den Nachmittag habe ich mir einen der historischen Aufzüge, den Ascensor San Agustín, zum Ziel gemacht. Dort angekommen muss ich aber feststellen, dass auch die Aufzüge am ersten Mai geschlossen sind. Also gehe ich nochmals zum Muelle Prat, dem Anleger für die Hafenrundfahrten. Da viele Leute frei haben, herrscht hier viel Betrieb, die Ausflugsboote machen ein gutes Geschäft. Wieder schaue ich lange dem Treiben im Hafen zu.
Das moderne Valparaiso
Das moderne Valparaiso
An meinem letzten Tag in Valparaiso gehe ich zum Fischmarkt. Er liegt ca. sieben Kilometer nördlich der Altstadt bei der Playa Caleta Portales. Ich hätte mit der Metro hinfahren können, beschließe jedoch zu Fuß zu gehen. Durch eine Palmenallee gehe ich zu einem großen Einkaufszentrum mit einem Jumbo-Supermarkt. Gleich um die Ecke finde ich den historischen Aufzug „Ascensor Baron“. Nicht weit von hier kann ich über eine Promenade unmittelbar entlang des Meeres bis zum Fischmarkt spazieren. Die Verkaufsstände der Fischer befinden sich zum Teil innerhalb und zum Teil außerhalb eines schlichten Funktionsgebäudes. Jeder Verkaufsstand hat den gleichen Fisch im Angebot. Vor der Markthalle haben sich einige Restaurants angesiedelt und auch direkt am Markt gibt es einige einfache Verkaufsstände. Mich animiert der viele Dreck und die auf dem Boden liegenden Fischreste nicht dazu, etwas zu essen. Ich mache meine Fotos und gehe den gleichen Weg wieder zurück. Während meines Rückweges sehe ich ein riesiges Containerschiff von Hapag Lloyd ankommen. Im Café Marion Aleman treffe ich zwei deutsche Overlander. Es sind Andrea und Jörg aus Frankfurt, die mit einem riesigen 20-Tonnen-MAN unterwegs sind. Natürlich erzählen wir bei Kaffee und Kuchen von unseren Reisen. Sie sind ungefähr zeitgleich mit Annette und mir vor vier Jahren in Halifax gestartet und kennen auch Günter und Brigitte, die ebenfalls einen MAN mit dem Namen Bimbo fahren. Günter und Brigitte habe ich erstmals in Mexiko kennengelernt und erst letzte Woche zufällig auf dem Campingplatz in Santiago de Chile erneut getroffen.

Von Valparaíso bis in die Nähe von Guayana an der Ruta E-411

Von Valparaíso geht es in den sogenannten Norte Chico, einer geografischen Region nördlich von Santiago de Chile. Ich fahre über die Ruta 64 zur Panamericana (Ruta 5) und auf dieser nordwärts, bis ich schließlich bei La Liga in die Ruta E-35 nach Osten abbiege. Wo kein Wasser ist, wachsen hier Norte Chico nur noch genügsame Bäumchen auf dem Talgrund sowie Kakteen und Büschelgras auf den Hängen der Berge. Ich übernachte nicht weit von der Ruta E-111 in einem großen, ebenen Gelände mit Büschen und Bäumen, das von der Straße nicht eingesehen werden kann.
Übernachten im Chico Norte in der Nähe von Guayana an der Ruta E-411
Übernachten im Chico Norte in der Nähe von Guayana an der Ruta E-411
Morgens ist es kalt im Landcruiser, ich messe nur neun Grad Celsius. Heute geht es mir gesundheitlich nicht so gut, vermutlich habe ich eine Magenverstimmung. Ich beschließe schließlich, den Tag hier zu verbringen und mich auszuruhen. Langsam geht es mir im Laufe des Tages immer besser. Ich kann sogar mit viel Verspätung das Frühstück nachholen. Abends scheint wieder alles normal zu sein. Niemand kommt auf meinen versteckt vor der Straße liegenden Platz. Nur Ziegenherden und einige Pferde laufen herum und am Himmel kreisen in der Ferne Kondore.

Durch den Norte Chico bis in die Nähe von Las Palmas

Ruta E445 im Chico Norte
Ruta E445 im Chico Norte
Gesundheitlich bin ich nach dem gestrigen Ruhetag wieder voll rehabilitiert. Trotzdem lasse ich mir morgens viel Zeit. Die Sonne scheint erst gegen neun Uhr auf meinen Übernachtungsplatz. Ich fahre weiter in Richtung Osten. Die geteerte Straße ist in einem sehr guten Zustand und lässt sich bequem fahren. Es geht ständig bergauf durch ein relativ weites Tal mit karg bewachsenen Hängen. Schließlich biege ich nach Norden ab. Überraschend ist auch diese niederrangige Straße geteert, jedoch schmal und kurvenreich. Allmählich lässt die Qualität des Teers spürbar nach. Viele enge Kurven und der schlechte Belag erlauben oft nicht mehr als eine Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde. Mit Erreichen einer Kommunalgrenze endet auch der Teerbelag. Die Piste ist in einem besseren Zustand als der Teerbelag. Ich fahre über einen 1560 Meter hohen Pass und dann hinunter zur Ortschaft Los Perales. Die Täler erstrecken sich überwiegend in Ost-Westrichtung, wer von Süden nach Norden möchte, muss ständig Pässe überwinden. Das ist wohl auch der Grund, dass es so wenig durchgehende Nord-Südverbindungen in Chile gibt. Nach wenigen Kilometern biege ich in Alicahue erneut nach Norden zu einem Pass ab. Im Ort steht ein Schild an der Straße, das ihr Befahren mit Lastwagen untersagt. In dem weiten Tal sind Obstplantagen angepflanzt. Doch das Grün endet immer dort, wo nicht mehr künstlich bewässert wird. Die großen Obstplantagen können nur mit hoch gepumptem Grundwasser erhalten werden, denn die Flüsse führen alle kein Wasser. Nach wenigen Kilometern endet mit dem Anstieg zur Passhöhe auch auf dieser Straße der Teerbelag. Schließlich wird die Piste immer steiler, insbesondere in den engen Kehren ist es sehr steil. Ich muss einige Male in den ersten Gang schalten. Vermutlich ist das der Grund für das LKW-Fahrverbot. Trotzdem begegnen mir drei nicht sehr kleine Lastwagen auf diesem Abschnitt. Auf der Passhöhe gibt es einen Aussichtspunkt mit dem Namen „Mirador de Las Animitas“. Natürlich dürfen an solch einer Straße üblichen Wegkreuze nicht fehlen, die auf Unfalltote hinweisen. Nach einer Mittagspause auf der Passhöhe geht es hinunter nach El Valle. Auch hier verläuft das mit Obstplantagen bepflanzte Tal wieder quer zu meiner Fahrtrichtung von Osten nach Westen. Auf einer guten Straße fahre ich nach Westen und biege schließlich in die E-377-D erneut nach Norden ein. Kurz vor dem Tunnel Las Palmas finde ich einen Übernachtungsplatz in der Nähe der Ortschaft Las Palmas.

Von Las Palmas zu einer großen Mine

Einige Kilometer nördlich meines Übernachtungsplatzes geht die gute zweispurige Route E-377-D plötzlich in den ungeteerten einspurigen Tunnel Las Palmas über. Ich bin auf der Ruta de los Túneles. Der  Tunnel Las Palmas hat eine Länge von ungefähr 966 Metern. Mit einer Höhe von 5,20 Metern und einer Breite von nur 4,20 Metern ist er extrem schmal. Da er einspurig ist und keine Ampelregelung besitzt, müssen sich Fahrer vor der Einfahrt durch Hupen oder Lichtsignale verständigen. Der Tunnel ist unbeleuchtet und im Inneren ist es feucht. Ursprünglich war er Teil der Red Longitudinal Norte, einer Eisenbahnstrecke, die den Norden Chiles mit dem Zentrum verbinden sollte. Er wurde um 1914 fertiggestellt. Im Jahr 2011 hat man den Tunnel zum Monumento Nacional (Nationaldenkmal) Chiles erklärt. Nach Einstellen des Eisenbahnbetriebs wurden die Gleise entfernt.
Túnel Curvo (Kurventunnel) auf der Ruta de los Túneles
Túnel Curvo (Kurventunnel) auf der Ruta de los Túneles
Nördlich des Ortes Caimanes folgt der ehemalige Eisenbahntunnel Recto. Er ist mit einer Länge von etwa 200 Metern deutlich kürzer als der Túnel Las Palmas. Wie sein Name „Gerader Tunnel“ schon sagt, verläuft er im Gegensatz zum nahegelegenen Túnel Curvo (Kurventunnel) schnurgerade. Das Mauerwerk besteht größtenteils aus Bruchstein und Ziegeln an den Portalen. Seit 2019 ist die Fahrbahn im Inneren des Tunnels asphaltiert, was die Durchquerung im Vergleich zu früher (Schotter und Schlaglöcher) erheblich erleichtert hat.  Wenig später passiere ich den Tunnel Curvo. Er ist das technisch anspruchsvollste Bauwerk der gesamten Tunnelstrecke zwischen Illapel und Tilama und etwa 230 Meter lang. Das namensgebende Merkmal ist eine S-Kurve im Inneren. Im Gegensatz zu den anderen Tunneln der Strecke kann man hier beim Einfahren nicht das Licht am anderen Ende sehen. Mit einer Breite von ca. 4,10 m ist er genauso schmal wie die anderen, wirkt aber durch die Kurve und die absolute Dunkelheit im Mittelteil deutlich enger. Ich hoffe, dass mir kein Fahrzeug entgegenkommt, denn rückwärts zurück möchte ich in dem dunklen, kurvigen Tunnel nicht fahren. Er wurde so konstruiert, dass die Dampflokomotiven der Longitudinal Norte den extrem steilen Hang in einer Kurvenfahrt bewältigen konnten, um den Höhenunterschied auszugleichen. Auch der Túnel Curvo wurde wie die anderen am 23. März 2011 zum Monumento Histórico erklärt. Der Túnel Curvo gilt unter Reisenden als wegen seiner Dunkelheit als der „unheimlichste“ der Gruppe. Und wenig später durchfahre ich den letzten der historischen Tunnel, den Tunel Las Astas. Mit einer Länge von 787 Metern ist er nach dem Túnel Las Palmas der zweitlängste Tunnel in diesem Abschnitt. Er wurde vorwiegend aus Bruchstein und Beton gefertigt und wurde um 1912 fertiggestellt. Obwohl er fast 800 Meter lang ist, ist er so gebaut, dass man das Licht der jeweils anderen Seite sehen kann.
Einer der historischen Tunnel auf der Ruta de los Túneles
Einer der historischen Tunnel auf der Ruta de los Túneles
In der Stadt Illapel kaufe ich in einem Supermarkt ein. Er liegt mitten im Zentrum und natürlich ist der Kundenparkplatz voll belegt. Ich muss mir also irgendwo in der Nähe etwas zum Parken suchen, was in dem quirligen Zentrum nicht einfach ist. Dann geht es weiter nach Norden. Die Ruta D-895 führt mich durch ein riesiges Minengelände. Die Piste durch das Gelände ist sehr breit und super glatt geschoben. Am nördlichen Ende der Mine geht die D-895 als einspurige kernige Piste steil aufwärts. Kein Fahrzeug begegnet mir im weiteren Verlauf. Die Passhöhe liegt auf 1687 Metern. Mittlerweile hat es sich stark bewölkt. Ursprünglich wollte ich auf der Passhöhe übernachten, aber der kräftige Wind ist ziemlich kalt. Also fahre ich auf der Nordseite des Passes noch ein Stück runter und finde schließlich ein großes ebenes, etwas windgeschütztes Gelände mit einem tollen Blick nach Norden. Der Sonnenuntergang taucht die Berge im Norden und Nordosten in ein rötliches und violettes Licht. Toll.

Die Region Norte Chico

Ich fahre seit Valparaiso durch die geografische Region Norte Chico (der „Kleine Norden“). Es beginnt ungefähr am Río Copiapó und erstreckt sich bis kurz vor Santiago de Chile. Als eine Art Pufferzone liegt es zwischen der lebensfeindlichen Atacama-Wüste im Norden und dem fruchtbaren Zentralchile um Santiago. Klimatisch und landschaftlich unterscheidet sich der Norte Chico deutlich von der Atacama:
Einsamer Übernachtungsplatz an der D-895 mit einem herrlichen Blick auf die Berge und den Sonnenuntergang
Einsamer Übernachtungsplatz an der D-895 mit einem herrlichen Blick auf die Berge und den Sonnenuntergang
Während die Atacama hyper-arid ist (fast gar kein Niederschlag), herrscht im Norte Chico ein ​semi-arides Steppenklima​. Der Niederschlag nimmt von Norden nach Süden stetig zu. Während in Copiapó am Nordrand des Norte Chico kaum 10 Millimeter Regen im Jahr fallen, sind es bei La Serena schon etwa 80–100 Millimeter. Regen fällt fast ausschließlich in den Wintermonaten von Juni bis August. Wie in der Atacama spielt der Küstennebel, der sogenannte ​Camanchaca, eine große Rolle, ist hier aber oft noch ausgeprägter und ermöglicht sogar kleine „Nebeloasen“ mit Waldstücken.
Ein markantes geografisches Merkmal sind die sogenannten Quer-Täler (​Valles Transversales​). Während die Atacama oft aus weiten, flachen Hochebenen und Salzpfannen besteht, wird der Norte Chico durch Gebirgsketten geprägt, die von den Anden bis zur Küste verlaufen. In diesen Tälern fließen Flüsse, die durch die Schneeschmelze der Anden gespeist werden. Diese Täler sind grün und fruchtbar, hier wird intensiv Landwirtschaft betrieben, insbesondere Weinbau für den chilenischen Traubenschnaps Pisco sowie Tafeltrauben und Papayas. Die Landschaft ist von Dornensträuchern, Hartlaubgewächsen und einer Vielzahl von Kakteenarten bedeckt. Nach seltenen Regenfällen im Winter verwandelt sich der Norden des Gebiets oft in das berühmte Blühende Desierto (​Desierto Florido​).
Südlich des Flusses Aconcagua (etwa auf der Höhe von Valparaís und Santiago) beginnt die ​Zona Central​. Hier ändert sich das Klima zu einem mediterranen Klima ähnlich wie in Italien oder Kalifornien. Die Niederschläge steigen auf 300–500 Millimeter pro Jahr, die Sommer sind trocken-heiß und die Winter mild-feucht.

Nach El Pangue am Rio Hurtado

Die einsame D-895 führt von einer Mine auf einen 1685 Meter hohen Pass
Die einsame D-895 führt von einer Mine auf einen 1685 Meter hohen Pass

Von meinem einsamen Übernachtungsplatz an der Ruta D-985 fahre ich lange abwärts. Die landschaftlich schöne Strecke ist nun in einem guten Zustand und lässt sich sehr gut fahren. In langgestreckten Kurven zieht sich die Piste entlang eines Steilhanges abwärts. Wieder treffe ich kein Fahrzeug, bis ich schließlich die geteerte Ruta-971 erreiche. Nach nur kurzer Fahrt biege ich erneut in eine ungteerte Piste ein. Sie erfüllt meine Erwartungen jedoch nicht, sie ist relativ breit und weist ein wenig Waschbrett auf. Daher wechsle ich bei nächster Gelegenheit auf die geteerte D-605 und folge ihr Richtung Norden. Ich. Ich erreiche Ovalle, das sich als eine sehr große Stadt entpuppt. Mehrere Versuche, Supermärkte anzufahren, scheitern immer an der Höhenbegrenzung der Zufahrten von 2,20 Metern. Schließlich gebe ich auf, im dichten Verkehrsgewusel macht das Suchen nach einem geeigneten Supermarkt keine Freude und so dringend brauche ich keine neuen Lebensmittel. Ich fahre entlang des ziemlich leeren Stausees Recoleta. Die Gegend scheint vom Weinanbau zu leben.  Schließlich biege ich in die winzige Ruta D-461 ab. Ich hoffe, dass mir kein Fahrzeug entgegenkommt, denn die Piste ist sehr schmal, auf einer Seite von einem Zaun und auf der anderen Seite entweder auch von Zäunen oder dem Hang begrenzt und mit nur sehr wenigen Ausweichstellen. Als die Piste nach Norden schwenkt, wird sie auf dem letzten Kilometer zu meinem Ziel sehr abenteuerlich. Kaum jemand scheint hier kürzlich mit einem Fahrzeug gefahren zu sein. Ich hoffe, dass die Piste nicht plötzlich an einer unbefahrbaren Stelle endet. An einigen Stellen sind auf der hangabwärtigen Seite Stücke aus der Fahrbahn gebrochen. Zudem wird sie auch noch an einer scharfen Kurve sehr steinig. Wenn ich hier rückwärts zurück müsste, würde ich Spaß bekommen. Dann erreiche ich mein Ziel, eine Oase am Rio Hurtado, die vermutlich El Pangue heißt. Der Fluss führt sogar Wasser, ich kann nur wenige Meter vom Wasser in einer richtigen Wüstenoase übernachten. Auf den Hängen wachsen hier nur Kakteen. Als Kontrast wirkt dazu die schmale grüne Zone um den Rio Hurtado. Es gibt sogar einige hohe Bäume. Ich nutze gleich das Wasser und wasche mir mit Hilfe der Akkudusche die Haare. Niemand ist hier, es ist herrlich mit dem plätschernden Wasser, dem Grün und der Ruhe. Später kommt auf dem schlechten Fahrweg eine Frau mit einem Kind und einem Rudel Hunde gelaufen. Keine Ahnung, wo die noch hingehen.

Von El Pangue am Río Hurtado zum Paso Tres Cruces

Wunderschöner Übernachtungsplatz an der Flussoase Rio Hurtado
Wunderschöner Übernachtungsplatz an der Flussoase Rio Hurtado

Bis 13 Uhr bleibe ich in meiner kleinen Flussoase am Rio Hurtado. Ich nutze das Wasser, um mich selber zu waschen und die angefallene schmutzige Wäsche zu waschen, und bis 13 Uhr wird sie sogar trocken. Niemand kommt vorbei, es ist total ruhig und friedlich. Ich fahre weiter auf der Ruta D-461 entlang des Rio Hurtado und bin froh, nicht die gestrige Strecke zurück zu müssen. Die letzten fünf Kilometer der Piste ab der Oase sind nun in einem viel besseren Zustand. Ich erreiche die D-595, sie hat hier den Beinamen „Ruta de las Estrellas“. Das heißt „Straße der Sterne“. Die „Ruta de las Estrellas“  ist kein einzelner fester Weg, sondern ein Konzept, das die weltweit besten Orte für Astrotourismus im Norden Chiles zusammenfasst. Die geteerte D-595 führt kurvenreich durch zahlreiche Dörfer aufwärts zur 2000 Meter hohen Passhöhe Tres Cruces. Bis zum letzten Dorf vor der Passhöhe geht es entlang des Rio Hurtado, der den Talgrund ergrünen lässt und eine bescheidene Landwirtschaft erlaubt. Am letzten Dorf vor der Passhöhe endet der Teerbelag.  Auf der Nordseite des Passes suche ich nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Schließlich zweigt an einem Gatter für Ziegen ein schmaler Fahrweg ab, der nicht in meiner Karte verzeichnet ist. Ich folge ihm zunächst zu Fuß und finde auf 1830 Metern Höhe einen sehr schönen Platz für die Nacht. Am Abend kommt im Dunkeln sogar noch ein Pickup vorbei und hupt freundlich.

66 Kilometer.
Auffahrt zum Paso Tres Cruces an der Ruta D-445
Auffahrt zum Paso Tres Cruces an der Ruta D-445
Mein Übernachtungsplatz ist mal wieder so schön, dass ich noch eine zweite Nacht hierbleiben werde.  Ich gehe zu Fuß den schmalen Fahrweg in die Berge hinauf. Der Weg zieht sich endlos aufwärts. Schließlich gebe ich in der Hitze auf und kehre um.  Drei kleine Bäumchen am Wegesrand spenden ein wenig Schatten, ansonsten gibt es hier keinen Schutz vor der intensiven Sonne.

Zur Caleta Totorallilo

Lange fahre ich auf guten Teerstraßen abwärts bis ich die große Stadt La Serena am Pazifik erreiche. Es geht weiter auf der Panamericana (Ruta 5) nach Norden. Bei der kleinen Ortschaft Totorallilo Norte finde ich einen Übernachtungsplatz unmittelbar am Meer. Da keine Urlaubssaison ist, bin ich ganz alleine am Strand. Leider ist die gesamte Landschaft in Küstennebel gehüllt.
Caleta Totorallilo an der chilenischen Pazifikküste
Caleta Totorallilo an der chilenischen Pazifikküste

In die Nähe des Punta Islote

Es war nicht anders zu erwarten, dass auch heute Morgen die Küste von hoch hängenden Wolken dominiert wird und die Sonne nicht durchdringt. Ich fahre weiter über die geteerte D-190 in Richtung Norden. Am Abzweig zum Fischerort Dschungugo wendet sich die Straße in die Berge zur Ruta 5. Es ist eine sehr schöne kurvenreiche Strecke. Schließlich endet der Teer und es geht auf einer guten Piste weiter. Bis auf 650 Meter über Meeresniveau schraubt sich die Straße in Kurven aufwärts. Oben sehe ich vereinzelt kleinere Minen im Gelände. Mit Erreichen der Höhe kommt plötzlich blauer Himmel. Die Panamericana verläuft auf 400 Metern Höhe durch eine riesige Ebene mit spärlicher Vegetation. Vor El Trapiche verlasse ich schon wieder die Ruta 5 und fahre erneut zurück zur Küste. Die Ruta D-110-C ist auch geteert. Sie führt über viele Kilometer unmittelbar entlang der Küste durch eine sandige Gegend. Am Meer liegen viele einfache Campingplätze, die natürlich jetzt außerhalb der Saison alle geschlossen sind. Die meisten haben fast keine Infrastruktur. Hier versucht die lokale Bevölkerung mit einfachen Mitteln etwas von dem chilenischen Touristenstrom während der Ferienzeit mitzunehmen. Die Straße wendet sich wieder vom Meer ab, um in einem Halbkreis weiter nördlich in die Ruta 5 einzumünden. Ich biege jedoch in die Piste C-469 ein, die mich erneut zum Meer bringt. Dort erstreckt sich ein riesiger Windpark.
4WD-Strecke entlang der Pazifikküste nach Huasco
4WD-Strecke entlang der Pazifikküste nach Huasco

An seinem nördlichen Ende geht die bisher gute und breite Piste in einen schmalen, sehr steinigen Weg über. Mein Ziel ist es, entlang der Küste bis Huasco zu fahren. Es gibt entlang dieser Strecke einige Einträge in iOverlander. Die älteren Einträge weisen auf einen schlechten Weg mit steinigen und sandigen Abschnitten hin. Ein Eintrag trägt dringend, nicht mit nur einem Fahrzeug die Strecke zu fahren. Ich werde sehen. Notfalls fahre ich wieder zurück. Nicht weit nach dem Ende des Windparks finde ich einen guten Platz für die Nacht unmittelbar am Meer und der Piste. Ein Pickup mit zwei jungen Chilenen fährt vorbei. Es sind Touristen aus Santiago, die hier in der Nähe übernachtet haben, jedoch nicht die Strecke von Huasco gekommen sind. Dahinter kommt noch ein Pickup mit zwei Männern, die entweder Fischer oder Tangsammler sind, denn an der weiten Bucht nördlich meines Standortes sehe ich einige einfache Behausungen. Der blaue Himmel ist mir erhalten geblieben. Der Wind ist zwar kühl, aber im Windschatten des Landcruisers kann ich gut draußen sitzen.

Nach Huasco

4WD-Strecke entlang der Pazifikküste nach Huasco
4WD-Strecke entlang der Pazifikküste nach Huasco
Nun beginnt eine laut Einträgen in der App iOverlander abenteuerliche Strecke entlang der Küste. Gestern hatte ich ja bereits ab dem Gelände mit den vielen Windrädern einen kurzen Einstieg in Form eines sehr steinigen Fahrweges, der nur eine Geschwindigkeit von 10 Kilometern pro Stunde erlaubte. So wird sich der Weg auch fortsetzen: Es bleibt steinig, es gibt Passagen mit rund geschliffenen, faustgroßen Kieselsteinen, über die es sich jedoch ziemlich gut fahren lässt. Unangenehmer sind die mit vielen spitzen Steinen durchsetzten Abschnitte. Sie ragen aus dem knochenharten sandigen Untergrund der Dirtroad heraus. Es ist nicht kaum möglich, diese Steine zu umfahren, insbesondere wenn sich gleich mehrere über die Fahrbahn verteilen. Ich komme an vielen kleinen und größeren Hütten von Tangsammlern vorbei. Der größte Teil der Strecke hat einen sandigen Untergrund. Es ist zwar kein richtig weicher Sand, aber immerhin bringt er den Landcruiser zum Schlingen. Eine Gefahr, sich festzufahren, besteht jedoch nicht. Mit 2WD möchte ich diese Strecke jedoch nicht ausprobieren. Immer wieder verzeigt sich die Piste. Manchmal treffen sich die Spuren wieder. Sie sind wahrscheinlich von den Tangsammlern angelegt worden. Einige dieser Spuren führen auch nur zu ihren einfachen Hütten oder zu ihren Sammelplätzen an die Wasserkante. Manche Spuren sind offensichtlich schon lange nicht mehr befahren worden. Ich versuche, immer die Wege mit den meisten Reifenspuren zu nehmen. Vor einigen Wegealternativen sollte man sich hüten, da sie entweder durch tiefen Sand führen oder steil auf- oder abwärts verlaufen.
Hütten von Tangsammlern am Pazifik südlich von Huasco
Hütten von Tangsammlern am Pazifik südlich von Huasco

Nach 20 Kilometern und ungefähr zwei Stunden Fahrzeit liegt das Abenteuer bereits hinter mir. Ich erreiche einen kleinen Hafen, wo eine gute, breite und feste Piste beginnt. Und nach einem weiteren Kilometer beginnt sogar eine Teerstraße und ich durchfahre einige sehr ärmlich aussehende Dörfer. Auf der Teerstraße komme ich natürlich gut voran. Beim Punta Alcalde biegt eine Piste zum Meer ab. Während die Teerstraße in einem Bogen über die Berge des Inlandes nach Huasco führt, verläuft die Piste entlang des Meeres. Ich versuche sie zu fahren und gerate auf eine zunehmend sandigere Strecke, die schließlich sehr steil hinunter zum Meer führt. Das Risiko, mich hier festzufahren, will ich nicht eingehen und kehre um. Ich bezweifle auch, falls ich unten angekommen, umkehren muss, hier wieder mit dem über drei Tonnen Landcruiser wieder hochzukommen. Also fahre ich zurück zur Teerstraße und erreiche über diese recht schnell den größeren Ort Huasco. Dort übernachte ich auf dem sogenannten „Atacama Glamp“, einem Campingplatz, der auch einige Hütten vermietet. Hier treffe ich den Südafrikaner Gerrie Bolink mit seiner Frau wieder. Sie fahren einen überlangen Landcruiser mit einem riesigen waagerechten Aufstelldach. Annette und ich haben sie bereits auf der Carretera Austral und in Santigao getroffen und ich bin ihnen zuletzt in Valparaiso im Café Marion Aleman begegnet. Welche Zufälle.

Huasco

Pelikane im Hafen von Huasco
Pelikane im Hafen von Huasco

Der Campingplatz „Atacama Glamp“ am Rande von Huasco ist schon speziell. In der Hauptsache besteht er aus einer riesigen Schotterfläche, an deren Rand zwei Hütten und drei Mietzelte stehen. Dann gibt es noch ein großes einstöckiges Gebäude mit einem gigantischen Aufenthaltsraum, der ohne nennenswerte Einrichtung ist. Zwei oder drei Tische mit Stühlen, zwei uralte Sofas und eine Küche verlieren sich in dem Raum, der vielleicht mal ein Restaurant beherbergte. Die immerhin vorhandene Küche für die Gäste ist, wie üblich, völlig chaotisch. Dreckiges Geschirr stapelt sich, angebrochene Essenspackungen stehen herum und auch ein Rudel Hunde lebt im Aufenthaltsraum. Der Duschraum ist für Südamerika ordentlich, die Duschen sind schön warm. Es gibt einen ganz guten Sanitärraum, der scheinbar aus einer Phase stammt, als man geplant hatte, die Anlage sehr ordentlich zu gestalten. Ein weiterer Sanitärraum ist hart an der Grenze des Nutzbaren. INicht zuletzt wegen der Duschen bleibe heute hier und gehe über einen Pfad hinunter zum nahen Strand und Leuchtturm. Von dort führt eine sehr ordentliche Promenade am Meer entlang bis zum kleinen Hafen. Unterwegs kehre ich im Coffee Craig’s ein, das guten Cappuccino haben soll. Für 3,80 Euro ist er stark und teuer. Ich esse noch einen Hamburger, der labberig ist und völlig ungewürzt zu sein scheint. Das Highlight des Ortes ist für mich der kleine Fischerhafen. Unmittelbar an einem kleinen Pier schwimmen viele Seelöwen herum und jagen gemeinsam Fische. Sie treiben in Teamarbeit die Fische in einem Kreis zusammen und fallen dann über sie her. Sie kommen bis unmittelbar an den Pier. Dort halten sich auch viele Pelikane auf. Sie sonnen sich auf den Steinen unterhalb der Uferpromenade und lassen mich bis auf zwei oder drei Meter heran. Fischer verkaufen Fisch und altersschwache Fischerkähne liegen im Hafengelände auf dem Trockenen. Es ist richtig urig und untouristisch. Am späten Nachmittag kommt sogar mal die Sonne raus.

Zum Parque Nacional Desierto Florido

Ich fahre über die geteerte Ruta C-10 ab Huasco entlang der Pazifikküste nach Norden. Während in Huasco sich die Sonne durch die Hochnebelschicht gearbeitet hat, gerate ich etwas weiter nördlich erneut in die tief hängenden Wolken. Zwischen 14 und 16 Grad zeigt das Thermometer außerhalb des Landcruisers an. Die leichte Brise vom Meer macht es nicht angenehm, draußen zu sitzen. Ich begegne nur ganz wenigen Fahrzeugen. Schließlich biege ich in die ebenfalls geteerte Ruta C-370 ab. Sie entfernt sich in nordöstlicher Richtung vom Pazifik. Kurz vor ihrer Einmündung in die Panamericana biege ich in eine grobe Piste nach Süden um einen Platz abseits der stärker frequentierten Straßen für die Nacht zu finden. Die Piste ist so holprig, dass ich den Luftdruck in den Reifen um 20 % reduziere. Danach wird das Gerappel etwas weniger. Ich passiere einige kleine Minen, die in einem Hang liegen. Schließlich erreiche ich eine große Ebene mit festem Untergrund, der es mir erlaubt, einige hundert Meter abseits der Piste einen Platz für die Nacht zu finden. Ich bin hier ganz alleine, auf der Piste fährt kein einziges Fahrzeug. Sie scheint ihre Existenz ausschließlich einer in den Boden vergrabenen Wasserleitung zu verdanken, die über einen sehr langen Weg das lebensnotwendige Nass transportiert.
Von Huasco zum Parque Nacional Desierto Florido
Von Huasco zum Parque Nacional Desierto Florido
Exkurs zur Atacama mit Google Gemini:
Die Atacama-Wüste gilt als die trockenste Wüste der Welt (außerhalb der Polargebiete). Sie erstreckt primär im Norden Chiles über ca. 1.000 bis 1.200 Kilometer entlang der Pazifikküste Südamerikas und ungefähr an der Grenze zwischen Peru und Chile nahe der Stadt Arica. Die Wüste endet etwa am ​Río Copiapó, wo sie allmählich in die semi-aride Zone Chile Chico übergeht. Im Westen wird sie durch das Küstengebirge und im Osten durch die gewaltige Mauer der Anden begrenzt.
Die jährliche Niederschlagsmenge in der Atacama liegt oft unter ​1 mm​ und ist damit hyper-arid. Ursache ist der kalte Humboldtstrom im Pazifik; er verhindert das Aufsteigen feuchter Luftmassen, während die Anden im Osten wie eine Barriere für Regenwolken aus dem Amazonasbecken wirken (Regenschatten). An der Küste gibt es im Winter oft dichten Nebel, der als einzige Feuchtigkeitsquelle für die Flora dient (Phänomen „Camanchaca“). Alle paar Jahre sorgt das Wetterphänomen El Niño für ungewöhnlich starke Regenfälle, die die Wüste in ein spektakuläres Blütenmeer verwandeln (​“Desierto Florido“).
Die Temperaturen sind stark von der Höhe und der Entfernung zum Meer abhängig. An der Küste ist es im Wommer mild und angenehm (ca. 20–25 °C) und im Winter oft kühl und neblig (ca. 15–18 °C). In der Hochebene (Altiplano) wird es im Sommer tagsüber 30 Grad Celsius heiß und nachts kühl wärend es im Winter tagsüber bei ca. 15 Grad klar ist und nachts extremer Frost bis minus 20 Grad auftreten kann. Ein wichtiger Aspekt ist der sogenannte ​“Bolivianische Winter“. Obwohl er im Südsommer (Januar/Februar) stattfindet, bringt er feuchte Luftmassen aus dem Amazonasbecken über die Anden. Dies führt in den Höhenlagen der Atacama zu Gewittern und sogar Schneefall, während es im Rest der Wüste trocken bleibt. Aufgrund der dünnen Luft in der Höhe und der Wolkenlosigkeit ist die UV-Strahlung hier eine der höchsten der Welt. In manchen Wetterstationen wurde in der gesamten Geschichte ihrer Aufzeichnung noch nie Regen gemessen.

Copiapó, Région de Atacama

Ich fahre in die große Stadt Copiapó und kehre dort ins Caffé La Nonna ein. Der Apfelsinenkuchen und der Cappuccino sind hervorragend. Daher esse ich zum Nachtisch noch einen Salat, der mir jedoch nicht so zusagt. Wie immer fehlt es an den Gewürzen. Olivenöl und Salz kann man selber beifügen, aber das bekommt man ja nachträglich nicht ordentlich gemischt. Zwei Stunden halte ich mich dort auf. Dann geht es weiter nach Osten über die Ruta 31. Ich möchte in den Hochanden einen Zirkel fahren, der durch eine sehr schöne Landschaft mit Salzseen führt. Wegen der Höhe mache ich einen Übernachtung- und Akklimatisationsstopp auf 2230 Metern. Nach Einbruch der Dunkelheit fahren noch sehr viele schwere Lastwagen vorbei. Eine Kette aus zwanzig Tanklastern kriecht zur Mine hinauf, alle für den Fall der Fälle mit einem Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Sie pendeln zwischen Copiapó und einer riesigen Mine, die weiter oben in den Bergen liegt. Zum Glück stehe ich in immerhin 100 Meter Abstand zur Straße. Ab 20 Uhr endet der Schwerverkehr.
150 Kilometer, 2240 Meter Höhe.

Circuito Seismiles

Ich fahre einen Teil des sogenannten Circuito Seismiles. Dazu eine Info aus Google Gemini:
Der Circuito Seismiles (oft auch als Ruta de los Seismiles bezeichnet) ist eine spektakuläre, hochalpine Abenteuer- und Expeditionsroute im Norden Chiles (Region Atacama), die durch eine der am höchsten gelegenen Vulkanlandschaften der Erde führt. Der Name leitet sich von den über 15 Berggipfeln und Vulkanen ab, die in dieser Region die magische Grenze von 6.000 Höhenmetern überschreiten. Die Route verläuft in der extrem trockenen Hochebene der Puna de Atacama direkt an der Grenze zwischen Chile und Argentinien. Der chilenische Hauptzugang führt von der Wüstenstadt Copiapó hinauf in die Anden und folgt im Wesentlichen der internationalen Passstraße zum Paso San Francisco.
Im Umfeld der Rundfahrt liegen der Nevado Ojos del Salado. Er ist mit 6.893 Metern der höchste aktive Vulkan der Erde und der höchste Berg Chiles. Es seien noch genannt: Nevado Tres Cruces (6.749 m), Incahuasi (6.615 m), Volcán San Francisco (6.018 m)
Die Route durchquert den rauen Nationalpark Nationalpark Nevado Tres Cruces, der für seine artenreichen, hochandinen Ökosysteme bekannt ist. Trotz der extremen Aridität gibt es hier tiefblaue und türkisfarbene Salzseen wie die Laguna Santa Rosa und die Laguna Verde. Letztere liegt auf über 4.300 Metern und bietet natürliche, heiße Thermalquellen direkt an ihrem Ufer. Trotz der Lebensfeindlichkeit der Höhe sieht man hier regelmäßig Flamingos, Vicuñas und Guanakos.
Ruta 31 auf dem Circuito Seismiles
Ruta 31 auf dem Circuito Seismiles

Ich fahre über die Ruta 31 in Richtung Osten. Ein kurzer Abschnitt der Straße ist nicht geteert, da es hier entlang von steilen Felsen geht. Dann folgt überraschend ein grünes Tal, in dem Indios mit ihren Tieren leben. Viele Esel und Pferde grasen auf dem grünen Talboden. Endlich sehe ich am Ende einer abzweigenden Stichstraße die Mine, die das Ziel des vielen Schwerverkehrs ist. Eine gigantische Staubwolke liegt über dem Gelände der Mine. Ich fahre bis auf 4340 Meter hinauf. Bereits vor der Passhöhe endet der Teerbelag. Vom Pass sehe ich im Osten die beeindruckenden Cerros de Incahuasi. Das Bergmassiv umfasst mehrere Gipfel mit einer Höhe von bis zu 5704 Metern. Dann geht es von der Passhöhe 700 Höhenmeter hinab auf 3600 Metern in die riesige Ebene Punta de Atacama. Ich sehe den ersten Salzsee, den Salar de Maricunga. An der Salzfläche teilt sich die Straße, die Ruta 31 führt weiter nach Argentinien über den Paso de San Francisco. Hier biege ich jedoch in die C-173 nach Norden ein. Meine fehlende Akklimatisation erlaubt es mir nicht, mich länger als heute in dieser Höhe aufzuhalten, geschweige denn hier zu übernachten. So sehe ich nur einen kleinen Teil der spektakulären Landschaft. Die C-173 führt mich endlos durch die Punta de Atacama. Sie ist von hohen Bergen umgeben. Auch hier sehe ich Aktivitäten von Minengesellschaften.

Das Gebirgsmassiv Cerros de Incahuasi ist bis zu 5700 Meter hoch
Das Gebirgsmassiv Cerros de Incahuasi ist bis zu 5700 Meter hoch
In der gigantischen Ebene weht ein starker Wind. Während es drinnen im Landcruiser hinter den Scheiben richtig warm wird, muss ich draußen mehrere Jacken übereinander tragen. Schließlich erreiche ich den Abzweig zu den Lagunas de Pedernales. Dorthin führt eine 20 Kilometer lange üble Wellblechpiste. Um dem Wellblech auszuweichen, hat sich die Piste in dem ebenen, harten Wüstengelände immer mehr verbreitet. Sie ist sicher mehr als 100 Meter breit und trotzdem besteht sie auf der gesamten Breite nur aus Wellblech. Je öfter einzelne Fahrspuren verwendet werden, umso weicher wird der Untergrund. Ich schaffe die 20 Kilometer in einer halben Stunde. Es sind keine anderen Besucher hier. Vom Parkplatz sind zu den Lagunen noch einige Kilometer zu gehen.
Wellblechpiste zu den Lagunas de Pedernales
Wellblechpiste zu den Lagunas de Pedernales

Nach noch nicht mal einem Kilometer merke ich, dass meine mangelhafte Akklimatisation für diese Höhe von 3500 Metern nicht ausreicht. Ich befürchte, Kreislaufprobleme zu bekommen, wenn ich den ganzen Weg mache. Also kehre ich um und fahre die selben 20 Kilometer zurück zur C-173. Im Fahrzeug macht mir die Höhe bisher keine Probleme.

Großer Salzsee bei den Lagunas de Pedernales
Großer Salzsee bei den Lagunas de Pedernales

Auf meinem Weg nach Westen durchfahre ich erneut ein grünes Tal, in dem sehr viele Esel weiden. Die C-173 geht noch einmal auf 3650 Meter hoch und dann in Serpentinen über 1000 Höhenmeter abwärts. Unten im Tal finde ich auf 2280 Meter Höhe einen Übernachtungsplatz in einem engen Tal.

Abfahrt auf der Ruta C-13 von einem 3650 Meter hohen Pass
Abfahrt auf der Ruta C-13 von einem 3650 Meter hohen Pass

Abwärts nach Chañaral an der Pazifikküste

Tiefer Taleinschnitt mit der Ruta C-13
Tiefer Taleinschnitt mit der Ruta C-13
Erst um 10 Uhr kommt die Sonne über die hohen Sandsteinwände des tiefen Tals bis zu meinem Übernachtungsort hinunter. Ich fahre weiter durch das Tal mit der Quebrada Cienaga abwärts. Der Fluss führt natürlich kein Wasser. Es ist jedoch durch das Tal ein Rohr aus Kunststoff verlegt, in dem ich Wasser fließen höre. Also muss man irgendwo weiter oberhalb Wasser gewinnen können. Eine alte Eisenbahnstrecke verläuft auch durch das Tal. Sie heißt Ferrocarril de Potrerillos und ist nicht mehr in Betrieb. Teilweise fehlen die Schienen oder die noch an Bohlen hängenden Schienen hängen irgendwie tragisch verdreht in der Luft. Erdrutsche haben die Schienen teilweise zugeschüttet. Von meinem Übernachtungsplatz sehe ich im Talgrund die Schienen und auch hoch oben im Steilhang die Eisenbahnstrecke. Sie führt zunächst weiter aufwärts entlang der C-13 bis Montandon und windet sich dann in einer sehr kühnen Konstruktion durch den Steilhang hinauf zur Kupfermine Potrerillos. Dazu Informationen aus Gemini:
Die stillgelegte Eisenbahnstrecke, die entlang der Ruta C-13 und durch das Gebiet der Quebrada Ciénaga führt, gehört historisch zum Ferrocarril de Potrerillos. Sie wurde primär für den Kupferbergbau gebaut und genutzt.
Die Strecke wurde zwischen 1916 und 1919 von der Andes Copper Mining Company (später verstaatlicht und Teil von CODELCO) errichtet. Ihr Hauptzweck war es, die abgelegene Kupfermine und die Schmelzhütte von Potrerillos, die auf fast 3.000 Metern Höhe liegt, logistisch zu erschließen.
 Bergauf erfolgte die Versorgung der Mine durch den Transport von schweren Maschinen, Baumaterialien, Lebensmitteln, Wasser und vor allem Schwefelsäure für die Metallurgie.
Talwärts wurde das in der Mine produzierten Kupfer zum Bahnhof Pueblo Hundido (heute Diego de Almagro) transportiert. Von dort aus waren die Schienen mit dem restlichen Staatsbahnnetz und der Strecke zum Hafen Barquito bei Chañaral verbunden, wo das Kupfer verschifft wurde.
Die Schmalspurstrecke mit einer Spurweite von 1.000 mm galt als ingenieurstechnische Pionierleistung, da sie sich durch extrem steiles, zerklüftetes Wüstengelände und tiefe Schluchten wie das System der Quebrada Asientos und Quebrada Ciénaga winden musste. Eine markante Zwischenstation im Tal ist Llanta, während weiter oben die Station Montandon liegt, benannt nach dem Ingenieur James Montandon, der während der Bauarbeiten bei einem Unfall ums Leben kam.
Als die Erzvorkommen in Potrerillos in den 1950er Jahren zur Neige gingen, wurde die Förderung in die nahegelegene offene Mine El Salvador verlegt. Die Schmelzhütte in Potrerillos blieb jedoch aktiv. Der Betrieb auf der spektakulären Bahnstrecke hinauf nach Potrerillos wurde nach schweren Unwettern und aufgrund der zunehmenden Verlagerung des Transports auf LKWs in den vergangenen Jahrzehnten schrittweise eingestellt.
Heute sind die verlassenen Gleise, Brückenruinen und alten Stationsgebäude ein beeindruckendes, stilles Industriedenkmal inmitten der kargen Atacama-Prekordillere.
Historische Eisenbahn Ferrocarril de Potrerillos
Historische Eisenbahn Ferrocarril de Potrerillos

In Landa erreiche ich die ehemalige Zwischenstation der Ferrocarril de Potrerillos. Hier sieht man noch einige Waggons, Wasserspeicher für die Dampflokomotiven und Häuser für die Arbeiter. Alles ist nun aufgegeben und dem Verfall preisgegeben. Allmählich weitet sich das Tal, bis ich den Wüstenort Diego de Almagro erreiche. Er scheint ausschließlich von den Minengesellschaften zu leben. Überall sehe ich Fahrzeuge der Minengesellschaften fahren und stehen. Es gibt im Zentrum sogar eine Straße mit Schatten spendenden Bäumen und Bänken. Woher der Ort sein Wasser bezieht, bleibt mir zunächst ein Rätsel, bis ich Google Gemini frage:

Die Wasserversorgung der Stadt Diego de Almagro (sowie des nahegelegenen Ortes El Salado) in der extrem trockenen Atacama-Wüste ist eine logistische und technische Herausforderung. Das Trinkwassernetz, das heute vom regionalen Betreiber Nueva Atacama verwaltet wird, speist sich aus einer Kombination aus natürlichen Quellen, industriellen Zulieferungen und moderner Aufbereitungstechnologie.
Die drei Hauptsäulen der Wasserversorgung sind:
1. Natürliche Quellen und Brunnen (La Finca & Quebrada Asiento)
Ein erheblicher Teil des Rohwassers stammt aus unterirdischen Vorkommen und fernen Tälern, die über lange Rohrleitungen in die Stadt transportiert werden:
– Sector La Finca: Hierbei handelt es sich um ein wichtiges ländliches Brunnen- und Quellgebiet südlich bzw. südöstlich der Gemeinde. Das dort gewonnene Wasser hat von Natur aus eine vergleichsweise gute Qualität. Es entspricht in vielen Parametern bereits den chilenischen Standards für menschlichen Verzehr und muss vor allem desinfiziert (chloriert) und fluoriert werden.
– Quebrada Asiento: Auch aus diesem nordöstlich gelegenen Schluchtensystem wird natürliches Wasser zugeführt.
2. Industrielles Brackwasser von CODELCO
Zusätzlich zu den eigenen Brunnen erhält das städtische Netz Wasserimporte von der staatlichen Minengesellschaft CODELCO (aus den Bergbaubetrieben der nahegelegenen Mine El Salvador). Dieses Wasser wird über weite Strecken aus den höher gelegenen Kordilleren herabgeleitet. Das Problem: Dieses „Rohwasser“ ist stark salz- und mineralhaltig. Es überschreitet im natürlichen Zustand die Grenzwerte für Sulfate, Chloride, Arsen und die Gesamthärte (Total Dissolved Solids, TDS) deutlich und ist als reines Quellwasser absolut ungenießbar.
3. Aufbereitung durch Umkehrosmose (Ósmosis Inversa)
Weil das von CODELCO gelieferte Wasser und Teile des regionalen Grundwassers so stark mineralisiert sind, betreibt der Versorger in Diego de Almagro eine eigene Umkehrosmose-Anlage.
In dieser Anlage wird das salz- und mineralstoffreiche Wasser unter hohem Druck durch Filtermembrane gepresst, um Schwermetalle, Arsen und Salze fast vollständig abzutrennen. Das so gereinigte, fast destillierte Wasser wird anschließend mit dem saubereren, natürlichen Wasser aus La Finca und Quebrada Asiento gemischt.
Durch dieses Mischverhältnis stellt die Stadt sicher, dass am Ende ein stabiler und für die Bevölkerung sicherer Durchfluss in den zentralen Speichertanks ankommt, der der chilenischen Trinkwassernorm (NCh 409) entspricht.
In Diego de Almagro kaufe ich in kleinen Lebensmittelgeschäften ein und esse unter den Schatten spendenden Bäumen zu Mittag. Im weiteren Verlauf wird das Tal extrem breit. Nicht weit westlich meines Übernachtungsplatzes heißt der Fluss Río Salado. So nennt sich der Fluss bis zu seiner Mündung in den Pazifik bei Chanaral. Wasser führt er nur an ganz wenigen Stellen. Zeitweise scheint er jedoch sehr viel Wasser zu führen. Die Straße ist nirgends in die weite Ebene mit dem Fluss gebaut. Hier ist die Erklärung von Google Gemini:
Der Río Salado (der bei Chañaral in den Pazifik mündet und an Diego de Almagro vorbeiführt) ist ein sogenannter intermittierender bzw. ephemerer Fluss. Das bedeutet, er führt die meiste Zeit des Jahres überhaupt kein sichtbares Oberflächenwasser und sein Flussbett liegt komplett trocken.
Es gibt jedoch zwei ganz unterschiedliche Szenarien, in denen der Río Salado Wasser führt:
1. Das normale „Grundrauschen“: Künstliche Einspeisung und minimale Rinnsale
Im Alltag sieht man im Flussbett bei Diego de Almagro oder weiter oben bei Llanta höchstens ein winziges, stark salziges Rinnsal oder feuchte, weiße Salzkrusten.
Dieses minimale Wasser stammt teilweise aus hochandinen Quellen (wie dem Río La Ola), wird aber seit Jahrzehnten massiv durch die Industrie reguliert.
Die Minengesellschaften (CODELCO / El Salvador) fangen das saubere Bergwasser weit oben ab. Weiter unten wurden historisch auch industrielle Abwässer und geklärte Rückstände (Relaves) eingeleitet. Als natürlicher, fließender Fluss existiert er im Alltag schlichtweg nicht.
2. Die gefährliche Ausnahme: Der „Bolivianische Winter“ (Invierno Altiplánico)
Wasser im eigentlichen, teils katastrophalen Sinne führt der Fluss nur bei extremen, seltenen Wetterereignissen. Das passiert meistens in den Sommermonaten zwischen Januar und März.
Wenn in den hohen Anden (auf über 4.000 Metern) durch den sogenannten Altiplano-Winter heftige, tropische Regenfälle niedergehen, können die ausgetrockneten Böden der Wüste das Wasser nicht aufnehmen.
Das Wasser schießt dann durch die steilen Kordilleren-Schluchten (wie die Quebrada Juncalito oder Quebrada Asientos) nach unten und sammelt sich im Bett des Río Salado.
Das tückische Phänomen (Aluvión): Da das Wasser auf seinem Weg enorme Mengen an Wüstensand, Geröll, Steinen und Schlamm mitreißt, verwandelt sich der trockene Fluss innerhalb von Stunden in einen zerstörerischen Schlammstrom (Aluvión oder Crecida).
Historische Katastrophen: Genau dieses Phänomen führte im März 2015 (und in geringerem Maße noch einmal 2017) zu einer Jahrhundertkatastrophe. Damals stieg die Isotherme (die Frostgrenze) extrem an, sodass es selbst in den höchsten Berglagen regnete statt schneite. Der Río Salado schwoll von Null auf über 1.000 Kubikmeter pro Sekunde an und spülte eine gigantische Schlammlawine direkt durch das Zentrum von Diego de Almagro, El Salado und Chañaral.
Auch in Chañaral frage ich mich, wie man hier an Trinkwasser gelangt, da es keinen sichtbaren, zurzeit wasserführenden Fluss sieht. Google Gemini sagt dazu:
Die Stadt Chañaral in der extrem trockenen Atacama-Region bezieht ihr Trinkwasser heute zu einem Großteil aus einer hochmodernen, künstlichen Quelle: entsalztem Meerwasser.
Da die natürlichen Grundwasservorkommen und Flussläufe in der Region (wie das Copiapó-Tal) durch die jahrelange Dürre und den intensiven Bergbau stark übernutzt oder versiegt sind, musste die Wasserversorgung komplett umgestellt werden.
Die heutige Versorgung stützt sich im Wesentlichen auf folgendes System:
1. Die Hauptquelle: Die Planta Desaladora de Atacama
Chañaral ist an die Planta Desaladora de Atacama angeschlossen (betrieben vom regionalen Wasserversorger Nueva Atacama). Die Anlage befindet sich weiter südlich an der Küste im Sektor Punta Zorro in der Gemeinde Caldera. Dort wird über tiefe Unterwassertunnel pazifisches Meerwasser angesaugt und mittels Umkehrosmose gereinigt und entsalzt. Anschließend wird das Wasser mineralisiert, um den chilenischen Trinkwasserstandards (Norma NCh409) zu entsprechen. Nach der Aufbereitung wird das fertige Trinkwasser über ein massives, kilometerlanges Pipelinesystem mit mehreren Pumpstationen entlang der Küste nach Norden bis nach Chañaral (sowie ins Landesinnere nach Copiapó und Tierra Amarilla) gepumpt.
2. Ergänzung durch Brunnenwasser (historische Versorgung):
Vor der Inbetriebnahme der großen Meerwasserentsalzungsanlage (die Anfang 2022 offiziell eingeweiht wurde) war Chañaral vollständig von kontinentalen Quellen abhängig. Dazu gehörten vor allem tiefere Brunnen und Aufbereitungsanlagen (Plantas de Tratamiento de Agua Inundación / PTOI) im Copiapó-Becken. Ein kleinerer Teil des Wassers kann je nach Netzsteuerung und Auslastung auch heute noch aus diesen traditionellen Grundwasserleitern beigemischt werden, um den Bedarf der Region zu decken. Die Versorgung wird jedoch zunehmend vom Meerwasser dominiert.
Durch diese Umstellung auf entsalztes Meerwasser ist Chañaral heute eine der wenigen Wüstenstädte Südamerikas, deren Trinkwasserversorgung trotz der extremen Aridität der Atacama-Wüste für die kommenden Jahrzehnte als relativ krisensicher gilt.
Die Meerwasserentsalzung per Umkehrosmose gilt weltweit als extrem energieintensiv, da das Wasser mit massivem Druck (oft zwischen 60 und 80 bar) durch mikroskopisch feine Membranen gepresst werden muss, um das Salz abzutrennen.
Um diesen Prozess in einer der trockensten Regionen der Erde ökologisch und ökonomisch tragbar zu machen, setzt Chile bei der Planta Desaladora de Atacama auf zwei wesentliche Säulen: 100 % grüne Energie und modernste Energierückgewinnung.
Die Atacama-Wüste verfügt über die weltweit höchste Sonneneinstrahlung, und die chilenische Küste bietet sehr beständige Winde. Diesen geografischen Vorteil nutzt die Anlage konsequent aus: Der Betreiber der Anlage (Econssa / Nueva Atacama) hat die Stromversorgung komplett an den Energiekonzern ACCIONA vergeben. Dieser garantiert vertraglich, dass die Desaladora zu 100 % mit erneuerbaren Energien (Solar- und Windkraft) betrieben wird. Der Strom stammt aus dem chilenischen Verbundnetz, in das Großkraftwerke einspeisen. Erzeugt wird der Strom unter anderem in den riesigen Photovoltaikanlagen und Windparks, die ACCIONA in Chile betreibt.
Neben der Herkunft des Stroms ist die Effizienz der Anlage entscheidend. Früher fraßen Entsalzungsanlagen riesige Mengen Strom. Die Anlage in Caldera gehört jedoch zu den modernsten und effizientesten in ganz Südamerika:
Wenn das Meerwasser mit hohem Druck durch die Filtermembranen gepresst wird, bleibt ein Teil als extrem salzhaltiges Restwasser zurück. Dieses Restwasser steht immer noch unter enormem Druck. Die Anlage nutzt sogenannte Druckaustauscher. Diese High-Tech-Keramikrotoren übertragen den Druck des abfließenden Abwassers direkt auf das neu einströmende frische Meerwasser. Durch dieses „Recycling“ des hydraulischen Drucks spart die Anlage jährlich fast 30 Gigawattstunden Strom ein. Um einen Kubikmeter Trinkwasser zu produzieren, benötigt die Anlage heute weniger als 2,8 kWh. Zum Vergleich: Das ist kaum mehr Strom, als ein moderner Haushalts-Wäschetrockner für einen einzigen Trockengang benötigt. Während die eigentliche Entsalzung dank der Druckaustauscher energetisch optimiert ist, darf ein zweiter Faktor nicht unterschätzt werden: Das Wasser entspringt in Caldera auf Meereshöhe, muss aber über weite Strecken entlang der Küste nach Norden (nach Chañaral) und ins Landesinnere transportiert werden. Das permanente Pumpen des Wassers durch die Pipelines erfordert ebenfalls erhebliche elektrische Energie, die jedoch in die Gesamtbilanz des regionalen grünen Stromkonzepts eingegliedert ist.
Ich fahre noch 20 Kilometer bis zur Playa Los Amarillos, einem riesigen Sandstrand. Unmittelbar oberhalb des einsamen Strandes finde ich einen Übernachtungsplatz abseits der Straße mit Blick über den ganzen Strand.
Playa Los Amarillos
Playa Los Amarillos

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