Auf dem Eurovelo 4 nach Prag (Teil 2)

Rund 380 km sind wir von Bad König im Odenwald zum Main und dann flussaufwärts sehr bequem bis Bamberg geradelt. Nun warten noch rund 500 Kilometer auf dem Eurovelo 4 bis Prag auf uns. Es wird anstrengend

Unsere Route von Bamberg nach Prag auf dem Eurovelo 4

Von Bamberg nach Bad Staffelstein (53 km)

Nach dem faulen Tag in Bamberg kommen wir um 10.30 Uhr los, denn bis 9 Uhr regnet es kräftig. Und natürlich bleiben wir schon nach wenigen Kilometern wieder in der Bamberger Altstadt in unserem Lieblingscafe „Zuckerstückchen“ hängen. Jetzt scheint sogar die Sonne, so dass wir draußen bei köstlichen Käsekuchen sitzen können und die zahlreichen Besuchergruppen an uns vorbei ziehen lassen.

Auf dem uns schon bekannten Weg radeln wir rund 10 Kilometer zurück zum Mainradweg, der nun strikt nach Osten führt. Wieder einmal haben wir Glück, denn so schiebt uns der kräftige Westwind vor sich her.

Vom nun sehr schmalen Main sehen wir nur selten etwas. Statt dessen radeln wir über Feldwege von einem Ort zum nächsten. Auffällig ist, dass nun die Dörfer wesentlich schmuckloser und zweckmäßiger aussehen. Oberfranken ist auch über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands noch immer ein strukturschwacher Raum. Hier treffen wir auch nur noch wenige Tourenradler, die meisten scheinen in Bamberg zu starten.

Rathaus Bad Staffelstein

Am frühen Nachmittag sind wir nach ca. 50 km in Bad Staffelstein. Der nächste Ort mit Campingplatz wäre rund 45 Kilometer entfernt. Das ist uns für heute zu viel. Die Innenstadt von Bad Staffelstein vermittelt einen ziemlich deprimierenden Eindruck, denn der größte Teil der Einzelhandelsläden und Lokale steht leer. Wir kehren in ein Eiscafé ein und fühlen uns schlagartig 50 Jahre jünger, da die plüschig-angestaubte Einrichtung aus den seligen 1970er Jahren original erhalten ist. Außerhalb des Ortes gibt es ein Solethermalbad mit Kurklinik und direkt daneben einen großen Campingplatz, der überwiegend von Dauercampern belegt ist. Umgeben von Wohnwagen in Vorgärten mit Jägerzaun und Gartenzwergen schlagen wir unser Zelt auf.

Von Bad Staffelstein nach Bischofsgrün (95 km)

Puh, was für eine Etappe. Den ganzen Tag über ist das Wetter sonnig, doch ein kräftiger Wind bläst uns entgegen. Am Vormittag kreuzen wir im recht breiten Maintal durch die Felder. Den Fluss sehen wir selten, er ist zu einem breiten Bach geschrumpft. Die berühmten Barockkirchen Vierzehnheiligen und Kloster Banz lassen wir unbeachtet liegen. Zum einen sind wir keine Liebhaber des in Gold und Schnörkeln schwelgenden Barocks, außerdem finden jetzt am Sonntagmorgen Gottesdienste statt und dann ist eine Besichtigung nicht möglich und dann liegen beide Kirchen ja auch noch noch oben auf dem Berg. Ja, wir geben es ja zu. Der letzte Punkt ist der ausschlaggebende.

Ab und zu verlässt der Radweg den Talgrund. Dann gibt es kurze, aber knackige Steigungen von 13%, die unbarmherzig zeigen, dass unsere Kondition auch nach einer Woche im Sattel noch deutlich ausbaufähig ist. Auch sind nun längere Strecken nicht asphaltiert, sondern verlaufen auf Schotter oder Waldwegen, was aber auch sehr schön ist.

Am Nachmittag rollen wir durch Kulmbach. Die mächtige Festung, das Wahrzeichen der mittelalterlichen Stadt, ist schon von weitem zu sehen. Ebenso wie die bekannte Kulmbacher Brauerei. Kurz vor Kulmbach teilt sich der Main in den Roten Main, der von Bayreuth kommt und den Weißen Main, der bei Bischofsgrün im Fichtelgebirge entspringt.

Wir folgen dem Weißen Main und es geht nun spürbar stetig bergauf. In Bad Berneck, einem kleinen und ziemlich trostlosen Kurort, gibt es noch an späten Nachmittag eine Rast in einem Eiscafé, das noch uriger ist als das gestrige. Das Lokal gleicht einer Rumpelkammer mit dem Sammelsurium der letzten 60 Jahre. Hier bedient der hochbetagte italienische Eismacher selber. Der spindeldünne Mann kann kaum noch laufen, kreiert die Eisbecher jedoch mit Liebe und Grandezza. Ein echtes Erlebnis.

Nach Bad Berneck führt die Radroute am Weißen Main hinauf ins Fichtelgebirge. Es geht sehr schön durch dichten Nadelwald, der Fluss ist nun ein Gebirgsbach, der munter über Felsen strömt. Hier sehen wir den Main zum letzten Mal. Am Ochsenkopf oberhalb von Bischofsgrün liegt die Quelle des Weißen Main, die aber nur zu Fuß erreichbar ist.

Der Weiße Main vor Bischofsgrün

Es ist schön, einem Fluss über seine ganze Länge zu folgen und zu sehen, wie er sich verändert. Interessant aber auch die Veränderung der Landschaft und Orte. Im milden Klima des Maintal in Unter-und Mittelfranken mit seinen Weinbergen und blumengeschmückten, idyllischen Orten spürt man so etwas wie schon südländische Lebensfreude. Es gibt gute Cafés und gemütliche Lokale, die Leute sind freundlich und aufgeschlossen. Hier im klimatisch rauhen Oberfranken, das auch als Bayerisch-Sibirien bezeichnet wird, findet man als dies nicht. Die Orte sind eher schmucklos-zweckmäßig und auch die “Ureinwohner” kommen eher etwas einsilbig daher.

Bischofsgrün

Gott sei Dank rollen wir nach Bischofsgrün auf einer ehemaligen Bahntrasse, so dass die durchgehend 2 bis 3 Prozent Steigung auf den folgenden 12 km erträglich ist. Trotzdem geht die Strecke in die Knochen. Kurz vor Bischofsgrün verlassen wir den Bahnradweg und müssen noch einmal ca. 2 km steil hinauf bis in den Ort. Das kostet die letzten Kraftreserven, bis wir auf 700 m Höhe ankommen. Kurz nach 18.00 Uhr erreichen wir ziemlich platt nach 95 km den Gasthof Jägerhof gegenüber der Ortskirche. Ein gutes Abendessen im Biergarten haben wir uns wirklich verdient, danach eine Dusche, Blog hochladen und schlafen.

Von Bischofswiesen nach Cheb/Eger (55 km)

Heute wartet eine sehr schöne Etappe auf uns. Das Frühstück im Jägerhof ist gut und wird ausgiebig genossen. So kommen wir später los als sonst und direkt nach dem Ort geht es auch schon steil hinauf in den dichten Nadelwald. Es nieselt und der Wald duftet herrlich würzig. Rund 100 Höhenmeter müssen wir hinauf bis zur höchsten Stelle unserer Tour auf 800 Metern, danach geht’s nur noch bergab. Bis dahin drücken Regenschauer, ständiges Rauf und Runter und eine heftige Steigung mit 13 % das Tempo. Für die nur 10 km bis Fichtelsee brauchen wir mehr als eine Stunde. Bis zum Campingplatz Fichtelsee an dem wunderschönen Waldsee mit einem Hochmoor hätten wir es gestern nicht mehr konditionsmäßig geschafft.

Fichtelsee

Danach sausen wir auf gutem Waldweg mühelos 5 km bergab bis Treuchtau. Das macht Spaß. Ab Treuchtau radeln wir bis zum Weiler Neuenreuth auf dem „Bayerisch-Böhmischen Brückenradweg“, einer stillgelegten Bahntrasse, die uns etliche Höhenmeter erspart. In Wunsiedel wird ein kräftiger Regenguss mittags in einem trostlosen Café ausgesessen. Danach wird der Nachmittag sonnig und warm. Der kräftige Westwind schiebt uns gut, so macht die Fahrt durch die hügeligen Felder und Wälder dieser sehr beschaulichen, ruhigen Gegend richtig Spaß. Hinter Neuenreuth warten allerdings einige Steigungen auf uns.

Ein lost-place ist die große leerstehende Fabrik der einstigen berühmten Porzellanmanufaktur in Arzberg, eine etwas gespenstische Atmosphäre. Dann kommen wir auch schon mitten im Nirgendwo auf einem sumpfigen Feldweg nach Tschechien. Nur ein Blechschild weist darauf hin, dass wir nun Deutschland verlassen haben. Wären doch überall die Grenzen so unspektakulär und friedlich – eine Illusion, denn der Eurovelo 4 endet in der heute kriegsgeplagten Ukraine in Kiew.

Weiter geht’s durch Felder und die letzten Kilometer bis Cheb weniger schön auf dem Seitenstreifen einer Landstraße, wo sehr schnell gefahren wird. Kurz vor Cheb biegen wir ab zum Campingplatz Podhori am Ufer des Stausees Skalka. Die negativen Bewertungen auf Google können wir nicht nachvollziehen, denn der Platz liegt sehr schön und ruhig und die Sanitäranlagen mit sozialistischen Charme sind zwar alt, aber sauber und funktionieren gut.

Von Cheb/Eger nach Karolvy Vary/Karlsbad (70 km)

Heute ist ein echter heißer Sommertag. Morgens gibt es am Zelt nur einen Tee, dann rollen wir die 5 km entlang des Flusses Eger bis ins Zentrum von Cheb.

Cheb

Rings um den großen Marktplatz gibt es viele barocke Häuser zu bewundern, alle vorbildlich restauriert. In einer Bäckerei am Markt genießen wir ein üppiges Frühstück. Es ist einfach nur schön, in dieser prächtigen Kulisse in der Sonne zu sitzen, guten Kuchen zu genießen und die zahlreichen Schwalben zu beobachten, die mit lautem Kreischen ihre Runden drehen. Über die tschechischen Preise können wir nur staunen: für 4 Cappuccino und 8 Hefeteilchen (mein Gott, sind wir verfressen) und noch ein großes Roggenbrot zum Mittag zahlen wir ungefähr 11 Euro.

Sehr schön geht dann der Eurovelo 4/ Radweg 6 (tschechische Nomenklatur) an der Eger entlang. Der Radweg ist perfekt geteert und vorbildlich beschildert. Die Eger schlängelt sich gemütlich durch feuchte Auenwälder. Bei dem warmen Wetter fühlen sich die Mücken hier besonders munter. Da heißt es, immer in Bewegung bleiben. Also sausen wir nur so dahin. Manchmal geht es jedoch vom Fluss weg, dann fordern uns ein paar schweißtreibende Steigungen. Mittagsrast machen wir in einem größeren Ort auf dem Spielplatz einer Plattenbausiedlung. Was für ein Kontrast zu den herausgeputzten historischen Orten. Kurze Zeit später bei Sokolov/Falkenau ist Schluss mit dem geteerten Weg.

Wir rollen nun über Waldwege direkt an der Eger lang. Eine herrliche Etappe. Mal rauscht der Fluss flink über kleine Stromschnellen, mal teilt er sich ganz geruhsam in mehrere Arme und Altwasser mit Schilf und Seerosen bestandenen Ufern auf. Zahlreiche Kanufahrer sind unterwegs. Schließlich wird das Tal ganz eng, nur noch unser schmaler Waldweg hat Platz zwischen Fluss und den steilen Ufern. Die holprige Strecke durch dichten Nadelwald lässt Zeit zdzum Schauen und Träumen.

Besonders märchenhaft liegt der winzige Ort Loket mit seiner Burg auf einem Felsen in einer fast kreisförmigen Schleife der Eger. Ein echter Touristenmagnet. Hier ist richtig viel Betrieb. Wenig später passieren wir die markanten Felsen Svatosske Skaly. Danach beginnt wieder der Asphalt und wenige Kilometer später sind wir schon in Karlsbad.

Was soll man zu Karlsbad sagen. Eigentlich ist das UNESCO-Welterbe mit seinen vor verschnörkeltem Putz strotzenden Hotels aus dem 19. Jahrhundert, unzähligen Restaurants, teuren Boutiquen und Andenkenläden nicht wirklich schön. Dazu stehen die wuchtigen Gebäude im engen Taleinschnitt der Tepla zu dicht gedrängt und erschlagen sich mit ihrem Prunk gegenseitig. Andererseits ist es natürlich ein einmaliges Dokument längst vergangener Bäder-Pracht des europäischen Hochadels und heute fest in der Hand chinesischer Touristen sowie arabischer und russischer Millionäre, wobei letztere zurzeit wegen des Ukrainekrieges ausfallen.

Karlsbad

Schon am Nachmittag sind wir nach 70 Radel-km in der Stadt, haben ein Zimmer in einem Uralt-Plüsch-Hotel und können so ausgiebig das ganz spezielle Flair des Kurbads genießen. An den griechischen Tempeln nachempfundenen Kolonnaden flanieren gestylte Kurgäste und schlürfen aus kitschig bemalten Porzellantassen das warme, salz-und eisenhaltige Heilwasser, was abscheulich schmeckt und daher bestimmt sehr gesund ist.

Danach ist der Magen gestählt für Braten, Kraut und Klöße der schweren böhmischen Küche und den unvermeidlichen Becherovka als Verdauungsschnaps hinterher. Vegetarier haben hier keine Chance. Wir kochen in unserem Hotel unser obligatorisches Couscous mit Tomatensauce. Außerdem wird unsere Zeltausrüstung zum Lüften ausgepackt und verschwitzte Radlerkleidung gewaschen. So ist das ordentliche Zimmer im Nu in ein gemütliches Campinglager verwandelt.

Von Karolvy Vary/Karlsberg nach Zlutice (41 km)

Eine jämmerlich kurze Etappe, die ihr Ende ungeplant in Zlutice, einem Dorf im Nirgendwo der böhmischen Berge, findet.

Morgens regnet es wie angekündigt heftig. Nach dem Frühstück, das leider nur für ausgesprochene Fleischliebhaber etwas bietet, ist der Spuk jedoch schon vorbei. Doch eine drückende Schwüle liegt in der Luft. Der Eurovelo 4 verläuft nun auf dem wieder vorbildlich beschilderten Radweg 39 und führt uns aus Karlsbad heraus weiter ins Tal der Tepla. Kurz darauf beginnt der 7 km lange Anstieg auf die Höhen des Böhmerwaldes oberhalb der Stadt. Wunderschön zieht sich der ungeteerte Forstweg durch den herrlichen, duftenden Nadelwald, doch kontinuierlich mit einer sehr spürbaren Steigung. Wir kommen gut ins Schnaufen und brauchen für die kurze Strecke bereits eine Stunde.

Hinter Karlsbad geht’s sehr lange nur bergauf

Danach geht es für kurze Zeit auf einer praktisch unbefahrenen Straße bergab bis zum nächsten Dort, dann über einen extrem holprigen Feldweg weiter steil runter und direkt mit unglaublichen 21 % wieder hoch. Das können wir so gerade noch mit den schweren Rädern schiebend bewältigen.

Schlechte Wegstrecken rauf und runter

Dieses Spiel des extrem steilen Auf und Ab sowie der Wechsel zwischen kurzen Wegstrecken auf Asphalt und langen Passagen auf nur langsam befahrbaren Feld-und Waldwegen mit Schiebestrecken wiederholt sich konsequent auf den gesamten 40 Kilometern und ist ungemein anstrengend. Doch wenn es tatsächlich mal auf glattem Asphalt runter geht und man das Rad einfach laufen lassen kann, ist sofort dieses einmalige Freiheitsgefühl da, das ich so nur vom Radfahren kenne und mir ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Der Fahrtwind saust in den Ohren, die Reifen singen und das schweißnasse T-Shirt klebt am Körper – aber man meint zu fliegen.

Gegen 15.00 Uhr rollen wir genau so den Berg steil hinab nach Zlutice, hier haben wir erst die Hälfte der geplanten Distanz zurückgelegt. Bis zum Ziel Jesenice schaffen wir es so nicht mehr und dazwischen liegen noch viele Berge und Täler sowie nur wenige „böhmische Dörfer“, wahrscheinlich ohne Übernachtungsmöglichkeit.

Zlutice

Doch wie der Gott der Reiseradler es will, gibt es in Zlutice tatsächlich einen schönen Campingplatz, den wir bei der Planung unserer Tour übersehen haben. So beenden wir spontan den Radlertag bereits ganz entspannt hier. Und welch ein weiser Entschluss! Denn knapp zwei Stunden später schüttet es wie aus Eimern. Solche überraschenden Wendungen liebe ich auf Reisen.

Von Zlutice nach Rakovnik (65 km)

Morgens ist es bei nur 14 Grad neblig-kühl, doch dann wird es wieder ein warmer Sommertag mit 24 Grad. Hinter Zlutice radelt es sich die ersten 20 km angenehm leicht auf einer fast verkehrsfreien, kurvenreichen schmalen Landstraße durch die hügeligen Felder. Trotz einiger Steigungen kommen wir richtig gut voran.

Schöner Waldweg hinter Novi Dvur

Hinter dem kleinen Weiler Novi Dvur geht es auf einem Waldweg weiter, immer bergan parallel zu einem kleinen Bach, der weiter oben zu einem Weiher gestaut wurde. Hier haben wir uns die erste Rast wirklich verdient. Danach erreichen wir wieder eine winzige Landstraße, pusten noch ein wenig weiter bergauf, um dann eine rasante Abfahrt zu genießen. Mit Tempo geht es in ein kleines Bauerndorf hinein. Nur zwei Handvoll alter Häuschen mit bunten Gemüsegärten gruppieren sich kreisförmig um die etwas erhöht liegende barocke Kirche, von der der Putz bröckelt. In dieser friedlichen Idylle gibt es auf einer Bank unter duftenden Linden unser Mittagessen. Beeindruckend ist die vollkommene Stille, denn hier endet die Straße. Später kommen wir an mehreren kleinen Ansiedlungen mit Ferienhäusern vorbei, Datschen waren, wie auch in der DDR, in der sozialistischen Tschechoslowakei das Sommerparadies

Über schmale, unwegsame Pfade rumpeln wir wenig später durch den Wald. Natürlich sind auch wieder etliche Schiebepassagen dabei. Trotz der anstrengenden Strecke dokumentiert Olaf wie immer alles diszipliniert, er fährt sogar auf ruppigen Strecken einhändig, um dabei zu filmen.

Schon wieder eine Holperstrecke
Radweg im Nirgendwo

Der Weg schrumpft schließlich sogar zu einem fußbreiten Trampelpfad durch hohe Wiesen vorbei an idyllischen Tümpeln. Eine wirklich sehr schöne Gegend und toll zum Wandern oder Mountainbike. Ständig wechseln wieder alle paar hundert Meter Schiebe-und Fahrpassagen. Doch mehr als 8 km/h sind selbst fahrend nicht drin.

Für einen Fernradweg, der ja mit Gepäck gefahren wird, ist die Streckenführung doch eher ungeeignet. Um jeden Meter auf der verkehrsarmen Landstraße zu vermeiden, werden die unmöglichsten Abstecher über unwegsame Pfade mit vielen zusätzlichen Steigungen in Kauf genommen m. Diese Erfahrung haben wir schon bei vielen Eurovelorouten gemacht. Häufig bestehen sie nur aus einem Strich auf der Landkarte.

Böhmisches Hügelland

Nach 20 Kilometern Geländefahrt wechseln wir auf die in der Nähe verlaufende Landstraße und gönnen uns einige Kilometer Asphalt. Das tut echt gut. Die letzten 15 Kilometer bis zum Tagesziel radeln wir dann doch wieder auf den Eurovelo, der aber nun relativ flott über gute Schotterwege zu fahren ist.

So kommen wir am späten Nachmittag in Rakovnik an. Auf dem zentralen Marktplatz gönnen wir uns einen Kaffee und beobachten das Treiben in dieser gänzlich untouristischen Stadt. Auffallend ist z.B., dass ziemlich viel geraucht und Bier als Grundnahrungsmittel in großen Mengen genossen wird, die Männer meist ein breites Kreuz und einen kahl rasierten Kopf haben, während die Frauen gerne viel bunte Farbe in Gesicht und Haaren zeigen. Wie immer sind die Textilverkaufsstände auf dem Markt und die kleinen Tante-Emma-Läden, die es tatsächlich noch überall gibt, fest in vietnamesischer Hand.

In Rakovnik gibt es keinen Campingplatz, daher übernachten wir in einer Appartement-Pension, wo wir für 60 Euro eine richtige kleine Wohnung bekommen. Sogar mit Whirl-Pool!!! Der funktioniert zwar ebenso wenig wie der stylische Induktionsherd, aber eine Dusche reicht auch und mit unserem Gaskocher sind wir als Reisende ja autark.

Von Rakovnik nach Beroun (62 km)

Schon morgens ist es heiß und schwül, im Laufe des Tages klettert das Thermometer auf über 30 Grad.

Der Eurovelo 4 überrascht uns mal wieder. Nach den letzten Erfahrungen haben wir heftige Bedenken, heute der Radroute abseits der Straße für die ersten 20 km durch ein enges Tal zu folgen, wollen es aber trotzdem versuchen. Was für ein Glück, denn es ist eine wirklich herrliche Strecke! Im ersten Teil überwiegend geteert, die letzten 10 km auf Schotter, verläuft der meist ausreichend breite Weg parallel zu einer Bahnstrecke durch ein wirklich sehr idyllisches Tal an einem kleinen Fluss entlang. Hinsichtlich Ausbaustandard könnte er es größtenteils durchaus mit dem Main-Radweg aufnehmen, wären da nicht die sehr steilen Anstiege zu schmalen Eisenbrücken über den Fluss und einige knackige Steigungen zwischendurch.

Davon abgesehen gleiten die Räder fast von alleine durch blühende Wiesen und kleine Weiler mit alten Höfen, ganz weit weg vom Touristenstrom. Die Gebäude sind zwar teilweise sehr renovierungsbedürtig, aber gefallen mir weit besser als die perfekt aufgehübschten Häuser in der bekannten historischen Städten.

Hinweisschild auf Gefahren für Radler
Uriger Bauernhof am Wegrand

Viel zu rasch erreichen wir nach 20 km die mächtige Burg Krivoklát, die hoch über dem Tal thront. Hier müssen wir das Tal verlassen und uns auf schmaler Straße ca. 5 km durch den Wald aus dem Tal hinauf arbeiten. Um die Mittagszeit in der Hitze echt sehr anstrengend. Der Schweiß rinnt in Strömen, brennt in den Augen und wird weggeblinzelt. Langsam im unteren Gang treten, gleichmäßig atmen, so stramepln wir von einer Kurve zur nächsten. Am Waldrand ist endlich die Höhe erreicht, weit reicht der Blick über einsame Wälder, Berge und Täler. Und genau an der höchsten Stelle der Straße steht auf der Wiese eine Bank mit Tisch, geschmückt mit einem Blumenstrauß und dahinter zwei einladende Liegestühle. Was für ein Geschenk für unsere Mühe und perfekt für unsere Mittagspause, die so etwas länger ausfällt.

In rasanter Abfahrt rauschen wir dann ins Tal, nur fliegen ist schöner. So ist das Leben schön! Die Straße ins Dorf Broumy, wo der Eurovelo 4 entlang führt, ist gesperrt. Wir folgen der Umleitung und kürzen so einige Kilometer ab. Die nächsten 30 Kilometer geht es überwiegend bergab in flottem Tempo von den böhmischen Bergen in die Ebene bei Prag. Bei einem Zwischenstopp in einem Dorf unter schattigen Linden kühlen wir uns mit Eis und Joghurt aus dem Uralt-Coop.

Erst bei Zdice erreichen wir die Ebene und wieder den Eurovelo 4. Wenig schön sind diese letzten 10 Kilometer parallel zur Autobahn, entlang von Eisenbahn und Industriegebieten. Der Ballungsraum Prag macht sich bemerkbar, was für ein Kontrast zu der friedvollen Abgeschiedenheit in den böhmischen Wäldern.

Das Tagesziel, die Stadt Beroun, ist nur 30 km von der Hauptstadt entfernt und nach 62 Kilometern schon am frühen Nachmittag erreicht. Dennoch wollen wir nicht weiter fahren, denn es sind ab 16.00 Uhr schwere Gewitter mit Starkregen angesagt. Wie üblich gibt es auch hier schöne Stadttore, alte Häuser am weitläufigen Marktplatz und einige Café. Zeit für eine Erfrischung bei dieser schwülen Affenhitze, bevor es zum Stadt-Campingplatz am Ufer des Flusses Berounka geht. Das versprochene Unwetter fällt natürlich aus.

Von Beroun nach Prag (49 km)

Nachts gibt es dann doch noch kräftigen Regen, der die drückende Hitze wegwäscht und am Morgen scheint wieder die Sinne, allerdings bei einem sehr kräftigen Westwind. So haben wir auf unserer letzten Etappe nach Prag meist angenehmen Schub von hinten.

Der Eurovelo führt stets entlang der Berounka, die auch ein sehr beliebter Kanufluss ist. Heute am Samstag ist relativ viel los auf dem Radweg und auch dem Fluss.

Burg Karlstein

Sehr schön geht es auf sehr gutem Asphaltweg entlang der steilen Felsufer bis zur mächtigen hochgotischen Burg Karlstein, die hoch auf einem Felsen über dem Fluss liegt. Ein wirklich imposantes Bild. Dies ist die berühmteste Festung im an Burgen so reichen Tschechien, UNESCO Welterbe und ein absoluter Touristenmagnet. Sogar amerikanische und chinesische Reisegruppen tummeln sich hier.

Später wird das Tal weiter, der Radweg bleibt überwiegend gut. Ab und zu sind jedoch Passagen auf schmalen, grob geschotterten Trampelpfaden oder/und mit extremen Steigungen zu bewältigen. In Tschechien ist man sehr kreativ darin, Lücken in Streckennetzen zu überbrücken.

Qual der Wahl – Furt oder Steg?
Gemütlicher Weg am Fluss

Besonders spannend ist der Verlauf des Eurovelo quer durch einen Bahnhof. Um das lästige Tragen der Räder über die Treppen der Unterführung zu vermeiden, wird einfach quer ohne Sicherung über 4 Gleise geschoben. Der Radweg quert auch öfters die Berounka mit Hilfe von schmalen Metallstegen an Eisenbahnbrücken, die gerade breit genug sind für ein Rad mit Gepäck.

Steg an Eisenbahnbrücke uber die Berounka

In der Nähe von Hauptstadt werden die Ortschaften immer schicker. Gepflegte Gründerzeitvillen in großen Gärten, perfekt gestylte Rennradfahrer, teure Limousinen und coole Straßencafés zeigen, dass hier die hippe Wohngegend der wohlhabenden Prager ist.

Schließlich mündet die Berounka in die Moldau, an deren Ufern wir nun, unbehelligt vom Autoverkehr, bis ins Zentrum von Prag rollen. Um kurz nach 14.00 Uhr und genau 867 geradelten Kilometern seit unserem Start in Bad König vor 14 Tagen erreichen wir die tschechische Hauptstadt.

Über eine Brücke radeln wir auf die Insel Cisarska louka, direkt gegenüber der Burg Vysehrad. Hier schlagen wir auf einem der zwei Campingplätze unser Zelt auf und fahren dann direkt mit einer winzigen Personenfähre in die Innenstadt.

Den Nachmittag verbringen wir in der Neustadt, bummeln durch die Straßen mit den großartigen Art Deco Häusern und besuchen natürlich auch eines der legendären Prager Kaffeehäuser. Das bereits seit 1902 bestehende Café Louvre ist eine Ikone der stilvollen Café-Paläste. Wir genießen die ganz besondere Atmosphäre, das Ballett der geschäftig herumwuselnden Kellner und natürlich wunderbare und sehr kalorienreiche Torte.

Im Café Louvre
In der Prager Neustadt
Tanzendes Haus in Prag

Sightseeing Prag

Diesen Sonntag schlendern wir kreuz und quer durch Prag. Den Vormittag verbringen wir im Burgviertel. Bereits auf der über 700 Jahre alten Karlsbrücke schieben sich die Massen. Prag ist wirklich eine der schönsten Städte Europas und jeder in der unglaubliche Menge an Touristen will sich davon überzeugen.

Hradschin in Prag

Der Hradschin, das größte geschlossene Burgviertel weltweit ist absolut beeindruckend. Eine Fülle prachtvoller Renaissancepaläste zeugt vom enormen Reichtum der Stadt. In den herrlichen gotischen Veits-Dom kommen wir aufgrund des enormen Andrangs gar nicht hinein. Wir trösten uns im stillen Gartencafe Novi Svet im gleichnamigen Viertel im Norden des Hradschin, wohin sich nur wenige Besucher verirren. Eine friedliche Oase. Wirklich anstrengend sind die großen chinesischen Touristengruppen, die unangenehm laut und rücksichtslos sind und sich wirklich überall in den merkwürdigsten Posen fotografieren.

Street Art
Street Art
Blick vom Vrtbovska Garten
Wache am Hradschin

In der Kleinseite zu Füßen des Burgbergs ist der versteckte Barockgarten Vrtbovska ein richtiges Kleinod mit herrlichem Blick auf die Stadt. In der Stare Mesto, der Altstadt schieben sich die Massen, wir mittendrin. Es fällt schwer, die unzähligen herrlichen Fassaden alle angemessen zu bewundern. Eine märchenhafte Kulisse, fast schon Disneyland. Den schönen, aber auch anstrengenden Tag beschließen wir in der Josefsstadt, dem alten jüdischen Viertel mit prachtvollen Jugendstilhäusern.

In der Altstadt
Veitsdom
Menschenmassen überall
Auf der Karlsbrücke

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2 Kommentare

  1. Hallo Ihr beiden
    wieder eine tolle Reise und ausführlich zum Nachradeln dokumentiert. Danke
    Ich war im Mai auch in Tschechien und bin auf dem Eurovelo 7 geradelt, der im wesentlichen links und rechts der Moldau geführt wird. Meine Beobachtung ähnelt eurer: Höhenmeter und Steigungen zählen nicht, Hauptsache der Weg kann abseits der Haupt Auto strassen geführt werden. Auch ich war überrascht, das jeden Tag bei 60-80 km zwischen 600 und 1000 hm zusammen kamen. Böhmen ist sehr hügelig !
    Ich habe mich gefreut, wenn Radwege mit EU Förderschild angekündigt waren (sichtbar neu am Asphalt abzulesen). Diese fand ich z.B. am Lipno Stausee im Süden, im Raum Budweis und entlang der Elbe zwischen Prag und Dresden. Dort lässt es sich autofrei und sehr komfortabel radeln, falls die Flüsse kein Hochwasser führen.
    Wenn man das berüchsichtig und die Tagesetappen kürzer hält, ist Tschechien ein tolles Land mit viel Natur und Kultur, die es per Rad zu entdecken lohnt.

    1. Hallo Timm,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, Tschechien ist echt ein tolles Radlerland, wenn man sich von den überperfektionierten deutschen Radwegen, die ja eigentlich oft eher langweilig sind, lösen kann. Dazu kommt hier eine super Infrastruktur für Übernachtungen, Einkauf und Essen. Was will man mehr? Wir wünschen dir weiterhin frohes Strampeln!

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