Brasileia, 28.6.2026
Wir sind in Brasilien, dem 14. Land unserer Panamericana-Reise! Und wieder haben wir einige Hürden zu meistern.
Morgens um 6 hängt bei Sonnenaufgang noch der Nebel über der Hacienda Jamaica. Alles ist wunderbar friedlich, bis eine Stunde später das Radio unserer Gastfamilie die Landschaft in infernalischer Lautstärke beschallt. Noch rasch duschen, es wird ein heißer Tag mit 30 Grad werden und kurz daraus rollen wir vom Hof. Rund 25 km sind es bis zur Grenze in Iñapari. Es ist kein Betrieb dort, alle Beamten sind sehr nett und in einer Stunde sind Ausreise, Einreise und Einfuhr des Autos erledigt. Das wichtige TIP, die Zollbescheinigung für das Auto, wird elektronisch ausgestellt und wird uns in ein paar Stunden per Mail zugeschickt. Uns ist das gar nicht lieb, denn so können wir die Daten im Dokument nicht kontrollieren. Wenn hier etwas nicht stimmt, bekommt man bei der Ausreise garantiert erhebliche Probleme. Und bisher haben wir an jedem Grenzübergang in Zentral- und Südamerika irgendeinen Fehler entdeckt. Wir fahren rund 100 Kilometer über die mit Schlaglöchern gespickte Straße. Es ist praktisch kein Verkehr, trotzdem muss man höllisch aufpassen und im Slalom um die extrem tiefe und großen Löcher herumfahren. Es gibt keine Orte, nur endlose Rinderweiden. Ab und zu steht noch ein einsamer Baumriese auf den kahlen Wiesen, der eine ferne Erinnerung daran ist, dass hier vor 50 Jahren einmal dichter Regenwald stand. Es handelt sich um Paranussbäume, die naturgeschützt sind und daher nicht gefällt werden dürfen. Als isoliert stehende Bäume können sie aber nicht überleben und sterben ab.
Nun müssen wir in der baumlosen Landschaft einen schattigen Platz für die Mittagspause suchen. Die einzige Möglichkeit zum Parken besteht in der Zufahrten zu einer Hacienda. Endlich kommt am Nachmittag die erwartete Mail mit unserem TIP und unsere Befürchtung bestätigt sich. Der freundliche Beamte beim Zoll hat statt der VIN, der Fahrgestellnummer, eine Kombination aus dem Fahrzeugkennzeichen und Olafs Passnummer eingetragen. Aber nur mit der VIN kann das Fahrzeug eindeutig identifiziert werden, alles andere wird bei der Ausfuhr nicht anerkannt. Das haben wir bei den vorherigen 13 Grenzübertritten gelernt. So ein absoluter Mist. Wir lassen das portugiesisch geschriebene Dokument noch online durch KI prüfen und bekommen unsere Diagnose bestätigt. Es muss zwingend korrigiert werden. Eigentlich müssten wir nun die ganze Strecke wieder zur Grenze zurück fahren. Aber vielleicht kann man uns ja auch der Zoll am nur 25 km entfernten Grenzübergang nach Bolivien helfen. Hoffnungsfroh fahren wir in Epitaciolandia zur Grenze. Leider sprechen wir kein Wort Portugiesisch und der Mensch am Zoll kein Spanisch. Er weiß nichts mit uns anzufangen und schickt uns zur Polizeistation in die Stadt. Die verweisen uns wieder zum Zoll an der Grenze. Doch nun haben wir unsagbares Glück. Es taucht tatsächlich ein Beamter auf, der unser Problem versteht und seinen Vorgesetzten herbei ruft, der ausgezeichnet Englisch spricht. Ihm gelingt es nach einigen Versuchen das TIP-Dokument elektronisch zu korrigieren und er druckt es uns auch gleich aus. Nun stimmen sämtliche Daten. Wieder bewahrheitet sich unsere Erfahrung, immer alle Dokumente akribisch zu prüfen und bei irgendwelchen Problemen niemals zu früh aufzugeben, es gibt immer eine Lösung.

Mittlerweile ist es schon später Nachmittag und wir fahren in Brasileia auf einen Campingplatz, der aus dem Garten eines Einfamilienhauses besteht. Das Badezimmer teilt man üblicherweise mit der Familie. Unsere Gastfamilie ist sehr freundlich und bringt und sogar zum Abendessen Cola, Brötchen mit Würstchen und Currysoße. Leider können wir uns überhaupt micht verständigen. Das brasilianische Portugiesisch ist für uns ein einziges Gemisch aus zischenden Lauten. Der Eindruck von der ersten brasilianischen Stadt ist ein deutlich höherer und „westlicherer“ Lebensstandard als in Peru, obwohl auch dieser Teil Brasiliens eher zu den rückständigen Regionen des Landes gehört.
Ruta 364/San Antonio, 29.6.2026
Nachts war der Straßenverkehr zu laut, um wirklich gut zu schlafen. Und ab 6 Uhr dröhnt schon wieder das Radio des Autowäschers von nebenan. Ohne Musik in höchster Lautstärke läuft hier nichts. Wir fahren weiter auf der Ruta 364, die nun nur noch selten ein Schlagloch zu bieten hat. Ansonsten ist alles so wie gestern. Unendliche Weiden der großen Fazendas, wie die Rinderfarmen in Brasilien heißen. Dazwischen zieht sich endlose schnurgerade Asphaltband der Straße. Es gibt fast keine Bäume und einen schattigen Platz für eine Rast zu finden, ist echt schwer, aber bei über 30 Grad zwingend notwendig.

Wir essen schließlich im Schatten einer Tankstelle zu Mittag. Wenig schön, aber praktisch. Die Farmhäuser entlang der Straße sehen solide und großzügig aus, im Vergleich zu Peru geradezu luxuriös. Heute übernachten wir ungefähr 200 m abseits der Straße an der kleinen Kirche San Antonio, wo es auch schattige Bäume mit Bänken und Tischen, einen Fußballplatz und einen Friedhof gibt. Leider werden die Toiletten und Duschen momentan renoviert. Schon um 17.30 fällt die Sonne steil vom Himmel und kurze Zeit später ist es stockdunkel. Heute sind wir 400 km gefahren und die Landschaft hat sich nicht verändert. Bis zum Pantanal, unserem nächsten Ziel, sind es immer noch 1800 km und bis zur Hauptstadt Brasilia 2400 km. Die Entfernungen dieses gigantischen Landes erschlagen uns.
Tankstelle nahe São Pedro/Ruta 364, 20.5.2026
Wieder ein langer Fahrtag. Schon mit Sonnenaufgang um 5.30 Uhr sind wir auf den Beinen. Jetzt ist noch angenehm kühl. Auch die Lkw donnern schon wieder vorbei. Nur einige Kilometer hinter unserem Stellplatz queren wir den Rio Madeira über eine hohe Brücke. Auf der Karte ist es nur ein schmal aussehender Nebenfluss des Rio Madre de Dios, in der Realität entpuppt er sich als Strom in der Breite des Rheins. Wir müssen wirklich noch lernen, dass hier andere Maßstäbe gelten. Manchmal ist das auch witzig: da wirbt ein Plakat am Straßenrand für ein hervorragendes Restaurant und liefert die Entfernungsangabe gleich mit – nur 440 km!

Entlang des Flusses wird die Fahrt etwas spannender. Bei einem kurzen Stopp können wir beobachten, wie per Hand Pontonschiffe zusammen gebaut werden. Die Straße führt entlang von Totwasserarmen, durch große Sümpfe und Feuchtgebiete, viele Bäume stehen im Wasser. Merkwürdig, da jetzt doch Trockenzeit ist. Manchmal liegt ein überfahrenes Wasserschwein am Wegrand, sehr zur Freude der Geier. Durch Orte kommen wir nur zweimal. Mittags jedoch sind wir in der großen Stadt Porto Velho. Hier gibt es einen Hafen für den Schiffsverkehr nach Manaus, von wo aus über den Amazonas der Atlantik erreicht werden kann. Wir essen preiswert und ganz gut in einem Straßenlokal, das bei den Einheimischen äußerst beliebt ist, und gehen dann noch zur Uferpromenade am Rio Madeiras runter. Zu mehr Aktivität können wir uns nicht aufraffen, mit 33 Grad ist es einfach zu warm. Bis kurz vor 17 Uhr rollen wir dann zusammen mit vielen Lkw über die einspurige Straße. Wieder endlose Maisfelder oder Rinderweiden.

Unser heutiger Stellplatz nach 475 km ist der Klassiker für Südamerika-Overlander: eine große Tankstelle, an der auch die Trucker übernachten. Direkt dahinter befindet sich ein Silo, wo die langen Lkw mit Saatgut für Soja, Mais und Bohnen beladen werden, bevor sie dann hier parken und morgens mit Sonnenaufgang wieder auf die Straße fahren. Es gibt an der Tankstelle supersaubere Toiletten und sogar Duschen! Im Imbisslokal nebenan freut sich die sehr nette Bedienung über uns Gringos und probiert ihre Deutschkenntnisse aus, die sie in der Familie gelernt hat und die unserem Portugiesisch weit überlegen sind. Der einzige Wernutstropfen sind die unsichtbaren Stechmücken, die mit Sonnenuntergang ausschwärmen. Olaf hat die Beine komplett zerstochen, mich mögen die Mücken nicht. Abends stehen wir gemeinsam mit vielen Lkw auf dem Schotterplatz vor den Silos, der Vollmond leuchtet, wahrhaftig sehr romantisch.
Tankstelle Itaporanga/Ruta 364, 1.7.2026
Als echte Fernfahrer übernachten wir auch heute wieder auf dem Truckerstellplatz einer Tankstelle. Der Tag war sehr heiß mit 35 Grad. Morgens haben wir uns zur Abwechslung von der ewigen Landstraße in Ariquemes einen Bummel durch den kleinen Botanischen Garten gegönnt. Es gibt einen Weg durch Regenwald und wir sehen sogar einen kleinen Affen, der uns genauso neugierig betrachtet wie wir ihn. Zum Einkaufen geht es in einen großen Supermarkt. Wir staunen über die Plastiktütenorgie an der Kasse. Alles wird separat in dünne Tüten verpackt, selbst eine Flasche Trinkjoghurt mit Tragegriff. Der absolute Wahnsinn. Echt gut aber, dass es überall kostenlos gekühltes Trinkwasser und Toiletten gibt
Dann reihen wir uns wieder ein in die Lkw-Kolonne. Ungefähr 70 % der Fahrzeuge sind Sattelschlepper. In einer endlosen Kette rollen sie tausende Kilometer quer durch das Land, der absolute Wahnsinn. Beidseitig der Straße entweder Rinderweiden oder Maisfelder. Dazwischen die Silos für Mais und Soja. Es ist ein regelrechter Kreislauf, der hier installiert wurde. Man rodet den Regenwald zugunsten von Weideland. Die Gräser sind aber nicht nahrhaft genug, um die Rinder rasch schlachtreif zu machen. Also wird zugefüttert, vor allem mit Soja. Dafür sind jedoch die Böden zu mager. Daher muss intensiv gedüngt werden. Alle Produkte, inklusive der Rinder, werden ausschließlich per Lkw transportiert. Es gibt nur eine asphaltierte Straße zwischen den großen Städten und das ist unsere Ruta 364.

Auf dieser einstreifigen Straße konzentriert sich der gesamte Verkehr. Man kommt mit ca 70-80 km/h nicht sehr schnell voran. Dazu kommen die zahlreichen Topes in Orten oder an Kreuzungen und videoüberwachte, sinnfreie Geschwindigkeitsbegrenzungen auf 40 km/h ohne ersichtlichen Grund. Insgesamt ziemlich mühsam angesichts der großen Distanzen. Die Tankstellen sind die Oasen dieser Lkw-Karawanenroute. Auch heute Abend gönnen wir uns ein gigantisches Stück Kuchen und eiskalten Mangosaft im Tankstellenimbiss. Das allerbeste ist jedoch wieder die Dusche.
Tankstelle Nova Lacerda, Ruta 173, 2.7.2026
Das gleiche Spiel wie in den letzten Tagen. Bei Sonnenaufgang starten die Trucker ihre Motoren, wir stehen auf und sind spätestens nach 2 Stunden auch on the road. Vorher wird getankt und Trinkwasser nachgefüllt. Wie oft ist Yoda ein begehrtes Objekt der Neugierde. Die Landkarte mit unserer Route oder die Flaggen der bereisten Länder werden vom Personal ausgiebig begutachtet. Die Brasilianer zeigen oft eine kindliche Neugier, sind sehr freundlich und gut gelaunt. Zumindest solange sie nicht am Steuer sitzen. Der Fahrstil ist zwar nicht ganz so aggressiv wie in Peru, aber Rücksicht wird auch hier nicht genommen.
Heute ist es durch Wind etwas kühler, aber immer noch über 30 Grad. Wie gehabt gibt es abwechselnd Weiden und Maisfelder, dazwischen 2 größere Orte auf 400 km. In einem gehen wir einkaufen. Da wir ja keinen Kühlschrank haben, können wir Erfrischungen nicht lagern. Die Parkplätze der Supermärkte sind durch hohe Dächer vor der sengenden Sonne geschützt. Sehr angenehm. An der Supermarktkasse fallen mir die perfekt gestylten Gesichtszüge der sehr jungen Kassiererin auf. Es gibt in den Städten praktisch keine Frau zwischen 14 und 40, die keine aufgespritzten Lippen, korrigierte Nase oder vergrößerte Pobacken hat. Am Nachmittag rollen wir durch eine hügelige Gegend, immerhin eine kleine Abwechslung. Gegen 17 Uhr beenden wir den Fahrtag. An „unserer“ Tankstelle steht bereits ein weißer Landcruiser. Es ist Ernst mit seiner Frau aus der Schweiz. Olaf hat die beiden im Mai letztenJahres in Panama kennengelernt. Die Welt ist ein Dorf.
Tankstelle 120 bei Lavrinhas/Ruta 070, 3.7.2026
Ein kühler Wind fegt heute über das Land, der Himmel ist komplett bedeckt und das Thermometer kommt nicht über 16 Grad, was uns frösteln lässt. Im Ort hinter unserem Übernachtungsplatz gehen wir zur Post in der Hoffnung, dort eine Steuernummer beantragen zu können. Das wurde uns zumindest von der allwissenden KI so empfohlen. Eine Steuernummer braucht man in Brasilien, um bestimmte Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu können. So kann beispielsweise sein Auto in einer Vertragswerkstatt nur dann warten oder reparieren lassen, wenn man diese Nummer hat. anderenfalls kann nämlich keine ordnungsgemäße Rechnung erstellt werden. Und ohne die geht es nicht. Die „normalen“ Werkstätten am Straßenrand machen das natürlich auch ganz unbürokratisch „schwarz“. Aber da wir ja sehr immer gerne für alle Eventualitäten gewappnet sind, wollen wir uns vorsorglich diese Steuernummer besorgen – was weiß ja nie. Und tatsächlich scheinen wir in der Post richtig zu sein, denn der Postbeamte beginnt eifrig Olafs Daten aus dem Reisepass in seinen Computer zu tippen. Er braucht außerdem noch den Namen von Olafs Mutter (ist in Portugal und daher auch Brasilien zur Identifikation üblich und steht auch in deren Pässen) sowie unsere Wohnadresse in Brasilien. Da reicht aber die Anschrift eines von uns spontan auf google maps genannten Hotels. Wir zahlen für die langwierige Prozedur eine geringe Gebühr. Allerdings müssten wir nun mit dieser Quittung zum Bundesfinanzamt in der nächsten Stadt gehen. Dort sollte man sich vorher für einen Termin anmelden und Olaf muss zur Identifizierung zusätzlich seine Geburtsurkunde vorlegen, da der Name seiner Mutter ja nicht im Ausweis steht. Die Behörde ist 100 km entfernt und schließt in 2 Stunden. Wir verschieben die Fortführung der ganze Aktion auf einen unbestimmten Zeitpunkt.

Wir kommen also erst recht spät wirklich los. Same procedure as every day – LKW vor und hinter uns, Weiden links, endlose Maisfelder rechts. Dann beginnt die Landschaft sich langsam zu verändern. Es wird grüner und hügeliger, die ansonsten schnurgerade Straße besitzt endlich einige Kurven. Wenn man sich die Bananenstauden und die ab und zu vorbei fliegenden Papageien wegdenkt, könnte man meinen, durch eine ländliche Gegend in Deutschland zu rollen. Am Nachmittag queren wir eine Hügelkette. Auf 400 Metern Höhe sind wir schon in den tief hängenden Wolken und fahren kurze Zeit sogar durch Nieselregen. Nach rund 400 Kilometern beenden wir gegen 17 Uhr den Tag an der belebten Tankstelle 120. Hier versammeln sich abends wieder die LKW-Fahrer zur Übernachtung. Heute ist Public Viewing der Fußball-WM vom Großbildschirm des Raststätten-Imbiss angesagt.
Port Jofre, 4.7.2026
Seit einer Woche leben wir quasi auf der Landstraße und haben nun endlich das Pantanal erreicht. Das Pantanal ist das größte zusammenhängende Feuchtgebiet der Erde. Es wirkt wie ein riesiger natürlicher Wasserspeicher: In der Regenzeit nimmt es große Wassermengen auf und gibt sie in der Trockenzeit langsam wieder ab. Mit einer Fläche von rund 180.000 km² ist das Pantanal etwa halb so groß wie Deutschland. Es ist besonders artenreich und gilt als eines der weltweit besten Gebiete zur Tierbeobachtung. Hier leben unter anderem Jaguar, Riesenameisenbär, Wasserschwein, Kaiman und etwa 700 Vogelarten (mehr als doppelt so viele Arten wie in Deutschland), u.a. der seltene blaue Hyazinth-Ara. Typische Vegetation sind Sumpfgräser, Wasserpflanzen und Galeriewälder. Allerdings warnen viele Forscher, dass große Teile des Feuchtgebiets durch Klimawandel, häufigere Dürren, Brände, intensive Landwirtschaft und Wasserbauprojekte ihre typische Funktion verlieren könnten. Auch der Goldtagebau bei Poconé beeinträchtigt das Pantanal, da das verwendete Quecksilber das Wasser verseucht. Nur etwas über 4 % der Fläche sind Naturschutzgebiete. Das eigentliche UNESCO-Weltnaturerbe, die UNESCO-geschützte Pantanal Conservation Area, umfasst nur etwa 1,3 % des Pantanals. Über 90 % der Fläche ist Privatbesitz, vor allem als Rinderweiden genutzut, und entzieht sich damit dem Naturschutz.

Die Kleinstadt Poconé gilt als das Tor zum nördlichen Pantanal, ab der Grenze Peru-Brasilien haben wir bis dort 2235 km in 7 Tagen zurückgelegt. Südlich von Poconé beginnt die Transpantaneira, die nach Port Jofre führt. Die rund 150 km lange, auf einem Damm gebaute Piste ist die bekannteste Straße im Pantanal. Ihr Merkmal sind die mehr als 120 Brücken, die Flüsse, Kanäle und überschwemmte Flächen überspannen. Sie sorgen dafür, dass das Wasser während der Regenzeit ungehindert fließen kann. Die Pläne, die Straße 400 km quer durch das Feuchtgebiet bis Corumbá führen, hat man primär aus Kostengründen aufgegeben.
Wir füllen in Poconé unsere Vorräte auf, denn danach gibt es keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Das Highlight des Tages erwartet uns bereits nach den ersten Kilometern auf der Transpantanal. An einer Brücke blicken wir hinab auf einen wahren Kaiman-Pool. Momentan ist Trockenzeit, die Krokodile konzentrieren sich daher an den noch verbliebenen Wasserstellen. Wir sehen aus unmittelbarer Nähe die urzeitlichen Echsen in allen Altersklassen, vom Baby bis zur 3 Meter langen Großvater. Phantastisch.


Beeindruckend auch der weiße große Vogel mit dem schwarzen Hals, der zwischen den Kaimanen durch den Sumpf stakt, und den wir im Verlauf des Tages noch öfters entlang der Straße sehen. Der Jaburu gilt als das offizielle Wappentier und Symbol des Pantanals. Mit einer Höhe von etwa 1,20 bis 1,60 Metern und einer Flügelspannweite von bis zu 3 Metern ist er einer der größten flugfähigen Vogel Süd- und Mittelamerikas. Mit seinem großen schwarzen Schnabel fängt er Fische, Amphibien und sogar kleine Kaimane. Die Fahrt führt aber nicht nur durch Sümpfe.

Entlang der staubigen, roten Piste liegen etliche Fazendas umgeben von großen Weiden mit weißen Rindern und Pferden. Häufig werden sie auch als Lodge für Touristen genutzt. Die Straße ist in überwiegend gutem Zustand. Während der Regenzeiten verwandelt sie sich jedoch in eine schlammige Rutschbahn und ist manchmal nicht mehr passierbar. Doch jetzt ist Höhepunkt der Trockenperiode.

Die Einheimischen rasen mit Vollgas und stauben uns erbarmungslos ein. Wir dagegen lassen uns Zeit, um immer wieder anzuhalten und Tiere zu beobachten. Wir halten die Augen offen und entdecken viele verschiedene Vögel, unter anderem große Schwärme gelber oder grüner Papageien und eine ganze Herde der knuddeligen Wasserschweine, die sich mit stoischer Ruhe durch sumpfige Gräser fressen. Besonders gefallen uns die noch vorhandenen, teilweise abenteuerlichen Holzbrücken. Viele Brücken sind jedoch mittlerweile aus Beton.


Gegen 17 Uhr sind wir nur noch wenige Kilometer von Port Jofre entfernt. Hier biegen wir auf eine schmale Piste ab und finden in Nähe der Flugfeldes von Port Jofre einen sehr schönen, ruhigen Stellplatz. Endlich sind wir weg von den lauten Tankstellen, wo wir die letzten Nächte verbracht haben. Allerdings machen wir in der Abenddämmerung auch Bekanntschaft mit den wahren Herrschern im Pantanal: den unzähligen Moskitos. Ein Aufenthalt im Freien ist zu dieser Zeit unmöglich.

Mit Sonnenaufgang zeigen die vielen Vögel ihre Stimmkraft und auch die Mücken wachen auf. Es liegt Morgennebel über dem Land, eine herrliche Stimmung. Nach dem Frühstück fahren wir nach Port Jofre hinein. Der „Ort“ besteht aus einer Handvoll Häuser mit dem üblichen Müll ringsherum, einigen einfachen Pousadas (Pensionen) und Lodges für Gruppenreisende sowie drei Landepisten für den Flugverkehr. Dazwischen verläuft die staubige Straße. Es gibt keine Lokale, keine Geschäfte und vor allem (noch) keine Andenkenbuden. Die Siedlung hat einen Flair von Dschungelcamp und ist trotz Tourismus noch herrlich authentisch. Bei unserem „Stadtbummel“ sehen wir Affen, Fischotter, Tukan, Leguane und sogar zwei Hyazinth-Aras. Auf dem Fluss gibt es in einiger Entfernung exklusive Hotelboote mit nur 6-8 Zimmern für das luxuriöse Wildnis-Erlebnis.



Anziehungspunkt sind die mit Booten durchgeführten Touren zur Beobachtung von Jaguaren. Die Touren sind für unsere Verhältnisse ein ziemlich teurer Spaß und wir überlegen lange, ob wir das wirklich machen sollen. Die Lebenshaltungskosten in Brasilien sind eigentlich nicht hoch. Doch sobald es sich um touristische Angebote handelt, werden echte Phantasiepreise verlangt. Bisher hat aber jeder Reisende begeistert von den Jaguaren im Pantanal erzählt und so entscheiden wir uns dafür. Wir treffen in Porto Joffre ein Pärchen aus der Schweiz und eines aus Mainz, die wir bezüglich möglicher Anbieter befragen. Beide sind seit einer Woche hier und haben bereits 3-4 ganztägige Touren gemacht. Schließlich buchen wir in der Pousada Chacar Dona Onca für morgen eine private Tour, sie kostet 317 € incl. einer Übernachtung auf dem Parkplatz der Pousada. Das liegt im mittleren Preisniveau, entspricht aber immerhin ungefähr für die Hälfte der Brasilianer ihrem Monatseinkommen. Andere Anbieter sind noch rund 50-100 € teurer. Wir verbummeln den Rest des Tages am Auto. Nachmittags rollen die beiden Mainzer auf unseren Platz sowie zu unserer Überraschung auch Roland und Claudia, die wir vor einigen Monaten in Chile am Vulkan Osorno kennengelernt haben. Wir freuen uns sehr über das Wiedersehen.

Am nächsten Tag stehen wir alle schon mit den Hühnern auf. Um 7 Uhr geht es los auf Fotosafari. Die hochmotorisierten Boote sausen mit Höchstgeschwindigkeit über den Fluß, bevor wir die Beobachtungsgebiete erreichen. Zunächst steuern wir den Wohnplatz einer gelben Anakonda an.

Die Schlange hat sich in einer Astgabel am Ufer zusammengerollt und kann so aus nächster Nähe beobachtet werden. In Verlauf des Tages sehen wir noch Wasserschwein, Faultier, Vögel aller Arten und unzählige der geschätzt 40 Millionen Kaimane, die im Pantanal leben. Schließlich ist es das Gebiet mit der weltweit höchsten Krokodildichte. Doch nicht nur die Tiere begeistern uns, auch die amphibische Landschaft ist einzigartig. Es gibt trockene Bereiche mit Baumbewuchs, Sümpfe und schwimmende Inseln aus Wasserpflanzen. Man kann oft Land und Wasser nicht voneinander unterschieden.



Die Natur zeigt uns anschaulich den Kreislauf von fressen und gefressen werden. Da ist ein Kormoran, der eben einen Piranha gefangen hat, nun auf einem Ast direkt über dem Wasser sitzt und den Fisch gewissenhaft auf dem Holz tot schlägt. Der Versuch, ihn zu fressen, scheitert jedoch. So sehr sich der Vogel auch müht, den großen Fisch herunter zu würgen, er passt einfach nicht durch den weit aufgerissenen Schnabel. Von hinten schwimmt langsam ein Kaiman heran. Vögel stehen auch auf seinem Speiseplan. Im letzten Augenblick hüpft der Kormoran auf einen höheren Ast und rettet so sein Leben, aber verliert dabei seinen Fisch. Den lässt sich dann der Kaiman schmecken.

Die absolute Attraktion des Pantanal ist jedoch der Jaguar. Nirgendwo auf der Welt sind die Chancen einer Sichtung so gut. Der Jaguar-Tourismus ist die Chance der Tiere zum Überleben. Die Guides der Motorboote stehen über Funk miteinander in Verbindung und informieren sich so gegenseitig über die aktuellen Standorte der Raubkatzen. Bei einer Sichtung sausen die Boote mit Höchsttempo dorthin. Es geht in Schräglage um enge, nicht einsehbare Kurven in den schmalen Seitenarmen des Flusses. Wir kommen uns vor wie in einem James-Bond-Film. Die Bootsführer drosseln aber rechtzeitig die Motoren und halten auch ausreichend Abstand, um die Tiere nicht zu verschrecken. Die haben sich mittlerweile sogar an die Menschen gewöhnt, weil sie gelernt haben, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht.
Insgesamt sehen wir 7 Jaguare. Einmal schwimmt ein Tier sogar direkt vor uns quer durch den Fluss. Der absolute Höhepunkt des Tages ist die Beobachtung der Jagd auf einen Kaiman, der Lieblingsspeise der Jaguare. Ein großes Jaguarmännchen hat sich am Strand an die Echse, die dort in der Sonne ruht, angeschlichen. Mit einem weiten, kraftvollen Satz packt er den Kaiman im Nacken und beißt das Genick durch. Dann dreht er das tote Tier auf den Bauch und schleppt er seine Beute, die ebenso so groß ist wie er selbst, in das Gebüsch. Das alles passiert innerhalb von einer Minute. Uns steht der Mund offen vor Staunen. Wir können nicht fassen, was wir da eben nur ungefähr 20 Meter vor uns gesehen haben. Ein unvergesslicher Moment, total surreal und eines der beeindruckendsten Naturerlebnisse meines Lebens.

Ziemlich nachdenklich macht uns aber die letzte Sichtung am Nachmittag. Ein Jaguarpärchen ist am Ufer zu sehen, sie halten sich scheinbar dort oft auf, lecken sich gegenseitig und bewegen sich recht entspannt. Wir können sie direkt vor uns aus ca. 10 Metern Entfernung beobachten.

Doch vor ihnen versammelt sich dann die gesamte Meute der Boote, ungefähr 30 Stück. Ein schreckliches Gedrängel um den „besten“ Fotoplatz entsteht, ohne einen respektvollen Abstand zu den Tieren einzuhalten. Es ist absolut abstoßend, die mit gigantischen Teleobjektiven hochgerüsteten fotosüchtigen „Naturfreunde“ zu betrachten. Und wir sind mittendrin. War das wirklich richtig, so etwas mitzumachen? Einerseits werden diese wunderbaren Tiere nur eine Überlebenschance haben, wenn sie wirtschaftlichen Erfolg bringen. Andererseits degradiert man die Wildtiere zur Ware. Was ist der richtige Weg? Warum kann Natur nicht um ihrer selbst bewahrt bleiben? Erst gegen 16.30 Uhr sind wir nach 9,5 Stunden müde wieder zurück. Was für ein Tag.