Rio Baker/südlich Puerto Bertrand, 24.3.2026
Kräftiger Niederschlag und Kälte haben in der Nacht Schneefall bis in die niedrigen Lagen gebracht. Und für die gesamte nächste Woche sieht es nicht besser aus. Da macht es wenig Sinn zum eine Stunde entfernten Patagonia Nationalpark zu fahren, um in den Bergen des Valle Chacabuco zu wandern. Auch für die weiter entfernten Wandergebiete sieht die Wetterprognose mit starkem Dauerregen, Schnee und Sturm extrem schlecht aus.


So verbringen wir den Vormittag im Café Tero in Cochrane und essen dort zu Mittag. Wegen des Ausbaus der Carretera Austral nördlich von Cochrane ist die Strecke täglich von 11.30-15.00 Uhr komplett gesperrt. Daher macht es keinen Sinn zu früh abzufahren. Durch das herrliche Tal des Rio Baker geht es also dann nach Norden. Ein bisschen wehmütig fahren wir am Abzweig zum Patagonia Nationalpark vorbei und nehmen uns fest vor, bei unserer nächsten Etappe von Argentinien aus hierher zu kommen. Die Berge sind kräftig zugeschneit, jetzt ist ein Besuch sinnlos. Ungehindert können wir die lange Baustelle passieren.

Auch in Richtung Norden ist die Fahrt durch das Flusstal sehr schön. Oberhalb des Zusammenflusses mit dem grauen Ruo Beff nimmt der Rio Baker wieder seine unglaublich intensive blaue Farbe an. Ungefähr einen Kilometer vor dem kleinen Ort Puerto Bertrand fahren wir zu unserem Stellplatz in einen Stichweg Richtung Fluss ab. Alles ist schlammig, der Wald trieft vor Nässe, es schüttet wie aus Eimern.
Puenta El Murta/Ruta 7, 25.3.2026
Noch immer regnet es heftig, wo kommt bloß soviel Wasser her? Dazu bläst ein sehr kräftiger Wind. Wir brechen recht früh auf, den im weiteren Verlauf der Ruta 7 gibt es ab 11 Uhr wieder mehrstündige Vollsperrungen wegen Baustellen.
Wenige Meter hinter unserem Stellplatz steht ein Van am Straßenrand, der aus der steilen Böschung nicht mehr hinauf kommt, ein Rad hängt in der Luft. Gemeinsam mit dem Fahrer schieben wir im strömenden Regen den Wagen rückwärts auf alle vier Räder, so dass er mit erneutem Anlauf wieder auf die Straße kommt. Ziemlich gut durchfeuchtet setzen wir unsere Fahrt fort. Von der herrlichen Berglandschaft am Lago Bertrand, der durch einen schmaler Kanal mit dem riesengroßen Lago General Carrera verbunden ist, und aus dem der Rio Baker entspringt, sehen wir nichts. Wir fühlen uns wie in einem U-Boot auf Tauchfahrt. Der aufgeweichte Belag der Schotterpiste ist nun stellenweise rutschig, die unzähligen Schlaglöcher sind mit Wasser gefüllt, so dass ihre Tiefe nur durch das Rütteln des Autos geschätzt werden kann. Doch immerhin sitzen wir im Trockenen und Warmen. Anders als für die Motorradfahrer, für die diese Verhältnisse und der starke Wind nicht nur äußerst hart sind, sondern gefährlich sein können. Radfahrer sehen wir heute nicht.


Doch als wir zum Lago General Carrera kommen, reißen die Wolken über der großen Wasserfläche auf. Weiße Schaumkronen tanzen über dem sturmgepeitschten See, Wolkenfetzen wirbeln um die nun schneebedeckten Berge. Ein dramatisch-schönes Bild. In Puerto Rio Tranquillo können wir sogar am See spazieren gehen und draußen zu Mittag essen. Diese zwei Stunden in der wärmenden Sonne empfinden wir als echtes Geschenk. Unseren Plan durch das Valle Exploradores zu nördlichen Eisfeldern zu fahren, verwerfen wir. Dort hängen die Wolken bei Dauerregen im Tal, das macht keinen Sinn. Ebensowenig eine Exkursion mit dem Boot zu den Marmorhöhlen, da der Seegang zu hoch ist.
Also fahren wir weiter auf bekannter Strecke die Carretera Austral nach Norden. An der Brücke über den Rio El Mueta haben wir auf der Hinfahrt im Schotterbett des Flusses Mittagspause gemacht. Nun werden wir dort übernachten, allerdings auf dem Hochufer und damit einige Meter über dem durch die Regenfälle gestiegenen Wasserpegel. Hier steht man gut und dank einiger Bäume auch einigermaßen geschützt vor dem stürmischen Nordwind, der durch das Tal fegt. Am späten Nachmittag hört der Regen für kurze Zeit auf, ein kleiner Spaziergang am Fluss, garniert mit Schauern und Regenbogen, tut gut.
El Blanco, 26.3.2026
Unsere Flucht vor dem nahenden Winter geht weiter. Auch im argentinischen Teil von Patagonien ist das Wetter nicht angenehm. Schneestürme sorgen für die Sperrung des Nationalparks Torre del Paine, viele Grenzübergänge an den Bergpässen sind geschlossen. Es soll der kälteste und nasseste März im Süden Chiles und Argentiniens seit über 30 Jahren sein.
Wir fahren also weiter nach Norden über die auf weiten Strecken mit Schlaglöchern und losem Schotter übersäte, aber landschaftlich sehr schöne Ruta 7. Regen und wenige sonnige Momente wechseln in rascher Folge. Das Fahren auf der steinigen Strecke erfordert Konzentration, das Auto rappelt und vibriert.

Mittags sind wir im Tal des Rio Ibanez bei Cerro Castillo. Auch hier sind die Höhenlagen der phantastischen Felstürme tief verschneit. Das Laub ist schon bunt und leuchtet orange-rot. Ein wunderschönes Bild. Durch den Nationalpark Cerro Castillo erreichen wir auf der nördlichen Seite der Berge die weite Ebene bei Balmeceda. Hier wollen wir morgen über die Grenze nach Argentinien fahren und zwei Stunden später wieder zurück nach Chile wechseln. Dieser bei vielen Overlandern übliche „Border Run“ ermöglicht die Verlängerung unserer Visa und des TIP für Yoda um 90 Tage. Im Dorf El Blanco, nicht weit von der Grenze, übernachten wir auf einer windgeschützten Brachfläche am Fluss. Es ist trocken und deutlich wärmer als ca. 100 km weiter südlich.
Coyhaique, 27.-28.3.2026
Heute fahren wir nach Argentinien! Aber nur für ein paar Stunden, um danach erneut nach Chile einzureisen. Durch diesen bei vielen Overlandern üblichen Border Run können wir unser Visum und Tip neu für weitere 3 Monate erhalten. So ist Olaf in der Weiterreise flexibel. Für meinen Aufenthalt in Chile hätte das alte Visum noch gereicht, da ich ja am 19.4. von Santiago aus nach Frankfurt fliegen muss.
Der Grenzübergang am Flughafen Balmaceda ist sehr modern. Hier gibt es Schalter, bei denen man mit den Beamten auf Augenhöhe spricht, und nicht quasi auf die Knie muss, um miteinander reden zu können. Alle Schalter für beide Länder sind in einem Gebäude in der richtigen Reihenfolge hintereinander Angeordnet und mit Nummern versehen, die man einfach ablaufen muss. Alle Beamten sind unglaublich freundlich.Der mit Abstand angenehmste Grenzübertritt der gesamten Reise. Brav deklarieren wir unser Obst, aber der Zoll winkt uns durch, ohne Inspektion des Autos. Nach einer knappen halben Stunde sind wir in Argentinien. Dort warten wir kurz hinter der Grenze am Straßenrand und fahren dann am frühen Nachmittag wieder zurück nach Chile. Same Procedure, doch nun wird das Auto durch den Zoll begutachtet. Natürlich werden die restlichen Äpfel und Kartoffeln einkassiert, das war uns klar. Die Einfuhr von Obst und Gemüse ist strikt verboten, deshalb haben wir gestern unsere Vorräte soweit wie möglich aufgegessen. Aber man will uns auch unseren uralten Holzkeil wegnehmen, ein Erbstück von Olafs Vater, den wir zum Ausgleichen von Bodenunebenheiten unter den Reifen unterlegen. Die Einfuhr von Holz ist nämlich auch untersagt. Da wir genau mit diesem Holzklotz seit Monaten im Land herumfahren und er während unseres dreistündigen Aufenthaltes in Argentinien nicht das Auto verlassen hatte, dürfen wir ihn dann doch behalten.
Eine Stunde später sind wir in Coyhaique. Hier waren wir vor genau drei Wochen schon einmal und nach unserem Exkurs nach Villa O’Higgins kommt uns die Kleinstadt nun vor wie eine echte Metropole. Nach dem Großeinkauf in einem echten Supermarkt fahren wir zum Campingplatz. Die heiße Dusche dort ist ein Genuss. Abends unterhalten wir uns noch lange mit Bruno und Ursi, einem Ehepaar aus Schweiz, die in etwa unser Alter haben und seit 8 Jahren die amerikanischen Kontinente bereise, ebenfalls mit einem Toyota Landcruiser, in den jedoch eine Kabine eingebaut wurde. Zwei Troopys, das verbindet.

Wir bleiben noch einen Tag in Coyhaique. Morgens ist großes Wäschewaschen angesagt, denn hier gibt es ja warmes Wasser aus der Dusche. Leider wird das Wetter nicht wie versprochen sonnig, die Schlafsackinlets und Kopfkissenbezüge bleiben also nass. Und abends regnet es schon wieder. Mittags schlendern wir durch die wenig attraktiven Geschäftsstraßen von Coyhaique und gehen in einem schönen Café schlemmen.
Rio Cisnes, 29.3.3026
Die ganze Nacht hat es geregnet. Zwar konnten wir unsere Wäsche gestern Abend unter dem Dach eines offenen Schuppens aufhängen, doch heute früh ist die genauso nass wie gestern. Also wird im Auto mal wieder kunstvoll eine Leine verspannt und nachmittags ist alles trocken.


Heute wird uns ein Sonnentag geschenkt. Die Route über die Carretera Austral nach Norden ist genauso schön wie in Südrichtung. Die alpinen Trogtäler bieten mit den immer bunter werdenden Bäumen und den schroffen Granitwänden der Berge einfach herrlich und um den Lago Las Torres besonders beeindruckend. Am späten Nachmittag biegen wir ab Richtung Puerto Cisnes, wo wir wenige Kilometer nach dem Abzweig von der Ruta 7 am breiten Rio Cisnes einen sehr schönen Stellplatz abseits der Straße direkt am Flussufer.

Ruta 235/Lago Yelcho, 30.3.2026
Die Fahrt durch den Queulat Nationalpark hinunter zum Meer ist bei sonnigen Wetter wirklich traumhaft. In der Fahrtrichtung nach Norden sind die Ausblicke auf die großen Gletscher noch beeindruckender. Darunter glänzen die vom Eis blank polierten senkrechten Granitwände des Cerro Redondo Massivs. Im Tal wächst dichter Regenwald mit uralten, mit Flechten behangenen Bäumen, Riesenfarnen und Bambusdschungel.

Diese Landschaft braucht einen Vergleich mit dem berühmten Yosemite Nationalpark in den USA nicht zu scheuen. Besonders schön, dass die engen Serpentinen zum Fjord noch eine schmale, ungeteerte Piste sind. Sofort ist der Natureindruck ganz anders, als wenn man auf einer zweispurigen Asphaltstraße fährt. Trotzdem darf man nicht träumen, sondern muss höllisch aufpassen. Uns kommen einige sehr große Sattelschlepper mit Anhänger entgegen, die in den steilen Kurven die gesamte Fahrbahnbreite nutzen müssen.
Am Fjordufer machen wir unsere übliche Kaffeepause, ein Delfin zieht direkt vor uns im Meer seine Runden. Wir treffen einen Rentner aus der Schweiz, der nach einer mehrjährigen Radtour vom Nordkap in Norwegen b is zum Kap der Guten Hoffnung in Südafrika sich im „normalen Alltag“ in einem Haus nicht mehr einfinden konnte und daher nun mit 77 Jahren und Sprinter-Wohnmobil durch Südamerika reist. Solche Begegnungen sind sind immer wieder inspirierend.
Hier beginnt nun wieder der Asphalt. Nur 25 Kilometer weiter erreichen wir Puerto Puyuhuapi, dass sich von einer einsamen Pioniersiedlung , die vor 110 Jahren von drei deutschen Auswanderern mitten in Regenwald gegründet wurde, zum Touristenort entwickelt hat. Doch nun ist die Saison vorbei und fast alle Lokale, Läden, Campingplätze und Hostels sind geschlossen. In aller Ruhe können wir so an der Promenade am Fjordufer unser Mittagessen genießen. Es beginnt wieder mal zu regnen.
Die weitere Fahrt durch das breite Tal ist hübsch, aber doch auch etwas langweilig. Denn die Straße ist so gut ausgebaut, dass man locker 70 km/h fahren kann und die Landschaft wie eine Kulisse an uns vorbeifliegt. Nein, das ist nicht mein Geschmack. Bei Villa Santa Lucia biegen wir ab auf die Ruta 235 Richtung argentinische Grenze. Die schlaglochreiche Schotterstraße bringt uns zum Südufer des Lago Yelcho.

Hier finden wir einen sehr schönen Platz für die Nacht mit Blick auf die Gletscher und die senkrecht ins Wasser abfallenden Berge am anderen Seeufer. Wolkenfetzen wirbeln an den Hängen empor, durchbrechende Sonnenstrahlen sorgen wie ein Scheinwerfer für dramatische Beleuchtung. Patagonien ist wirklich unglaublich. Merkwürdigerweise ist es hier mit 15 Grad so warm, dass wir zum ersten Mal seit langer Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit draußen sitzen können.
Futaleufú, 31.3.-1.4.2026
Wie erwartet hat es mal wieder die ganze Nacht geregnet, doch der angekündigte Temperatursturz und Sturm sind ausgeblieben. Im Laufe des Vormittags kommt die Sonne immer mehr zum Vorschein. Endlich können wir entspannt draußen sitzen und das grandiose Panorama bewundern. Genau das machen wir bis mittags und fahren dann die Ruta 235 weiter Richtung Futaleufú. Nach kurzer Zeit lassen wir etwas Luft aus den Reifen, um die harten Schläge der vielen Köcher abzumildern. Natürlich wechselt kurz darauf der Schotter in Asphalt. Der kleine Ort Puerto Ramirez ist rasch erreicht und 13 km später biegen wir ab auf die ungeteerte Ruta 23. Sie führt uns durch das wirklich phantastische Tal des Rio Futaleufú. Begrenzt von sehr steilen, felsigen Bergen windet sich der knallblaue Fluss durch den grünen Talgrund . Viele Stromschnellen machen ihn zu einem bekannten Revier für Rafting- und Wildwasserkajak.

Was haben wir mal wieder ein irres Glück mit dem Wetter, denn eigentlich sollte es jetzt hier heftig regnen und der 70 km lange Abstecher bis Futaleufú nicht lohnend sein. Statt dessen Wärme und Sonne! Hinter dem Stromschnellen fahren wir weiter entlang des Rio Espalon, der den Lago Lonconao durchfließt. Mittags gibt es ein genussvolles Picknick in der Sonne am See. Futaleufú ist längst kein kleines Dorf mehr, sondern Zentrum des Wildwassersports mit vielen Tourenanbietern, Hostels, Cabanas und Campingplätzen. Doch jetzt ist auch hier die Saison vorbei und es geht geruhsam zu. Viele touristische Einrichtungen haben geschlossen. Nicht so wirklich lohnenswert ist ein Abstecher mit kurzem Fußweg zu den Stromschnellen Pozones de los Reyes, wo der Rio Futaleuf durch ein Engstelle fließt. Leider kann man vom Mirador aus nicht in die Schlucht hineinschauen, ohne gefährlich nah an der Abbruchkante zu balancieren. Nun wird es Zeit, einen Übernachtungsplatz zu suchen. Nicht ganz so einfach. Denn der erste Platz, den uns IOverlander empfiehlt, ist schlicht ungeeignet. Kommt eben auch manchmal vor. Alternativen sind relativ weit entfernt. Daher steuern wir einen Campingplatz an. Dort ist aber niemand. Also doch zu einem Stellplatz zwischen Fluss und einer kleinen Schotterstraße. Diese eigentliche Notlösung entpuppt sich als hübscher Platz, Glück gehabt.

Am nächsten Morgen geht’s in das Dorf Futaleufú. Eigentlich wollten wir nur einkaufen, doch festliche Musik empfängt uns an der Plaza de Armas. Heute wird Geburtstag gefeiert, vor 97 Jahren war die Gemeinde gegründet. Dazu gibt es eine Parade, festliche Reden der Honoratioren und folkloristische Tänze. Das müssen wir natürlich sehen. Besonders schön ist das Hissen der Nationalflagge zu den Klängen der Hymne und wenig später das inbrünstig von den Zuschauern gesungene Heimatlied von Futaleufú, bei dem die Dorffahne gehisst wird. Die Verbundenheit mit der Gemeinschaft ist groß, anders wäre das Überleben in der Wildnis vor gerade mal zwei Generationen nicht möglich gewesen.

Mich begeistert immer die Geschichte dieser Pioniersiedlungen. Am Dorfkulturhaus können wir eine Galerie historischer Fotografien betrachten. Die Bilder der ersten Häuser zeigen kleine Blockhütten mit den Familien. Abgearbeitete, hagere Menschen, die den Mut hatten, ins Ungewisse aufzubrechen. Es waren Argentinier, denn die Region war anfangs nur vom nur 10 km entfernten Argentinien aus zu erreichen. Die Einwohner kämpfte vor 1929 darum, dass Futaleufú als chilenischer Ort anerkannt wird. Eine Straßenverbindung gab es zunächst nicht. Im Jahr 1953 begannen die Siedler selbst, eine Landebahn zu bauen — mit Ochsengespannen, Schaufeln und Äxten. Mit der Ankunft von Flugzeugen wurden Personen- und Warentransport deutlich einfacher. Erst 1982 wurde Futaleufú offiziell an die Carretera Austral angebunden und damit von Chaitén aus auf dem Landweg erreichbar. Heute hat Futaleufú ca. 2700 Einwohner, die auf Abenteuertourismus mitWildwasser-Rafting, Fischen, Mountainbiking, Trekking und Canyoning setzt.
Nach dem Festumzug feiern wir bei Kaffee und Kuchen in einem der netten Cafes weiter und erklimmen einen Aussichtpunkt. Abends übernachten wir wieder am Lago Yelcho.
Chaitén, 2.4.2026
Es geht am späten Vormittag zurück zur Ruta 7/Carreta Austral. Vorher haben wir uns noch sehr nett mit Luis und Belen unterhalten, einem jungen Pärchen aus Mainz, die ebenfalls mit ihrem Van in Südamerika bereisen.
Drei Stunden später erreichen wir Chaitén. Hier sind wir genau vor einem Monat von Chiloé mit der Fähre angekommen. Die vielen Erlebnisse seitdem lassen das wie eine Ewigkeit erscheinen. Genau deswegen liebe ich das Reisen so sehr, denn die Zeit ist mit Erlebnissen statt mit Routinen gefüllt. Letzteres empfinde ich oft als langweilig und “verschwendete“ Lebenszeit.
Wir bummeln durch Chaitén und fahren dann zu einem etwas nördlich davon gelegenen Campingplatz, der eine schöne Wiese direkt am Meer und vor allem herrliche Duschen bietet. Abends verbringen wir lange Zeit damit, eine Fähre nach Hornopiren zu buchen, denn die Carretera Austral ist ja durch zwei Überfahrten per Schiff unterbrochen. Die Buchung per Handy funktioniert nicht, immer wieder zeigt die Webseite für alle Daten keine freien Plätze an. In der Campingplatz-Küche hilft uns ein netter junger Chilene und mittels unseres Notebooks ist plötzlich alles kein Problem.
Lago Blanco/Pumalin NP, 3.4.2026
Nachts stürmt es heftig und es gießt wie aus Kübeln. Morgens ist der Spuk vergessen, es wird ein strahlend schöner Sonnentag. Gehört sich auch so, denn immerhin feiern Olaf und ich heute unseren 41. Hochzeitstag, Wahnsinn. Vor einem Jahr haben wir in Costa Rica auf der wunderbaren Finca Puesta del Sol im tropischen Regenwald gefeiert. So werden wir in 12 Monaten sein?
Morgens gehen wir es langsam an, trinken noch einen Kaffee am Strand mit Blick auf die markante Silhouette des verschneiten, 2.300 m hohen Vulkans Corcovado. Einige Delfine springen nah am Strand durch die Wellen. Wie schön ist dieses Reiseleben.

Die Carretera Austral ist Richtung Norden noch einige Kilometer geteert. Dann wird sie zu einer schmalen Schotterstraße, die quer durch den Regenwald des Pumalin Nationalparks führt. In der Morgensonne dampft die Piste. Rechts und links wuchern Riesenfarne und Bambus über die Straße. Ab und zu fällt der Blick auf einen Berggipfel oder einen See. Es ist wirklich einer der schönsten Abschnitte der Carretera. Am bereits gut gefüllten Parkplatz zum Mirador Vulkan Chaitén fahren wir vorbei. Wir wollen erst morgen diese Wanderung machen und den Wegen noch einen Tag Zeit geben, um nach dem nächtlichen Wolkenbruch zu trocknen. Statt dessen begnügen wir uns mit einem Spaziergang zum Lago Negro.

Ein schmaler Pfad führt durch den Regenwald, große Wegstücke verlaufen über Holzbohlen. Anders könnte man gar nicht über den sumpfigen Untergrund laufen. Ganz dicht ist dieser Urwald, das Licht fällt in Bündeln auf hellgrüne Moose, die die Bäume überwuchern. Farne bedecken den Boden, überall rauschen kleine Bäche.

Ein Wald wie aus dem Märchen. Am See gibt es eine hölzerne Plattform als Aussichtspunkt. Die zweite Mini-Wanderung bringt und zu uralten Alerces. Diese Zypressenart gehört zu den ältesten und größten Bäumen der Welt. Sie wächst ausschließlich in den gemäßigten Regenwäldern Südchiles und Argentiniens. Alerces werden 3.600–5.000 Jahre alt und zählen zu den ältesten lebenden Organismen der Erde. Sie wachsen nur wenige Millimeter pro Jahr, die ältesten Bäume sind daher „ nur“ 60 m hoch. Der Stamm ist kerzengerade, ohne störende Äste und ihr Holz ist sehr harzreich und extrem widerstandsfähig gegen Fäulnis, daher können sie hier im Regenwald sogar im Wasser stehend gedeihen. Doch genau wegen dieser Eigenschaften wurden sie jahrhundertelang stark abgeholzt, besonders für den Schiffsbau. Obwohl sie 50 Jahren in Chile unter strengen Naturschutz stehen, sind die Bestände heute stark reduziert.


Wir sind jedenfalls total fasziniert von diesen lebenden, riesigen„Fossilien“ auf deren Stämmen ganze Ökosystemkulturen wachsen.
Am Nachmittag fahren wir auf einen Campingplatz des Nationalparks am Lago Blanco mitten im Regenwald. Ähnlich wie in den USA sind diese sehr einfachen Anlagen schön in die Natur integriert. Es gibt nur 6 Stellplätze mit kleinen Schutzhütten direkt am See. Wir sind die einzigen Besucher und genießen die friedvolle Stimmung in der Sonne. Abends kommt noch ein Tourenradler mit Ultraleicht-Gepäck, der sich über die Shelter freut und dass die Campingplätze ab März kostenlos nutzbar sind.
Vulkan Chaitén/ Pumalin NP, 4.4.2026
Wolkenloser Himmel, windstill und mit 17 Grad Höchsten ein echter Sommertag! Kein Zweifel, perfekt für die Wanderung zum Vulkan Chaitén, die die schönste Tour im Nationalpark Pumalin sein soll.
Die Tour ist mit knapp 5 km für Hin-und Rückweg kurz, aber knackig. Hinter dem Parkplatz geht es zunächst ca. 1 km ohne nennenswerten Höhenunterschied durch den immer-feuchten Regenwald. Es ist noch kühl zwischen den baumgroßen Farnen, den Rhabarber ähnlichen Nalcapflanzen mit einem Blatt-Durchmesser von 2 m. Von den uralten Alercen ist jedoch nur Totholz vorhanden. Beim letzten Ausbruch des Chaitén 2008 wurde die gesamte Umgebung ebenso wie der Ort Chaitén mit einer meterhohen Ascheschicht bedeckt und die Vegetation komplett zerstört.


Dann beginnt der steile Aufstieg zum Aussichtspunkt. Auf den folgenden nur 1,3 km sind die 624 Höhenmeter zu bewältigen. Es wird also ganz schön steil. Man hat daher auf 80% der Strecke als Aufstiegshilfe in den matschigen Untergrund gebaut. Die enorme Tritthöhe der Stufen hat sich wohl an den Abmessungen der riesigen Pflanzen orientiert. Oft reicht mir eine Stufe bis ans Knie, da geht auf Dauer das Treppensteigen richtig in die Beine. Zusätzlich sind viele Stufen unterspült oder vermodert. Nach Regen bestimmt eine Schlammschlacht und Rutschpartie. Die letzten 200 Höhenmeter oberhalb der Vegetationszone gehen dann sehr steil über Stufen und Schotter, teilweise hilft ein Seil. Denn sollte man aber nicht vertrauen , da die recht neuen Befestigungsposten sich schon wieder im weichen Gestein gelockert haben.


Aber die Aussicht ist jeden Schweißtropfen wert. Heute reicht der Blick weit über die vielen Inseln im Meer und den scheinbar unendlichen Regenwald, der Tal und steile Berge des Nationalparks wie ein undurchdringlicher grüner Teppich bedeckt. Unglaublich schön. Nach 2 Stunden ist dann der Mirador erreicht. In der Caldera des Vulkans wurden durch den Ausbruch zwei Kraterdome gebildet, aus denen noch Rauch aufsteigt. Darunter hat sich ein See aus Regenwasser gesammelt. Die umgebenden Berghänge wurden durch den Aschesturm regelrecht blank gehobelt. Doch mittlerweile wachsen auch hier gegenüber der Krater schon wieder viele Pflanzen. Zwischen den Blüten der Fuchsien huschen metallisch-grün schimmernde Kolibris. Und es ist so wunderbar warm, dass wir über eine Stunde einfach nur faul in der Sonne liegen und genießen. Absolut herrlich. Der Abstieg ist in rund 1,5 Stunden erledigt, geht aber gut in die Knie.
Zurück am Auto gegen 15 Uhr steuern wir zuerst unseren Campingplatz von letzter Nacht an, um dort in der Dusche den Schweiß abzuspülen. Das Wasser kommt direkt aus dem Bergbach nebenan, ist also eisig. An einem sonnigen Rastplatz kochen wir ein spätes Mittagessen und übernachten dann auf einem der Nationalpark-Campingplätze. Toller Tag!
Hornopirén, 5.4.2026
Die Umstellung auf chilenische Winterzeit schenkt uns eine Stunde. So können wir uns viel Zeit lassen, um pünktlich nach 20 km Fahrt in Caleta Gonzalo anzukommen. Von dort fährt um 12.30 Uhr die Fähre nach Hornopirén. Schon 2 Stunden vor Abfahrt soll man dort sein. Wir haben noch genügend Zeit, um einen Kaffee in der Sonne am Pier zu genießen. Es ist wieder ein Tag mit wolkenlosen Himmel und warmen 17 Grad. Wir haben online Tickets für die „bimodale“ Überfahrt (mit Umsteigen) mit der Reederei Somarco gebucht. Sie kostet ca. 80 Euro unf ist damit günstiger als die rein private Konkurrenz, die eine direkte Verbindung nach Hornopirén ohne Umsteigen anbietet. Dafür fährt man aber durch den breiteren Meeresarm, was landschaftlich weniger interessant ist.


Rund 30 Minuten dauert unsere Fahrt über den schmalen Fjord zum Anleger in Pillan. Von dort fährt man 10 km über die geteerte Straße zum Fähranleger Leptepu. Hier heißt es ungefähr 70 Minuten auf die Anschluss-Fähre nach Hornopirén warten. Danach tuckern wir 3,5 Stunden die Küste entlang. Eine wirklich traumhafte Strecke durch einen Fjord. Mit undurchdringlichen Regenwald bewachsene Berge und beeindruckende Wasserfälle ziehen an uns vorbei. Im Hintergrund schauen weiße Gletscherfelder oder vom Eis blank gehobelte Felswände hervor. Es gibt keine Siedlung oder Straße. Erst gegen Ende der Überfahrt fahren wir an zahlreichen Fischfarmen vorbei. Dank des schönen Wetters können wir und während der ganzen Zeit draußen aufhalten, ein echtes Geschenk. Mit Sonnenuntergang kommen wir am Ziel an und können noch mit dem letzten Tageslicht unseren Stellplatz am Ortsrand auf einer weiten Grasfläche am Rio Negro erreichen.
Puerto Montt, 6.4.2026
Das gute Wetter war gestern ein echter Glückstreffer, denn heute hängen die Wolken tief und verdecken die Berge zur Hälfte. Nach dem Einkaufen in Hornopirén fahren wir weiter über die Carretera Austral, die uns quer über die Halbinsel nach Contao bringt. Nun ist die Landschaft nur noch sanft hügelig und die Fahrt entlang der Küste wenig spannend. Wir staunen über die unzähligen Fischfarmen im Fjord, fabrikähnliche Anlagen mit Massentierhaltung. In Caleta Puelche bekommen wir so gerade noch die alle 30 Minuten verkehrende Fähre nach Caleta La Arenas auf der gegenüberliegenden Fjordseite. Die letzten Kilometer der Carretera Austral führen entlang der Küste nach Puerto Montt. Rund 6 Wochen haben wir entlang der Carretera verbracht, trotz des teilweise kalten, nassen Wetters eine unvergesslich schöne Zeit.