Von Senja nach Tromsø

Ein Sommertag war uns gegönnt, heute regnet es schon wieder bei kühlen 9 Grad. Den ganzen Tag verbringen wir im Auto und fahren durch eine vom Regengrau verwaschene Landschaft die Küste nordwärts zur Insel Senja. Zwei Highlights gibt es jedoch: Wir sehen am Straßenrand eine Elchkuh mit zwei Kälbern in aller Ruhe grasen. Und nach fast drei Wochen gönnen wir uns eine herrliche heiße Dusche, werfen unsere Kleidung in die Waschmaschine und übernachten am 20.8. ausnahmsweise auf einem Campingplatz.

Norwegisches Küstenwetter – Wolken auf Höhe Null
Elchfamilie am Straßenrand

Jetzt sind wir gerüstet um die Insel Senja zu erkunden. Im Süden von Senja finden wir sanfte Hügel, saftige Wiesen mit Kühen und Schafen, außerdem weite Moore und, erstaunlich für diesen Breitengrad, dichte Laubwälder mit hohen Bäumen. Ganz anders dagegen der Norden. Hier ragen die felsigen Berge 1000 m auf und fallen zum Meer hin fast senkrecht ab. In den schmalen Fjorden zwischen diesen spektakulären Klippen gibt es Buchten mit herrlichen weißen Sandstränden und ein paar Häusern. Die winzigen Siedlungen sind heute auf dem Landweg durch Tunnel zu erreichen. Ein Luxus, den sich Norwegen nur dank seiner sprudelnden Ölquellen leisten kann.

Schlammspringer und Strandläufer

Überraschenderweise scheint am nächsten Tag wieder ziemlich oft die Sonne, das Thermometer schafft es aber nicht in den zweistelligen Bereich zu klettern. Die Berggipfel hängen noch in den Wolken, doch für eine Wanderung entlang der Küste reicht es allemal. Wir sind an die Nordküste gefahren und laufen ca. 12 Kilometer entlang des Lavollsfjorden von Straumsnes zur verlassenen Siedlung Flatneset. Der Pfad ist zunächst gut sichtbar, wenn auch sehr feucht. Es geht am Ufer einer flachen Bucht entlang, dort verlieren sich dann aber die Spuren in großen Moorgebieten. Wunderschön gelb und rot leuchten die Moose in herbstlichen Farben, auch die Birken schimmern schon golden. Aufmerksam hüpfen wir zwischen den Schlammlöchern umher, mit dem Wanderstock prüfen wir die Tragfähigkeit der federnden Torfschicht. Bei jedem Schritt schmatzt es unter unseren Füßen, obwohl wir in weitem Bogen um die sichtbaren Moorfelder herumgehen. Doch der Lohn für die Schlammspringerei ist köstlich: Es gibt Moltebeeren! Und zwar in solchen Mengen, dass ich es endlich schaffe, diese herrlichsten aller Früchte zu fotografieren, bevor sie im Mund verschwinden.

Wanderung durchs Moor
Die verlassene Siedlung Flatneset
Moltebeeren – die Köstlichkeit des Nordens

Endlich erreichen wir trockene Heide und treffen auf einen gut sichtbaren Pfad, der, nun völlig überflüssiger Weise, auch durchgängig markiert ist. Am Strand entlang und durch das meterhohe Gras verwilderter Wiesen geht es an ehemaligen Bauernhöfen, die nun nur noch Sommerhäuser sind, bis zur Spitze der Landzunge. Außer einem kleinen Leuchtturm finden wir die Überreste von deutschen Bunkeranlagen aus dem 2. Weltkrieg, ein Relikt aus schlimmen Zeiten. Von der 1960 aufgegebenen Siedlung  Flatneset sieht man dagegen keine Spuren mehr. Auf gleichem Weg geht es wieder zurück, diese Mal jedoch trockener und weniger mühevoll oberhalb der Sumpfgebiete. Keine aufregende, aber eine nette 5 Stunden-Tour.

Schlammspringer und Bergziegen

Heute ist das Wetter relativ gut. Zwar kein blauer Himmel, doch die Gipfel der Berge sind wolkenfrei. Zeit also für eine kleine Bergtour. Unser Ziel ist der Berg Husfjellet bei Skaland, dessen 635 m hoher Gipfel recht einfach zu erklimmen ist und eine großartige Aussicht bietet.

Über einen Traktorweg und kurze Zeit später einen schmalen und natürlich schlammig-felsigen und steilen Pfad durch einen Birkenwald erreichen wir die Hochebene Sommardalen. Die Hälfte des Aufstiegs ist schon geschafft. Der Pfad fuhrt quer über die schöne Heidelandschaft und durch ein sehr sumpfiges Gebiet. Zwar liegen hier Holzplanken, aber die sind zum Teil verrottet oder liegen tief im Schlamm. Vorsichtig tasten wir uns über diese Stellen hinüber. Die Holzbohlen  versinken unter unserem Gewicht ca. 10 cm tief im Schlamm. Die Kunst liegt darin, schnell genug auf trockeneres Terrain zu kommen, bevor die Schuhe voll Wasser laufen, und dennoch nicht vom schmalen, glitschigen Holz abzurutschen und im knietiefen Morast zu landen. Trotzdem wollen wir diese Tümpel nicht weiträumig umgehen, da hierdurch die empfindliche Vegetation zerstört wird.

Danach wird der Pfad steil und felsig und die Aussicht immer großartiger. Auch wenn die Felswand zum Meer hin fast senkrecht abfällt, ist der Weg völlig harmlos, denn der Bergrücken ist ziemlich breit. Nur die letzten 5 Höhenmeter auf die äußerste Spitze, die mit riskanten Klettern und einem schmalen Grat verbunden sind, schenken wir uns.

Das 360 Grad Panorama ist phantastisch: tief unter uns das Meer,  gesprenkelt mit vielen kleinen Inseln, im Landesinneren alpine Gipfel und schließlich die absurd gezackten Felsklippen entlang der Küstenlinie. Wenn jetzt noch Sonnenschein wäre, man könnte so viel landschaftliche Schönheit kaum aushalten. Mit gebührendem Abstand zum Abgrund suchen wir uns eine windgeschützte Mulde für unsere kurze Mittagsrast. Reichlich durchgefroren machen wir uns dann an den Abstieg und  stehen eine Stunde später wieder am Bus.

Unser Ziel – der Berg Husfjellet
…. und wieder einmal durch tiefen Sumpf
Blick vom Husfjellet auf „die Zähne des Teufels“
Aussicht vom Gipfel

Ein paar Kilometer und einen Tunnel weiter erreichen wir den breiten, schneeweißen Strand bei Esfjord. Hier verbummeln wir den Nachmittag und  bleiben auch über Nacht. Abends füllt sich der Parkstreifen am Strand mit ca. 30 Campern und Wohnmobilen. Wie auf einem Parkplatz stehen sie in einer langen Reihe den ganzen Strand entlang dicht hintereinander. Was mag hier erst in der Hauptsaison los sein?

Am Strand von Esfjord – noch steht unser roter Bus fast alleine dort

Schlammspringer und Adler

Die Nacht über hat es geregnet und am nächsten Morgen hängen die Wolken wieder einmal auf Höhe Null. Doch ab Mittags ist gutes Wetter angesagt, das gibt Hoffnung. Den Vormittag verbummeln wir im Bus und später im netten Fischerort Mefjordvær. Dort hat man einen tollen, kostenlosen Wohnmobilstellplatz direkt am Meer mit herrlichen Fjordblick gebaut. Außerdem gibt es blitzsaubere Toiletten (geheizt und mit warmen Wasser!) und überdachte Picknickplätze. Mittlerweile scheint tatsächlich die Sonne, wir können sogar draußen vor dem Bus essen.

Nachmittags gibt es wieder eine kurze, aber spannende Wanderung. Unser Ziel ist der 530 m hohe Berg Hesten, nur von hier hat den legendären Blick auf die äußerst fotogene Steilwand der Segla hat, die 650 m als senkrechte Felsklippe ins Meer fällt und als der spektakulärste Berg der Insel gilt. Von der Nordseite kann man gefahrlos, wenn auch sehr steil, den Gipfel erklimmen, was mittlerweile dank der entsprechenden Fotos in den sozialen Medien ein regelrechter Kult geworden ist. Sehr viel interessantere Ausblicke bietet jedoch der benachbarte Gipfel des Hesten, der daher auch sehr populär ist.

Fjordgård, Ausgangspunkt unserer Tour auf den Hesten

Wir starten im kleinen Ort Fjordgård. Der Weg beginnt, wie immer, sehr einfach. Durch ein Birkenwäldchen zieht sich der Pfad mit gemäßigter Steigung bergan, sogar die Moorstellen sind vorbildlich mit intakten Planken überbrückt. Danach wird es steiler. Durch die vielen Wanderer sind erhebliche Erosionsschäden entstanden, mal wieder wird es ziemlich schlammig und rutschig. Die letzten 140 Höhenmeter bis zum Gipfel kraxeln wir dann richtig steil über große Felsblöcke.

Blick vom Hesten
Adlerblick vom Weg entlang der Klippe

Einfach atemberaubend und wirklich schwindelerregend zur Belohnung ist der Blick über die Klippe des Hesten in den mehr als 500 m tiefen Abgrund. Ich muss mich wirklich dazu zwingen hinunter zu sehen. Als ob man fliegen würde. Absoluter Wahnsinn. So müssen sich Adler fühlen, nur haben die bekanntermaßen keine Höhenangst. Ebenso faszinierend dann der Blick auf die Segla, deren Felswand von hier wirklich wie ein gigantisches Segel aussieht.

Segel aus Fels – die Segla

Kurzzeitiger Nieselregen verwandelt den nun stark abschüssigen Weg entlang der Klippe in eine ziemlich glitschige Rutschpartie. Gut, dass wir Wanderstöcke dabei haben. In Zeitlupe tasten wir uns hinunter bis zum Sattel zwischen Hesten und Segla. Auf dem gleichen Weg wie beim Aufstieg geht es zurück nach Fjordgård. Eine sehr lohnende, spannende Tour. Abends parken wir unseren Bus auf der gegenüberliegenden Seite des Fjords mit perfektem Ausblick auf unseren Wanderweg.

Fahrt nach Kvaløya

Den ganzen nächsten Tag regnet es, mal mehr, mal weniger. Ein Spaziergang durch Husøy ist eher ungemütlich. Der Fischerort nimmt den gesamten Raum einer winzigen Insel ein, die über einem kurzen Damm mit dem Fjordufer verbunden ist. Direkt dahinter steigen die steilen Felswände bedrückend 800 m hoch empor. Auf der Ostseite bei Botnhamm zeigt sich die Insel Senja dann von ihrer eher lieblichen Seite. Sanfte, bewaldete Berge und Wiesen umgeben die Bauernhöfe.

Auf unsere Fähre nach Hillesøy müssen wir mehrere Stunden warten. Die Zeit vertreiben wir uns im Supermarkt, dem kulturellen Zentrum des Ortes. Der Laden ist winzig, doch hier bekommt man wirklich alles, von Lebensmitteln über Gummistiefel bis hin zu Waffeleisen. Im Obergeschoss gibt es ein kleines Café, dort sitzt die Mannschaft der Fähre beim Mittagessen. Es gibt fettige Pommes mit gigantischen Burgern, die in Mayonnaise und Ketchup baden, zum Sonderpreis von nur 19 €. Wir belassen es bei einem Kaffee. Ein echtes Highlight ist jedoch die Toilette am Fährhafen, denn sie entpuppt sich als komplett ausgestattetes Badezimmer mit Dusche und Fußbodenheizung. Das ist ein Angebot, was man nicht ablehnen kann, auch wenn die Fähre nur 20 Minuten später schon ablegt.

Die Fahrt über die eigentlich schöne Insel Kvaløya versinkt im Regen. Erst als wir am späten Nachmittag am Meer bei Norsfjordbotn den Bus für die Nacht parken, klart es auf. Dafür werden nun winzige Kriebelmücken aktiv.

Wanderungen bei Rekvik

Zum Ausgleich wird uns am nächsten Tag herrlicher Sonnenschein geschenkt. Schon die Autofahrt über den nördlichen Zipfel von Kvaløya ist ein Genuss. Bis zu 1000 m steigen die von Gletschern polierten Felswände empor, am Meer leuchten weiße Sandstrände zwischen knallgrünen Wiesen. Zwischen den Fjorden fuhrt die Straße jeweils über Gebirgspässe, die im Winter je nach Schneelage nicht passierbar sind. Hinter dem kleinen Fischerort Tromvik parken wir auf der Passhöhe. Ein sehr schöner Wanderweg führt relativ leicht auf den 525 m hohen Brosmetind. Wie üblich fällt der Berg zum Meer als Klippe steil ab. Mittlerweile haben wir uns an den Blick in den Abgrund fast gewöhnt und genießen dort oben lange Zeit in der warmen Sonne den grandiosen Blick über die Berge und das Meer, das tief unter uns im Licht funkelt.

Auf dem Brosmetind
Blick vom Gipfel

 

Unterhalb der Klippe liegt der Ort Rekvik. Die Handvoll Häuser wird heute nur noch als Wochenend- oder Ferienhaus genutzt. Zu abgelegen ist die Siedlung, die nur uber eine sehr steile Wellblech-Schotterpiste oder mit dem Boot zu erreichen ist.  Am schönen Sandstrand picknicken wir, dann geht es wieder hoch auf den Pass. Eine zweite kurze Wanderung führt uns auf den Gipfel der 450 m hohen Rundsheia mit toller Aussicht auf die schroffen Felswände der gegenüber liegenden Gipfel und das Meer.

Der Ort Rekvik unterhalb des Bromsetind
Auf der Rundheiea

Wie leicht und schnell sind hier die Aussichtberge zu erklimmen. Der lange Anstieg durch Taler oder endlose Schotterfelder fällt weg, den die Gipfel beginnen ja bereits auf Meereshöhe.

Wir bleiben über Nacht auf dem Pass und wundern uns über den regen Autoverkehr. Die gesamten Einwohner der Umgebung scheinen abends hier hinauf zu kommen, um die Sonne zu genießen. Bis 22.00 Uhr wird gewandert oder nach Moltebeeren gesucht. Kein Wunder, in wenigen Woche ist schon wieder Winter.

Stadtbummel in Tromsø

Ein schöner Tag, der schon mit drei Highlights beginnt. Erste Überraschung: Schon morgens um 5.00 Uhr strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel und taucht die Heidelandschaft in weiches, goldenes Licht. Zweiter Höhepunkt: Etwas später besucht uns eine Herde con 25-30 Rentieren. Völlig ungestört grasen sie um unseren Bus herum und ziehen dann gemächlich weiter. Wunderschön zu beobachten, besonders, wenn man das noch vom warmen Schlafsack aus genießen kann. Das dritte Highlight ist kulinarischer Art und daher das beste: Zum Frühstück gibt es ein einfach köstliches Moltebeeren-Porridge.

Stadtbummel durch Tromsø

Wir verbringen den Vormittag in den Bergen und erreichen dann nach kurzer Fahrt das nur ca. 25 Kilometer entfernte Tromsø. Mit über 75.000 Einwohnern ist die Universitätsstadt das bedeutendste Zentrum in Nordskandinavien mit allen wichtigen Infrastruktureinrichtungen. Und die Lage mitten in den Bergen und am Meer ist einfach genial. Wandern, Klettern, Segeln, Skifahren kann man praktisch ab der Haustür, ein echter  Abenteuerspielplatz für Outdoorfans  Wir bummeln herum, sitzen gemütlich in einem Straßencafé und genießen zur Abwechslung mal Großstadtflair. Der Südwind beschert uns angenehme 15 Grad, für die Einheimischen also Hochsommer. Kopfsprung ins Polarmeer von der Badeplattform an der Hafenpromenade sowie Flanieren in kurzer Hose und Sandalen sind angesagt. Die  Kreuzfahrttouristen, die durch die Fußgängerzone schlendern, sind dagegen unschwer an ihren mollig warmen Daumenjacken zu erkennen.

Nach vier Stunden ist unser Bedarf an Großstadtluft gedeckt. Wir rollen in einer Stunde Fahrt nach Westen hinüber nach Breivikeidet, wo die Fähre über den Ulsfjord geht. Auf der anderen Seite leuchten die schroffen Gipfel und Gletscher der über 1500 m hohen Lygenalpen im Abendlicht. In der weiten Bucht finden wir nach 4 Kilometern auf einer holperigen Piste einen herrlichen Stellplatz in totaler Ruhe.

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