Felsenriff Piedra de la Iglesia bei Constitución

Von Puerto Montt nach Santiago de Chile, 6.-19.4.2026

Ensenada/Lago Llanquihue, 6./7.4.2026

Die wenig attraktive Stadt Puerto Montt ist Ziel von Kreuzfahrtschiffen, deren Passagiere von hier Ausflüge zum nahen Seengebiet machen. Puerto Montt reizt uns nicht zum Bummeln. Wir machen hier lediglich wieder einen Stop bei Don Arsenio, um neues Gas zu kaufen. Es ist in Chile die einzige bei Overlandern bekannte Möglichkeit zum Befüllen einer ausländischen Gasflasche

Vulkan Osorno
Vulkan Osorno

Mittlerweile haben sich sämtliche Wolken verzogen und als wir nachmittags nach Puerto Varas kommen, leuchtet der makellose Kegel des schneebedeckten Vulcan Osorno über dem großen Lago Llanquihue. Das gesamte Gebiet rund um den See wurde per Dekret 1853 durch die chilenische Regierung zur Kolonisierungszone erklärt und gezielt Auswanderer aus Europa angeworben. Die Ureinwohner wurden dabei nicht gefragt.

Es waren vor allem Deutsche, Österreicher und Schweizer, die hierher kamen. Auch Puerto Varas wurde von deutschen Einwanderern gegründet und das sieht man der herausgeputzten Kleinstadt noch immer an. Nicht nur viele Namen von Geschäften und Lokalen sind deutsch, auch die für unser Empfinden etwas kitschige Architektur der Innenstadt erinnert an die typischen pseudo-alpinen Hotels in bayerischen Urlaubsgebieten. Beim Tanken werden wir denn auch von einem Ehepaar angesprochen, das aus Frankfurt stammt und nun hier lebt. Es ist auch wirklich ein wahres Rentnerparadies mit einer gepflegten Uferpromenade, flachen Spazierwegen am See und vielen Cafés, die guten deutschen Kuchen anbieten. Der See ist ein tolles Segel- und Angelrevier. Fast so wie der Bodensee. Lediglich auf die Ausflugsboote über den See muss man nun außer der Saison verzichten und statt Alpenpanorama fällt der Blick auf Vulkane, wo es sogar Skilifte gibt.

Die Fahrt entlang des Ostufers des Lago Llanquihue enttäuscht zunächst etwas. Wir gleiten im milden Licht des Spätsommers zwar an herrlichen, parkähnlichen Grundstücken mit noblen Villen vorbei, doch an den See kommt man nur sehr selten. Alles ist in Privatbesitz, eine beliebte Wohngegend für sehr wohlhabende Chilenen. Auf den etwas höher gelegenen Wiesen liegen zahlreiche alte Bauernhäuser aus vom Wetter gegerbten Schindeln, wir fühlen uns wie im Schwarzwald. Erst kurz vor Ensenada kommt die Straße direkt an das nun steile Seeufer und wir genießen den wahren Bilderbuchblick auf den Osorno. Ja, gut verständlich, dass dies auch eines der begehrtesten Urlaubsziele des Landes ist. Wir haben im Februar diese Region wegen des irren Andrangs in der Hauptsaison bewusst gemieden. Abnormal sind auch die Preise in Gastronomie und für Unterkünfte. Manche Campingplätze in Ensenada verlangen 60-85 Euro pro Nacht für einen Stellplatz. Wir parken daher am Mirador Lago Llanquihue unterhalb des Osorno, direkt vor dem Beginn des Nationalparks. Der herrliche Sonnenuntergang über dem See ist kostenlos.

NP Vicente Pérez Rosales. 7./8.4.2026

Der Nationalpark Vicente Pérez Rosales umfasst ein Gebiet von 1600 Quadratkilometern und zeigt die chilenischen Anden von ihrer allerschönsten Seite. Er ist der älteste Park des Landes und derjenige mit den höchsten Besucherzahlen.

Basisstation der Seilbahn am Vulkan Osorno
Basisstation der Seilbahn am Vulkan Osorno
Gletscher auf dem Gipfel des Vulkan Osorno
Gletscher auf dem Gipfel des Vulkan Osorno

Unser erstes Ziel ist der Vulkan Osorno, der als schönster in Chile gilt. Wir können bequem am nächsten Morgen eine 15 km lange asphaltierte Straße bis zur Talstation des ersten von zwei Sesselliften auf 1190 m Höhe hinauf fahren. Die Lifte verkehren im Sommer nur in der Hauptsaison oder eben im Winter zum Skifahren. Heute früh hängt Nebel über dem Tal, aber der Berg liegt oberhalb der Wolkendecke. So genießen wir knallblauen Himmel, Wärme und eine tolle Fernsicht.

Gipfel des Vulkans Osorno
Gipfel des Vulkans Osorno

Eine echte Augenweide ist der makellose Kegel des 2652 m hohen, sehr aktiven Osorno mit seinem weißen Gletscherkragen vor dem knallblauen Himmel. Der Gipfel darf nur noch mit Guide bestiegen werden, nachdem es in der Vergangenheit zu Unfällen gekommen war. Wir begnügen uns mit einem sehr schönen Spaziergang zum Roten Krater.

Der Rote Krater beim Vulkan Osorno
Der Rote Krater beim Vulkan Osorno

Den ganzen Tag verbringen wir hier oben in der Sonne. Heute übernachten wir auf einem „preiswerten“ Campingplatz an See in Ensenada, um mal wieder duschen zu können. Für 25€ gibt es aber nur sehr antike Sanitäranlagen mit spärlich tröpfelndem, lauwarmen Wasser.

Auch der nächste Tag schenkt uns einen traumhaften Spätsommer. Bei fast 20 Grad und wolkenlosen Himmel können wir sogar in kurzer Hose und T-Shirt wandern. Wir fahren zum Lago Todos Los Santos. Der fast kitschig blaue See, umgeben von steilen Bergen, hat in Chile in etwa die touristische Bedeutung wie der Königssee in Deutschland. Aber jetzt ist die Saison vorbei, die Parkplätze und Ausflugsboote sind fast leer. Wir wandern zunächst auf Wegen mit tiefem Vulkansand durch den lockeren Alercenwald, immer im Blick mit dem Osorno, dessen Aschefelder die Landschaft prägen. Ungefähr 6,5 km laufen wir auf dem Wanderweg Paso de Desolacíon bis zum Aussichtspunkt Cerro La Picada. Die knapp 600 Höhenmeter sind überwiegend erst während der letzten 1,5 km zu bewältigen.

Patrohue am Lago Todos Los Santos
Petrohue am Lago Todos Los Santos

Hier wird es dann beim Anstieg auf Lavafelsen oder weichem Ascheboden etwas schweißtreibend. Aber alles im grünen Bereich. Außer uns ist noch eine Jugendgruppe unterwegs, von denen einige deutliche Konditionsprobleme haben. Das tut uns alten Leuten ziemlich gut. Am Ziel können wir einen wirklich spektakulären Blick genießen. Zu unseren Füßen liegen die Seen Todos Los Santos und Llanhuique, umgeben von schroffen Bergen und gleich 6 Vulkanen sind. Die markantesten sind der 2.652 m hohe Kegel des Osorno, der Puntiagudo, dessen dreieckige 2.498 m hohe Felsspitze dem Matterhorn Konkurrenz machen kann und der 3.470 m hohe, mächtige Klotz des zerklüfteten Tronador. Außerdem sind die Vulkane der Calbuco, Casablanca und Puyehue zu sehen. Über uns schweben 4 große Kondore. Sehr lange sitzen wir in der warmen Sonne und genießen. Die traumhafte Landschaft macht uns mit dem Bilderbuchwetter der letzten Tage den Abschied von Patagonien wirklich schwer. Der Rückweg führt uns am schwarzen Lavastrand des Sees entlang zum Auto. Eine weitere Besucherattraktion sind die Stromschnellen des Rio Petrohue, dem Abfluss des Sees Todos Los Santos. Ganz nett, aber zu dieser Jahreszeit mit wenig Wasser und mit vielen Ponmesbuden, Andenkenständen und hohem Eintrittsgeld sehr touristisch vermarktet. Abends übernachten wir „wild“ am Ufer des Rio Huenū-Huenū.

Los Bajos – Lago Llanquihue, 9.4.2026

Wir können der Versuchung nicht widerstehen und fahren noch einmal nach Fruttilas am Ostufer des Lago Llanquihue. Der von Auswanderern gegründete Ort ist berühmt für seinen deutschen Kuchen.

Während unserer Hinreise in den Süden Patagoniens haben wir uns bereits davon überzeugen können. Doch diesmal enttäuscht der Besuch des Café Kuchendorf, der Kuchen ist trocken und zäh. Wahrscheinlich hat er einfach zu lange auf Gäste warten müssen. Wir trösten uns mit gigantischen Stücken der genialen Schwarzwälder-Kirsch-Torten im „Kuchenladen“ und genießen die Kalorienbombe auf einer sonnigen Bank an der Seepromenade. Das Volumen der Torte übersteigt unsere Magenkapazität, den Rest heben wir für das Abendessen auf. Gesättigt rollen wir uns am See entlang zum Auto und fahren noch einige Kilometer bis zum Weiler Los Bajos. Hier gibt es einen kommunalen kleinen Park am See mit Strand, Spielplatz und Toiletten und vor allem einen phantastischen Blick auf die Vulkane Osorno, Puntiagudo und Tronador, die bei Sonnenuntergang rosarot leuchten. Der ideale Übernachtungsplatz.

Los Bajos ist eine Gründung von deutsch-sprachigen Auswanderern und hat absolut keine touristische Bedeutung. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist ein Bummel entlang der Dorfstraße sehr interessant. Irgendwie berührt uns diese Gegend mit ihrer Mischung aus fremdartiger Landschaft und so vertraut wirkender Bauernkultur. Auch bei den alten Holzhäusern werden soziale Unterschiede deutlich. Wir sehen sowohl prächtige, repräsentative Gutshäuser, Bauernhöfe als auch winzige Hütten. Spannend ist auch der Besuch des kleinen Dorffriedhofs. Die Gräber der chilenischen Toten liegen abseits und sind lebensfroh mit bunten Blumen geschmückt. Dagegen sehen die letzten Ruhestätten der Einwanderer exakt so aus, wie es auf einem deutschen Friedhof üblich ist. Es dominiert der Name einer Familie, deren Mitglieder alle aus demselben Ort in Tirol stammen. Die Generation der Einwanderer war um 1885-90 geboren und hat im Alter von ca. 20 Jahren den Neuanfang in der Fremde gewagt. Wie mag ihr Lebensweg hier gewesen sein, haben sich ihre Träume erfüllt? In Los Bajos steht noch die „ Tiroler Kapelle“, die Bomaderos heißen „ Feuerwehr“ und vor einer Haustür parkt ein uralter VW-Käfer.

Rio Quepe bei Temucu, 10.4.2026

Ein Tag auf der Autobahn. An unserem gestrigen Stellplatz am Lago Llanquihue kam nachts um 2 Uhr noch ein Auto vorbei und hat einige Zeit in der Nähe geparkt. An uns hat sich niemand gestört, aber die dröhnende Musik aus dem Wagen war nicht so ganz unser Geschmack. Morgens genießen wir die Fahrt über die hügelige Straße entlang vieler alter Bauernhäuser nach Puerto Octay. Diesen Ort kennen wir bereits und er gefällt uns mit dem untouristischem Charme der wirklich alt aussehenden Holzhäuser der deutschen Siedler besser als das ein wenig Disneyland-mäßige Frutillar. Wir kaufen Brot und rollen dann bei Osorno auf wieder auf die Panamericana. Schnurgerade geht es durch Felder, wenig Verkehr.

Übernachtungsplatz am Rio Quepe bei Temuco
Übernachtungsplatz am Rio Quepe bei Temuco

Nach 309 km beenden wir den Tag an einem idyllischen Stellplatz direkt am Ufer des kleinen Rio Vilcun, ca. 8 km südlich der größeren Stadt Temucu und nur wenige Minuten von der Autobahn entfernt. Im milden Spätsommerlicht kann man bis Sonnenuntergang bei 20 Grad wunderbar draußen sitzen.

NP Laguna del Laja, 11.-13.4.2026

Auf der Autobahn rollen wir weiter nach Norden. Eigentlich wollten wir im NP Conguillio hinauf zur Sierra Nevada wandern, was mit dem bunten Herbstlaub als Kontrast zu schwarzem Lavasand und weißen Gletschern besonders schön sein soll. Im Februar hatten wir in der Hochsaison keine Eintrittskarten bekommen, da der Zugang zum Nationalpark limitiert ist. Daran scheitert nun auch der zweite Versuch.

Statt dessen steuern wir den NP Laguna del Laja an. Bei der Stadt Los Ángeles fahren wir nach 180 km von der langweiligen Panamericana ab in Richtung Osten. Doch die nächsten 90 km sind nicht spannender. Auf der überwiegend schnurgeraden Straße geht auf der ganzen Strecke nur durch Kiefern-Monokulturen. Es ist kein Wald, sondern industrieller Holzanbau ohne Unterholz oder irgendwelchen anderen Pflanzen. Für die Ernte wird die gesamte Baumgeneration vollständig gerodet, die Erde tief umgepflügt und neu bepflanzt. Auf beiden Seiten der Straße sind Zäune und breite Kiesstreifen gegen Ausbreitung von Waldbränden.

Wasserfall Velo de la Novia im Parque Nacional Laguna del Laja
Wasserfall Velo de la Novia im Parque Nacional Laguna del Laja

Endlich kommen wir kurz vor dem NP Laguna del Laja in die Berge, hier endet der Asphalt. Erste Sehenswürdigkeit ist der nicht sehr hohe, aber nette Wasserfall Velo de la Novia, ein beliebtes Ausflugsziel. Einer der Besucher hat im Graben abseits der Straße geparkt und sich festgefahren. Yoda hat die Ehre, den Pkw wieder auf die Straße zu ziehen. Großer Applaus von allen Zuschauern. Überhaupt ist unser mobiles Haus momentan ein Publikumsmagnet. Nördlich von Patagonien und abseits der Overlanderrouten sieht man solche Fahrzeuge anscheinend selten. Jedenfalls werden wir häufig um Erlaubnis für ein Foto gebeten und trotz unserer dürftigen Sprachkenntnisse können wir mittlerweile recht flüssig die Fahrzeug-Ausstattung und unsere Reiseroute erklären. Da man in Nationalparks nicht frei übernachten darf, fahren wir an Nachmittag auf einen „wilden“ Stellplatz kurz vor dem Eingang zum Nationalpark.

Wasserfälle Las Chilcas im Parque Nacional Laguna del Laja
Wasserfälle Las Chilcas im Parque Nacional Laguna del Laja

Der nächste Morgen ist sonnig und zunächst kalt. Doch es wird ein schöner Spätsommertag. Zwei kleine Wanderungen stehen auf dem Programm. Die Tour zu den Wasserfällen Saltos las Chilcas und Salto el Torbellino durch ein Lavafeld ist nett, die Wasserfälle auch. In den Felswänden oberhalb des Salto las Chiclas haben Kondore ihr Nest. Eine Infotafel erläutert, dass die riesigen, 14 kg schweren Vögel bis zum 7000 m hoch fliegen und 85 Jahre alt werden. Sehr beeindruckend. Doch das Highlight ist der Rückweg vom Torbellino-Fall zum Auto.

Sendero Las Chilcas im Parque Nacional Laguna del Laja
Sendero Las Chilcas im Parque Nacional Laguna del Laja

Denn dieser Teil des Wanderweges ist eigentlich gesperrt und man müsste den gleichen Weg zurück gehen. Aber natürlich siegt unsere Neugier. Auf Holzstegen führt der gesperrte Weg durch Walddickicht unmittelbar parallel zum wild strömenden Rio Laja, der auch den Wasserfall Torbellino bildet. Allerdings sind viele Holzbohlen schief oder zerbrochen, ebenso das Geländer. Daher wurde der Weg geschlossen und mittlerweile hat die Vegetation ihn schon fast zurück erobert. Es macht einfach Spaß über diesen verwunschenen Pfad zu klettern.

Sendero Las Chilcas im Parque Nacional Laguna del Laja
Sendero Las Chilcas im Parque Nacional Laguna del Laja

Besonders beeindruckend sind die wirklich gigantischen Coiguës-Bäume, die in einer Senke zwischen Fluss und Lavafeld eine kleine Oase in der Vulkanwüste bilden. Am Nachmittag wandern wir oberhalb des Tals zu einem Aussichtspunkt, der einen Überblick über die zerklüfteten Lavafelder des fast 3000 m hohen Vulkans Antuco gibt.

Vulkan Antuco
Vulkan Antuco

Er prägt die gesamte Landschaft. Ein Lavaausbruch vor über 170 Jahren staute den Fluss Laja zu einem See. Am späten Nachmittag fahren wir zur Laguna Laja und durchqueren eine schwarze Mondlandschaft. Die Lavaströme haben bizarre Felsen geschaffen, in denen mit etwas Phantasie man merkwürdige Figuren erkennt. Es gibt durch Gasblasen in der Lava gebildete Höhlen. In den ausgedehnten schwarzen Aschefeldern bilden sich erste grüne Inseln von Pionierpflanzen.

Straße durch den Parque Nacional Laguna del Laja
Straße durch den Parque Nacional Laguna del Laja
Memorial Mártires de Antuco Parque Nacional Laguna del Laja zu Ehren 45 in einem Schneesturm gestorbener Soldaten
Memorial Mártires de Antuco Parque Nacional Laguna del Laja zu Ehren 45 in einem Schneesturm gestorbener Soldaten

Mitten in dieser surrealen Landschaft steht oberhalb der Laguna ein modernes Mahnmal. Im Mai 2005 starben hier 45 chilenische Soldaten. Offiziere hatten einen Übungsmarsch trotz eines Schneesturms befohlen. Interessant und ungewohnt für uns ist es, dass an den Namenstafeln nicht nur Blumen aus Plastik, sondern auch sehr persönliche Dinge zur Erinnerung abgelegt werden. Wir sehen Baseballkappen, Bierdosen, Schals von Fußballvereinen, aber auch Babyschuhe, Halsketten und Briefe. Das Lebens und der Tod gehören zusammen, das ist sehr berührend.

Vom Denkmal führen Fahrspuren in die Lavawüste oberhalb des Sees. Hier übernachten wir in absoluter Stille und Einsamkeit, direkt zu Füßen des Vulkans. Obwohl mitten im Nationalpark, scheint das kein Problem zu sein. Ein ganz besonderer Moment ist der Sonnenuntergang, der den Himmel glühen lässt. Unglaublich schön.

Übernachtungsplatz an der Laguna del Laja im Parque Nacional Laguna del Laja
Übernachtungsplatz an der Laguna del Laja Parque Nacional Laguna del Laja

Bei wolkenlosen Himmel müssen wir am zweiten Tag im Nationalpark natürlich eine „ richtige“ Wanderung machen. Zum Wasserfall vom Gletscher der Sierra Veluda sind es ca. 550 Höhenmeter und 9 km bzw. 4 Stunden hin- und zurück. Durch lichten Wald und später buntes Buschwerk steigen wir die ersten 2 km ziemlich steil auf sandigen, rutschigen Weg einen alten Lavahang hinauf, ein kurzes Stück führt über eine Ebene mit Blick auf den makellosen schwarzen Kegel des Vulkans Antuco und die verklüfteten Felsen des 3500 m hohen Cumbre Sur als höchste Spitzen der vergletscherten Sierra Veluda.

Wandern des Sendero Sierra Velluda im Parque Nacional Laguna del Laja
Wandern des Sendero Sierra Velluda auf einem Lavafeld

Dann kommt ein weiterer Anstieg und die Querung eines an dieser Stelle ca. 900 m breiten, relativ jungen Lavafeldes. Letzteres ist sehr mühsam, da über die zu scharfkantigen Blöcken erstarrte Lava gelaufen werden muss. Ein mit Stangen markierter „ Pfad“, bei dem streckenweise die Lücken zwischen den Blöcken mit Steinen aufgefüllt sind, ermöglicht überhaupt die Querung. Man fühlt sich ziemlich klein und verloren in dieser schwarzen, zerklüfteten Wüste. Schließlich erreichen wir den Fuß der Sierra Veluda, eine alte und daher eher sandige Lavawüste mit einigen schattenspendenden Bäumen an den Berghängen. Es ist so heiß, dass die Luft über dem Sandboden flimmert. Zeit für eine lange Rast vor dem Rückweg. Der Abstieg war eine ziemlich rutschige Sache. Gegen 15.30 Uhr sind wir wieder am Auto und fahren zum Übernachten auf den gestrigen Stellplatz.

Übernachtungsplatz im Parque Nacional Laguna del Laja mit Blick auf die Sierra Velluda
Übernachtungsplatz in der Lavawüste im Parque Nacional Laguna del Laja mit Blick auf die Sierra Velluda

Colonia Dignidad/Villa Baveria und Playa Monolito, 14./15.4.2026

Weiter geht unsere Reise nach Norden. Unterwegs besuchen wir die Saltos del Laja. Der größte Wasserfall Chiles liegt praktischerweise fast direkt an der Autobahn. An einer hufeisenförmigen Basaltstufe stürzt der Fluss Laja 40-60 m hinunter. Ganz nett anzuschauen und ein absoluter Touristenmagnet. Die 200 m Fußweg zum Wasserfall sind lückenlos zu beiden Seiten von Andenkenbuden gesäumt. In der Hauptsaison bestimmt die Hölle.

Salto del Laja
Salto del Laja

Unser heutiges Ziel ist Villa Baveria, wie sich die Colonia Dignidad seit 1988 nennt. Viele Menschen wissen nicht, welch ein grauenhafter Ort sich hinter dem idyllisch an Fuß der Anden gelegenem Dorf mit dem folkloristischen Namen verbirgt.

Originale Schilder der Colonia Dignidad
Originale Schilder der Colonia Dignidad

Der evangelikale Laienprediger Paul Schäfer gründete 1961 mit 300 Anhängern aus Deutschland eine autarke, völlig abgeschottete Siedlung unter seiner absoluten Herrschaft. Er kooperierte auch eng mit der Diktatur Pinochets, in der Colonia wurden politische Gefangene gefoltert und ermordet. Doch keine Erinnerungstafel, kein Denkmal würdigt heute die Opfer. Schäfer floh 1997 nach einer Anklage wegen Kindesmissbrauchs nach Argentinien unf wurde 8 Jahre später an Chile ausgeliefert. Dort starb er 2010 in einem Gefängniskrankenhaus. Die anderen Täter wurden bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen.

Restaurant in der Villa Baviera (ehemals Colonia Dignidad)
Restaurant in der Villa Baviera (ehemals Colonia Dignidad)

In dem Ort leben aktuell rund 120 Menschen. Sie betreiben Landwirtschaft sowie einen Tourismus- und Restaurantbetrieb. Es gibt ein Hotel und man kann im eigenem Fahrzeug in einem parkähnlichen Gelände übernachten. Alle Einrichtungen scheinen seit den 1960er Jahren unverändert zu sein und machen einen muffigen, stark renovierungsbedürftigen Eindruck.

Führung durch das Museum der Colonia Dignidad
Führung durch das Museum der Colonia Dignidad

Am nächsten Tag werden wir von Jürgen, einem Bewohner, durch die Anlage geführt. Ein Museum dokumentiert das Leben in der Colonia. Jürgen ist 1961 hier geboren und hat den Ort nie verlassen. Er schildert sehr eindrucksvoll die Terrorherrschaft von Schäfer und dessen Führungsriege. Interessant ist für uns auch, dass Schäfer gute Beziehungen auch zu deutschen Institutionen wie dem Auswärtigen Amt und der Deutschen Botschaft sowie zur CSU pflegte. Das Gelände war mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Wachhunden hermetisch abgeriegelt, es gab keinen Kontakt zur Außenwelt und keine Privatsphäre. Die Kinder wurden den Eltern weggenommen und in nach Geschlechtern getrennten Gruppen von „Tanten“ und „ Onkeln“erzogen. Ab 5 Jahren hatte man zu arbeiten, ohne Entlohnung und ohne Rechte. Jeder wurde bespitzelt, keinem konnte man vertrauen und die Bestrafung bei einem durch Schäfer definiertem Fehlverhalten war grausam mit Prügel, Elektroschocks und Drogen. Sexueller Missbrauch gegen Jungen war Alltag. Jürgen erfuhr erst mit 36 Jahren, wer von den Dorfbewohnern seine Eltern sind. Er versuchte 5 mal die Flucht und wurde von der chilenischen Polizei immer wieder zurück gebracht.

ehemalige Bewohner der Colonia Dignidad
ehemalige Bewohner der Colonia Dignidad

Die meisten der Bewohner begehrten jedoch nicht auf und einige glaubten sogar, dass die Herrschaft Schäfers durch Gott legitimiert sei. Jürgen schildert eindringlich die unaufhörliche Gehirnwäsche, der man sich nicht entziehen konnte und die einen auch zum Denunzianten und damit schuldig machte. Eine einfache Einteilung in Opfer und Täter ist schwierig. Für ihn sei es befreiend, als Zeitzeuge heute seine und die Geschichte der Colonia erzählen zu können. Wir sind tief betroffen und schockiert. Unfassbar, wozu Menschen in der Lage sind. Unverständlich erscheint uns aber auch, dass hier heute eine Art Freizeitpark mit pseudo-bayerischen Flair ist. Wer nicht das abseits liegende Museum besucht oder eine Führung bucht, erfährt nichts von der entsetzlichen Vergangenheit dieses Ortes. Die chilenische Regierung plante, gegen den Widerstand der Bewohner, die Einrichtung einer Gedenkstätte. Vor wenigen Wochen wurde jedoch ein rechtspopulistischer Ministerpräsident gewählt, der erklärter Anhänger Pinochets ist. Seitdem ist das Vorhaben vom Tisch.

Uns berührt dieser Vormittag tief und sehr nachdenklich treten wir die Weiterfahrt an. Nach 3 Stunden sind wir am Pazifik nördlich der Stadt Pellhue. Es ist sommerlich warm, eine mehrere Meter hohe Brandung donnert gegen den schwarzen Playa Monolito. Der ruhige Nachmittag am Meer gibt uns Zeit, den heutigen Tag nachwirken zu lassen.

Punta Lautaro, 16.4.2026

Wir sind zurück im spanisch geprägtem Südamerika. Plötzlich ändert sich der Baustil. In den Dörfern haben die eingeschossigen Häuser wieder flache, mit roten Ziegeln gedeckte Dächer und Kirchen im Kolonialstil. Unsere Fahrt über ruhige Nebenstraßen entlang der Küste bringt uns an den breiten Strand des Dorfes Loano. Eigentlich sind wir wegen der von der Brandung umtosten Felsen hier, auf denen Seelöwen leben. Doch genauso interessant ist es, das Anlanden und Entleeren der Fischerboote zu beobachten.

Santos del Mar
Santos del Mar
Felsenriffe bei Constitución
Felsenriffe bei Constitución
Felsenriff Piedra de la Iglesia bei Constitución
Felsenriff Piedra de la Iglesia bei Constitución
Felsenriffe bei Constitución
Felsenriffe bei Constitución

Durch Felder und Kiefernplantagen geht es dann weiter in die Kleinstadt Constitución. Ihr Wahrzeichen sind die weißgrauen, riesigen Felsformationen am schwarzen Lavastrand. Bei Ebbe kann man sogar durch Höhlen und Felsentunnel gehen. Auf den Felsen leben zahlreiche Mähnenrobben, die man aus nächster Nähe bewundern kann. Die Bullen dieser chilenischen Seelöwenart sind imposante 2,5 m lang und wiegen 500 kg. Über ihnen kreischen Pelikane und Möwen, die einige Stockwerke höher leben. Weiter geht es durch Felder und Nutzwaldplantagen nach Norden. Am Meer gibt es große Dünen- und Feuchtgebiete. Wir übernachten im sumpfigen Mündungsgebiet des Rio Huenchullami, wo es viele Wasservögel und leider auch unzählige Mücken gibt.

Ruta I-110-G bei Litueche, 17.4.2026

Morgens hängt die Landschaft in dickem Nebel. Aber auch bei gutem Wetter könnten wir uns draußen nicht aufhalten, ohne von den Moskitoschwärmen aufgefressen zu werden. Selbst der Toilettengang in die Büsche muss in Rekordzeit erledigt werden. Wir kapitulieren und fahren zum Frühstücken ein paar Kilometer weiter, damit man wenigstens das Geschirr draußen spülen kann. Sämtliche Flächen entlang der Straße sind eingezäunt, da bleibt nur der vermüllte Platz an einer Straßenkreuzung, immerhin moskitofrei. Overlanderleben ist eben nicht immer Instagramm-Idylle.

In einiger Entfernung von der Küste löst sich der Nebel auf, es wird ein warmer Sommertag. Über kleine Sträßchen fahren wir kurvenreich die Hügel rauf und runter, überwiegend durch Forstkulturen. Mittags erreichen wir wieder die Küste. Unser Ziel ist Punta Lobos, rund 8 km südlich des Urlaubsortes Pichelimu. Das Kap Punta Lobos ist weltbekannt, denn hier donnern im steten Rhythmus über 10 m hohe Wellen mit Urgewalt an die Küste – ein Mekka für die Elite der Surfer! An den vorgelagerten schwarzen Felsen brechen die Wellen in weiß schäumender Gischt. Auch wenn nur zwei Surfer auf den haushohen Wellen reiten, es ist echt beeindruckend.

Unsere weitere Fahrt führt von der Küste weg Richtung Santiago. Es geht durch endlose Avocadoplantagen und Weinbaugebiete. Das Weinlaub färbt sich nun golden, wunderschön sieht das aus. Zwischen Weinbergen und Avocadofeldern schlagen wir am Rand eines Feldweges unser Lager auf und können heute sogar draußen zu Abend essen.

Santiago, 18./19.4.2026

Der Kreis schließt sich. Nach 2 Stunden Fahrt über Landstraße und Autobahn sind wir mittags wieder auf dem Campingplatz Izueluna in einem ländlichen Vorort von Santiago. Hier waren wir vor ziemlich 2 Monaten schon einmal für einige Tage. Nun kommen wir mit vielen schönen Erinnerungen wieder zurück und landen bei 22 Grad im Sommer. Der Platz ist gut besucht, bereits 8 Fahrzeuge von Overlandern sind da, davon 4 Geländefahrzeuge. Abends kommt noch ein gigantischer Expeditions-Lkw von zwei Schweizern, der alle bisher gekannten Abmessungen in den Schatten stellt.

Ein Genuss nach über einer Woche sind die warme Dusche und saubere Kleidung. Mein Rucksack ist rasch gepackt, Ich nehme ja außer der Kleidung die ich am Körper trage, nur noch Fleece-und Regenjacke und meine Ausweispapiere mit. Die Suche nach meinem Nackenhörnchen, was mir im Flugzeug wenigstens etwas Schlaf ermöglicht, dauert allerdings länger. Dreimal klettert wir aufs Dach, um immer wieder in der großen Kiste zu suchen, bis es endlich auftaucht. Dann ist alles getan und ich bin startklar für den Heimflug morgen. Wie immer fällt es mir verdammt schwer.

Eine schlaflose Nacht. Mücken quälen, aber der eigentliche Grund ist der Kindergeburtstag, den die 10jährige Tochter des Eigentümers heute feiert. Mit der gesamten Verwandtschaft, Feuerwerk und ohrenbetäubender Musik bis 2 Uhr morgens, also eine ganz normale südamerikanische Fiesta.

Wie gewohnt superpünktlich um 7.30 Uhr setzt mich Olaf am Flughafen ab. Check-In habe ich gestern schon erledigt und da ich kein Aufgabegepäck habe und die Security in 3 Minuten erledigt ist, bleibt viel Wartezeit bis zum Abflug nach Paris. Dort muss ich umsteigen nach Frankfurt, dann Endspurt mit dem Zug in der Odenwald. Insgesamt 24 Stunden dauert die Reise. Pünktlich hebt der Flieger ab und Chile versinkt unter mir. Wo sind nur die letzten 3 Monate geblieben? So viele neue Eindrücke und Erlebnisse, dass es ohne Tagebuch unmöglich wäre, sich zu erinnern. Eine ganze Schatzkiste voll. Aber genauso muss Leben sein.

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