Von Mühltal in die Oase Figuig

Am 5. Februar 2020 wurde unser VW-Bus beladen. Durch den Ersatzreifen in der Gepäckschublade geht viel Stauraum verloren, aber die neue Sitzbank erweist sich als wahres Platzwunder. So können wir alles sehr komfortabel unterbringen.

Unsere Route von Nador nach Figuig

Nach einem langen und gemütlichen Frühstück starten wir am nächsten Tag wie geplant am späten Vormittag. Die Sonne strahlt vom knallblauen Himmel, ideales Reisewetter. Unterwegs grüßen die Höhenzüge im Schwarzwald mit letzten Schneefeldern, dann geht es bei Mulhouse über den Rhein. Schlagartig wird das Fahren richtig entspannend. Dank der in Frankreich maximal zulässigen 130 km/h ist das Geschwindigkeitsniveau der Fahrzeuge ziemlich gleich und so gleiten wir sehr angenehm weiter nach Süden. Wieso in Deutschland ein Tempolimit jenseits aller vernünftigen Argumente seit Jahrzehnten verteufelt wird, ist uns ein Rätsel.

Wir übernachten nach ca. 500 Kilometern Fahrt in der Nähe der Stadt Dole in einem ehemaligen Hafen am Ufer der Saone. Nicht unbedingt eine Idylle, aber sehr ruhig. In der sternenklaren Nacht wird es frostig kalt, knapp unter Null Grad haben wir morgens im Bus. Richtiger Luxus ist, dass wir nun, ohne das Fahrzeug verlassen zu müssen, direkt von unseren Sitzplätzen aus an die in der Sitzbank verstauten Kochutensilien und das Essen kommen. Auch sind wir sehr froh, dass unsere Standheizung nun doch einwandfrei funktioniert (zu Hause hatte sie zuletzt zweimal ausgesetzt) und wir bald im Warmen unser Frühstück genießen können. Eine rot aufgehende Sonne über dem dampfenden Fluss zaubert dann dazu noch eine richtig romantische Stimmung herbei.

Frostiger Schlafplatz an der Saone

Weiter geht es strikt nach Süden, vorbei an Lyon durch das Rhonetal. Hier ist es bei 16 Grad und einem lauen Wind nun wirklich Frühling. Bald ist das Mittelmeer erreicht und pünktlich kurz nach 16:00 Uhr stehen wir in Sète am Fähranleger in einem großen Pulk völlig überladener Autos. Ungefähr 99 Prozent der Passagiere sind Marokkaner, die in Frankreich leben und oft den halben Hausrat auf dem Autodach in ihre alte Heimat transportieren. Nach Vorgaben der Reederei GNV soll man schon 4 Stunden vor der Abfahrt zur Verladung bereit stehen. Aber das ist Theorie, denn um 20:00 Uhr rollen noch immer Fahrzeuge an Land und so stechen wir mit ca. 2 Stunden Verspätung erst nachts in See.

Nach einer sehr angenehmen Nacht liegt das Schiff lange im Hafen von Barcelona und wir genießen in der warmen Morgensonne ein schönes Panorama auf die Stadt.

Fast zwei Tage verbringen wir auf dem Schiff. Wir lesen, planen die Tour für die nächsten Tage und schauen aufs Meer. Sogar einige Belugawale können wir beobachten. Die Fähre hat ihre besten Tage schon lange hinter sich und würde sich über eine Renovierung freuen. Ihre Einrichtung ist alt und abgenutzt, aber sauber. An Bord geht es lässig-familiär zu, eine schöne Einstimmung auf Marokko. Ganze Familien haben sich in abgelegenen Ecken ein Lager aus Decken eingerichtet und auch dort geschlafen, im Aufenthaltsraum wird selbstverständlich der mitgebrachte Proviant gegessen und Tee mit einem Wasserkocher zubereitet. Auf den Fähren in Nordeuropa, mit denen wir bisher unterwegs waren, wäre das alles sofort vom Bordpersonal unterbunden worden.

Am 9. Februar läuft das Schiff gegen 13:00 Uhr und damit 2 Stunden früher als geplant in den Hafen der ostmarokkanischen Stadt Nador ein. Die Einreise wird rasch und unkompliziert abgewickelt und schon rollen wir durch das Hafenviertel und dann über eine schmale, gewundene Straße hinauf zum Djebbel Gourougou. Der 900 Meter hohe Gebirgszug mit herrlichen Kiefernwäldern ist Naturschutzgebiet und gleichzeitig Ausflugsziel der Einheimischen. Am Straßenrand hocken immer wieder Gruppen von Berberaffen, die sich über die allgegenwärtigen Picknickabfälle hermachen. Laut unserer App Park4night soll man an einem Rastplatz gut übernachten können. Aber heute ist Sonntag und hier ist echt die Hölle los. Überall sind Großfamilien mit Grillen beschäftigt. Doch abseits an einer Schotterstraße finden wir hoch oben auf dem Bergrücken ein idyllisches Plätzchen für unseren Bus, wo wir den Nachmittag verbummeln. Bei frühsommerlichen 24 Grad entspannt in der Sonne den großartigen Fernblick über Nador und das Meer zu genießen – besser kann die Reise durch Marokko kaum beginnen.

Blick über den Hafen von Nador
Willkommen in Marokko -Berberaffen im Wald bei Nador

Am nächsten Tag sind wir vormittags gut beschäftigt. Zunächst gilt es eine SIM-Karte zu kaufen und dann noch eine Haftpflichtversicherung für unser Auto abzuschließen. Die gibt es bei der allgegenwärtigen AXA-Versicherung, jedoch nur in einigen großen Vertretungen im Stadtzentrum von Nador. Es dauert also etwas, bis wir das alles herausfinden, aber überall ist man sehr freundlich und hilfsbereit mit allen erdenklichen Auskünften. Zum Schluss gibt es noch einen Großeinkauf im Supermarkt, dann sind wir endlich auf der Nationalstraße 2 in Richtung Süden unterwegs. Nach unseren Erfahrungen in Georgien im letzten Jahr erscheint uns die Fahrweise der Marokkaner sehr ruhig und angenehm. Es rollt sich entspannt durch die karge, aber jetzt im Frühling noch grüne und blühende Landschaft. Große Orangenplantagen ziehen vorbei.

Am späten Nachmittag erreichen wir die Berge des Nationalparks Beni Snassen bei der Stadt Berkane. Die ehemals schmale Straße wird gerade breit ausgebaut. Schade, denn so geht wieder ein Stückchen Ursprünglichkeit verloren. Aber über eine winzige Seitenstraße und einen noch engeren Schotterpfad finden wir einen sehr schönen ruhigen Platz für die Nacht mit schönem Blick über die Berge.

Weiter geht es dann nach Süden. Die Landschaft wird immer karger, schließlich rollen wir über eine schier endlose Schotterebene. Diese Hamadas sind die häufigste Landschaftsform in der Sahara. Eine Luftspiegelung am Horizont gaukelt uns einen großen See vor, ein Verkehrsschild warnt “Vorsicht, querende Kamele“. Kein Zweifel, wir sind in der Wüste. Zwei größere Orte liegen an der Strecke, an den Zufahrtsstraßen kontrolliert die Polizei die Ausweise. Ansonsten ist hier nur das große “Nichts“. Wie mühelos man durch diese unwirtliche Landschaft gleitet. Und wie distanziert man vom Auto alles wahrnimmt. Wir spüren weder den Wind noch die Sonne, irgendwie alles ziemlich surreal. Was für ein Unterschied zum Radfahren oder Wandern. Vor der Oase Figuig beginnen dann wieder einige Bergketten. Ein wohltuender Fixpunkt für die Augen, die sich sonst im Nirgendwo verlieren.

Fahrt durch die Hamada

Aber uns beschäftigt momentan etwas deutlich profaneres, denn die Anzeige im Auto meldet einen Druckabfall am rechten Hinterreifen. Und richtig, da sitzt ein massiver Nagel im Gummi. Wir montieren zunächst nur den Ersatzreifen und verschieben die Reparatur. Am späten Nachmittag kommen wir nach rund 400 Kilometern in der Oase Figuig an. Sieben Dörfer bilden die erstaunlich große Siedlung, die von einem breiten Gürtel aus 150.000 Dattelpalmen umgeben ist. Die Hauptstraße ist eine Sackgasse, denn wenige Kilometer hinter der Oase verläuft die seit 1994 geschlossene Grenze nach Algerien. Bei einem einfachen Hotel gibt es einen Campingplatz unter Palmen, wo wir unseren Bus parken. Drei weitere Wohnmobile stehen hier noch. Durch die abgeschiedene Lage ist Figuig noch vom Tourismus praktisch unberührt, genau deshalb wollten wir unbedingt hierher.

Die Oase Figuig

Am nächsten Tag überrascht uns ein völlig bewölkter Himmel, und bei maximal 15 Grad stellt sich nicht gerade Saharafeeling ein. Zunächst müssen wir unseren Reifen flicken, dafür haben wir extra ein Reparaturset mitgenommen, das nun erstmals getestet wird. Ein klebriger Gummifaden wird mit einer Ahle und viel Kraft in das Loch gezogen, dann wird der Reifen wieder montiert – fertig. Anschließend starten wir einen Bummel über die Hauptstraße. Erstes Ziel ist die Polizeistation, denn der Campingplatz-Besitzer hat bemerkt, dass in unserem Pass zwar ein Einreisestempel ist, jedoch die polizeiliche Registrierungsnummer fehlt. Offiziell sind wir also nicht in Marokko eingereist. Das Problem kann von den sehr netten und hilfsbereiten Beamten, die eifrig telefoniert haben, nicht sofort gelöst werden. Wir werden morgen wieder kommen müssen.

Sehr schön ist dann der Bummel durch die großen Palmengärten. Überall plätschert und rauscht Wasser durch ein verzweigtes, ausgeklügeltes Netz von kleinen Kanälen, die entlang der Pfade zu den Feldern führen. Die Palmen geben Schatten und Dattelfrüchte, darunter wachsen Oliven und Mandelbäume, die sich jetzt mit einer wahren Wolke aus rosa-weißen Blüten schmücken. Am Boden gedeihen Getreide, Kartoffeln und Gemüse. Bis auf das Gezwitscher unzähliger Vögel und das Plätschern des Wassers ist es still, uns begegnen lediglich etliche Katzen und ein paar freundlich grüßende Bauern auf Eseln. Ein wunderbarer, friedlicher Ort, der früher als wahres Paradies erscheinen musste, wenn Karawanen die Oase nach entbehrungsreicher Wanderung durch die Wüste erreichten. Die traditionellen Lehmbauten am Rand der Palmengärten verfallen leider. Aber wer will es den Bewohner verdenken, wenn sie lieber in zwar einfachen, aber modernen Betonhäusern mit fließendem Wasser wohnen anstatt in Gebäuden, die nach jedem Winter wieder restauriert werden müssen.

Wasserreservoir im Palmengarten

Unser zweiter Tag in Figuig beginnt wieder mit einem Besuch bei der Polizeistation. Der Campingplatz-Besitzer ist wirklich auf Zack, gestern abend hatte er unsere Pässe fotografiert und die Bilder per Mail an die Polizei geschickt, die das Ganze dann an den Grenzposten in Nador weitergeleitet haben. Aber als wir nun heute bei der Polizei vorsprechen, ist noch keine Rückmeldung von der Grenzstation gekommen und man der Auffassung, dass wir eigentlich doch ohne Einreisenummer auskommen würden. Erst auf unsere Nachfrage wird nochmal mit Nador telefoniert, und siehe da, nach einiger Warterei haben wir endlich doch eine Registierungsnummer, die säuberlich per Hand in unsere Pässe geschrieben wird. Dann wünscht man uns eine wunderbare Weiterreise und verabschiedet uns äußerst freundlich und wortreich in sehr gutem Englisch.

Den Rest des Tages wandern wir durch den südlichen Teil der Oase. Wunderbar ist der weite Blick vom Aussichtspunkt Djebbel Jorf, wo wir lange unter Palmen sitzen und über das malerische Lehmdorf Ksar Zenaga inmitten der grünen Gärten schauen. Den Schatten kann man brauchen, denn heute ist der Himmel bei 25 Grad wieder wolkenlos blau, so wie es sich gehört. Ein schmaler Weg führt hinunter in das Dorf, wo wir kreuz und quer im Labyrinth der nur einen Meter engen, dunklen Gassen zwischen den traditionellen Lehmhäusern herumschlendern. Die Gassen sind teilweise sogar überbaut, man läuft wie durch einen Tunnel. Hier hinein fällt kein Sonnenstrahl, es ist herrlich kühl. Alte Männer in langen Gewändern treiben schwer beladene Eselchen vorbei, weiß verschleierte Frauen mit scheuem Lächeln begegnen uns. Von den Minaretten der Moscheen erschallt um die Mittagszeit vielstimmig der Ruf des Muezzins. Wir fühlen uns in eine Welt aus 1001 Nacht versetzt.

In den Gassen des Ksar Zenaga

Endlich kommen wir auf den offenen Dorfplatz, lange sitzen wir dort im Café, genießen unser völlig entschleunigtes Dasein als Reisende und schauen den Passanten zu. Beliebteste Verkehrsmittel sind Fahrräder und Lastenmotorräder, mit denen man auch durch die Altstadtgassen kommt. Die erwachsenen Frauen sind mit Kopftuch oder Schleier bedeckt, die Mädchen tragen jedoch enge Jeans und keine Kopfbedeckung. Ebenso findet man bei Männern sowohl die traditionelle Galabija als auch westliche Kleidung. Allen gemeinsam ist jedoch eine ausgesprochene Freundlichkeit, überall werden wir nett gegrüßt. Für uns erstaunlich ist, dass die Einheimischen in dicke Steppjacken und Wollmützen gekleidet sind. Aber klar, im Vergleich zum Sommer mit den hier üblichen Sommer 55 Grad ist es jetzt mit nur 25 Grad echt kalt. Sehenswert sind auch die winzigen Läden in Garagenformat, hier bekommt man alles, was man zum Leben braucht.

Lebensmittelgeschäft in Figuig

Die Werkstätten der Handwerker sind nicht größer und man kann den Tischlern, Bäckern und Automechanikern direkt bei der Arbeit zuschauen. Erstaunlich ist die große Anzahl von Herrenfrisören, wir zählen an der ca. 500 m langen “Hauptstraße“ sage und schreibe acht Barbiere. Der Rückweg führt uns durch die grünen Palmengärten zu unserem Campingplatz.

Es gefällt uns so gut hier, dass wir noch einen weiteren Tag bleiben und vormittags ziellos durch die Palmengärten und alten Dörfer schlendern. Den Nachmittag verbummeln wir auf der auf einem Hügel liegenden Terrasse des Campingplatz-Cafés, von wo aus wir einen phantastischen Blick über die gesamt Oase haben.

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5 Kommentare

  1. Vielen Dank für eueren Bericht. Ich war schon zwei mal zum wandern in Marokko, ich mag das Landschaft sehr. Euer Bericht macht mir Fernweh, wenn ich auch gerade mit einer Knieverletzung recht eingeschränkt bin. Ich wünsch Euch eine ganz erlebnisreiche und intensive Zeit. Sandra

    1. Hallo Sandra, danke für deinen Kommentar. Ja, Marokko ist immer eine Reise wert. Vielleicht helfen unsere Bilder ein wenig gegen dein Fernweh. Wir wünschen dir gute Besserung für dein Knie und schicken viele Grüße aus Merzouga am Erg Chebi, Olaf und Annette.

  2. Liebe Annette, lieber Olaf

    wir haben euren Blog schon vor einiger Zeit entdeckt und schon viel Freude an euren ausführlichen und informativen Berichten gehabt. Die Vorbereitungen für eure Marokkoreise mit Spannung verfolgt und nun mit Vergnügen den ersten Bericht gelesen. Wir sind noch nicht so mutig mit dem Bulli so weit zu fahren und starten jetzt zur Kamelienblüte, im März nach Nordspanien und Portugal. Sind gespannt auf weite Berichte von euch, vielleicht machen sie uns Mut im nächsten Jahr den Kontinent zu wechseln. Gute Fahrt und viel Glück
    viele Grüße von Sibylle und Marcus aus Düsseldorf

    1. Hallo ihr Zwei, wir freuen uns natürlich sehr, dass euch unser Blog gefällt. Marokko ist wirklich unglaublich abwechslungsreich und schön und zudem ein sehr sicheres Reiseland mit einer für womo-Reisende perfekten Infrastruktur. Es gibt überall gute, preiswerte Campingplätze, wenn man nicht gerne, so wie wir, “ wild“ übernachtet, die Straßen sind in sehr gutem Zustand und die Autofahrer nicht temperamentvoller als in Südeuropa. Also plant schon mal eure Tour für nächstes Jahr. Wir werden übrigens nach unserer Rückkehr auch auf unserer Webseite touren-wegweiser.de eine ausführliche Routenbeschreibung erstellen. Leider sind wir für unsere letzten Reisen damit etwas in Verzug. Wahrscheinlich sind wir einfach zu viel unterwegs….aber die Welt ist groß, schön und will entdeckt sein. Viel Spaß in Spanien und Portugal oder wo immer euch euer Bulli auch hinführt und liebe Grüße von Olaf und Annette

  3. Hallo Sandra, danke für deinen Kommentar. Ja, Marokko ist immer eine Reise wert. Vielleicht helfen unsere Bilder ein wenig gegen dein Fernweh. Wir wünschen dir gute Besserung für dein Knie und schicken viele Grüße aus Merzouga am Erg Chebi, Olaf und Annette.

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