Machu Picchu

Von Cusco nach Iñapari, 16.- 27.6.2026

Cusco, 16.6.2026-19.6.2026

Mal wieder so ein typischer Tag, der daran erinnert, dass eine Reise kein Urlaub ist. Eigentlich wollten wir „nur mal schnell“ die Scheibenbremsen tauschen lassen. Sämtliche Original Toyota Ersatzteile dafür haben wir selbstverständlich dabei. Also fahren wir morgens frohen Mutes hinunter ins südliche Ende der Stadt zu einer von iOverlander empfohlenen Werkstatt, die auf Bremsenwartung spezialisiert ist. Als wir dem Mechaniker bei der Arbeit zuschauen, wird uns aber schnell klar, dass der gute Mann so etwas noch nie gemacht hat. Ganz im Norden von Cusco soll es hingegen einen auf Geländefahrzeuge spezialisierten Mechaniker geben. Also fahren wir dorthin. Am Hoftor ohne Schild ist eine Klingel, eine alte Frau öffnet. Leider sei ihr Sohn gerade nicht da, aber er würde sofort kommen. Was er dann auch ungefähr eine Stunde später macht. Yoda kommt auf die Hebebühne, zusammen mit zwei Kollegen wird an der Vorderradbremse lange gewerkelt. Doch auch hier wird ganz offensichtlich Fachkompetenz durch brachiale Gewalt und Ausprobieren ersetzt. Als dann der Chef die halb demontierte Bremse fotografiert, das Bild an jemanden schickt und um Rat fragt, beenden wir die Aktion. Alles wird wieder zusammengebaut, allerdings ohne Fett und Dichtungsmasse. Das wurde vorher akribisch entfernt. Nur mit Mühe und einigen Unterleghölzern kommt Yoda wieder von der Hebebühne, die nicht für dieses Gewicht ausgelegt ist. Das hätte der Inhaber ja eigentlich wissen müssen, statt dessen beschwert er sich bei uns. Da zittert man schon, dass das Auto wenigstens noch heil vom Hof rollt. Olaf hat die ganze Zeit höllisch aufgepasst, dass nichts bei der ganzen Aktivität zerstört wird. Ziemlich genervt fahren wir nach 2 Stunden wieder weg, kaufen noch im Supermarkt ein und sind schließlich gegen 15 Uhr wieder auf dem Campingplatz. Der einzige Erfolg dieses Tages ist die duftende Kleidung, die wird auf dem Platz haben waschen lassen und die uns abends geliefert wird. Der Campingplatz ist ein richtiger Overlandertreff. Sieben riesengroße Expeditions-Lkw stehen hier und ganz viele Geländewagen. Wir sehen Korbinian und Sofia in ihrem VW-Bus wieder, neben uns parken Freddy und Kim aus Berlin mit ihren Landcruiser und auch Marc mit seiner Frau Robin aus den USA ist da.
Am nächsten Morgen laufen wir den Berg hinunter und kommen nach 2 km direkt in der Altstadt an. Cusco war die Hauptstadt des mächtigsten Imperiums beider amerikanischer Kontinente. Das Inkareich erstreckte sich von Quito in Ecuador bis nach Santiago in Chile. Das reiche kulturelle Erbe der Stadt und die Nähe zu den weltberühmten Inkastätten des „Valle sacrado“ bei Machu Picchu machen Cusco zum absoluten Favoriten des Tourismus in Südamerika, mit allen Konsequenzen. Einerseits genießt man nach dem eher rustikalen Leben im Landcruiser nun die angenehme Infrastruktur mit heißer Dusche, Cafés und Restaurants, andererseits hat der Massentourismus auch absolut zerstörerische Wirkung. Normale Bürger wohnen keine mehr in der Altstadt.

Blick auf die Altstadt von Cusco
Blick auf die Altstadt von Cusco

Wir kommen durch das sehr schöne Viertel San Blas. Es ist mit seinen kleinen weißgetünchten, blumengeschmückten Häusern und steilen, engen Kopfsteingassen, die oft nur durch Treppen miteinander verbunden sind, total in touristischer Hand. Hier reihen sich Hotels und Andenkenläden lückenlos aneinander. Kurze Zeit später stehen wir auf der Plaza del Armas. Sie ist umsäumt von 2stöckigen Kolonialbauten mit herrlichen Holzbalkonen im Obergeschoss. Unten geht man durch schattige Arkadengänge. Dort sind ausschließlich teure Hotels oder sehr schicke Modegeschäfte mit edlen Alpackaprodukten zu finden. Wunderbar untouristisch geht es direkt auf der Plaza selbst zu. Am 24.6. ist nämlich das große Stadtfest anlässlich der Wintersonnenwende, die Feierlichkeiten dazu ziehen sich bereits die ganze Woche davor hin. Heute finden die Festumzüge der Grundschulen statt. Kinder in farbenfrohen Trachten ziehen tanzend um den Platz und an der Tribüne vor der großen Barockkathedrale vorbei, auf der die Honoratioren der Stadt sitzen. Dazu dröhnt in ohrenbetäubender Lautstärke traditionelle Musik im ewig gleichen Rhythmus. Ein unglaubliches Spektakel, das wir uns vom Balkon eines Cafes an der Plaza anschauen.

Festumzug zur Wintersonnenwende
Festumzug zur Wintersonnenwende

Olaf erträgt die monotone Musik der Live-Kapellen nur mit Ohrhörern. Danach geht es zielstrebig durch die Altstadt zu einem Plastico-2000-Laden, in dem wir vergeblich nach Ersatz für unseren defekten 5-Liter-Wasserkanister suchen. Mittags essen wir sehr gut im Innenhof eines etwas alternativ angehauchten veganem Restaurant. Den Rest des Tages verbringen wir damit, diverse Läden für Werkzeuge und Autozubehör abzuklappern. Ersatzschrauben und Muttern sowie spezielles Fett für die Bremsen müssen her, da ja bei dem vergeblichen Austausch jegliche Schmiermittel sorgsam entfernt, aber nicht wieder der korrekte Ersatz aufgetragen wurden. Und schon ist der Tag rum, ohne dass wir allzuviel von der Stadt gesehen haben. Mit Uber geht es zum Campingplatz zurück.
An unserem zweiten Tag in Cusco steht vormittags die Besichtigung der weitläufigen Inkastätte Sascayhuamán an. Sie liegt auf einem Hügel, ungefähr 100 Höhenmeter über der Stadt und nur einen kurzen Fußweg von unserem Campingplatz entfernt.
Die Anlage wurde hauptsächlich zwischen etwa 1438 und 1508 errichtet – Zehntausende Sklaven waren dabei im Einsatz. Ob es primär eine Militärfestung, ein Zeremonialzentrum oder beides war, noch unklar. Das absolut Beeindruckendste sind die drei übereinanderliegenden Terrassen, die im Zickzack aus riesigen Kalksteinblöcken gefertigt wurden.

Inka-Festung Sascyhuamán
Inka-Festung Sascyhuamán

Der größte Block wiegt ca. 360 Tonnen und ist über 8 m hoch. Wie der Transport bergauf erfolgte, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Die Blöcke sind ohne Mörtel so präzise gefügt, dass kein Blatt Papier zwischen die Fugen passt. Die Ecken sind jeweils gerundet ausgeführt. Die Handwerkskunst ist absolut faszinierend.

Inka-Festung Sascyhuamán
Steinmetzkunst in Sascyhuamán
Präzise nach innen gerundete Mauerkanten
Präzise nach innen gerundete Mauerkanten

Die Spanier unter Pizzaro haben 1536 auf der Festung die entscheidende Schlacht über das Inkareich sehr blutig gewonnen. Tausende Inkakrieger wurden nieder gemetzelt. Nach der Conquista wurden die Steine für den Bau von Cuscos Kolonialarchitektur verwendet, weshalb heute nur noch etwa ein Drittel von Sascayhuamán erhalten ist. Wenig später wurde das zentraler gelegene Lima als Hauptstadt ausgebaut und Cusco war nur noch eine unbedeutende Provinzstadt.
Vom oberen Rand des Hügels genießen wir einen herrlichen Blick auf die Stadt. Mittags essen wir am Campingplatz und wandern dann hinunter in die Altstadt. Das Viertel San Blas wimmelt in den entsprechenden Straßen vor Touristen, es gibt aber tatsächlich am Rand noch einige wenige Gassen, die relativ „normal alt“ aussehen. Im Mercado San Blas sind am Nachmittag viele Lebensmittelstände geschlossen, die Imbisse werden jedoch gut von Touristen besucht.
Unterhalb des Marktes kommen wir wieder in die Disneyland-mäßige Altstadt. In den Gassen wird man von Händlern belagert. In Trachten farbenfroh gekleidete Frauen sitzen mit ihren bunt geschmückten Alpaka-Fohlen als Fotomotiv auf dem Bordstein. Irgendwann verliert man die Lust, dem hundertsten Händler zu erklären, dass man weder ein Gemälde noch Pullover, Schmuck made in China oder eine Massage braucht. Hotels sind in die alten Klöster und Palazzi eingezogen. Zum Fremdschämen sind Reisegruppen, die halbnackt in Shorts und Top durch die Stadt laufen oder abschüssige Mauern in Sascayhuamán als Rutschbahn nutzen, um sich dabei filmen zu lassen. Mit Peru hat das alles soviel zu tun, wie Schloss Neuschwanstein mit einer friesischen Hallig. Hier gefällt es uns definitiv nicht. Es ist einfach zu viel.
Und wieder führt unser weiterer Weg in den Süden der Stadt zu den höhlenartigen kleinen Geschäften, die wir gestern schon besucht hatten. Olaf hat von unserem Landcruiser-Monteur in Deutschland per Ferndiagnose einige Tipps bekommen, wie die Bremsen wieder sachgerecht zu schmieren und zu montieren sind. Dafür brauchen wir noch einige Sachen, die wir in den uns schon vertrauten Geschäften bekommen. Die Verkäufer freuen sich uns wiederzusehen. Danach sind wir in dem gleichen veganen Lokal wie gestern zum Abendessen und fahren dann per Uber zurück zum Campingplatz.
Am dritten Tag ist Olaf morgens wieder mal mit Arbeiten am Yoda beschäftigt, um die Schäden notdürftig zu beseitigen, die die Mechaniker in der letzten Werkstatt verursacht haben. Es ist wirklich total ärgerlich, denn er entdeckt nun Schrauben, die mit Gewalt eingedreht und dabei zerstört wurden, nur weil man gerade nicht das passende Werkzeug in der Hand hatte. Wir schwören uns, nie wieder in Peru eine Werkstatt aufzusuchen. Danach geht es wieder in die Altstadt. Auf der Plaza del Armas ist diesmal weniger Betrieb, wir können die Kolonialarchitektur genießen. In einem furchtbar touristischem Café kehren wir ein und bezahlen für peruanische Verhältnisse ein Vermögen. Selber schuld. Ganz am Rand der Altstadt findet man aber auch tatsächlich noch Straßen, auf die der Tourismus noch nicht vollständig übergeschwappt ist, z.B. vor der Kirche Sankt Franziskus, wo kleine Schulmädchen traditionelle Tänze üben un, eine Gruppe von mit Masken verkleideten Tänzern und eine Blaskapelle eine Hochzeitszeremonie vor der Kirche nach spielen.

Altstadt von Cusco
Altstadt von Cusco

Das sind keine kommerziellen Darstellungen, sondern Vorführungen von Laiengruppen mitten im Alltagsgeschehen. Sehr schön, das zu erleben. Und natürlich – ewig grüßt das Murmeltier – führt unser Weg dann wieder zu Olafs geliebtem Schraubenfachhandel. Dort begrüßt man uns wieder herzlich. Selbstverständlich bekommen wir hier Ersatz für die zerstörte Schraube an der Trommelbremse – kaufen gleich 5 Stück als Reserve und noch einige andere Kleinigkeiten. Es ist so ein Laden, wie es ihn früher auch mal bei uns gab. Du sagst an der Theke, was du brauchst. Dann geht ein Mitarbeiter nach hinten in das Labyrinth der Regale, holt zielsicher das richtige Produkt und schreibt eine Rechnung. Damit läufst du zur Kasse, bekommst einen Stempel und kannst dann deinen Einkauf abholen. Was für ein Luxus im Vergleich zu dem anonymen Onlinehandel.
An späten Nachmittag packen wir auf dem Campingplatz unsere Sachen für den Ausflug nach Machu Picchu. Heute haben wir den Bus und Zug nach Aguas Caliente gebucht. Ausländer zahlen für die 70 km lange Fahrt rund 65 € je Strecke in der einfachsten Klasse, Peruaner lediglich 3 €. Es gibt aber auch Tickets im Luxuszug für 600 US-Dollar je Richtung. Wir buchen auch ein Hotel für 2 Nächte. Die Eintrittskarten für die Ruinenstadt müssen wir vor Ort ergattern, es werden täglich 1000 last-minute Tickets angeboten. Die übrigen 5500 Tickets, die online zu erwerben sind, sind schon Monate im Voraus ausgebucht.

Aguas Calientes, 20-22.6.2026

Morgens um 10 sind wir pünktlich am Bahnhof Wanchaq. Dort fährt unser Bus der Incarail ab. Das vollbesetzte Fahrzeug quält sich bergauf quer durch Cusco. In den neuen Vierteln sieht die Stadt vollkommen peruanisch-chaotisch aus. An den Marktständen am Straßenrand kann man alles kaufen, vom kompletten Schwein bis zum Autoreifen. Endlich lassen wir die Stadt hinter uns und holpern über unzählige Topes einen Pass hinauf zur schönen Laguna de Puray. Auf der anderen Seite geht es in vielen Serpentinen hinunter nach Urubamba, dem Hauptort des „heiligen Tales“. Vergletscherte Berge begrenzen das tiefe Tal. Nach mehr als 2 Stunden Fahrzeit erreichen wir endlich den Bahnhof Pachar.

Zug nach Aguas Caliente
Zug nach Aguas Caliente

Hier steigen wir in den Zug um. Durch die gläserne Decke kann man das immer enger werdende Tal des Rio Urubamba bewundern. Der wilde Gebirgsfluss bahnt sich in vielen Stromschnellen seinen Weg durch das steinige Bett. Rote Felswände steigen steil empor. Je tiefer wir kommen, desto grüner wird das Tal. Bald sind die dichten Bäume der Schlucht vom Bromelien und Lianen bedeckt, wir sind im kalten Nebelwald. Für die kurze Strecke von 40 km brauchen wir 3 Stunden. Immer wieder halten wir an, um auf den Gegenverkehr zu warten. Dabei werfen wir durch melodiöse Flötentöne vom Tonband unterhalten. Mit einer guten Stunde Verspätung sind wir in Aguas Caliente. Der winzige Ort quetscht sich in den Boden der Schlucht. Zu allen Seiten rangen fast senkrecht die mehrere hundert Meter hohen Felswände empor. Vor dem Ort steht ein gewaltiger isolierter Felskegel.
Interessant ist die Entstehung dieser bizarren Landschaft. Die extrem steilen, kegel- bzw. zuckerhutartigen Formen sind das Ergebnis eines Zusammenspiels aus tektonischer Hebung, harten Gestein und der Erosionskraft des Wassers (aus Gemini): „Vor etwa 250 Millionen Jahren drang tief unter der Erdoberfläche eine gigantische Magmablase nach oben, kühlte extrem langsam ab und erstarrte, noch bevor sie die Oberfläche erreichte. Daraus entstand ein riesiger, kompakter Tiefengesteinskörper aus sehr harten Granit. Vor einigen Millionen Jahren begann sich die Erdkruste durch den Druck der Nazca-Platte gegen die Südamerikanische Platte massiv zu heben – die Anden entstanden. Bei dieser extremen Stauchung knackte das Gestein. Unter Machu Picchu und den umliegenden Bergen zieht sich ein markantes Netz aus geologischen Verwerfungen (Störungslinien) und Rissen im Gestein (Klüften), die sich wie ein großes „X“ kreuzen. Weil der Granit an den Bruchlinien der Erdbeben bereits vorgeschädigt und instabil war, fraß sich das Wasser dort besonders leicht hinein. Der Río Urubamba schnitt sich im Zuge der schnellen Hebung des Gebirges wie eine Fräse unvorstellbar tief und steil in den Granitblock hinein. Er schuf einen Canyon mit stellenweise fast senkrechten Wänden. Wo der Fluss auf besonders massiven, ungestörten Granit stieß, schaffte er es nicht, das Gestein flächig abzutragen. Stattdessen floss er in engen Kurven (Mäandern) um diese harten Kerne herum, so dass isolierte Felskegel erhalten blieben. Die tropischen Regenfälle ließen die äußeren weicheren oder rissigen Felsschichten an den Flanken durch Verwitterung nach und nach in Form von Steinschlägen und Erdrutschen in die Tiefe stürzen. Zurück blieben nur die extrem resistenten, inneren Kerne des Granitkomplexes.“

Aguas Calientes, Blick von unserem Hotel
Aguas Calientes, Blick von unserem Hotel

Trotz der landschaftlich grandiosen Lage ist Aguas Calientes ein Albtraum, es besteht ausschließlich aus ineinander geschachtelten Beton-Hotels in allen Bau- und Verfallsstadien, Restaurants und billigen Andenkenläden. Zielstrebig eilen wir zum Ticketverkauf für Machu Picchu und reihen uns in die relativ kurze Schlange ein. Zunächst werden unsere Pässe gescannt und wir erhalten einen Zettel mit einer Nummer, die die Reihenfolge regelt, in der man an der Kasse das Ticket erwerben kann. An einer Infotafel kann man den aktuellen Stand der Tickets für die einzelnen Rundgänge durch die Ruinenstätte sehen. Bei dem von uns favorisierten Rundgang 2a sind insgesamt für morgen 500 Tickets da, davon sind 283 verkauft und somit 217 noch verfügbar. An der Kasse können wir uns 4 Zeitslots am Nachmittag aussuchen, wir entscheiden uns für 14 Uhr. Zahlen kann man entgegen den Angaben in Social Media sogar mit Karte, aber gegen eine Gebühr. Als Ausländer zahlen wir mit 40 € natürlich einen deutlich höheren Preis. In 20 Minuten war alles erledigt. Nachdem wir wahre Horrorstories gelesen hatten von tagelangen Wartezeiten auf ein Ticket, sind wir wirklich angenehm überrascht. Es sind nur wenige hundert Meter zu unserem Hotel. Die Natural Lodge erreicht man über eine steile, dunkle Treppe. Unser Zimmer ist geräumig und gut eingerichtet, es kostet rund 45 € die Nacht inklusive Frühstück. Ich genieße das große Frottee-Duschtuch, ein kuscheliger Gegensatz zum üblichen Microfaserlappen
Am Sonntag ist endlich der große Tag gekommen. Mein ganz großer Kindheitstraum wird wahr: Wir fahren hinauf nach Machu Picchu! Schon als 10jährige habe ich die Geschichte von der Entdeckung der geheimnisvollen Inka-Stadt über den Wolken verschlungen, sehnsuchtsvoll die epische Ansicht der Ruinen vor den dramatischen Felsklippen bewundert. Und jetzt sind wir tatsächlich hier. Unfassbar.
Doch vorher müssen wir uns in Geduld üben. Wir stärken uns mit einem guten Frühstück auf der offenen, kalten Dachterrasse unseres Hotels mit schönem Blick auf den Ort. Den Vormittag verbummeln wir in den Gassen von Aguas Calientes. Das Gewimmel der übereinander getürmten Betonbauten mit Hotels und Restaurants ist erschreckend und spannend zugleich. Wir kaufen Tickets für den Bus nach Machu Picchu, auch hier müssen wir dafür den Reisepass vorlegen. Rund 10 € kostet jede Strecke für Ausländer. Sehr interessant ist die Organisation des Shuttleverkehrs. Die großen, dieselstinkenden Reisebusse transportieren täglich 6500 Personen je Richtung über die extrem steile und schmale Straße. Ein ökologischer Irrsinn. In der enge Sackgasse in Ortsmitte ist die Haltestelle, wo die Busse wenden. Die wartenden Fahrgäste müssen sich an zwei Stellen anstellen, die jeweils nach gebuchten Zeitslot der Besichtigung sortiert sind. Wenn die Wartenden des früheren Slots abtransportiert wurde, rückt die nächste Warteschlange vor. Ungefähr eine Stunde vor dem Besichtigungsslot sollte man sich anstellen. Während der Wartezeit werden nochmals Tickets, Reisepass und Bustickets geprüft. Angeblich ist die Mitnahme von Getränken in Plastikflaschen und Essen verboten. Wir sind aber augenscheinlich die einzigen, die sich daran halten. Schon die Busfahrt durch diese absolut bizarre Felsschlucht hinauf zur Ruine ist unvergesslich. Um 13.40 sind wir oben und müssen exakt bis 14 Uhr beim Einlass warten. Sehr ärgerlich ist das Benehmen mancher Guides von Reisegruppen, die wenig Zeit haben und Individualreisende am liebsten in der Warteschlange ganz hinten platzieren wollen. Unser gebuchter Rundgang Nummer 2 führt zunächst bergauf zum sogenannten Haus des Torwächters. Von hier und den umliegenden Terrassen hat man den wirklich umwerfenden Postkartenblick, der Machu Picchu zur Ikone des Südamerika-Tourismus gemacht hat. Die Faszination der Anlage entsteht dabei vor allem durch die exponierte Lage als Adlerhorst zwischen den Felstürmen. Architektonisch gibt es eindrucksvollere Inkastätten.
Was uns wirklich ankotzt, ist die suchthafte Selfieproduktion der Besucher in allen erdenklichen blöden Posen. Leute wie wir, die einfach nur staunen und betrachten wollen, haben in diesem Universum der Selbstdarstellung keine Existentberechtigung. Man wird weggedrückt oder von den Guides angeraunzt. Es fällt schwer, das zu ertragen und sich trotzdem auf den Ausblick zu konzentrieren. Und der ist wirklich überwältigend.

Machu Picchu
Machu Picchu – der Postkartenblick

Die extrem steilen Felsklippen, die dramatisch die Terrassen und Häuser der Ruinenstadt einrahmen, könnten keine schönere Kulisse bilden. Es ist wirklich traumhaft. Immer neue Perspektiven ergeben sich und weiter unten zwischen den Gebäuden lässt auch endlich die Fotolaune der Selfiproduzenten nach.

Machu Picchu
Machu Picchu

Wir bewundern die Steinmetzkunst der Inka und genießen. Leider darf man die gebuchten Rundgänge nur als Einbahnstraße zurücklegen. Man muss sich also gut überlegen, wie schnell man durch die große Anlage geht. Mir fällt es wirklich schwer, mich von Machu Picchu zu trennen, am liebsten Würde ich mich irgendwo einfach eine Stunde hinsetzen und lediglich schauen. Aber die Besichtigungszeit ist begrenzt. Gegen 16.30 nehmen wir den Bus ins Tal. Und gehen sofort zielstrebig in Aguas Calientes zum Essen, immerhin haben wir seit heute früh nichts bekommen. Das Green House hat vegetarische Küche vom allerfeinsten, wir schlemmen bis zum Platzen. Ein würdiger Abschluss dieses Tages.
An nächsten Morgen sind wir schon kurz nach 8 am Bahnhof. Der ganz normale Wahnsinn der Mehrfachkontrolle wird auf die Spitze getrieben. Beim Einchecken werden Pässe und Ticket gecheckt, beim Betreten des Bahnsteigs und wenige Minuten später beim Einstieg in den Zug jeweils nochmals. Im Zug kommt sogar später der Schaffner und will das Datum unserer Einreise nach Peru wissen. Nach zwei Stunden Fahrt steigen wir im Ort Ollantaytambo in einen Kleinbus von InkaRail um und sind mittags in Cusco. Natürlich gehen wir noch in unser Lieblingsrestaurant Parada Vegana essen, bevor Uber uns zum Campingplatz bringt.

Pisac, 23./24.6.2026

Bis Mittags sind wir noch in Cusco und kaufen in einem Supermarkt groß ein. Danach wollen wir bei einer Lama-Gasstation am südlichen Rand des Stadtgebiets unsere Glasflasche auffüllen lassen wollen. Hier ist eine der ganz wenigen Möglichkeiten dazu. Leider kommen wir kurz vor 13 Uhr an und der Chef hat jetzt eine Stunde Mittagspause. Offensichtlich ist er der einzige, der eine us-amerikanische Glasflasche befüllen darf. Also heißt es warten. Leider bekommen wir dann doch kein Gas, weil unsere Flasche noch zu 3/4 gefüllt ist. Nichts zu machen. Dafür bewundert der Chef sehr ausgiebig unseren Yoda und schüttelt uns mehrfach herzlich die Hand. Wir fahren weiter in den kleinen Ort Pisac. Oberhalb davon übernachten wir abseits der Straße. Es ist schön, wieder aus der Stadt und vom Campingplatz weg zu sein.

Inkastätte Pisac - Terassenfelder
Inkastätte Pisac
Inkastätte Pisac - Festung
Inkastätte Pisac – Festung

Am nächsten Morgen besuchen wir die Inka-Zitadelle oberhalb von Pisac. Die große Anlage ist sehr beeindruckend. Wie üblich liegt sie hoch auf einem Felsvorsprung über dem Tal. Am höchsten Punkt ist der Herrschersitz platziert. Es sind am frühen Morgen noch nicht viele Touristen hier, wir können alles in Ruhe genießen, ein schönes Kontrastprogramm zu Machu Picchu. Unterhalb liegen weiteren Inka-Siedlungen. Um dorthin zu gelangen, muss man steile Fußwege und Treppen über Felsstürze hinab nehmen und sich sogar durch einen in die Felsen geschlagen Tunnel quetschen, durch den so gerade eben eine schlanke Person passt. Ein abenteuerlicher Pfad.

Inkastätte Pisac - Tunnel zur unteren Siedlung

Inkastätte Pisac - untere Siedlung
Inkastätte Pisac – untere Siedlung
Inkastätte Pisac - untere Siedlung
Inkastätte Pisac – untere Siedlung

Wieder beeindrucken uns die perfekt geschnittenen Steine, aus denen die Geböude errichtet wurden. Ein ausgeklügeltes System aus Kanälen sicherte die Wasserversorgung. Aufwändig gemauerte Terrassen ermöglichten die Bewirtschaftung von Feldern auf den extremen Steilhängen.

Inkastätte Pisac - Terassenfelder
Inkastätte Pisac – Terassenfelder

Der Rückweg bergauf ist anstrengend. Erst nach vier Stunden sind wir wieder am Auto. Nachmittags bummeln wir durch den Ort Pisac. Hier leben auch viele esoterisch angehauchte Aussteiger aus Europa, die Yogaunterricht geben oder als Schamanen und spirituelle Heiler auftreten. Spannend. Die engen Gassen um die Plaza sind fast autofrei, es gibt nette Lokale und auch viele Andenkenläden. Einige Kilometer außerhalb finden wir wenig später einen schönen Stellplatz am Fluss. Es ist sehr friedlich hier, abends treiben ein Bauer und seine Frau die Kühe vorbei und winken freundlich.

Quincemil, 25.6.2026

Die Nacht war mit -4 Grad frostig. Es geht wieder zurück zur Hauptstraße. Heute heißt es Abschied nehmen von dem Andenhochland. Wir sind auf dem Weg nach Brasilien. Ich freue mich auf neue Entdeckungen, allerdings ist auch etwas Wehmut dabei. Perus herrliche Natur, seine urtümlichen Dörfer und besonders die liebenswürdigen, freundlichen und offenen Menschen sind uns an Herz gewachsen.
Kurz hinter Urcos biegen wir ab auf die Ruta 30 C, die nach Brasilien führt. Witzigerweise steht schon hier auf einem Straßenschild: Sao Paulo 4739 km. Alleine bis zur brasilianischen Grenze sind es noch mindestens 12 Fahrstunden.
In vielen Kurven schraubt sich die Straße in die Anden empor. An Pass Ccatcca haben wir eine grandiosen Blick auf das vergletscherte Massiv des ca. 6400 m hohen Ausangate, ein würdiger Platz für unsere morgendliche Kaffeepause.

Blick zum Nevado Ausangate, 6384 m
Blick zum Nevado Ausangate, 6384 m

Ich liebe das Hochland mit den goldgelben Weiden und winzigen Dörfern. Die Maisernte ist in vollem Gang, überall werden die weißen, schwarzen und roten Kolben zum Trocknen ausgebreitet. Immer höher geht es hinauf, nun gibt es nur noch sumpfige Hochmoore für die genügsamen Alpakas . Hinter Yanaptuno erreichen wir die Passhöhe auf 4801 Metern. Unmittelbar vor uns ragen die 6000 Meter hohen Eisriesen der östlichen Andenkordilliere in den tiefblauen Himmel. Ein toller Platz für unsere Mittagspause. Einige Alpakas und ein zotteliger Hund leisten uns beim Essen Gesellschaft. Der Hund bekommt natürlich etwas Brot ab.

Mittagspause auf der Passhöhe bei Yanaptuno, 4800 m
Mittagspause auf der Passhöhe bei Yanaptuno, 4800 m
Das letzte Andendorf, bevor wir ins Amazonasbecken hinunter fahren
Das letzte Andendorf, bevor wir ins Amazonasbecken hinunter fahren

Dann rauschen wir in nur 80 Kilometern Strecke mehr als sagenhafte 4000 Meter bergab. Die Anden ragen wie eine Mauer aus dem Amazonasbecken empor. Die zweispurige Asphaltstraße windet sich in vielen Spitzkehren die extrem steilen Berghänge hinab. Entgegenkommender Lkw-Verkehr schneidet in den nicht einsehbaren Serpentinen grundsätzlich die Gegenfahrbahn. Mehrfach erleben wir brenzlige Situationen, wo der weit ausholende Hänger des Sattelschleppers so gerade noch an unserer Kühlerhaube vorbei schrappt, obwohl Olaf so weit wie möglich nach rechts ausweicht. Ja, die Peruaner sind die nettesten Menschen der Welt, solange sie nicht am Steuer sitzen.
Mit jedem Höhenmeter, den wir tiefer kommen, verändert sich die Vegetation. Im Grund des schluchtähnlichen Tales landen wir im Nebelwald mit hohen Bäumen, die selbst an den steilsten Felshängen Halt finden. Sie sind mit Lianen und Aufsetzerpflanzen bewachsen. Es gibt Palmen und Bananenplantagen. Grellgelbe Sittiche fliegen umher. Als sich das Tal weitet, tauchen auch kleine Siedlungen auf. Statt strohgedeckter Steinhäuser gibt es hier bunte Holzhütten, die im unteren Drittel schon reichlich vermodert sind. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 90 %, Wolken hängen an den Bergen. Erstmals seit 3 Wochen ist der Himmel nicht mehr strahlend blau.

Stellplatz im Nebelwald, 1000 m Hohe
Stellplatz im Nebelwald, 1000 m Hohe

Kein Zweifel, wir haben die Anden hinter uns gelassen und sind in einer ganz anderen Welt gelandet. In einem ziemlich vermüllten Stichweg, der zu einem Bergfluss führt, parken wir für die Nacht auf nur noch 700 m Höhe mitten im Regenwald.

Puerto Maldonado 26.6.2026

Auch am Morgen liegt noch alles in dichtem Nebel, der sich aber rasch hebt. Die Fahrt entlang des Flusses ist sehr schön. Wir begeistern uns über den dichten Wald, der in mehreren Etagen üppig wuchert. Immer tiefer rollen wir in das Amazonasbecken runter.

Fahrt durch den „Resturwald“ im Amazonasbecken
Fahrt durch den „Resturwald“ im Amazonasbecken

Als wir auf ca 400 m Höhe die Ebene erreichen, wird die Fahrt deutlich eintöniger. Nun ist der üppige Nebelwald verschwunden. Eigentlich sind wir nun im Gebiet des tropischen Regenwaldes. Sumpfige Reisfelder und große Rinderweiden haben ihn jedoch abgelöst, später folgen Palmölplantagen. Entlang der Straße liegen wenige Orte. Die Siedlungen sind einfach und zweckmäßig. Man ist hier deutlich ärmer als im touristischem Hochland um Cusco. Statt mit dem Auto fährt man Motorrad oder nimmt das Dreirad-Kollektivo. An den Verkaufsständen entlang der Straße türmen sich wahre Berge von Bananenstauden, Mangos und Papayas.
Bei Mazuko machen wir einen Abstecher zum einige Kilometer entfernten Hafen, wo reger Schiffsverkehr über den breiten Rio Madre de Dios herrscht. Grund sind die Tagebaue von Huetepue am gegenüberliegenden Ufer, die sich über rund 100 km entlang des Flusses ausdehnen. Es ist eines der am stärksten vom illegalen Goldbergbau zerstörten Gebiete Südamerikas. In den letzten 25 Jahren wurden hier mindestens 100.000 Hektar Regenwald vernichtet. Wegen der Abgeschiedenheit der Region sind die Betriebe zu 90 Prozent illegal oder informell. Auf den völlig abgeholzten, aufgewühlte Flächen schichten Bagger die Erde um und Goldwäscher trennen mit Quecksilber die Goldpartikel vom Sediment. Dieser handwerkliche Goldbergbau macht mindestens die Hälfte der Wirtschaft in der dünn besiedelten Region aus und ernährt rund 50.000 Bergleute.
Über die Ruta 30C queren wir später einen kleinen Teil dieser riesigen Mondlandschaft und sehen die katastrophalen Lebensbedingungen der Menschen. Das Quecksilber kontaminiert Böden und Wasser, manche Häuser stehen auf Stelzen mitten in den giftig-gelben Teichen. Entlang der Straße hat sich eine endlose illegale Siedlung entwickelt, die sich Nuevo Arequipa nennt, und so trostlos ist, wie wir noch keine gesehen haben. Verwahrloste mehrstöckige Betonhäuser, halb verfallen oder mitten im Bau stehen geblieben, mit düsteren Läden im Erdgeschoss, Unmengen Müll auf der Straße, die Seitenstraßen sind schlammig mit großen Pfützen. Überall streunen Hunde und Kinder umher. Der wahre Horror.

Müllberge entlang der Ruta 30C bei Nuevo Arequipa
Müllberge entlang der Ruta 30C bei Nuevo Arequipa

Nach weiteren 100 Kilometern durch Weidegebiet erreichen wir die Stadt Puerto Maldonado am Ufer des nun sehr breiten Rio Madre de Dios. Die illegalen Tagebaustätten erstrecken sich parallel zum Ufer des Flusses fast bis zur Stadt, allerdings nun weitab der Straße. Kurioserweise befindet sich direkt südlich der Stadt das Reserva Nacional Tambopata. Es ist Teil eines Systems aus Naturschutzgebieten des Amazonasregenwaldes von Brasilien, Bolivien und Peru. Außer in den Reservaten gibt es keine natürliche Vegetation mehr, das ist nicht anders wie in Europa. Am Rand der Reserva Nacional Tambopata übernachten wir im Garten der Passiflora Lodge unter Palmen. Der Boden ist trotz Trockenzeit sumpfig. Die Gebäude der Lodge sind zwecks Lüftung überwiegend offen, statt Fenstern und Mauern gibt es Mückennetze. In der Dämmerung sind merkwürdige Vogelstimmen und Affen zu hören. Schon gegen 17.30 Uhr ist es stockdunkel. Es ist absolut irre, innerhalb eines Tages vom vergletscherten Hochgebirge in die Tropen zu kommen.

Idylle der Passiflora Lodge in Puerto Maldano
Idylle der Passiflora Lodge in Puerto Maldano

Hacienda Jamaica/Iñapari, 27.6.2026

Unser letzter Tag in Peru. Morgens genießen wir das Frühstücken in der Wärme vor dem Auto, unter Palmen und mit dem Kreischen der vorbei fliegenden Aras. In Puerto Maldonado gehen wir noch einen Kaffee trinken und einkaufen, bevor wir uns wieder auf die Ruta 30 c schwingen.
Eine eintönige Fahrt auf schnurgerader Straße führt durch die immer gleiche Landschaft – Felder, Plantagen, Rinderweiden. Sehr selten Orte, die nur aus wenigen Häusern bestehen. Es ist sehr heiß geworden, bei knapp unter 30 Grad sind wir dankbar für die Bank unter dem schattigen Baum vor einer kleinen Tienda. Unser Tagesziel ist schon gegen 15.30 Uhr erreicht, die Hacienda liegt ca. 25 km vor der brasilianischen Grenze beim Ort Iñapari. Es ist eine Rinderfarm, die ein Schwimmbad und Restaurant anbietet und damit ein Ziel für den Ausflug am Wochenende ist. Heute am Samstag sind einige Besucher da, der Schallpegel ist hoch. Aber nach Sonnenuntergang brechen alle auf und wir sind alleine.

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