Durch die Aschewüste zum Vulkan Sollipulli

Von Santiago de Chile nach Patagonien

Stadturlaub in Santiago de Chile, 13.-15.2.2026

Wir machen Urlaub vom Reisen und haben für das Wochenende ein Hotel in Santiago gebucht. Mit Uber ist man vom Campingplatz in 45 Minuten in der City. Schon von weitem sind die verspiegelten Fassaden der Hochhaustürme zu sehen. Unterwegs kommen wir aber auch dort vorbei, wo die Ärmsten in Verschlägen unter den Autobahnbrücken wohnen.

Unser Hotel Panamericano ist ein solides Mittelklassehotel, super zentral nur 2 Blocks von der Plaza fe Armas entfernt, das Doppelzimmer für 2 Personen und zwei Tage inclusive üppigem Frühstücksbüffet kostet rund 100 €. Gutes Preis-Leistungsverhältnis.

An unserem ersten Tag erkunden wir die Altstadt zwischen Plaza de Armas und dem Präsidentenpalast an der Plaza de la Moneda. Es gibt nur wenige sehr alte, palastähnliche Gebäude, der Rest ist im 18. und 19. Jahrhundert errichtet. Die ursprünglich koloniale Altstadt ist durch mehrere Erdbeben zerstört worden.

Alt und Neu in Santiago de Chile
Alt und Neu in Santiago de Chile

Am besten gefällt uns die Plaza de Armas mit vielen Bänken, schattenspendenden Palmen und umgeben von repräsentativen Prachtbauten. Hier schlägt das Herz der Stadt. Man kann den Malern zuschauen, die fürchterliche Kunstwerke fabrizieren und zum Verkauf anbieten oder den alten Männern, die sich hier zum Tratschen treffen und duften, als hätten sie in Rasierwasser gebadet.

Eigentlich ist es bei 33 Grad viel zu heiß für eine Stadtbesichtigung. Da bietet die große Kathedrale etwas Abkühlung. Auf dem Cerro Santa Lucia weht ein leichter Wind, vom Aussichtshügel hat man einen schönen Blick über die Stadt bis zu den schneebedeckten Anden. Die Einkaufsstraßen in der Fußgängerzone finden wir eher langweilig. Ein besonderes Schauspiel wird uns dagegen am Palacio de la Moneda geboten. Der dort residierende Staatspräsident verabschiedet gerade einen hohen Besuch, zu dessen Ehre eine Militärgarde mit Kapelle angetreten ist. Uns kommt das ein bisschen spaßig vor, fast wie ein Schützenumzug im Rheinland, aber die armen Jungs der Garde, die in den merkwürdigen Uniformen mit Pickelhaube stundenlang in der prallen Sonne strammstehen müssen, tun uns echt leid.

Das älteste Haus der Hauptstadt
Das älteste Haus der Hauptstadt hat allen Erdbeben getrotzt

Abends gehen wir nochmals zur Plaza de Armas, nur wenige Minuten vom Hotel entfernt. Hier gibt es nun ganz großes Kino. Mehrere religiöse Prediger und ihre Anhänger überbieten sich in Gesängen und leidenschaftlichen Ansprachen, dazwischen gehen Familien mit Kleinkindern spazieren, Obdachlose ziehen mit ihrem Hausrat zu neuen Schlafplätzen, junge Pärchen sitzen auf den Bänken, Eisverkäufer und Damen des horizontalen Gewerbes drehen ihre Runden. Und mitten in dieser wirklich wilden Mischung hocken zwei Gringos aus und staunen.

Am zweiten Stadttag geht es zu den großen Mercados. Gott sei Dank ist es heute etwas kühler als gestern, so duften die vielen Fische auf dem Mercado Central noch frisch. Hier werden hauptsächlich Meeresfrüchte verkauft, im Innenhof befinden sich und ziemlich touristische Ceviche-Lokale. Das Gebäude war früher ein Ausstellungsgebäude, die kunstvolle Eisenkonstruktion erinnert an eine Bahnhofshalle. Am Rio Mapocho breiten die Straßenhändler ihre Ware auf dem Gehweg aus. Hier geht es im Gegensatz zur eher europäisch wirkenden Altstadt typisch südamerikanisch-chaotisch zu. Überall liegt Abfall, es riecht unangenehm nach Urin. Ich bin immer wieder erstaunt, wie selbstverständlich die Männer mitten auf der Straße einfach in Hausecken pinkeln. Echte Sehenswürdigkeiten sind der am heutigen Valentinstag besonders schöne Blumenmarkt La Vega Chica und die riesengroße Markthalle La Vega. Hier bekommt man tolles Obst und Gemüse, Berge von Fleisch und fast alles andere auch. Die Händler preisen lautstark ihre Waren an, es herrscht großes Gedränge und es gibt viel zu sehen. Da schläft ein Baby selig im Trubel auf Mamas Arm, eine schwarz gekleidete Nonne feilscht beim Geflügelhändler, streunende Hunde finden ein Festmahl an den Imbissständen, wo kräftig gefuttert wird. Herrlich.

Markthalle La Vega
Markthalle La Vega

Von dort geht es durch das Viertel Patronato mit erstaunlich vielen koreanischen Läden und Lokalen zur Talstation der Funicular Santiago. Die Standseilbahn führt auf den Cerro San Cristobal. Der 820 m hohe Aussichtsberg ist das beliebteste Ausflugsziel und entsprechend viel ist hier am Samstag los. Oben gibt es eine Wallfahrtskirche, eine riesenhafte Marienstatue, natürlich jede Menge Imbisse und vor allem aber einen unglaublichen 360 Grad Blick auf die Stadt. Besonders beeindruckend ist die Skyline des modernen Hochhausviertels Costanera vor dem Hintergrund der schneebedeckten 6000er Gipfel. Der verglaste Gran Torre de Costanera ist mit über 300 Metern das höchste Gebäude in Lateinamerika, mitten in einer Erdbebenzone eine bautechnische Herausforderung. Das Viertel Costanera erreichen wir bequem mit einer Gondelseilbahn vom Cerro San Christobal und kurzem Fußweg durch gediegene Wohnviertel mit Einfamilienhäusern und Pool. In der vielstöckigen Shopping-Mall herrscht irres Gedränge. Es gibt einige schicke Geschäfte und die weltweit üblichen Läden von Calvin Klein, Zara, H&M usw. Sogar der Outdoor-Discounter Decathlon ist vertreten, so dass ich mir hier einen neuen Tagesrucksack kaufen kann. Meinen verschlissenen, weitgereisten Rucksack lasse ich also etwas wehmütig im Einkaufswagen der Sky-Mall Costanera zurück. Per METRO fahren wir dann ziemlich müde zum Hotel. Mit 6 Linien im 4-Minuten-Takt und einem Netz moderner Elektrobusse hat Santiago ein sehr gutes Nahverkehrsangebot.

Gran Torre de Costanera, 300 m (höchstes Gebäude Lateinamerikas)
Gran Torre de Costanera, 300 m (höchstes Gebäude Lateinamerikas)

Sonntagsvormittags ist die Fußgängerzone genauso tot wie die Innenstädte in Deutschland. Mehr Leben herrscht im Viertel Lastarria. Hier gibt es ruhige Wohnstraßen mit Bäumen und Cafés. Die Kunstgewerbehändler bauen gerade ihre Tische auf. Sonntags gehört die Stadt den Radfahrern. Wahre Heerscharen sind auf den heute für den Autoverkehr gesperrten Straßen am Rio Mapocho und den vielen guten Radwegen unterwegs. Abschließend bummeln wir durch das Vergnügungsviertel Bella Vista, wo eine Kneipendichte wie in der Düsseldorfer Altstadt herrscht. Abends muss hier die Party abgehen. Das Thermometer klettert nun wieder auf über 30 Grad, wir flüchten aus der Stadt zurück zum Campingplatz.

Sacomilla bei Villa Alegre, 16.2.2026

Unser Campingplatz Izueluna außerhalb der Stadt ist ja ganz nett, richtig unschön sind nur die Hinterlassenschaften der 3 großen Hunde, die hier wohnen. Man muss sehr aufpassen, wo man hintritt und heute früh ist unser Auto regelrecht umzingelt von Hundehaufen.

Morgens noch duschen, unseren üblichen Kaffee trinken und mit Deutschland telefonieren, dann noch beim großen Supermarkt Lider einkaufen. Der chilenische Ableger von Walmart sieht genauso aus wie das Original in den USA. Erst gegen Mittag sind wir auf der Autobahn Ruta 5/Panamericana Richtung Süden. Urlaubsverkehr, viele Lkw, volle Raststellen mit Schnellrestaurants – wir fühlen uns wie in Deutschland. Nur kosten hier die blitzsauberen Toiletten nichts und es gibt sogar Duschen. Chile erscheint uns sehr europäisch und der Unterschied in Infrastruktur und Lebensstandard zu den nördlichen Nachbarländern ist krass.

Wieder wird es ein sehr heißer Tag mit über 30 Grad. Die Autobahn führt durch ein dicht besiedeltes, sehr weites Tal. Endlos zieht sich die Fahrt durch die Obstplantagen und Weingärten. Immerhin ist es nun überall grün. Es gibt Wälder und richtige Flüsse mit klarem Wasser. In der Ferne sehen wir im Dunst die kahlen Berge der Anden. Nach rund 300 ziemlich langweiligen Kilometern fahren wir südlich der Stadt Maule ab auf die Landstraße. Am Kiesufer des Rio Lincomilla südlich des Dorfes Villa Allegre hat uns IOverlander einen „wilden“ Stellplatz gezeigt, mit Blick auf die Fähre und einem angenehm kühlenden Wind.

Puente Cautin/Ruta R89, 17.2.2026

Ein langer Tag. Morgens ist es richtig kühl, der Himmel ist komplett bewölkt. Rasch sind wir wieder auf der Ruta 5 mitten im Urlaubsverkehr. Dabei scheint der Sommer schon zu Ende zu gehen. Die Pappeln färben sich bereits gelblich und in den fernen Bergen des Andenvorlands hängt Nebel. Wir sind nun im „Kleinen Süden“ von Chile. In dieser Region leben sehr viele Menschen, deren Vorfahren aus Deutschland und der Schweiz stammen. Und wir fühlen uns wirklich fast wie zu Hause. Die Wohnhäuser sind keine spanisch anmutenden Gebäude mit Flachdach und Innenhof, sondern haben, die vertrauten stark geneigte Satteldächer mit gebrannten Ziegeln. Es gibt entlang der Straßen etliche deutsche Restaurants und ein Ort in Nähe der Autobahn nennt sich sogar Nueve Baviera.

Doch dahinter verbirgt sich keine bayerische Idylle, sondern die ehemalige Colonia Dignidad. Die vom christlichen Sektenführer Paul Schäfer 1961 gegründete, hermetisch abgeriegelte Siedlung wurde von rund 350 Auslandsdeutschen betrieben. Die Bewohner wurden von einer pseudoreligiösen Führungsriege unterdrückt und misshandelt, Kinder wurden systematisch sexuell missbraucht. Schäfer konnte seine Schreckensherrschaft ungehindert ausüben, da er aktiv eng mit dem Geheimdienst der Pinochet-Diktatur zusammenarbeitete. Hier wurden auch politische Gefangene ermordet, gefoltert und medizinische Experimente an ihnen durchgeführt durchgeführt. In der Endphase der Pinochet-Diktatur ab 1988 leitete die Colonia Dignidad eine umfassende Umstrukturierung zur Nachfolgeorganisation „Villa Baviera“ (Bayerisches Dorf) ein und errichtete ein Hotel und Feriencamp. Erst 2008 gelang es Schäfer festzunehmen. Ein grauenhafter Ort, an dem nicht an die schreckliche Vergangenheit erinnert wird.

Langsam weichen die Obstplantagen großen Maisfeldern und schließlich Kiefernplantagen. Wald mag man die großen Flächen der in dichten Reihen gesetzten Bäume nicht nennen. Geerntet wird brutalstmöglich mit kompletten Kahlschlag und anschließender Neupflanzung.

Eigentlich wollten wir übermorgen bereits im Nationalpark Conguillio zum Wandern sein. Doch der Besuch ist nur nach vorheriger online Buchung möglich und die Zahl der zulässigen Besucher begrenzt. Die nächsten vier Tage sind bereits ausgebucht. Es ist eben Hochsaison und der Park ist eines der beliebtesten Urlaubsziele der Santiagoer. Daher planen wir um, verlassen schon bei Victoria die Autobahn und fahren über die Ruta 181 Richtung Anden zur Reserva Nacional Malcahuello. Auch hier gibt es sehenswerte Vulkane, die momentan aber in den Wolken versteckt sind, tolle Wanderwege und herrliche Wälder mit den bizarren Chilenischen Araukarien.

Übernachtung im Araukarienwald
Übernachtung im Araukarienwald

Die Chilenische Araukarie ist ein immergrüner Baum, der 30 bis 50 Meter hoch und bis zu 2000 Jahre alt wird. Die schlangenförmigen Äste stehen in mehreren Zweigen zusammen und sind dachziegelartig mit den sehr harten und ledrigen Blättern besetzt. Der Baum sieht so richtig urzeitlich aus und ist es auch, denn es gibt diese Art schon seit 90 Millionen Jahren.

Nicht nur die üppig grüne Landschaft ist so vollkommen anders, auch die Temperaturen. Gestern schwitzten wir noch bei 30 Grad, rund 400 km weiter südlich haben wir erfrischende 10 Grad. Unser Stellplatz Bach unter Araukarien am einer Schotterpiste zu einem Skigebiet.

Playa Contraco am Rio Bio Bio/ Ruta 785, 18.2.2026

Lächerliche 4 Grad sind es morgens, doch der Himmel ist ziemlich wolkenlos. Es wird ein schöner, warmer Tag mit über 20 Grad. Unmittelbar hinter unserem Stellplatz führt die kleine Ruta 785 durch ein Gebiet mit Mietcabanas, die uns an die skandinavischen Ferienhütten erinnern und hinauf zum Skigebiet an den Hängen des 2865 m hohen Vulkans Lonquimay. Hier hören abrupt der Teer und die Vegetation auf. Wir rollen über eine Aschepiste durch eine schwarze Sandwüste. Der Vulkan ist zuletzt am 25.12.1988 ausgebrochen und hat dabei ganze Arbeit geleistet. Eine wahre Marslandschaft, sehr beeindruckend. Bei der Eruption entstand ein kleinerer Krater, der passenderweise Navidad (Weihnachten) genannt wurde. Der Pfad dorthin führt zunächst durch weichen, schwarzen Sand hinab und dann über Sand und losen Schotter ziemlich steil bergauf bis auf 1820 m Höhe. Wir merken unsere nicht vorhandene Kondition ganz gut, aber andere Wanderer keuchen erheblich mehr.

Wanderung zum Vulkan Navidad
Wanderung zum Vulkan Navidad
abrupte Grenze zwischen Aschewüste und Araukarienwald
abrupte Grenze zwischen Aschewüste und Araukarienwald

Oben kann man einmal um den noch aktiven Krater herumlaufen, an einer Stelle kommen zarte Fumarolen aus dem ziemlich warmen Boden. Flüssige Lava ist im Kraterschlund natürlich nicht zu sehen. Dafür man hat einen tollen Blick auf die Umgebung. Drei teilweise schneebedeckte Vulkan, knapp unter 3000m Höhe und unter uns die schwarze Aschewüste und der 10 km lange, schwarze Lavastrom, der sich scharf von den ansonsten bewaldeten Hügeln abhebt. An einigen windgeschützten Kuhlen haben sich 38 Jahre nach dem Ausbruch immerhin schon wieder ein paar Gräser angesiedelt. Nach zwei Stunden sind wir wieder am Auto, fahren weiter zu einem Aussichtspunkt und dann noch zu einem Stausee, der durch den Lavastrom gebildet wurde und in dessen glasklarem , säurehaltigen Wasser viele abgestorbene Bäume stehen.

See am Lavastrom
See am Lavastrom

Die weitere Fahrt über die nun bald einspurige und nun sehr einsame Piste ist ebenfalls wunderschön. Sie führt uns durch , teilweise steil bergauf und bergab, durch bewaldete Täler oder entlang von Weideland, es gibt nur eine winzige Siedlung aus einer Handvoll Höfen. Die bei den unerschrockenen Panamericana-Radlern beliebte Mountainbike-Route Monkey-PuzzleTrail verläuft über diese Piste. Der Rio Bio Bio ist zu einer Talsperre gestaut, an deren Beginn wir an späten Nachmittag am Ufer einen idealen Stellplatz finden, eine sonnige Wiese mit Seeblick und voller wilder Pfefferminze, es duftet intensiv nach Kaugummi.

Am Rio Biobio
Am Rio Biobio

Wir sind nun im Gebiet der Mapuche, die rund 10 % der chilenischen Bevölkerung ausmacht. Die indigene Urbevölkerung besiedelte den Süden Chiles schon vor 5000 Jahren. Die Inkas als auch die spanischen Eroberer versuchten nach erbitterten Kämpfen vergeblich, die Mapuche zu unterjochen. Die Kolonisatoren anerkannten die Mapuche 1641 als eigenständige Volksgruppe an. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden grosse Teile des Mapuche-Territoriums dem Staat einverleibt und an europäische Siedler verteilt. Die Mapuche wurde in Reservate umgesiedelt. Bis heute zählen sie zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen. Zwei Drittel der 1,7 Millionen Mapuche leben unterhalb der Armutsgrenze. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu auch gewaltsamen Konflikten mit der Regierung oder den Forst- und Energiekonzernen im Stammesgebiet der Mapuche, so auch beim Bau des Staudamms am Rio Bio Bio.

Araucarien Wald an der Cascada China Muerta S365, 19.2.2026

Unsere Piste führt sehr schön entlang des Rio Bio Bio weiter durch eine idyllische, bewaldete Berglandschaft mit Weidewirtschaft und kleinen Farmhäusern. Es gibt kleine Seen, wie die Laguna San Pedro, dahinter ragt ein gletscherbedeckter Vulkan in den makellosen knallblauen Himmel. Herrlich. Beim Ort Lonquimay, der mit einigen Geschäften und Krankenhaus das Zentrum der Region ist, kommen wir wieder auf Asphalt. Wenige Kilometer weiter biegen wir schon wieder auf Schotterpiste ab.

Almwiesen wie in den Alpen
Almwiesen wie in den Alpen

Die Ruta R955 führt in vielen Kurven hinauf in die Berge . Hinter der Zufahrt zur Mapuche-Gemeinde Quinquén geht es auf der schmalen, einspurigen Piste Camino China Muerta S365 an einem Gebirgsbach entlang. Der Rio Zanueco wird auch China Muerta genannt, er durchfließt ein sehr altes Lavasandgebiet mit einem großen Aurekanienwald, der sich auch an den Berghängen hinauf zieht. Hier gibt es unter diesen stattlichen, urzeitlichen Bäumen einfache traumhafte Stellplätze direkt am Bach. Offenbar auch ein beliebtes Ausflugsziel der Mapuche, wie die vielen Lagerplätze zeigen. Abends kommt eine Familie, die stundenlang badet. Respekt, denn meine Ganzkörperwäsche im kristallklaren Wasser fällt sehr kurz aus, es ist wirklich eisig.

Ruta S 575, Rio Carén am Reservo Nevado de Sollipulli

Wir fahren weiter auf der Ruta S365 durch das weite Tal mit vielen Aurekanien . Vielleicht können andere Bäume auf dem schwarzen Lavasplit nicht gedeihen. Vereinzelt sehen wir einfache Hütten, die meisten aber verfallen. Uns begegnet nur ein Gaucho zu Pferd mit einer Kuhherde. Ein schmaler, steiler Weg führt uns hinauf in das China Muerta Reservat durch einen wahren Märchenwald mit uralten Aurekanienbäumen, deren Stämme dicht dicht behangen sind mit langen Bartflechten. Under Ziel ist der Wanderweg Huella del Puma, zu deutsch „Fußabdruck des Puma“, der hier im Gebirge zu Hause ist. Natürlich bekommen wir die scheue Großkatze nicht zu Gesicht. Der kurze Wanderweg bringt uns durch einen vor längerer Zeit von Feuer zerstörten Wald über 400 Höhenmeter steil hinauf zum Aussichtspunkt Mirador del Vulcanes.

Wanderung zum Mirador de Vulcanes
Wanderung zum Mirador del Vulcanes
Noch ein Vulkan...
Noch ein Vulkan…

Hier in 1833 m Höhe sind wir schon oberhalb der Baumgrenze, auf denm Lavaschotter wachsen nur noch kleine, gelb blühende Moospolster, es weht ein heftiger Wind. Die 360 Grad Rundumsicht ist herrlich. Direkt vor uns ragen die Vulkane Sierra Nevada, (2550 m) und Llaima (3155 m) mit ihren Gletschern in den Himmel, rund 140 km entfernt sehen wir den symmetrischen, ebenfalls vergletscherten Kegel des Vulkans Mocho. Der Wanderweg führt im Bogen über den Höhenrücken und dann wieder bergab zur Schotterstraße. Nach rund 7 Kilometern stehen wir wieder am Auto und staunen nicht schlecht. Ungefähr 15 andere Fahrzeuge parken nun hier. Und wir dachten, dieser Weg wäre der absolute Geheimtipp.

Wanderung auf dem Huella del Puma
Wanderung auf dem Huella del Puma

Die Wellblechpiste S365 bringt uns entlang des Rio Truful Truful nach Süden, vorbei am imposanten Lavastrom des Vulkans Llaima. Ein kurzes Stück über Asphalt auf der S51r, dann fahren wir bei Tracura auf die Piste S 575, wo wir am Nachmittag einige Kilometer vor der Zufahrt zum Reservo Nevado de Sollipulli an einem Fluss unseren Stellplatz finden. Morgen wollen wir den Gipfel des Vulkans Sollipulli besteigen. Auffallend ist, dass es an allen bisher besuchten Plätzen in den Bergen so gut wie keinen Abfall gibt, ganz im Gegensatz zur Küste.

Wanderung zum Vulkan Nevado de Sollipulli, 21.2.2026

Es ist noch dunkel, als um 5.30 Uhr Olafs Wecker unschön brummt. Heute ist frühes Aufstehen angesagt, denn wir wollen zum Vulkan Nevado de Sollipulli aufsteigen. Von unserem Stellplatz sind es nur 5 km über eine sehr steile Schotterpiste bis zur Rangerstation, wo man sich registrieren muss. Die Wanderung ist kostenlos, was keine Selbstverständlichkeit ist. Der Wanderparkplatz ist bereits voll belegt.

Pünktlich um 8 geht es auf 1140 m Höhe los. Bis zum Ziel sind es 7 km und 10.000 Höhenmeter. Der Wanderweg führt zunächst nur mäßig bergauf durch sehr schönen Wald. Dann wird es steiler, teilweise geht es über Wurzeln und unregelmäßige Stufen. Ab einer gewissen Höhe wachsen nur noch die exotischen Aurekarienbäune, hier auch wieder dicht behangen mit weißen Bartflechten. Sieht im frühen Morgenlicht sehr romantisch aus.

Märchenwald auf dem Weg zum Vulkan Sollipulli
Märchenwald auf dem Weg zum Vulkan Sollipulli

Nach ca. 2 km erreichen wir ein alten Lavafeld, durch das der Weg auf rutschigen Lavaschotter hinauf führt. Schon etwas anstrengender. Danach ist Schluss mit lustig und wir kraxeln wirklich steil über die kahlen Flanken des Vulkans über den feinen Schotter hinauf bis auf 2.280 Meter Höhe. Während wir zwei Schritte gehen und einen zurück rutschen, können wir die großartige Aussicht auf die vergletscherten Vulkane der Umgebung genießen. Viel spannender finden wir aber den Vulkan selbst mit seinen roten, gelben, weißen und schwarzen Formationen. Die wahre Attraktion ist jedoch der Krater, den wir nach sehr mühevollem Aufstieg nach 3 Stunden endlich vor uns sehen. Kreisrund und mit 4 km Durchmesser der größte in Südamerika, ist er vollständig mit einem bis zu 750 m mächtigen Gletscher gefüllt.

Durch die Aschewüste zum Vulkan Sollipulli
Durch die Aschewüste zum Vulkan Sollipulli

Nach einer gewaltigen Eruption vor rund 2.900 Jahren stürzte der Gipfelbereich ein – es entstand eine tiefe Caldera. Darin sammelte sich Schnee, der durch das besondere Mikroklima (Kaltluftsee, wenig Sonneneinstrahlung, windgeschützt) zur Bildung des Gletschers führte. Wir können diesen besonderen Ort lange in Ruhe genießen, bis eine große, geführte Wandergruppe zum Gipfel kommt.

Eis und Feuer - Gletscher in der Caldera des Sollipulli
Eis und Feuer – Gletscher in der Caldera des Sollipulli

Wir legen beim Abstieg noch einen kleinen Umweg ein zu einer Lavahöhle und zwei versteckt liegenden Seen. Dabei kommen wir, ohne es zu bemerken, auf ein mit einer dicken Schicht Lavasand vollständig bedecktes Schneefeld, das an einer Bruchkante in einen Schmelzwassersee mündet. Von der Witterung bizarr geformte Felsen sehen auf dem schwarzen Sand aus wie moderne Skulpturen. Auch in dieser lebensfeindlichen Umgebung wachsen noch ganz kleine Polsterpflanzen und es gibt sogar Heuschrecken. Die Landschaft ist wirklich faszinierend. Durch unsere kleine Extratour haben wir 18 km und 1440 Höhenmeter geschafft, als wir am frühen Nachmittag ziemlich müde wieder an der Rangerstation ankommen. Wie wunderbar, dass man dort am Wasserhahn vor der Hütte sich gründlich den Schweiß und Staub abwaschen kann.

Moderne Kunst - Erodiertes Gestein am Sollipulli
Moderne Kunst – Erodiertes Gestein am Sollipulli

Für die Erfrischung von innen sorgt ein großes Glas Mote con huessilos, das an einem Kiosk verkauft wird. Das ist eine chilenische Spezialität, für die getrocknete Pfirsiche für mehrere Stunden in Wasser eingelegt und anschließend mit unraffinierten Zucker und Zimt aufgekocht werden. Das kalte Getränk wird in einem hohen Glas zusammen mit gekochten Weizengraupen, einem Pfirsich und einem Löffel zum Auslöffeln serviert. Genau das Richtige für uns.

Den Rest des Tages erholen wir uns an unserem gestrigen Stellplatz.

Rio Toltén/Villarica, 22.2.2026

Wir schlafen lange, jedenfalls für unsere Verhältnisse, und stehen erst gegen 8.30 Uhr auf. Das haben wir uns nach der gestrigen Wanderung auch verdient m. Nach der klaren Nacht mit einem wie immer phantastischen Sternenhimmel ist das Flusstal morgens in zarten Nebel gehüllt, der sich aber rasch auflöst. Zum Frühstück sitzen wir bereits in der Sonne.

Auf dem Weg zum Ort Melipeuco passieren wir ein 15 km langes Lavafeld des Vulkans Llaima. Auch 275 Jahre nach dem Ausbruch sieht man außer Moosen und Flechten noch nicht viel Vegetation auf den zerklüfteten Steinen.

Melipeuco ist ein hübscher Urlaubsort mit kleinen Holzhäusern und ruhigen Straßen, uns interessiert aber vor allem der Supermarkt, in dem wir unsere Vorräte auffüllen und gleich darauf, zumindest teilweise, wieder im netten Stadtpark zum Mittagessen verspeisen.

Dorfkirche in Melipeuco
Dorfkirche in Melipeuco

Die Landschaft wird nun flacher, je weiter wir nach Westen fahren. Idyllisches Hügelland mit Weiden und kleinen Waldstücken begleitet uns auf der Fahrt über holprige, ungeteerte Nebenstraßen nach Villarica. Wir fühlen uns fast wie im heimischen Odenwald. Und tatsächlich ist auch diese Gegend eines der Siedlungsgebiete deutscher Auswanderer. Die Stadt ist ein beliebtes Urlaubsziel. Ausflugsboote schippern über den See und von gegenüber liegendem Ufer ragt der schneebedeckte Vulkan Villarica fast 2900 m hoch in den Himmel. Er ist einer der aktivsten Vulkane Südamerikas, der letzte Ausbruch fand 2019 statt. Da spuckte der Villarica eine 1000 m hohe Lavasäule. Am Straßenrand stehen Warnschilder mit Verhaltensregeln und Fluchtwegen bei einem Ausbruch . Außerdem ist er einer von weltweit insgesamt 8 Vulkanen, welche einen offenen aktiven Lavasee im Krater besitzen. Das macht ihn natürlich zu einem beliebten Ziel für geführte Bergtouren. Wir genießen den Anblick des perfekten Kegels des Stratovulkans lediglich von der Uferpromenade in Villarica und sind froh, dann dem Urlaubsrummel zu entkommen.

Stellplatz am Rio Toltén
Stellplatz am Rio Toltén

Eine halbe Autostunde westlich der Stadt haben wir mit Hilfe von IOverlander einen wunderbaren Stellplatz unter schattigen Weiden am Ufer des Rio Toltén gefunden, nur über einen steilen Schotterweg für 4×4 erreichbar, weit abseits der Straße. Der Platz scheint beliebt zu sein, es gibt mehrere Feuerstellen. Aber heute sind wir alleine, bis auf ein paar Angler, die abends und am frühen Morgen ihre Boote zu Wasser lassen. Was uns wieder auffällt, es liegt kein Abfall herum. Das war bisher an allen Rastplätzen im Süden Chiles so, ganz im Gegensatz zum Norden. Oft das an der doch ein wenig anderen Mentalität der Südchilenen liegt?

Frutillar, 23.2.2026

Heute ist es erstmals seit wir in Südamerika sind komplett bewölkt. Wir fahren zur Routa 5 und dann weiter Richtung Süden. Sehr gerne hätte ich die Nebenstraßen entlang der vielen See genommen, aber heute hängen die Berge in den Wolken, so dass sich die kurvige Fahrt wohl nicht gelohnt hätte. So geht es über die Panamericana durch eine ziemlich flache Landschaft mit vielen Weiden und einigen Baumgruppen. Sieht aus wie Niedersachsen und ist etwa so spannend wie die Autobahn Münster- Bremen. Am frühen Nachmittag verlassen wir bei Osorno endlich die Ruta 5 und fahren nach Puerto Octay am See Llanquihue, den zweitgrößten in Chile.

Puerto Octay
Puerto Octay

Der Ort wurde, wie fast alle Siedlungen in dieser Region, um 1850 von deutschen Auswanderern gegründet. Auch wenn heute hier ausschließlich Spanisch gesprochen wird, sieht man die Geschichte der Region sehr deutlich an der Architektur mit alten Holzhäusern, den Namen und Speisekarten der Restaurants. So hat sich das Wort „Kuchen“ für Streuselkuchen mit Vanillecreme und Obst eingebürgert, es gibt natürlich auch Torta Selva Negra, also Schwarzwälderkirschtorte. Viele Menschen sind auffallend blond und hellhäutig. Wir schlafen heute in Fruttilar auf dem Campingplatz Hoffmann direkt am Seeufer der Laguna Llanquihue, die wie der Bodensee aussieht, wenn man sich den Vulkan Osorno am anderen Ufer wegdenkt . Irgendwie irritierend.

Llanquihue, 24.2.2026

Morgens ein wunderbarer Sonnenaufgang über dem See, dann großes Wäschewaschen. Im heftigen Wind Patagoniens ist trotz kühler Temperaturen alles in Rekordzeit trocken und gegen Mittag geht es zum benachbarten Dorf Frutillar Bajo.

Vulkan Osorno
Vulkan Osorno

Der Ort ist ebenfalls eine Gründung deutscher Auswanderer im Jahr 1856, allerdings sind hier im Gegensatz zu Puerto Octay die niedlichen Holzhäuschen entlang der sehr schönen Promenade am See herausgeputzt und komplett touristisch vermarktet als Restaurant, Café oder Hotel. Ein richtiger Rentner-Urlaubsort, Puerto Octay gefällt uns besser.Aber hier gibt es den besseren Kuchen. Mittags genießen wir hervorragenden Cappuccino und gute Torte bzw. Streuselkuchen im „Kuchendorf“.

Holzhäuschen in Frutillar Bajo
Holzhäuschen in Frutillar Bajo

Nach dem Bummel entlang der Promenade mit tollem Blick auf den perfekten Kegel des Vulkan Osorno, der sich heute wolkenlos präsentiert, gönnen wir uns noch im „Kuchenladen“ leckeren Apfelstrudel und Schwarzwälderkirschtorte in gigantischen Portionen to-go. Köstlich, aber eine echte Herausforderung. Eine gute halbe Stunde Fahrt entlang der kurvigen Straße am See und schon sind wir in Llanquihue, wo der Campingplatz des alten Auswanderers Walter Baumbach mit Traumblick auf See und Vulkane auf uns wartet.