Entlang der Schwarzmeerküste und durch Zentralanatolien nach Georgien

Nach unserer ersten Nacht in der Türkei fahren wir auf sehr holpriger Landstraße zurück zur Autobahn. Vorbei geht es an endlosen Sonnenblumen-und Getreidefeldern. Von der Hitze des Sommers ist das Land ausgedörrt und gelb-braun verbrannt. Ohne Probleme umfahren wir für ca. 200 Kilometer auf dem nagelneuen, vierspurigen und total leeren Autobahnring die riesige Metropole Istanbul mit ihren 14-17 Mio. Einwohnern und überqueren den Bosporus an seiner engsten Stelle über die 1875 m lange Yavuz-Sultan-Selim-Brücke. Wir sind nun in Asien. Ziemlich abrupt ändert sich die Vegetation. An der Schwarzmeerküste ist nun saftiges Grün die vorherrschende Farbe der Landschaft. Am Gebirge im Hinterland regnen die Wolken ab und so gibt es hier im feuchtheißen Klima große Laubwälder, Haselnussplantagen und Tabakfelder.

Schwarzmeerküste hinter dem Ort Sile

Beim Badeort Sile endet die Schnellstraße und wir gurken wieder auf der schmalen, alten Küstenstraße. Eine Kurve folgt der anderen, es geht an der bergigen Küste permanent rauf und runter, meist mit 10 % und mehr. Wir sehen die Route ja auch immer aus der Radlerperpektive. Und da ist die Strecke wirklich eine extreme Herausforderung, vor allem auch bei der hohen Luftfeuchtigkeit und Temperaturen um die 30 Grad. Aber auch mit dem Auto braucht man lange, die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei etwa 40-50 km/h. Aber die neue 4sprurige Schnellstraße ist schon in Bau, überall sieht man die breiten Schneisen, teilweise mitten durch die Orte. Das wird das Gesicht dieser Landschaft deutlich verändern.

Viele türkische Touristen tummeln sich im Badeort Agva, hier reiht sich entlang eines Flusses ein hübsches Gartenrestaurant an das nächste, außerdem gibt es am Meer einen langen, breiten Sandstrand. Nach endloser Kurverei auf engen Straßen über die Hügel mit ihren Haselnussplantagen kommen wir am Nachmittag östlich vom Ort Tarakci wieder direkt ans Meer. Auf den Felsen oberhalb des Sandstrandes von Sariso zweigt ein sehr unwegsamer Pfad auf eine Wiese ab. Ein toller Stellplatz für die Nacht. Noch etwas höher hat bereits jemand mit Zelt, selbstgebauer Hängematte und vielen Plastikplanen ein Lager errichtet, das nach Daueraufenhalt aussieht. Der Mann bedeutet uns mit vielen Gesten, dass es besser sei, oben bei ihm zu übernachten. Wir befolgen seinen Rat und haben nun einen tollen Platz mit weitem Blick über die Küste. Natürlich werden wir von dem Dauercamper auf einen Tee eingeladen. Dank der Übersetzungs-App können wir uns auch ganz gut unterhalten. Ishak ist ein Lkw-Fahrer, der den ganzen Sommer hier verbringt.

Unsere erste Nacht in der Türkei
Wir treffen Ishak, der uns zum Tee einlädt

Nachts beginnt es zu gewittern und heftig zu regnen. Wir frühstücken also im Bus und sehen dabei zu, wie sich der lehmige Boden unseres Stellplatzes rasch zu weichen Brei verwandelt. Dank Vierradantrieb kommen wir aber trotz anfänglicher Bedenken gut aus der aufgeweichten Zufahrt hinaus. Die Straßen stehen teilweise unter Wasser. Bald hört aber der Regen auf, doch es bleibt den ganzen Tag bewölkt und drückend warm. Unsere Route führt entlang der Küste, wieder über viele Hügel, durch kleinste Dörfer und auch einige große Orte. An einem Strand essen wir vor dem Bus zu Mittag. Der Platz ist, wie immer, total vermüllt. Wieso man jeglichen Abfall in der Gegend rumwerfen muss, wird uns ewig ein Rätsel bleiben.

Mittagsrast am Meer und im Müll

Bei Egli biegen wir in die Berge ab, unser Tagesziel ist die alte Stadt Safranbolu, die ca. 70 Kilometer im Landesinneren liegt. Die Landschaft ist sehr schön. Die Berge sind knapp 2000 m hoch, relativ steil und komplett mit Laubwald bewachsen. Unterwegs sammeln wir viele Eindrücke. Die Dörfer sind sehr urig und sehr viel einfacher als an der Küste, Handel und Handwerk finden überwiegend auf der Straße statt. Manchmal ist es, als würden wir mitten durch eine Werkstatt fahren. Immer gibt es auch ein Lokal mit Terrasse, in den sich die Männer zum Schwatzen treffen. Frauen sieht man in der Öffentlichkeit kaum, außer beim Einkauf und immer mit Kopftuch und langer Hose bekleidet. Es spielen auch nur Jungen auf der Straße, keine Mädchen. Die Häuser weisen alle Baustadien auf, vom unverputzen Rohbau ohne Fenster bis zur Ruine kurz vor dem Zusammenbruch. Trotzdem ist immer mindestens die unterste Etage bewohnt. Auch die Straße variiert abschnittsweise: von einspurig und Schotter-Schlaglochmix bis zur breit ausgebauten Schnellstraße. Uns fallen zahlreiche Autos mit deutschen Kennzeichen aus dem Ruhrgebiet auf. Viele Bergarbeiter aus den Kohleabbaugebieten an der Schwarzmeerküste sind nach Deutschland ausgewandert und kommen in den Sommerferien in die alte Heimat.

Altstadt von Safranbolu

Am späten Nachmittag beginnt es wieder zu regnen. In Safranbolu fahren wir auf einen kleinen Campingplatz, der zu einem Hotel gehört und gönnen uns nach der ersten Reisewoche endlich eine Dusche. Abends gibt es mal wieder Couscous mit Soße und Gemüse. Die pürierten Tomaten im Glas, die wir heute eingekauft haben, erweisen sich jedoch als stark konzentriertes Paprikamark. Eine höllisch scharfe Angelegenheit. Musikalisch wird das Essen untermalt durch die Rufe des Muezzim, dessen Lautsprecher am Minarett direkt neben dem Campingplatz installiert sind.

Am nächsten Morgen ist zunächst großes Wäschewaschen angesagt. Der Regen ist abgezogen, es scheint wieder die Sonne. Annette wechselt trotz tropisch feuchtheißer Temperaturen auf langärmelige Bluse und lange Schlabberhose, un den Gepflogenheiten der örtlichen Damenmode Rechnung zu tragen. Vormittags bummeln wir einige Stunden durch die Altstadt von Safranbolu, die für ihre osmanischen Bürgerhäuser berühmt und daher UNESCO-Welterbe ist. Mittlerweile hat sich das auch bei den chinesischen Touristen herumgesprochen, die in Reisegruppen in die schmalen Gassen und den Basar einfallen. Ansonsten sind wieder nur viele türkische Besucher unterwegs. Uns gefallen die weißverputzten Häuser mit ihrem schwarzen Fachwerk und Fensterläden sehr gut, an schönsten ist es abseits der Hauptstraße, weil dort die Erdgeschosse der Gebäude noch nicht mit Andenkenläden verunstaltet wurden.

Altstadt vom Amasra

Nach rund 1,5 Stunden und 90 Kilometern Fahrt erreichen wir am Nachmittag wieder das Meer. Wir sind in Amasra, der laut Reiseführer schönsten Hafenstadt der Schwarzmeerküste. Der alte Ortskern liegt der malerisch zwischen zwei Buchten auf einer Landzunge. Gemütlich schlendern wir durch den sehr belebten Ortskern. Es gibt natürlich viele Lokale und Andenkenläden. An den Stränden ist auch einiges los. Unser bus steht direkt am schmalen Kiesstrand mit Premium-Blick auf die Altstadt. Abends kochen wir am Strand und genießen noch lange die schöne Atmosphäre. Der Kleidungswechsel von Annette war übrigens überflüssig. Hier an der Küste geht alles weniger konservativ zu als in der Bergdörfern, von knappen Shorts mit Top bis zur Totalverhüllung mit Kopftuch ist alles möglich.

Die Nacht war kurz und laut, dank der Musikbeschallung am Strand und dem Muezzim, der morgens um 5 Uhr aktiv wird. Wir fahren den ganzen Tag die Küstenstraße entlang. Die Landschaft ist großartig, die bewaldeten steilen Berge reichen bis ans Meer und die Straße windet sich in endlosen Kurven stetig 200 bis 300 Meter hoch und runter, meist sehr steil mit 10 %. Es gibt praktisch keinen Straßenabschnitt, der gerade aus geht. In kleinen Buchten liegen oft schöne Kiesstrände. Besonders schön ist die kreisrunde Bucht von Gideros, wo wir in einem Gartenlokal eine Pause machen.

Herrliche, einsame Steilküste -eine Fahrt mit unendlichen Kurven und Steigungen
Gartenlokal in der Bucht von Gideros

Mit durchschnittlich nur 40 km/h kommen wir nur sehr langsam voran, für die heutigen 220 Kilometer brauchen wir über fünf Stunden reine Fahrzeit. Das Wetter hat sich wieder stabilisiert, sämtliche Wolken sind verschwunden, doch es ist immer noch sehr schwül, heiß und dunstig. Gegen 16.30 Uhr erreichen wir einen schönen Campingplatz in einem Kieferwald direkt am Meer, etwas östlich von Abana. Wir stellen unseren Bus auf den besten Aussichtspunkt der Steilküste, genießen den Blick auf die unter uns liegende Bucht, das Meeresrauschen und einen Tee mit Baclava, dem tradionellen türkischen Blätterteiggebäck. Abends gibt es einen schönen Sonnenuntergang über dem Meer. Auch besucht uns mal wieder einer der vielen streunenden Hunde. So ein Pech für ihn, dass wir uns überwiegend von Tomaten, Paprika, Gurken und Obst ernähren. Alles schmeckt einfach phantastisch und kostet (für uns) fast nichts.

Einsame Strände am Schwarzen Meer
Campingplatz mit Traumblick bei Abana

Schon um 7.00 Uhr sind wir ausgeschlafen, das Frühstück mit weiten Blick auf das Meer ist ein Genuß. Wieder einmal wird uns bewusst, wie unglaublich gut wir es haben. Weiter geht die Fahrt entlang der Küstenstraße. Allmählich werden die Berge etwas flacher, die Straße ist weniger kurvig und streckenweise sogar vierspurig ausgebaut, was dem Charakter der Landschaft jedoch sehr schadet. Am späten Vormittag erreichen wir die Stadt Sinop an der nördlichsten Spitze der türkischen Schwarzmeerküste. Ein Bummel entlang des Hafens mit seinen vielen Lokalen und durch die sehr belebten Einkaufsstraßen ist eine gute Abwechslung vom Autofahren.

Unsere weitere Route verlässt nun die Küste. Über eine sehr gut ausgebaute Straße geht es über einen 1000 Meter hohen Pass in das zentralanatolische Hochland. Auf der Südseite des Gebirges ändert sich die Vegetation schlagartig. Im Regenschatten der Berge gedeihen keine grünen Wälder mehr es keine grünen Wälder mehr. Braune Steppe und unendliche Sonnenblumen -und Tabakfelder prägen das Bild.

Im zentralanatolischen Hochland

Nur in den Flussniederungen gibt es Baumgruppen und Sträucher. Sehr heiß ist es, das Thermometer zeigt knapp 35 Grad, allerdings ist die Luft trockener als an der Küste und es weht ein warmer, kräftiger Wind. Durch die Radlerbrille betrachtet ahnen wir mittlerweile, dass die Türkei ein ziemlich herausforderndes Terrain für Tourenfahrer ist: unendlich viele, lange und starke Steigungen, heftiger Wind (bisher strikt aus Westen) und hohe Temperaturen. Allerdings dürften per Rad die Eindrücke von Land und Leuten wesentlich intensiver sein. Obwohl wir uns Zeit nehmen und langsam fahren, rollt man im auto doch ziemlich abgeschirmt durch die Gegend. Am späten Nachmittag finden wir, wieder dank der App Park4night, einen genialen Stellplatz in völliger Abgeschiedenheit und Ruhe am kleinen See Yedikir Baray in der Nähe der Stadt Suluova, abseits der Straße nur über einen staubigen Holperweg zu erreichen. Inmitten einer weiten Wiesenfläche und einigen Bäumen steht unser rollendes Heim und wir haben mal wieder einen herrlichen Blick über den See und die kahlen Berge dahinter. Die Abendsonne taucht die Landschaft in unwirkliche rosa und zartblaue Pastelltöne, einfach wunderschön.

Fahrt durch Zentralanatolien

Am nächsten Morgen sind wir schon kurz nach 9.00 Uhr in Amasya. Die Stadt hat ca. 60.000 Einwohner und gilt als die schönste in Zentralanatolien. Die Altstadt ist wirklich sehr sehenswert, weiße “Konaks“ (Häuser der osmanischen Oberschicht) liegen unmittelbar am Flussufer, die Balkone und Erker hängen über dem Wasser, eine Bilderbuchidylle. Die Gebäude aus dem 14. Jahrhundert sind hervorragend restauriert und beherbergen heute Hotels und Restaurants. Unmittelbar dahinter erheben sich steile, kahle Berge, hoch oben thront eine verfallene Zitadelle.

Amasya – die Altstadt unterhalb der Zitadelle
Panorama-Blick auf Amasya

Eine weitere Sehenswürdigkeit sind die 12 m hohen Felsengräber der pontischen Könige aus dem 2.-3. Jahrhundert v. Chr. in der Bergwand oberhalb der Altstadt. Am südlichen Flussufer liegt die Neustadt mit einer sehr schönen, baumbestandenen Uferpromenade, von der man eine herrlichen Blick auf die Altstadt hat. Auch besuchen wir die große Moschee des Sultans Beyazit II. aus dem 15. Jahrhundert. Ausziehen von Schuhen und das Tragen eines Kopftuch für Annette sind obligatorisch. Uns gefällt der schlichte, mit einem blauen Teppichboden ausgelegte Innenraum, seine herrlichen Ornamenten an Decken und Wänden sehr gut. Der prachtvolle Bau liegt in einem schönen Park.

Moschee in Amasya

Abschließend fahren wir zu einem Restaurant-Cafe in den Bergen hoch oberhalb der Stadt und genießen bei einem Tee den wunderbaren Blick von der Terrasse. Sehr schön ist auch das Umland der Stadt mit vielen Weingärten, Obst-und Mandelplantagen. Das muss im Frühling eine wahre Blütenpracht sein.

Danach geht es einige Stunden über die 4spurige Schnellstraße Richtung Osten. Die Städte müssen in den letzten Jahren geradezu explodiert sein, überall wurden ganze Viertel mit großen Appartementhäusern aus dem Boden gestampft, leider in der Regel ohne eine erkennbare städtebauliche Planung. Es ist auch erstaunlich, wie viele neue, sehr gut ausgebaute Straßen das Land hat. Trotzdem muss man aufmerksam beim Fahren sein, denn es kann durchaus vorkommen, dass eine Kuh über die Fahrbahn läuft. In der Nähe von Orten stehen auf dem Seitenstreifen außerdem oft zahlreiche Stände von Gemüse-und Obstverkäufern mit entsprechendem Fußgängerverkehr. Die Zebrastreifen und die Geschwindigkeitsbegrenzungen werden von den Autofahrern konsequent ignoriert. Was uns noch auffällt, sind die Videoüberwachungen an allen Ortseinfahrten und die sehr häufigen Verkehrskontrollen durch Polizei oder Militär. Bisher wurden wir immer lässig durchgewunken.

Die Fahrt über die Schnellstraße ist ziemlich öde, endlich biegt unsere Route auf eine kleinere Straße in die Berge ab. Wir durchfahren herrliche Täler mit gelbbraunen Bergen, blauen Flüssen mit saftiggrünen Wiesen und Bäumen an ihren Ufern. Am späten Nachmittag wird es Zeit einen Stellplatz für die Nacht zu finden. Spontan fahren wir eine winzige Straße hinauf auf einen Bergrücken und finden einen herrlichen Platz auf einer Weidefläche, natürlich mit Rundum-Fernsicht auf die umliegenden Berge. In 1400 Metern Höhe ist es auch nicht mehr ganz so heiß, nur noch so um die 30 Grad.

Allerdings ist die Straße doch stärker befahren als gedacht und man kann unseren Bus gut von der Fahrbahn aus sehen. Am Abend kommen dann drei Männer zu uns und wollen wissen, was wir hier machen und ob alles in Ordnung sei. Mit Händen und Füßen machen wir klar, dass wir hier nur für eine nacht bleiben wollen. Als wir dann noch im Bett liegen, halten zwei Autos, löschen ihre Scheinwerfer. Wir hören mehrere Männer miteinander sprechen und erst nach einiger Zeit wieder weg fahren. Wir werden also beobachtet. Dann taucht gegen 23.00 Uhr eine größere Gruppe auf, dieses Mal mit mehreren Polizisten, die Gewehre dabei haben. Ein Mann spricht etwas Deutsch und erklärt uns, wir müssten hier sofort weg, weil es zu gefährlich sei. Welche Gefahren auf uns lauern, konnte er uns nicht sagen. Die Polizei verlangt unsere Reisepässe und behält sie. Wir müssen ihnen in die 15 Kilometer entfernte Kleinstadt Siran folgen. Dort bekommen wir die Dokumente wieder. Die Polizisten meinen, hier in der Stadt wäre es sicher und wir sollten uns nun ein Hotel suchen. Und schon sind sie verschwunden. Na, das waren ja ein paar Herzchen. Wir hatten eigentlich erwartet, dass sie uns auf den parkplatz der Polizeistation lotsen. Mittlerweile ist es Mitternacht. Zunächst sind wir etwas ratlos, denn in der Dunkelheit einen Stellplatz zu finden, ist ziemlich aussichtslos. Doch wieder einmal haben wir Glück. Die “Park4night“-App zeigt am Stadtrand eine Übernachtungsmöglichkeit auf dem Parkplatz des städtischen Fußballvereins. Dort verbringen wir dann die restliche Nacht ungestört und in Ruhe.

Am nächsten Morgen frühstücken wir erstmal gemütlich und fahren dann weiter Richtung Küste durch das Pontische Gebirge. Über gute und verkehrsfreie Straße kurven wir durch herrliche Täler und über Pässe mit mehr als 2400 m Höhe. Eine großartige, sehr karge Landschaft.

Halbwüste mit Stausee in Zentralanatolien
Das Pontische Gebirge

In den Dörfern fühlen wir uns um 100 Jahre zurück versetzt. Flache, ärmliche Häuschen aus Bruchstein kleben sich rund um die Moschee am Berghang. Die Gassen sind eng und nicht geteert, an der Häusern stapelt man Kuhdung als Brennmaterial zum Kochen und Heizen. Unsere Straße wird immer steiler und enger, schließlich hört der Teer auf. Unser tapferer Bus schraubt sich eine Serpentine nach der anderen hoch. In dem äußerst ärmlichen Ort Tasköprü Yaylasi gibt es, wir glauben es kaum, sogar ein Haus, auf dem “Penzion“ steht. Es sieht allerdings so aus, als würde es kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Wann mag hier der letzte Gast übernachtet haben?

Steile Pisten im Pontischen Gebirge

Danach geht es dann richtig steil auf der Schotterstraße, bald sind wir in den tiefhängenden Wolken und die Sicht sinkt gegen Null. Einzig auf dem Navi können wir noch den Straßenverlauf erkennen. Links ist die Berwand und rechts scheint es direkt neben der Fahrbahn jedenfalls sehr tief nach unten zu gehen. Nein, das hat keinen Sinn, bei dem Wetter weiterzufahren. Vor allen, weil man auf der überwiegend einspurigen Straße auch mit Gegenverkehr rechnen muss und man keine 5 Meter weit sehen kann.

Übernachtung auf 2.500 m Höhe im Pontischen Gebirge

Auf 2.500 m Höhe tasten wir uns also auf eine Wiese nahe der Straße und kochen erstmal einen Kaffee. Dann beginnt es auch noch zu gewittern und zu regnen. Wir beschließen auf besseres Wetter zu warten und hier oben zu übernachten. Und tatsächlich klart es abends noch auf. Die Nebelschwaden ziehen über die Gipfel weg und wir haben einen schönen Blick in die Berge, sehen aber auch nun den Verlauf der eben gefahrenen Straße entlang der steilen Abhänge und es wird uns noch nachträglich schwindelig.

Der folgende Tag bringt leider keine Wetterbesserung, es ist nur noch 10 Grad warm und wieder hängt alles im Nebel. Aber nun rollen wir bergab und sind rasch aus den Wolken heraus. Bei ca. 1900 m ist die Baumgrenze erreicht. Es beginnt ein dichter, schöner Tannenwald. Rasch erreichen wir das berühmte Kloster Sumela. Und werden arg enttäuscht, denn es ist wegen Restaurierung geschlossen. So müssen wir uns mit einem Blick aus dem Tal begnügen. Aber auch von weitem sieht es einfach toll aus, wie das Kloster in der steilen Felswand klebt. Außer uns wollen das auch ganz viele andere Touristen bewundern und so wimmelt es von Reisebussen, Imbissbuden und Andenkenläden. Wie immer bisher, sind wir aber die augenscheinlich einzigen Ausländer.

Kloster Sumela im Nebelwald des Pontischen Gebirges

Durch das grüne Gebirgstal rollen wir runter bis zur Küste. Die Schnellstraße führt direkt am Meer entlang. Die Städte gehen ineinander über mit häßlichen neuen Hochhaussiedlungen. Ab und an gibt es kräftige Regenschauer. Endlich biegen wir wieder in die Berge ab, die her fast 4000 m Höhe erreichen. Durch das schöne enge Firtinatal erreichen wir Ayder. Laut Reiseführer soll das ein schönes Bergdorf sein. Aber uns trifft echt ein Schock. Der Ort besteht ausschließlich aus Hotels im Pseudo-historischen Baustil, Restaurants und Andenkenbuden, dazu grellbunte Leuchtreklame. In der Straße drängen sich wahre Menschenmassen, vor allem arabische Großfamilien mit durch die Burka vollständig schwarz verschleierten Frauen, dazwischen stauen sich Autos und viele Reisebusse. Das reinste Grauen. Endlich haben wir uns durchgekämpft und tuckern weiter bergan auf der Suche nach einem Stellplatz für die Nacht. Obwohl die Straße oben in den Bergen endet, ist viel Verkehr. In jeder kleinen Haltebucht stehen Autos. Im Nieselregen wird unverdrossen gegrillt und Picknick gemacht. Endlich endet der Teerbelag, die Piste wird steiler und immer steiniger und wir finden in 1700 m Höhe einen schönen Platz an einer Wiese, etwa abseits der Piste. Abends machen wir noch einen kleinen Spaziergang und fühlen uns wirklich in die heimischen Alpen versetzt. Klar, dass die Urlauber aus den staubtrockenen arabischen Ländern in Verzückung geraten, wenn sie hier Wasserfälle, Rhodedendronwälder und moosbehangene, dunkelgrüne Tannen sehen.

Anderntags heben sich die Wolken und wir sehen ein wirklich wunderschönes alpines Bergtal. Die Temperaturen sind mit knapp 20 Grad überaus angenehm. Am frühen Morgen ist in Ayder noch nicht viel los, rasch rollen wir daher zur Küste runter. Hier empfangen uns wieder schwüle 30 Grad. In der nächsten Stadt kaufen wir ein und treffen einen sogenanntem “Deutschländer“, d.h. einen Türken, der in Deutschland lebt. Höchst interessant ist es, was er uns mit sympathischen bayerischen Akzent zur rasanten Entwicklung der Region in den letzten 10 Jahren erzählt. Und auch, dass sehr viele gut ausgebildete Leute von den Städten an der Schwarzmeerküste nach Istanbul oder Ankara umgesiedelt sind und nur im Sommer hier leben. Ab Mitte September wären die quirligen Orte an der Küste dann wieder halb leer. Und wir staunen, als er meint, vor ein paar Jahren sei Ayder noch ein verschlafenes Dorf gewesen, aber jetzt zur Nachsaison wären ja nicht mehr viel Touristen dort. Kaum vorstellbar, nach dem Rummel, den wir dort gestern erlebten.

Genau zwei Wochen nach unserer Abfahrt von Mühltal erreichen wir dann über die Schnellstraße die Grenze nach Georgien.

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