Erst einmal nur eine fixe Idee…und dann ein neues Touren-Abenteuer!

So fing alles an…

Zuerst war da vor einem halben Jahr, noch während der Radtour durch Neuseeland, erst einmal nur eine Idee: Wie wäre es, wenn man mehrere Monate zu Fuß unterwegs wäre – mitten in der Natur und weitgehend auf sich gestellt? Wäre das nicht noch mehr „Freiheit“ als bei einer Radreise, wo man doch mehr oder weniger in der Zivilisation mit ihren Straßen, Autos, Campingplätzen und Ortschaften verhaftet bleibt?

Für Olafs Füße sind Rucksack-Wanderungen von mehr als 2 Wochen Dauer nichts, das hat seine Sehnenentzündung im Sarek-Nationalpark 2016 mal wieder bestätigt. Aber so eine Langstreckenwanderung ganz alleine machen? Eigentlich brauche ich immer jemanden, mit dem ich mich austauschen kann. Sei es, um Entscheidungen zu treffen („Geht’s rechts oder links entlang?), Eindrücke zu teilen („Sieh mal, diese Berge, diese Weite….“) oder auch, um sich einen Motivationsschub zu holen („Bist du auch so platt…“). Aber der Gedanke war da und blieb im Kopf.

Wieder zurück in Deutschland fiel es unendlich schwer, sich hier wieder in den Alltag einzuleben. Ich vermisste das Draußensein, das Unterwegsein, die Bewegung. Und ließ beiläufig im trauten Familienkreis auch die Idee einer Wanderung fallen. Und irgendwann im Frühjahr fragte Sanne, ob ich eventuell Lust hätte, mitzukommen auf eine etwas längere Tour zu Fuß, z.B. durch die USA. Sie wurde angeregt durch die phantastische Reise des „Abenteuer-Reiters“ Günter Wamser, der 20 Jahre lang mit seinen Pferden von Feuerland bis Alaska unterwegs war und von diesem außergewöhnlichen Leben in mitreißenden Büchern und Vorträgen berichtet.

Nun, ganz so lange wollte ich nicht auf Tour gehen, zumal Olaf nicht dabei sein würde und reiten ist auch nicht mein Ding, aber davon abgesehen war mein spontaner erste Gedanke: „Klar, ich komme mit – und wow, meine Tochter will ernsthaft mit ihrer alten Mutter mehrere Monate durch die Gegend laufen. Unglaublich schön.“ Zweiter Gedanke – eben typisch Eltern: „Und wie soll das mit dem Studium gehen?“ Aber wenn Sanne sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht sie das auch durch. Praktikum und Masterarbeit werden vorgezogen und schon hat man 5 Monate Zeit, die man zur Verwirklichung von Träumen nutzen kann. Und unser Traum heißt : Wir wollen einen wirklich langen Trail wandern, abseits der Zivilisation, über mehrere Monate.

Aber wohin soll es genau gehen? Die Südhalbkugel scheidet aus, da wir während der Monate April bis Oktober unterwegs sein wollen. Also Nordamerika? Der 3.500 km lange Appalachian Trail (AT) im Osten der USA wäre ein solcher langer Weg – ist aber relativ stark frequentiert. Der Pacific Crest Trail (PCT) im Westen der USA zieht sich über 4.300 km von Mexiko bis Kanada durch die Sierra Nevada und das Kaskadengebirge, ist einsamer und wilder, aber auch (vor allem nach der Verfilmung des Buches „Wild“, was die Solowanderung einer jungen Frau auf dem PCT beschreibt) sehr „in Mode“ gekommen.

Und dann ist da schließlich noch der Continental Divide Trail (CDT), ebenfalls Süd nach Nord durch die USA, mit 5.000 km über die Kontinentale Wasserscheide entlang der Rocky Mountains, einer der längsten Wanderrouten der Welt. Er ist der anspruchsvollste der drei großen Fernwanderwege der USA, und auch der einsamste und ursprünglichste und erst zu ca. 75 % fertig gestellt und markiert. Er verläuft von der mexikanischen Grenze durch die heiße Wüste New Mexicos und anschließend durch die schneereichen schroffen Hochgebirge Colorados. Hier erreicht der Trail am Grays Peak mit ca. 4.350 Metern seinen höchsten Punkt mit dem Rocky Mountain Nationalpark. Danach quert man die trocken-heiße Prairie des Great Divide Bassin in Wyoming, durch das schon die Siedler mit ihren Trecks gegen Westen zogen, und zum Schluss geht es durch die Rockys in Wyoming, Idaho und Montana bis zur Grenze nach Kanada, hierbei sind die Nationalparks Yellowstone und Glacier einige der Höhepunkte.

Die Route des Continental Divide Trails

Die Vielfalt der Landschaften von der Wüste bis zur nordischen Tundra ist enorm – ebenso wie die mentalen und physischen Herausforderungen. Der CDT hat vieles zu bieten: extreme Wetter- und Klimabedingungen von Minustemperaturen bis zu 40 Grad Celsius , Schnee und gleißende Sonne, Lawinen- und Gewittergefahr im Hochgebirge – und dies alles manchmal an einem einzigen Tag. Flüsse müssen gefurtet werden, die Pfade können durch Waldbrände oder Windbruch zerstört sein. Auch bietet die Tierwelt mit Bären und Klapperschlangen gewisse Reize. Und alles, was man zum Leben braucht – Kleidung, Zelt, Lebensmittel – darf man dabei auf dem Buckel mitschleppen.

Ca. 150 bis 200 Wanderer wagen sich pro Jahr an die komplette Tour, nur ein Drittel kommt als „Thruhiker“ bis ans Ziel.

Ja, der CDT – das wäre etwas für uns. Aber können wir uns das wirklich zutrauen? Vor allem ich, mit meiner idiotischen Höhenangst, schließlich bewegt man sich über weite Strecken im alpinen Gelände zwischen 3.000 und 4.000 Meter Höhe? Ein ausführliches Telefongespräch mit einer Bloggerin, die vor einigen Jahren sowohl den CDT als auch den PCT gelaufen ist, bestärkt uns in unserem Selbstvertrauen.

Touren-Wegweiser am CDT

Als wir Ende Juni 2017 zu unserer großen Sommerradtour durch Frankreich, England, Irland und Schottland aufbrechen, ist für mich alles noch immer nicht mehr als eine etwas konkretere Idee. Während des Radelns hat man viel Zeit zum Nachdenken und nach 3 Monaten und 5.600 km strampeln, ist klar: „Das Mutter-Tochter-Team versucht sich als Ultra-Langstreckenhiker. CDT, here we come!“

Und aus der fixen Idee ist ein richtiges Projekt geworden.

Es geht wirklich los – zumindest die Planung

Und da gibt es echt viel zu tun:

Es gibt unterschiedliche Karten, GPS-Daten und Apps. Wir holen uns Rat in Foren und bei Bloggern und bestellen schließlich den kompletten Kartensatz der Bearcreeksurveymaps sowie Yogi’s guide book und laden uns die Guthooks App auf das Smartphone. Die Karten werden erst Ende Dezember aus den USA eintreffen.

Aber sollen wir auch einen Notfallsender mitnehmen? Und wenn ja, welchen? Ggf. anstatt eines Navis? Welches ist die technisch sinnvollste Variante, was ist preismäßig und vom Gewicht her am besten? Hier ist uns Olaf ein unentbehrlicher Berater. Er wühlt sich durch technische Spezifikationen, die für Sanne und mich völlig nichtsagend sind, und bereitet die verschiedenen Optionen perfekt in Excel-Listen auf.

Die Ausrüstung muss optimiert werden, vor allem gewichtsmäßig. Die Ultraleichtwanderer-Freaks kommen mit sagenhaften 5-6 kg Gepäck aus. Schaffen wir das auch – und wollen wir das überhaupt? Leichte und dünne Trailrunnerschuhe anstatt stabiler, knöchelhoher Wanderstiefel? Das können wir uns nicht wirklich gut vorstellen in blockigem Gelände oder auf Schneefeldern. Nur ein Tarp oder hauchdünnes Einwandzelt anstatt eines robusten Zelt? Eigentlich sind wir überzeugte Anhänger der unverwüstlichen Hillebergzelte. Immer wieder wird die Gepäckliste durchgearbeitet, natürlich als Exceltabelle, damit man sofort das Gesamtgewicht berechnen kann. Wir sind mittlerweile bei maximal 25 kg für 2 Personen Gesamtausrüstung für die Berge, also incl. warmer Kleidung etc., jedoch ohne Lebensmittel. Ein paar Kilogramm müssen wir noch abspecken. Kataloge und Internetseiten von zig Ausrüstern werden begutachtet, aber die eierlegende Wollmilchsau ist nirgends zu finden – ultraleicht und ultrastabil passt wohl einfach nicht zusammen. Und das Ganze ist auch nicht billig. Wir wollen eigentlich vermeiden, viel Geld in leichtere Ausrüstung zu investieren – vielleicht kann man ja Sponsoren gewinnen? Da haben wir einige Vorstöße gewagt, mal sehen, ob es was wird

Die konkrete Etappenplanung muss demnächst angegangen werden. Auf der Webseite der CDT-Organisation findet man eine Liste mit Supply-Points, d.h. dort kann man entweder einkaufen oder sich ein Paket mit Lebensmitteln oder Ausrüstung hinsenden lassen. Diese Liste habe ich schon verifiziert, die maximale Entfernung zwischen den Supplypunkten liegt bei ca. 210 km. Das müsste gut machbar sein, auch wenn man keine Monsteretappen laufen will oder kann.

Und da ist auch noch ein Punkt, der für uns nicht klar ist: Sollen wir wirklich den gesamten Trail laufen? Das Zeitfenster ist knapp, man muss wirklich Tagesetappen von über 30 km laufen – jeden Tag, 5 Monate lang – wenn man ein „Thruhiker“ werden will. Da man ab und an einen Pausentag braucht, muss außerdem an manchen Tagen eben mehr, d.h. ca. 50 km, gelaufen werden. Können wir das – und vor allem: Wollen wir das überhaupt? Wird man dem Erlebnis der Natur nicht gerechter, wenn man sich mehr Zeit nimmt? Eine Frage, die sich wohl erst unterwegs klären wird, uns aber dennoch sehr beschäftigt, weil die Motivation des Vorhabens dann eine ganz andere wird.

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