San Ignatio, 16.8.2025
Heute geht es nach Peru. Die rund 50 Kilometer lange Strecke bis zur Grenze ist superschön. Es ist praktisch kein Verkehr. Unsere Piste windet sich entlang der Berghänge hoch und runter durch die Täler, mal sind wir über den Wolken, mal darunter oder mitten im Nebel. Die aus den Wäldern aufsteigenden Wolkenfetzen geben der Landschaft eine ganz besondere Stimmung. Natürlich gibt es wieder unzählige Erdrutsche. Manchmal sehen wir das Ausmaß der Zerstörung erst von der gegenüberliegenden Talseite und gruseln uns nachträglich angesichts der Abgründe, an denen wir entlang gefahren sind. Ganz anders wird einem auch, wenn man die Häuser sieht, die unmittelbar vor den gefährdeten Steilhängen stehen. Es sind durchweg einfachste Holzhütten mit Wellblechdach, das Grenzgebiet ist eine arme Gegend. Ein starker Kontrast zu den wohlhabenden Orten um Lojas und Cuenca.

Zumba ist die einzige größere Siedlung auf der Strecke. Mittlerweile scheint die Sonne und wir machen auf einer Brachfläche mitten im Ort Mittagspause. Außerdem verstauen wir unsere Obst-und Gemüsevorräte sicherheitshalber in der Dachbox, denn die Einfuhr von frischen Lebensmitteln nach Peru ist verboten.
Hinter Zumba wird die Piste deutlich schmaler und schlechter. Der nasse Lehm ist teilweise ganz schön rutschig, in den Steigungen dürfte man ohne 4×4 Schwierigkeiten haben. Die steile, kurvenreiche Abfahrt hinunter zum Rio Canchis, der die Grenze zwischen Ecuador und Peru bildet, ist eine wahre Schlammschlacht.


Die Grenzstation La Balsa ist winzig, hier geht es sehr gemütlich und etwas altertümlich zu. Es gibt nur eine Handvoll Leute, die hier über die Grenze wollen. Die Aduana ist in einem einstöckigen Betonbau untergebracht, von dem der Putz blättert. Der kahle Raum ist möbliert mit einem Schreibtisch sowie einer durchgesessenen Polstergarnitur. Es gibt einen Safe und eine verschlossene Glasvitrine, in der die Stempel untergebracht sind. So ähnlich wurden in den alten Travellerberichten die Grenzübergänge beschrieben, hier ist die Zeit wohl stehen geblieben. Alle Beamte auf beiden Seiten der Grenze sind ausgesprochen nett und zuvorkommend. Bei der Einreise nach Peru werden wir fotografiert, unsere Fingerabdrücke genommen und es wird nach unserer geplanten Route gefragt. Noch ein flüchtiger Blick ins Auto, das war’s dann auch schon – nach einer guten Stunde sind wir fertig und dürfen nun 90 Tage lange Peru erkunden.
Große Überraschung auf der peruanischen Seite – statt über eine Schlammpiste rollen wir nun auf makellosem Asphalt. So erreichen wir nach nur einer Stunde die rund 60 Kilometer entfernte Stadt San Ignacio. Auffallend sind die vielen Motorrad-Taxis anstatt der in Ecuador üblichen gelben Pkw. Oberhalb von der Stadt übernachten wir auf dem Parkplatz eines Restaurants an einem Aussichtspunkt. Natürlich kehren wir als Gegenleistung dort ein und zahlen für ein ziemlich einfaches, aber sehr üppiges Abendessen gerade mal ca. 5 € für 2 Personen.
Restaurant La Leyenda am Rio Utcubamba
Die Nacht war schlaflos, dank der irren Musik, die bis 6 Uhr morgens von der einige hundert Meter entfernten Gaststätte gedröhnt hat. Ein gewisser Ausgleich dafür ist die schöne Morgenstimmung mit der aufgehenden Sonne und den Wolken im Tal.
In San Ignacio kommen wir am zentralen Stadtplatz in den Genuss einer feierlichen Versammlung der lokalen Militärbrigade sowie uniformierten Schülern, die Flaggen und Standarten präsentieren. Eine Blaskapelle spielt scheppernd „El Condor Pasa“ in Dauerschleife. Die Honoratioren der Stadt halten Reden auf Ehre und Vaterland, darüberhinaus verstehen wir natürlich nur Bahnhof. Außer uns nimmt kaum jemand an dem Schauspiel Anteil und auch die herausgeputzten Jugendlichen, die hierfür ihren Sonntagvormittag opfern müssen, sehen ziemlich gelangweilt aus. Lebhaft geht es in den Markthallen von San Ignacio zu. Hier macht das Obst-und Gemüsekaufen wesentlich mehr Spaß als im Supermarkt und billiger ist es auch.


Hinter der Stadt geht es in vielen Serpentinen um rund 1000 Höhenmeter runter in das breite Tal des schlammigen Rio Chinchipe. Eine völlig andere Welt – die Vegetation ist trocken und die Luft mit 30 Grad ganz schön warm. Hier gibt es Kokospalmen und Bananenplantagen. Der Fluss wird mit Hilfe vieler Kanäle zur Bewässerung von ausgedehnten Reisfeldern genutzt. Für uns ein eher exotisches Bild. Im Vergleich zu Ecuador erscheint uns Peru auf den ersten Blick ärmer. Es gibt weniger Pkw und sehr viele Motorräder, die Hunde sind dürrer und ungewohnt sind auch die vielen Müllberge überall am Straßenrand.

Die Fahrt durch das Tal über die Ruta 8b ist sehr schön, eine richtige Flussoase. Vor der Stadt Jaen verlassen wir das Tal, die Strecke wird eintöniger. In Jaen wollen wir endlich eine Simkarte kaufen. Das geht nur in besonders zertifizierten Läden und die gibt es in größeren Städten. Doch dafür müssen unsere persönlichen Daten aus dem Reisepass an eine zentralen Stelle der Telekommunikationsanbieter online übermittelt und dann verifiziert werden. Und natürlich hat diese Stelle erst wieder am Montagmorgen geöffnet. Zum Trost kaufen wir uns ein Pfund Kaffeebohnen aus San Ignacio, das ein Zentrum des peruanischen Kaffeanbaus ist.

Hinter dem Ort Bagua Grande wird die Strecke wieder interessanter. Etwas weiter südlich durchschneidet der Rio Utcubamba, an dem wir nun entlang fahren, die Hauptkordilliere der Anden in einem richtigen Canyon. Die fast senkrechten Wände ragen mehrere hundert Meter in den Himmel, es ist gerade mal genug Platz im Talgrund für die Straße. Das sieht schon gruselig aus, zumal ja Erdrutsche, Steinschlag und auch Erdbeben hier nicht selten sind. Letzteres hat vor einigen Jahren auch die Straße zerstört, der Neubau ist aber schon fast fertig. Allerdings sorgen die Baustellen durch alternierende Sperrung einer Fahrtrichtung für längere Fahrtzeiten. Daher übernachten wir am Ausgang des Canyons auf dem Parkplatz des Ausflugsrestaurants La Leyenda, wo wir abends gut und preiswert für insgesamt 7 € essen gehen. Natürlich dröhnt auch hier wieder Musik in extremer Lautstärke, aber nachts ist es ruhig.

Cascada Gocta, 18.-20.8.2025
Nach nur eine gute Fahrstunde durch das schöne Flusstal erreichen wir den Abzweig zum winzigen Bergort Cocachimba am Ende der Straße. Das Dorf lebt ausschließlich vom Touristenverkehr zum Wasserfall Gocta. Dieser besteht aus zwei Cascadenstufen, die untere Stufe ist stattliche 540 Meter hoch, die Fallhöhe der obere Stufe beträgt 231 Meter. Mit der Gesamthöhe von 771 Metern zählt er zu den höchsten Wasserfällen der Welt und ist eine der Topattraktionen in Nordperu. Erstaunlicherweise wurde er erst 2002 „entdeckt“ und vermessen, obwohl die lokale Bevölkerung ihn schon lange kannte.

Wir übernachten beim kleinen Hotels Gallito las Rocas für ungefähr 3 € pro Person. Dafür gibt es einen Stellplatz im Hof zwischen der Waschmaschine und den Baustellen-Resten des erst vor 4 Jahren fertiggestellten Gebäudes sowie die Nutzung der öffentlichen Toilette inclusive einer eiskalten Dusche. Hier auf 1800 Metern Höhe ist das Klima angenehm. Wir verbummeln den restlichen Tag in einem Cafe mit Büroarbeiten und einem kurzen Spaziergang durch den Ort.

Am nächsten Morgen starten wir schon um 8 Uhr zu unserer Wanderung, so sind wir ganz alleine unterwegs. Zuvor kaufen wir in der Touristenzentrale die Eintrittskarten zu je 15 Sol. Natürlich müssen wir auch unsere Namen, Alter, Beruf und Ausweisnummer in ein großes Buch eintragen. Ein paar hundert Meter weiter am Ortsausgang beginnt der Wanderweg. Hier werden die Eintrittskarten kontrolliert und natürlich unsere sämtlichen Daten nochmals in ein großes Buch eingetragen. Sinnfreie Bürokratie ist neben risikoreichem Autofahren und ohrenbetäubender Musik eine der drei großen Leidenschaften Lateinamerikas.

Wir wandern auf gutem Weg hin-und zurück 12 Kilometer durch den Nebelwald, mit rund 830 Höhenmetern durchaus zeitweise anstrengend. Alternativ kann man auch ca. 2/3 der Strecke per Pferd zurücklegen. Die Ausblicke auf den imposanten Wasserfall in einem Felsabsturz am Talende sind wirklich spektakulär. Ein ganz besonderes Erlebnis ist es dann, unmittelbar am Fuß des Wasserfalls zu stehen, und auf die hunderte Meter herabstürzenden Wassermassen zu blicken. Sie bilden stets neue Formen, die wie geisterhafte Nebelschleier im Wind tanzen. In der tosenden Gischt und dem kalten Aufwind bin ich über Regenhose und Goretexjacke froh, die warm und trocken halten. Auf dem Rückweg kommen uns nun Reiter und mehrere Wanderer entgegen, meist mit Guide. Am Nachmittag regnet es mal wieder, aber da sind wir schon wieder zu Hause. Und dort steht zu unserer Überraschung ein Zelt mit Fahrrad auf dem Hof. Es gehört Sébastian aus Paris, der damit seit 4 Jahren auf Weltreise ist. Seine Tour führte ihn auf der klassische Route über die Türkei und die Seidenstraße nach Nordindien, durch den Himalaya, Thailand und über Indonesien nach Australien, dann per Flugzeug nach Los Angeles. Von dort reist er, so wie wir, nach Süden. Ihn haben wir schon vor 4 Tagen auf unserer letzten Etappe in Ecuador auf der Piste überholt und am Abend gibt es natürlich viel zu erzählen.
Am nächsten Morgen reist Sébastian weiter. Auch wir packen zusammen, unsere Gastgeberin verabschiedet uns mit einer herzlichen Umarmung, vielen guten Wünschen und einem Beutel Bananen. Da verzeihe ich doch gerne die muntere Geburtstagsfeier vor dem Haus, die meinen Schlaf exakt um Mitternacht für mehrere Stunden unterbrochen hat. Olaf bekommt von diesen nächtlichen Aktivitäten nie etwas mit.
Wir fahren nur ins 30 Minuten entfernte Bergdorf San Pablo. Von dort wollen wir zur oberen Fallstufe der Cascada Gocta wandern. Das Dörfchen liegt am Ende der Straße hoch über dem Tal und scheint weit weg vom Rest der Welt zu sein. Um den mit Girlanden geschmückten Dorfplatz gruppieren sich alle wichtigen Institutionen der Dorfgemeinschaft: Schule, Kirche, Polizei, Rathaus, Gasthaus und Touristenbüro, wo es die Eintrittskarten für den Wanderweg gibt. Es gibt noch ein winziges Tante-Emma-Lädchen und ein einfaches Hotel. Ansonsten ist dies ein ganz simples, untouristisches Bauerndorf mit Hühnern, Mulis und Hunden auf der Straße. Wunderbar.


Der Wanderweg verläuft sehr schön zunächst durch Kiefernwald und Zuckerrohrfelder. Dann geht es über einen mit Natursteinen gepflasterten Weg durch moosbehangenen Nebelwald, der etwas Indiana Jones Feeling vermittelt. Überwiegend wandern wir bergauf, teilweise über steinige Stufen. Kurz vor dem Wasserfall führt eine steile Holztreppe vor die obere Fallstufe. Ein breiter Wasservorhang fällt sehr dekorativ rund 230 Meter hinunter in ein Felsenbasin. Gegenüber dem gestrigen Spektakel am unteren Wasserfall ist das weniger imposant, aber trotzdem sehenswert. Sehr schön auch der weite Blick über den gesamten Talkessel. Eine absolut lohnende Tour mit rund 12 Kilometern, 4,5 Stunden Laufzeit und 700 Höhenmetern.

Kuelap, 20/21.8. 2025
Nach unserer Wanderung fahren wir mittags von San Pablo nach Kuelap. Die befestigte Inka-Stadt Kuelap wurde von der Chachapoya-Kultur, auch „Wolkenkrieger“ genannt, vermutlich um das 6. Jahrhundert n. Chr. errichtet und war 1000 Jahre bewohnt. Spektakulär ist auch die Lage auf etwa 3000 m Höhe auf einem Bergrücken über der Schlucht des Río Utcubamba.


Die Fahrt von Gocta hierher entlang des Rio Utcubamba ist phantastisch. Der wilde Gebirgsfluss hat sich in einen tiefen Canyon eingegraben, der so schmal ist, dass die Straße stellenweise unter dem überhängendem Fels verläuft. Nach dem Abzweig zur Stadt Chachapoyas wird die Ruta 8b sehr schlecht, der Asphalt ist von tiefen, großen Schlaglöchern übersät. Man hat nur die Wahl, durch welches man krachend fahren möchte. In vielen Serpentinen geht es dann hinauf nach Nuevo Tinto. Von hier führt eine Seilbahn in 4 Kilometern sehr abenteuerlich über die dramatische Schlucht steil hoch zur Inka-Stadt. So spart man sich die einstündige Fahrt über eine schlechte, staubige Piste, die sich bis Kuelap an den Berghängen empor schraubt. Wir wollen kurz vor dem Einfang zur archäologischen Stätte übernachten und fahren daher über die Piste. Hier finden wir einen sehr schönen und vor allem ruhigen Stellplatz an der Straße. Abends und am nächsten Morgen kommen einige Einheimische auf ihrem Weg zur Arbeit vorbei, grüßen sehr freundlich oder schütteln uns sogar die Hand vor einem kleinen Smalltalk.
Ach ja, wir haben Peru in der letzten Woche lieb gewonnen – aber manchmal treibt uns die irre Bürokratie in den Wahnsinn. So auch heute beim Eintritt nach Kuelap. Bereits gestern hat Olaf mit der Webseite des Touristenministeriums gekämpft. Der Ticketkauf ist nämlich nur online möglich, die Anzahl der Besucher ist pro Stunde begrenzt. Zuerst konnte man die Seite nur öffnen, wenn google chrome angewiesen wurde, den eingebauten Sicherheitsschutz zu umgehen. Dann muss man sich unter Angabe zahlreicher persönlicher Daten registrieren und innerhalb einer bestimmten Frist die zu besichtigende Stätte, Datum, Uhrzeit des Besuchs, Art des Tickets und nochmals viele personenbezogene Daten der Besucher eingeben werden. Leider stimmt die englische Übersetzung nicht wirklich und man kann auch nicht im Onlineformular sehen, was man eingibt oder Korrekturen vornehmen. Bei einem Fehler beginnt das gesamte Prozedere erneut.
Pünktlich um 9 Uhr mit dem Beginn unserer gebuchten Eintrittszeit stehen wir vor dem Eingang direkt neben der Bergstation der Seilbahn. Überraschung! Hier können die Tickets nicht registriert werden, dazu muss man zu einem anderen Eingang. Kein Problem, der ist nur rund 30 Minuten entfernt, 2 Kilometer über einen Fußweg den Berg hoch. Die Tickets müssen allerdings bis 45 Minuten nach den gebuchten Termin registriert werden, sonst verfallen sie. Nun kann man zwei ältere Touristen keuchend im strammen Eilschritt bewundern, soweit es die dünne Luft in 3000 Metern Höhe zulässt. Überflüssig zu erwähnen, dass der Weg nicht eindeutig ausgeschildert ist und wir mehrfach irgendwelche Guides fragen müssen. Auch die Besucher, die bequem mit der Seilbahn ankommen, müssen erstmal über den Berg laufen, alternativ kann man auch mit einem Pferd reiten. Nach dem Morgensprint erreichen wir noch so gerade pünktlich die Ticketkontrolle und dürfen die Ruinenstadt betreten. Allerdings nur exakt in die durch Schilder markierte Richtung. Für den Besuch hat man 60 Minuten Zeit, in der Realität interessiert das aber niemand.

Der Besuch von Kuelap belohnt uns für jegliche Umstände. Die 6 ha große Stadt liegt wie ein Adlerhorst auf dem Bergrücken. Von hier konnte man sämtliche Täler der Umgebung kontrollieren. Durch die bis zu 20 Meter hohe, ringsum verlaufende mehrere Meter dicke Mauer mit nur 3 schmalen Eingängen war der Ort uneinnehmbar. Trotzdem war Kuelag keine Inka-Festung, sondern mit 4000 Einwohnern elitärer Wohnort von Adel, Militär, Astronomen und Priestern in der Oberen Stadt sowie den zur Versorgung nötigem Bauern und Handwerkern in der Unteren Stadt. Man wohnte in Rundbauten, je nach Rang in unterschiedlicher Größe, mit strohgedecktem Spitzdach. Es gab eine ausgeklügelte Wasserver- und entsorgung für jedes Haus. Die Konquistadoren brauchten die Stadt nicht zu erobern, sie wurde um 1500 wegen der Verbreitung von aus Spanien eingeschleppten Krankheiten aufgegeben.

Wir sind die ersten Besucher am Morgen und können ganz in Ruhe die weitläufige Anlage und ihre geheimnisvolle Atmosphäre genießen. Die Morgensonne taucht alles in ein wunderbares Licht. Was für ein Erlebnis! Nicht alle Bauten sind bisher freigelegt, zwischen den Ruinen wachsen sehr malerische Pinien. Großartig auch der weite Blick über die Berge und Schluchten der Anden. Schade nur, dass der ursprüngliche Nebelwald komplett zugunsten der Landwirtschaft abgeholzt wurde. Wir bleiben 4 Stunden in der Ruinenstadt, so viele interessante Details gibt es zu sehen. Sehr beeindruckend ist für uns besonders die bautechnischen Leistung, wie die kunstvolle Mauerung oder die verborgenen Wasserleitungen unter den Terrassenböden. Nicht umsonst wird Kuelap mit dem viel jüngeren, aber größeren Machu Picchu verglichen. Dafür gibt es hier auch keinen Massentourismus-Rummel.
Pass Calla Calla, 22.8.3025
Den ganzen Tag kurven wir über genussvolle Strecken. Die Ruta 8b gilt als eine der spektakulärsten Straßen in Peru. Der Abschnitt, den wir heute erleben, ist berühmt für seine extremen Steilkehren, tiefen Abgründe und schönen Landschaften.
Von unserem Stellplatz bei Kuelap ist die R8b über eine neu ausgebaute Straße, die vom nahen Dorf Quizango abzweigt und sich in abenteuerlichen Kurven in ein tiefes Tal stürzt, in nur 30 Minuten bei Nogalchuco rasch erreicht.

Weiter geht es dann flussaufwärts durch das dramatisch schöne Tal des Rio Utcubamba. Während die steilen Hänge von trockenen Büschen bewachsen sind, gedeihen im Talgrund Mandarinen, Zuckerrohr, Bananen und Kaffee. Auf der kurvigen Straße ist praktisch kein Verkehr. Wir können die schöne Landschaft genießen, allerdings muss man die vielen tiefen Schlaglöcher und Topes im Auge behalten. In einer winzigen Tienda im Dorf Palmira kaufe ich Obst und Gemüse ein. Gleichzeitig werden auf dem Warentisch vor mir frisch geschlachtete Hühner ausgenommen. Ihre Leidensgenossen hängen bereits kopfüber von der Decke. Mein vegetarisch-verwöhnter Magen schlägt Salto. Angesichts der vielen Schlaglöcher auf der Straße wäre es vielleicht auch besser gewesen, keine frischen Eier einzukaufen. Eierkartons gibt es hier nämlich nicht, die zerbrechliche Fracht wird einfach in eine kleine Plastiktüte abgefüllt und auslaufsicher verknotet. Weich gepolstert mit Hilfe eines Handtuchs lagern die Eier nun in Yoda in einem Kochtopf im Schrank und überstehen so die holprige Fahrt unversehrt.


Der am Ende des Tales gelegene Ort Leymebamba überrascht uns durch seine spanische Kolonialarchitektur und eine große Steinkirche mit Ziegeldach an der repräsentativen Plaza. Es gibt einige Restaurants, Hotels und Andenkenläden. Die touristische Bedeutung ergibt sich vor allem durch die von hier durchgeführten Mehrtagesritte zur Laguna de los Cóndores, einer archäologische Fundstelle mit Grabstellen in den Felswänden.
Wir essen in einem Restaurant an der Plaza zu Mittag. Das Essen ist keine kulinarische Offenbarung, aber okay und mit insgesamt ca. 5 € für uns beide sehr preiswert.
Hinter dem Ort wird der Asphalt immer lückenhafter und hört stellenweise auf, es startet die spektakuläre Auffahrt zum Pass Calla Calla. Dabei sind 1400 Höhenmeter zu überwinden. Besonders die ersten Kilometer sind atemberaubend. In Haarnadelkurven schraubt sich die schmale Piste aus dem Talkessel hinauf, neben der mit tiefen Schlaglöchern gespickten Fahrbahn geht es senkrecht etliche hundert Meter runter. Danach geht es mit geringerer Steigung an den immer kahler werdenden Berghängen entlang, bis wir schließlich gegen 15 Uhr die Passhöhe auf 3600 Meter erreichen. Von einem geschotterten Platz abseits der Straße bietet sich eine spektakuläre Fernsicht in alle Richtungen, auf dem grasigen Gebirgskamm kann man sehr schön spazieren gehen. Obwohl hier ein sehr kräftiger Wind bläst, ist klar, hier müssen wir übernachten. Doch es wird wohl eine kalte Nacht werden. Bereits am frühen Abend fegen Nebelschwaden über die Passhöhe und Yoda wird im Wind geschaukelt.

Straße hinter Cruzconga, 23.8.2025
Die Nacht auf dem Pass Calla Calla war friedlich und weniger kalt als befürchtet. Auch der heftige Wind und Nebel haben sich irgendwann gelegt. Statt dessen konnte ich vom Bett aus einen wirklich grandiosen Sternenhimmel bewundern. Am Morgen waren wir wieder in eine dichte Wolkendecke gehüllt, die sich aber rasch auflöste. Die Abfahrt vom Pass hinunter in das Tal des Rio Marañon übertrifft hinsichtlich Nervenkitzel, der Anzahl der an tödliche Unfälle erinnernde Kreuze und Landschaftserlebnis die gestrige Fahrt und auch alle bisherigen Strecken. Wir fahren durch eine wüstenartige, wilde Berglandschaft, wie wir sie noch nie gesehen haben. Die Ruta 8b ist auch hier asphaltiert, aber mit den üblichen Schlaglöchern und Erdrutschen. Bei Gegenverkehr muss man in eine der wenigen Ausweichstellen fahren , notfalls auch ein Stück rückwärts. Dabei beginnt nur wenige Zentimeter neben den Reifen der Abgrund. Das ist für mich als Mensch mit ausgeprägter Höhenangst echter Stress, denn bei einem Fahrfehler würde man viele hundert Meter den fast senkrechten Berghang hinab in die Schluchten stürzen. Die Kurven sind so aberwitzig eng, dass man wirklich absolut keinen Überblick über mögliche entgegenkommende Fahrzeuge hat. Und wir glauben es echt nicht: Exakt an einer solchen Stelle parkt ein mit Kühen beladener Viehtransporter, der Fahrer steht vor dem Fahrzeug und …. putzt sich in aller Seelenruhe die Zähne. Die Peruaner sind schon cool drauf.


Bis zur Brücke über den breiten Rio Marañon beim Ort Balsas sind es 60 Kilometer, 2500 Höhenmeter sind wir abwärts gefahren. Wir brauchen dafür mehr als 3 Stunden. Auf nur noch 1000 Metern Höhe ist es im Tal sehr heiß, 35 Grad zeigt das Thermometer. Dank künstlicher Bewässerung gibt es ausgedehnte Mangoplantagen. Direkt hinter Balsas geht es wieder aufwärts entlang der fast senkrechten Berghänge in vielen Spitzkehren zum nächsten Pass. Allerdings ist nun deutlich mehr Verkehr, das bedeutet noch mehr Anspannung und Aufmerksamkeit. Die Straße hat weniger Schlaglöcher, ist aber auch nur einspurig mit Ausweichstellen. Die potenzielle Fallhöhe liegt wieder bei ca. 800 Metern. Olaf ist begeistert, ich sterbe tausend Tode.
Endlich haben wir es geschafft, Yoda rollt hinunter in die Stadt Celendin und die R8b wird wieder zu einer normalen zweispurigen Straße und steigt zum nächsten Pass an. Am späten Nachmittag finden wir etwas abseits der Straße einen ruhigen Stellplatz in 3200 Metern Höhe für die Nacht.
Cajamarca, 24./25.8.2025
Weiter geht es auf der nun unspektakulären Ruta 8b. Keine 2 Stunden Fahrzeit trennen und von unserem Tagesziel, der Stadt Cajamarca. Unterwegs sind zwei Pässe von 3100 und 3400 Metern Höhe zu queren. Die Berge sind nicht mehr schroff und steil, Viehwirtschaft und Felder wechseln ab. In den Dörfern sind viele Häuser noch mit traditionellen Lehmziegeln errichtet, wie bereits zu Zeiten der Inka. In einigen eleganten Kurven schwingt sich dann die Straße hinunter in eine weite Hochfläche. Im Dorf Encañada ist heute großer Viehmarkt. Die Straßen sind voller Menschen, Tieren, Motorrad-Taxis und Tiertransportern. Die Frauen sind meist in der traditionellen Tracht gekleidet: Lange Wollstrümpfe, ein weiter dunkler Rock mit vielen Unterröcken, darüber ein in kunterbunten Farben gewebter Poncho, am Rücken ein Tragetuch und auf dem Kopf ein heller, zylinderartiger Strohhut. Ein tolles Bild!
Relativ rasch ist dann der Stadtrand von Cajamarca erreicht. Wir besichtigen die Ventanillas de Otuzco. In einer Felswand haben die Inkas zwischen 50 v. Chr und 1000 n.Chr. ihre mumifizierten Toten in zahlreiche Grabhöhlen beigesetzt. Ganz interessant zu sehen, aber leider fehlen, wie so oft, erklärende Infotafel . Die Großstadt Cajamarca ist mit 250.000 Einwohnern, Universität und Flughafen das wichtigste Zentrum im Nordosten Perus. So kommen wir nach längerer Zeit mal wieder in den Genuss in einem „echten“ Supermarkt einzukaufen und feiern dies mit 1 Liter Joghurt. So etwas gibt es in den normalen Geschäften sonst nicht. Ansonsten gibt es einen irren, hektischen Autoverkehr.

Unser Stellplatz ist ziemlich ungewöhnlich – ein Bio-Bauernhof fast mitten in der Stadt, die in den letzten 40 Jahren um den Hof herum gewachsen ist. Die Fundo Santa Maria gehört 5 Schwestern, die gesamte Großfamilie mit 17 Personen lebt hier. Es gibt Kühe, Ziegen, Schafe, Geflügel, Alpakas sowie viele Hunde und Katzen. Außerdem wird Obst und Gemüse angebaut. Die Farm ist Lehrbauernhof für Schulkinder und es gibt in Kooperation mit der Regionalverwaltung auch Schulungen für Bauern zu ökologischer Landwirtschaft. Mitten im Obstgarten können wir übernachten und es gibt endlich wieder eine warme Dusche!
Den nächsten Tag verbringen wir ebenfalls in Cajamarca. Morgens ist großes Wäschewaschen angesagt. Ein sehr großer LKW mit Wohnkabine fährt auf den Platz, er schafft es so gerade durch die Einfahrt durch. Axel und Elke aus Krefeld sind ebenfalls die aufregende Ruta 8b gefahren. Kaum zu fassen, dass das mit dem riesigen Fahrzeug möglich war. Die beiden waren ganz schön mit den Nerven fertig.


Gegen Mittag gehen wir in die Stadt, um endlich bei Claro eine Sim Card zu kaufen. Nachdem der erste Versuch in Jaen erfolglos war, folgt nun Teil 2 des Abenteuers. Wahrscheinlich ist der folgende Ablauf für normale Europäer kaum nachvollziehbar. Am Eingang wird unser Ausweis geprüft, die Claro-Mitarbeiterin kann damit nichts anfangen und glaubt zunächst nicht, dass es wirklich ein Reisepass ist Am Verkaufsschalter werden die Passdaten in ein Online-Formular übertragen, was sehr lange dauert. Dann bezahlen wir an der Kasse lächerliche 1,20€ für die Sim Card. Mit der Quittung geht es zurück zum Schalter. Erst dann wird die Sim im Handy installiert. Weitere Dokumente müssen vom Verkäufer ausgefüllt werden. Leider hat er die Ausweisnummer des Reisepasses falsch eingetragen. Also alles noch mal von vorne. Olaf muss danach nur noch Vor-und Nachnamen seiner Eltern sowie Geburtsort angeben, unterschreiben und seinen Fingerabdruck abgeben. Nächster Schritt ist die Buchung eines prepaid-Tarifs. Obwohl wir den Verkäufer mehrfach sagen, was wir brauchen, bucht er einen postpaid-Tarif, was jedoch erst an der Kasse klar wird. Also muss dies korrigiert und ein neuer Vertrag ausgestellt werden. Die letzte Hürde ist dann die Aktivierung der Sim Card. Insgesamt sind wir 2 Stunden beschäftigt und wanken danach ziemlich genervt aus dem Laden. Den Nachmittag verbringen wir in der kolonialen Altstadt, bummeln über die Plaza Major und stärken uns in einem Café. Auf dem Campingplatz plaudern wir einige Zeit mit Axel und Elke, das ist sehr nett. Und dann ist der Ruhetag auch schon vorbei.