„Thru-hike“ Nibelungensteig – Annette allein im Odenwald

Über 30 Jahre leben wir nun schon im schönen Südhessen und sind doch noch nie ganz durch den Odenwald, der direkt vor unserer Haustür beginnt, gelaufen. Da bietet sich der 2008 eröffnete Nibelungensteig, der über 133 Kilometer von Zwingenberg an der hessischen Bergstraße bis nach Freudenberg am fränkischen Main führt, geradezu dafür an.

Es ist das erste Mal, das ich ganz alleine unterwegs bin, eine neue Erfahrung, auf die ich sehr gespannt bin und mich zugleich sehr freue. Und ich werde im Wald schlafen, das liebe ich am meisten. Außerdem bin ich dadurch in der Einteilung meiner Etappen unabhängig von Unterkünften und Orten. Ich werde täglich ca. 30 Kilometer zurücklegen, so dass für den gesamten Weg 4,5 Tage benötigt werden.

Der Rucksack ist relativ leicht, er enthält nur Zelt, Schlafsack, Liegematte, Regenjacke und Essen. Außerdem natürlich den üblichen Kleinkram, wie Telefon, Erste Hilfe-Beutel, Toilettenpapier, zwei Wasserflaschen sowie Berghaferl und Löffel. Zusätzliche Kleidung braucht man für die kurze Strecke nicht, Wanderstöcke sind aber sehr angenehm bei den steilen Wegstücken. Einen Kocher nehme ich nicht mit, als Proviant reichen Müsli, Instant-Haferflocken, Tsampa (geröste und gemahlene Gerste) und Wasser.

Der Weg ist hervorragend markiert und ich habe das Navi dabei, eine Wanderkarte ist also überflüssig. Sehr schön dabei zu haben ist aber der Wanderführer von Andrea Preschl „Nibelungensteig“ (Outdoor-Verlag, Band 396), der neben einer guten Wegbeschreibung (mit Übersichtskarten und Höhenprofilen) auch Hinweise zu Einkaufs- und Übernachtungsmöglichkeiten sowie viele interessante Details über die Gegend enthält, vor allem natürlich zu den Schauplätzen der Nibelungensage, die Namensgeber für den Wanderweg ist.

Erster Tag

Olaf fährt mich zum Ausgangspunkt der Wanderung nach Zwingenberg, nur 20 Minuten mit dem Auto von Zuhause entfernt. Sofort nach dem Start in der hübschen Fachwerk-Altstadt macht der „Steig“ seinem Namen alle Ehre, denn der Weg führt steil über 420 Höhenmeter auf den Melibokus hoch. Wir gehen bis zum „Gipfel“ zu zweit, genießen den Blick in die weite Rheinebene, dann kehrt Olaf um und ich bin alleine unterwegs. Es ist sehr schön, in völliger Ruhe durch den Wald zu gehen und sich in Tagträumen zu verlieren. Von unserem zahlreichen Tageswanderungen sind mir die Wege hier gut vertraut, auf die weiße Markierung mit dem roten „N“ brauche ich gar nicht zu achten.

Start in Zwingenberg

Gegen Mittag erreiche ich das Felsenmeer, wo ich Rast mache. Da mir jemand zur Unterhaltung fehlt, habe ich ein Skizzenbuch und Bleistifte dabei. Das Zeichnen während einer längeren Rast ist sehr entspannend und macht Spaß. Anders als bei Schnappschüssen mit dem Fotoapparat ist man gezwungen, die Dinge in Ruhe und genau zu betrachten. Und dann ist es auch egal, dass meine Kunstwerke noch deutliche Verbesserungspotentiale haben.

Doch die meditative Stimmung wird jäh unterbrochen, als ich überlege, mir im Infozentrum am Felsenmeer ggf. ein Eis zu kaufen. Verdammt, wo ist mein Portemonnaie? Der gesamte Rucksack wird durchforstet. Nichts. Es geht ein Notruf an Olaf. Der kann aber auch zu Hause nichts finden, könnte mir aber zumindest Geld per Auto bringen. Also noch ein zweites Mal und gründlicher suchen, den Rucksack komplett auspacken. Und richtig, da liegt das vermisste Teil in der hintersten Ecke der Deckeltasche. Wieder Olaf anrufen und Entwarnung geben. Ich bin erleichtert und ärgere mich gleichzeitig darüber, wie verpeilt ich manchmal bin.

Am Felsenmeer ist wie immer viel Betrieb, jetzt in den Sommerferien tummeln sich hier zahlreiche Familien und Jugendgruppen, die auf den großen Felsblöcken herumklettern. Doch schon bald bin ich wieder alleine im Wald. Es geht über eine wunderschöne Strecke auf meist schmalen, weichen Pfaden stetig bergauf, vorbei am markanten Hohensteiner Kletterfelsen zum Schannenbacher Moor, immer wieder mit wunderbaren Ausblicken über Täler und Hügel. Knoden und Schannenbach sind winzige Orte inmitten blühender Wiesen, eigentlich nur Ansammlungen von einigen Häusern, sehr idyllisch gelegen, in völliger Ruhe. Hier müsste man wohnen – andererseits gibt es in so kleinen Orten wohl kaum Privatsphäre. Jeder kennt hier jeden. Ob mir das gefallen würde? Danach geht es endlich bergab zum netten Ort Schlierbach mit schönen Hofreiten, den typischen Dreiseit-Bauernhöfen des Odenwaldes. Hier gibt es einen Campingplatz zum Übernachten, außerdem eine Jugendzeltplatz. Aber es ist erst 18.00 Uhr und der Supermarkt im nur wenige Kilometer entfernten Lindenfels lockt. Doch bis dorthin ist noch einmal eine echt knackige Steigung zu bewältigen. Schweißüberströmt komme ich in dem Städtchen an.

In Lindenfels gibt es zur Belohnung zuerst einmal in der Eisdiele Venezia, an der der Weg vorbei führt, ein leckeres Eis. Danach geht es in den Edeka Supermarkt zum Großeinkauf, denn für die nächsten 75 Kilometer ist dies die letzte Möglichkeit. In zwei oder drei Orten unterwegs gibt es zwar kleine Landhandelgeschäfte, aber die haben sehr exotische Öffnungszeiten. Mit einem Kilo Müsli, einem Liter Milch (anstatt Wasser und damit Luxus für das heutige Abendessen und Frühstück am anderen Tag), einer Banane, drei Möhren sowie sechs Müsliriegeln wird der Rucksack beladen. Einen halben Liter Joghurt und ein Stück Kuchen esse ich direkt vor dem Laden.

Mittlerweile ist es schon fast 20.00 Uhr, nach fast 30 Kilometern und über 1400 Höhenmetern bin ich auch echt müde. Das war eine anstrengende Etappe für den ersten Tag. Es wird also Zeit, einen Übernachtungsplatz zu finden. Der Weg führt noch zwei Kilometer durch ein dunkles, feuchtes Tal, steigt aber dann an und kommt an eine Wiese. Hier am Waldrand finde ich eine schöne Stelle unter einigen Walnussbäumen für mein Zelt, ganz versteckt und vom Weg aus nicht zu sehen. Trotzdem wird die Nacht etwas unruhig, denn ab und an fällt eine unreife Walnuss auf das Zelt und ich schrecke jedesmal von dem lauten Knall hoch. Außerdem habe ich noch Besuch von einigen Wildschweinen. Wider Erwarten fühle ich mich auch alleine in meinem Zelt sehr wohl und geborgen, bin aber doch froh, kein offenes Tarp dabei zu haben.

Zweiter Tag

Heftiger Muskelkater am nächsten Morgen – meine armen Beine beschweren sich über die Zumutungen von gestern! Aber es hilft ihnen nichts, rauß aus dem Zelt und erst mal ein Stück laufen. Dann gibt es auf einer herrlich gelegenen Bank am Gumpener Kreuz in der Morgensonne Frühstück mit Müsli und Milch, dazu einen wunderbaren Panoramablick. Schöner kann es nicht sein, ich bin mit mir und der Welt völlig zufrieden.

Schon kommt die nächste Steigung hoch auf einen Sattel, dann wieder runter ins Weschnitztal. Die Gegend gehört nicht mehr zu unserem Ausflugsrevier. Es ist schön, Neues zu entdecken. Die Sonne leuchtet durch den lichten Buchenwald und zaubert helle Flecken auf den weichen Laubboden, man hört einen Specht klopfen, ansonsten ist es völlig still. Dann natürlich wieder steil hoch,, an der Walpurgiskapelle vorbei, auf einem schmalen Pfad zum Kahlberg. Auf breitem Schotterweg ist bergab rasch das sehr schöne Gaßbachtal erreicht, das mich hinunter nach Grasellenbach bringt.

Manchmal läuft man über geschotterte Forststraßen….

Kurz vor dem Ort gibt es eine Kneippanlage, das kalte Wasser, durch das man im eingefassten Steinbecken watet, ist eine herrliche Erfrischung für die warm gelaufenen Wanderfüße. In Grasellenbach gibt es viele Hotels und Pensionen, allen voran der wenig schönem Klotz des Wellness-Hotels Siegfriedbrunnen.

Sehr schön ist dann der Weg über weite Wiesen und später durch schattigen Wald hinauf zum sehr ruhig und idyllisch gelegenen Siegfriedbrunnen, wo einst angeblich der tapfere Held durch den hinterlistigen Recken Hagen hinterrücks gemeuchelt wurde. Ein würdiger Ort für meine Mittagsrast. Hier treffe ich tatsächlich zwei Spaziergänger, ansonsten bin ich immer alleine im Wald.

Noch geht es kurz weiter über den schönen Waldpfad, dann führt der Weg leider über breitere Forststraßen hinauf zum Spessartkopf. Hier wurden viele Windräder gebaut, die die Waldeinsamkeit doch sehr stören. Leider verpasse ich den Abzweig zum Roten Wasser, einem Hochmoor. Dank Navi komme ich rasch wieder auf den Nibelungensteig zurück, unterwegs kann ich mich sogar noch an einem großen Blaubeerfeld sattessen. So hat alles sein Gutes.

Forstwege und schließlich geteerte Wirtschaftswege über sonnige Wiesenflächen bringen mich hinunter nach Gütersbach. Es ist jetzt am Nachmittag echt heiß. Der kleine Laden an der Hauptstraße hat heute tatsächlich geöffnet, genau die richtige Zeit für ein erfrischendes Eis und eine Pause. Ein schöner Weg führt über den nächsten Hügel nach Hüttenthal. Hier ist dann erstmal Asphaltlaufen angesagt, erst ein paar Kilometer entlang der stark befahrenen Bundesstraße durch den langgezogenen Ort . an der Molkerei Hüttenthal biege ich ab und bin zwar den Autoverkehr los, leider aber nicht den harten Belag der Straße. Erst kurz bevor man zur Marbachtalsperre hinunter kommt, läuft man wieder auf Schotter. Der See ist beliebter Badeplatz, es gibt auch einen Jugendzeltplatz, auf dem mehrere Gruppen zelten. Eigentlich hatte ich vor, hier ggf. zu übernachten. Aber es ist mir einfach zu viel Betrieb, außerdem schallt der Lärm der Bundesstraße hinüber, eine besonders bei Motorradfahrern beliebte Strecke, was nicht zu überhören ist. Außerdem ist es erst 18.00 Uhr und ich habe mein Tagespensum noch nicht ganz bewältigt.

Also geht es nochmal bergauf in den Wald, langsam wird es endlich wieder stiller. Nach ca. zwei Kilometern kommt der Nibelungensteig auf eine schöne Hochfläche mit Weiden und Feldern. Hier finde ich ca. 200 Meter oberhalb des Weges eine herrliche Zeltstelle, nachdem ich durch ein Weizenfeld und über eine Wiese gestiefelt bin. Mein transportables Zuhause wird am Waldrand aufgestellt und ist gut durch Büsche verdeckt. Lange sitze ich noch in der Abendsonne auf der Wiese, esse mein Müsli – „verfeinert“ mit Tsampa, einem tibetischen Gerstenbrei, der rasch ziemlich fade schmeckt, aber rasch sättigt – zeichne ein wenig und genieße den perfekten Panoramablick. Wie geht es mir gut!

Dritter Tag

In der Nacht hatte ich wieder Besuch, ein Fuchs kam vorbei und die Mäuse haben einen Höllenlärm im Laub verursacht. Schon um 7.00 Uhr sitze ich also auf „meiner“ Wiese in der Sonne beim Frühstück, dann geht es hinunter ins Tal nach Ebersberg. Ein nicht so schönes Wegstück führt ca. fünf Kilometer auf Asphalt, entlang der Bundesstraße und später durch Wohnstraßen bis zum 1880 für die Odenwaldbahn gebauten Himbächel Viadukt, der in hohen Bögen elegant das Tal überspannt. Vielleicht wäre ich doch besser die 10 Kilometer längere Variante des Nibelungsteiges über Erbach gelaufen, dann hätte ich die langen Straßenetappen gespart. Andererseits wollte ich unbedingt das Viadukt einmal aus der Nähe ansehen, immerhin wurde es 2010 als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ geadelt. Also ein Pflichtprogramm für Verkehrsplaner.

So vertieft bin ich in die Betrachtung des imposanten Sandsteinbauwerks, dass ich fast auf den großen Feuersalamander getreten wäre, der regungslos mitten auf dem Weg hockt. Ein richtiger Minidrache – mit glänzender schwarzer Haut, leuchtend gelben Flecken und spitzen Krallen an den Füßen. Eine sehr schöne Begegnung.

…manchmal auf schönen weichen Wegen

Endlich laufe ich dann wieder auf weichen Waldwegen, Es geht natürlich wieder bergauf, die Steigung ist jedoch mäßig. Nett ist die kurze „Kletterei“ im Ebersberger Felsenmeer. Große, moosbewachsene Granitklötze liegen hier kreuz und quer herum, hohe Farne wachsen dazwischen, der schmale Pfad führt mitten durch. Ein richtiger Feenwald. Sehr schön ist auch der weitere Weg zum Weiler Gebhartshütte, zwei einsam im Wald gelegenen urigen Häusern.
Dann geht es für vier Kilometer bergab, leider auf breiten und grob geschotterten Forststraßen. Solche Etappen sind gerade jetzt um die Mittagszeit, wenn ich sowieso etwas müde bin, ziemlich öde. Der Weg zieht sich in die Länge wie ein Kaugummi, es ist heiß, mir wird langweilig. Jetzt wäre etwas Gesellschaft schön, statt dessen summe ich ein paar Liedchen vor mich hin. Gut, dass außer mir keine Wanderer unterwegs sind.

Endlich sind das Schöllenbachtal und kurze Zeit später der kleine Badesee Eutersee erreicht. Eine ausgedehnte Mittagsrast im Schatten tut gut. An der Quelle direkt hinter der Kirche des winzigen Ortes Hesseneck, der sowohl zu Hessen als auch zu Baden-Württemberg gehört, wird noch mal die Wasserflasche aufgefüllt. Der Aufstieg aus dem Tal ist dann echt knackig, sehr steil führt der Pfad für einen Kilometer über 200 Höhenmeter hoch und ich komme 15 Minuten später schweißtriefend am Ortseingang von Hesselbach an.

Der Ort liegt wunderschön auf einer sonnigen Hochfläche, umgeben von Wiesen und Feldern. Keine Durchgangsstraße stört die absolute Idylle hier. Völlig zu Recht führt der Nibelungensteig in weitem Bogen um den ganzen Ort herum, immer wieder locken Bänke mit schönen Ausblicken zur Rast. Dann geht es auf sehr schönen, weichen Wegen durch den Wald, mal zur Abwechslung ist es hier im „Dreiländereck“ von Hessen, Baden-Württemberg und Bayern ganz flach. Da kann ich mir auch gut den kurzen Abstecher zu einer rekonsturierten Wallanlage des Römischen Limes leisten.

Langsam wird mein Wasser in den Trinkflaschen knapp, für Abendessen und Frühstück wird es nicht mehr reichen. Ich ärgere mich, dass ich im Hesselbach nicht an einem Haus geklingelt und meine Flaschen auffüllen ließ. Da werde ich wohl am nächsten Abzweig wieder in den Ort hinunter müssen, ca. zwei Kilometer Umweg. Dann entdecke ich überraschend am verlassenen „Hesselbacher Tor“, direkt gegenüber des schönen ehemaligen Eingangsgebäudes zum Wildpark der Fürsten zu Leiningen, einen sprudelnden Brunnen. Trailmagic mitten im Odenwald!

Über verwachsene, schmale Waldpfade führt der Nibelungsteig nun an der Landesgrenze zwischen Baden-Würtemberg und Bayern entlang, immer parallel zum hohen Drahtzaun des Wildparks. Schließlich betritt man durch ein Holztor den Wildpark, es geht stetig bergab. Leider läuft man nun wieder für viele Kilometer auf grob geschotterten Wegen. Wahrlich kein Vergnügen für die Füße. Schade, denn auf dieser breiten Forstautobahn verliert das sehr schöne Breitenbachtal viel von seinem Reiz.

Es ist bereits Abend. Hier im Talgrund einen Zeltplatz zu finden dürfte schwierig sein, denn am plätschernden Bach wächst kniehohes Gras, die Wiesen sind eingezäumt, danach steigt der Wald steiler an. Schließlich entdecke ich auf der anderen Talseite eine ebene Fläche unter Buchen, keine feuchte Wiese, sondern ein trockenes, weiches Laubbett. Das sieht gut aus. Also stiefele ich erstmal durch die Brennnesseln am Bach, dann über Steine trockenen Fußes durch das Wasser. Wirklich eine tolle Stelle. Allerdings schienen das auch die Wildschweine zu finden, deren Spuren ich nun am flachen Bachufer in Massen entdecke, eine richtige Schweinesule. Das Gelände ist außerdem von Hochsitzen umstellt. Nein, das dürfte eine unruhige Nacht werden. Also wieder den Rucksack geschultert, über den Bach und durch die Brennesseln zurück zum Weg.

Noch eine halbe Stunde hinter dem romantischen Weiler Breitenbach marschiere ich im weichem Licht der Abendsonne bergauf. Dann ist doch noch der ideale Platz für die Nacht gefunden. Wieder an einem Waldrand, aber perfekt getarnt und in direkter Nähe steht eine verschlossene Jagdhütte mit Bank und Tisch vor der Tür. Hier sitze ich lange in der Sonne, „genieße“ mein feudales Essen aus Tsampabrei und Wasser und schaue den weidenden Kühen auf der anderen Talseite zu. Eine wunderbare, friedliche Stimmung und Entspannung pur. Und die Nacht wird angenehm ruhig, auch wenn, wie immer, irgendwelche Tiere um das Zelt herumpirschen.

Vierter Tag

Schade, schon bricht der letzte „echte“ Wandertag an, es wird eine sehr schöne und abwechslungsreiche Etappe.

Rasch bin ich morgens die zwei Kilometer nach Ottodorfszell hinunter gelaufen. Über einen schmalen Pfad geht es dann ca. 250 Höhenmeter sehr konditionsfördernd steil bergauf auf eine sonnige Hochebene und in das hübsche Dorf Preunschen. Hier steht das 1475 gebaute und damit älteste noch erhaltene Bauernhaus des Odenwaldes, das Watterbacher Haus, heute ein Waldmuseum, Zeit für eine Zeichenpause.

Kurz hinter dem Dorf geht es wieder bergab und ich komme zur stattlichen Ruine der Burg Wildenberg, die um 1200 herum zu den bedeutendsten Anlagen in Deutschland zählte. Noch immer sehr beeindruckend.

Weiter geht es steil den Hang hinunter bis zur ehemaligen Hofmühle, einem sehr schönem Backsteingebäude. Ebenso steil klettere ich danach wieder 230 Höhenmeter bergauf über einen schmalen Waldpfad zum Dorf Beuchen, das idyllisch inmitten sonniger Felder und Wiesen liegt. Mitten im Ort gibt es eine „Freizeithütte“. Das Blockhaus bietet für Wanderer und Radler eine Küche (Getränke für 1 Euro aus dem offenen Kühlschrank, das Geld legt man einfach in eine Schale), Tische und Eckbänke sowie eine supersaubere Toilette. Einfach perfekt. Hier muss ich natürlich eine Rast einlegen. Am Waschbecken in der Toilette wird erstmal eine (fast) komplette Ganzkörperreinigung vorgenommen, auch der Kopf wird unters Wasser gehalten. Herrlich, sich den Schweiß der warmen Wandertage abwaschen zu können.

Die Route ist immer gut beschildert

Gut erfrischt geht danach über Wiesen leicht bergab weiter, dann durch Wald steiler auf einem Pfad hinunter. Und schon wieder steht man an einem Siegfriedbrunnen. Auch die Bayern wollen von der Sage profitieren und reklamieren die Quelle als korrekten Ort des Meuchelmordes für sich.

Sehr schön dann der weitere Weg hinunter in das waldreiche Morretal. Auf wunderbar weichen, schmalen Wiesenwegen läuft man auf halber Hanghöhe mit immer wieder sehr schönen Ausblicken, eine wahre Genussstrecke. So erreiche ich am frühen Nachmittag die Stadt Amorbach mit einer markanten barocken Abteikirche und einer kleinen, netten Altstadt. Im Klostercafe gönne ich mir einen Latte Macchiato und ein Stück Johannesbeerbaiserkuchen. Beides schmeckt aber nur mäßig und zum Trost gibt es am Marktplatz noch ein großes Eis, das wirklich sehr gut und dazu noch preiswert ist. Hier kostet ein Kugel noch nur einen Euro, da nimmt der fleißige Wanderer doch gleich drei davon!

Dann bin ich aber froh, als ich nach einem Anstieg auf der anderen Talseite hinter der Ruine der Gotthardsbasilka das vom Verkehrslärm der zwei Bundesstraßen erfüllte Tal hinter mir lasse. Endlich wieder im Wald, endlich wieder Ruhe! Stetig leicht bergauf führt der Weg durch Reuenthal, einen winzigen Ort mit einer alten Wassermühle, dann durch ein schönes Tal hinauf bis auf die Hochebene und die Siedlung Monbrunn, die eigentlich nur aus mehreren weit verstreut liegenden, schönen Bauernhöfen und umliegenden Viehweiden besteht. Die Sonne steht schon tief, ein sehr schönes, mildes Licht liegt über der friedlichen Landschaft. Was ist das ein Kontrast zu dem Krach um Amorbach herum.

Dann umgibt mich wieder dichter Laubwald, durch den ein schöner, weicher Forstweg führt. Die letzte Sehenswürdigkeit des Tages wartet, die Reste einer großen keltischen Ringwallanlage sind zu bestaunen. Kurze Zeit später finde ich einen schönen Schlafplatz etwa vom Weg entfernt unter Buchen. Am späten Abend und nachts gibt es ein paar kleine Regenschauer, aber unter dem Laubdach bleibt das Zelt sogar schön trocken.

5. Tag

Das perfekte Wanderwetter der vergangenen vier Tage ist vorbei. Der Himmel ist völlig bedeckt, es ist feucht-warm und gewittrig. In einer knappen Stunde gelange ich auf Waldpfaden und Forstwegen bergab zur Miltenburg, dann führt mich eine krumme Steintreppe hinunter in die schöne Altstadt von Miltenberg am Main mit ihren wunderbaren Fachwerkhäusern.

Blick von der Miltenburg

Ein Cafe hat schon geöffnet, gute Gelegenheit für ein zweites Frühstück mit Latte und einem köstlichen Plunderteilchen. Am Fluss entlang geht es dann bis zum Winzerort Bürstadt, dann lange Zeit und in der schwülen Luft sehr schweißtreibend bergauf durch den Wald zum letzten „Gipfel“ der Wanderung, dem knapp 400 Meter über dem Main liegenden Wannenberg.

Fachwerkidylle in der schönen Altstadt von Miltenberg

Hier treffe ich mittags Olaf, der mich mit dem Auto abholt und mir ein Stück entgegen gelaufen ist. Die letzte Wegstunde bis nach Freudenberg hinunter habe ich also liebe Begleitung. Ich freue mich, dass wir damit sowohl den Anfang und als auch das Ende der kleinen Wanderung geteilt haben. Es waren wirklich sehr schöne Tage im Odenwald.

Ende des Nibelungsteiges – Rathaus von Freudenberg am Main
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