Von Porto Jofre nach Brasilia, 7.7.-18.7.2026

Tankstelle bei Cangas/Rua MT060, 7.7.206

Morgens lassen wir es langsam angehen und brechen erst spät auf. Unser nächstes Ziel ist die 1300 Kilometer entfernte Hauptstadt Brasilia, kurz davor gibt es einen Zwischenstop in der Kolonialstadt Pirenopolis. Die Distanzen sind wirklich brutal.

Die 149 km der uns bereits bekannten Transpantanal sind zügig zurück gelegt, zumal das Wetter nicht zum Fotografieren geeignet ist. Der Himmel ist total bedeckt, es ist mit 15 Grad recht kühl und interessante Tiere sind auch nicht zu entdecken. Am späten Nachmittag landen wir mal wieder zum Übernachten an einer Tankstelle.

Tankstelle BR070 östlich von Primavera do Leste, 8.7.2026

Wieder ist es morgens komplett bewölkt und mit 15 Grad gefühlt sehr frisch. Nach einer Stunde Fahrzeit erreichen wir Cuiabá. Die 650.000 Einwohner-Stadt wurde in der Kolonialzeit von Goldgräbern gegründet. Heute ist es eine laute, hektische Großstadt mit Flughafen und irrem Verkehr. Wir sind froh, als wir wieder draußen sind. Die Ruta 070 wird nun zur komfortablen zweistreifigen Schnellstraße, wodurch an der kurvenreichen Steigung auf eine Hochebene die zahlreichen Lkw gut überholt werden können. Danach hat die Straße wieder nur eine Fahrspur je Richtung. Nun wird die Landschaft wieder extrem langweilig.

Auf der 070 in Richtung Brasilia
Auf der 070 in Richtung Brasilia
Zahlreiche Getreidesilos entlang unserer Strecke
Zahlreiche Getreidesilos entlang unserer Strecke

Unendliche Felder mit Soja und Baumwolle bis zum Horizont, dazwischen gigantische Silos und landwirtschaftliche Fabriken. Das erinnert uns sehr an den mittleren Westen der USA. Es wird gerade geerntet, die Maschinen ziehen große Staubwolken hinterher. Eine Agrarwüste ohne Bäume oder Vögel. Was für ein Kontrast zu den vor Leben überquellenden Feuchtgebieten im Pantanal. Die Wolken sind nun verschwunden, es wird mit 30 Grad ein heißer Tag. Am späten Nachmittag landen wir mal wieder an einer Tankstelle unter Bäumen mit etwas Abstand zur Straße. Es gibt Toiletten und kalte, aber saubere Duschen, Trinkwasser und die übliche Werkstatt für alle Notfälle. In der Kneipe gibt es abends Reis und Fleisch von Holzkohlengrill für hungrige Trucker.

Viele Tankstellen haben solche Reparaturbetriebe für Reifen
Viele Tankstellen haben solche Reparaturbetriebe für Reifen

Die Tankstelle liegt weit abseits einer Ortschaft mitten im Nirgendwo. Deshalb wohnt das gesamte Personal mit Familien und Hühnern direkt hinter der Anlage in bescheidenen, heruntergekommenen Ein-Zimmer-Häusern. Abends geht die Sonne rot hinter den Feldern unter. Nein, schön im üblichen Sinn ist es nicht hier. Aber interessant, denn so lernen wir  wieder eine andere Seite des Lebens in Brasilien kennen. Wir sind schon ein ziemlicher Fremdkörper hier. Aber die Leute sind wunderbar herzlich und geduldig gegenüber uns sprachunkundigen Gringos. Ich bin dankbar für diese Erfahrungen und jeden Tag unterwegs.

Tankstelle Itapirapuã, 9.7.2025

Der nächste Tag auf der Landstraße bringt uns in den Bundesstaat Goiás. Er wird auch oft als der „wilde Westen“ von Brasilien bezeichnet.

Auf der 070 in Richtung Brasilia
Auf der 070 in Richtung Brasilia

Die savannenartige Steppe mit den roten Tafelbergen und den Rinderweiden erinnert wirklich an den Südwesten der USA. Und heiß ist es mit 35 Grad auch. Die sehr dünn besiedelte Gegend zog in der Kolonialzeit die Abenteurer und Desperados an, denn hier fand man Gold und Diamanten. Heute verlieren wir eine Stunde, da wir in eine neue Zeitzone kommen. Und wieder übernachten wir an einer staubigen Tankstelle an einem Dorf. Zum ersten Mal sind die Sanitärräume einer Tankstelle sehr dreckig und laden nicht zur Benutzung ein.

Pirenoplois, 10.-12.7.206

Ein ziemlich nervenaufreibender Tag. Die Nacht war kurz, schon um kurz nach 4 Uhr morgens beginnen die Hähne in Itapirapuã izu krähen. Der Trucker neben uns steckt sich zum Sonnenaufgang die Morgenzigarette an und wirft den glühenden Stummel lässig unter seinen Tanklastwagen. Da wird es Zeit zum Aufstehen. Der Tag beginnt mit einer Hiobsbotschaft. Beim Frühstück rufe ich, wie jeden Morgen, meine Mutter in Deutschland an. Dieses Mal ist eine fremde Stimme am Telefon und stellt sich als Notfallsanitäterin vor. Sofort schrillen sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf, automatisch denke ich an den nächsten Flughafen, der in Brasilia ja nicht allzu weit weg ist. Meine Mutter ist in der Wohnung gestürzt, hat aber lediglich eine kleine Platzwunde am Kopf und kommt zur Erstversorgung ins Krankenhaus. Erst am Nachmittag kann ich sie persönlich erreichen, es geht ihr gut und sie bliebt zur Kontrolle zunächst stationär dort. Langsam sinkt mein Stresslevel wieder. Die Fahrt ist heute kurzweilig, die Landschaft hügelig und grün. Ein Straßenabschnitt ist etwas spannend. Die gut ausgebaute Straße ist öfters durch große Baustellen an den Taleinschnitten unterbrochen, wo sie zur sandigen schmalen Piste mutiert, die gerade erweitert und mit Brücken ausgestattet wird. Nun verstehen wir auch, warum außer uns kein Auto hier unterwegs ist. Dann macht uns der linke Stoßdämpfer von Yoda Sorgen, der ölverschmiert ist und daher wohl irgendwie eine undichte Stelle hat. Gut, dass wir in Brasilia bereits für Montag sowieso einen Wartungstermin bei einer Werkstatt haben, die ausgezeichnete Expertise für den Landcruiser besitzen soll. Bis dahin sind es nur 130 km von unserem heutigen Tagesziel. Schon beim Fahren tauscht sich Olaf mit dem exzellent Englisch sprechenden Inhaber zu dem Problem aus. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Kleinstadt Piranopolis und haben uns zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einen richtig schönen Stellplatz. Der Garten der Bungalowanlage Bella Vista ist eine blühende Oase mit kleinem Pool und schattigen Sitzgruppen. Was für eine Wohltat nach den vielen Nächten im Staub und Lärm der Tankstellen. Genau der richtige Ort, um den Tag sacken zu lassen.

Am nächsten Tag sind wir zunächst mit Hausarbeiten beschäftigt. Großes Wäschewaschen und Putzen ist angesagt. Der rote Staub der Transpantanal ist in jede Ritze gedrungen. Olaf sucht die Ersatzteile für den Besuch der Werkstadt in Brasilia zusammen. Am Nachmittag schlendern wir der Kolonialstadt. Es gibt viele schattige Bäume, was eine Wohltat in der heißen Sonne ist. Die eingeschossigen, bunten Häuschen der Altstadt sind touristisch herausgeputzt. Es gibt jede Menge Lokale, Boutiquen, Andenken- und Kunstgewerbeläden.

Pirenópolis
Pirenópolis
Pirenópolis

Ein unendlicher Strom von Autos quält sich durch die mit Kopfstein gepflasterten Gassen. In Brasilien geht niemand freiwillig zu Fuß. Die Mehrzahl der Besucher hat sich schick gestylt. Die aufwendig geschminkten Damen tragen bodenlange, hauchdünne oder superenge, extrem kurze Kleider.  Für die Machos scheinen gegelte Haare, Shorts und Poloshirt angesagter Marken Pflicht zu sein. Sehen und gesehen werden ist ungemein wichtig. Es ist sehr interessant dieses Schaulaufen zu beobachten. Am Wochenende steppt laut unserem Reiseführer in Piranopolis der Bär. Das können wir absolut bestätigen, der Technobeat aus benachbarten Häusern in unserem eigentlich sehr ruhigem Wohnviertel dringt nachts trotz Oropax und an die Ohren gepresstem Kopfkissen durch. Erst am nächsten Morgen gegen 9 Uhr ist endlich Ruhe. An Schlaf ist nicht zu denken, ich entwickele wahre Mordfantasien. Wir verbummeln den bewölkten, aber dennoch heißen Tag vor dem Auto und in der Altstadt. Ein Besuch in einem vegetarischem Lokal ist teuer und eher enttäuschend. Dabei wurde das Restaurant in den google-Rezensionen sehr gelobt. Allerdings darf man die Bewertungen der äußerst emotionalen und begeisterungsfähigen Südamerikaner nicht zu ernst nehmen. Es ist entweder alles immer „einmalig“ und „unglaublich“ oder aber absolut grottenschlecht.

Brasilia, 13.-16.7.2023

Heute nehmen wir Kurs auf die Hauptstadt Brasiliens. Brasilia wurde ab 1957 innerhalb von nur 3 Jahren als Retortenstadt für 300.000 Einwohner aus der roten Steppe gestampft. Rio war als Regierungssitz zu eng und chaotisch geworden, ganz im Sinne der CIAM-Charta von Athen erfolgte für die neue moderne Stadt eine konsequente Trennung der Nutzungen in separate Zonen für Verwaltung/Regierung, Wohnen, Handel und Freizeit. Das schuf eine geordnete Struktur, aber eben auch sehr weite Wege und damit letztlich eine völlig auf das Auto ausgerichtete Stadt.

Mit der Neugründung der Hauptstadt wurde aber auch ein entscheidender Entwicklungsimpuls für den damals noch sehr rückständigen zentralen Westen des Landes gegeben.

Schon der städtischen Grundriss ist faszinierend – es ist die Silhouette eines gigantischen Flugzeugs. Die Flügel werden durch Wohnblocks gebildet, der Rumpf beinhaltet das Regierungsviertel mit repräsentativen Bauten und Ministerien. Der Stararchitekt Oscar Niemeyer hat hier eine wahre Spielwiese für seine eleganten, skulpturenartigen Spannbetonbauten gefunden. Erschlossen wird die Stadt durch extrem breite Straßenachsen und kreuzungsfreie Knoten.

Knapp 3 Stunden brauchen wir bis zum Ziel, die Fahrt durch die grüne, hügelige Landschaft ist sehr schön und ungefähr die Hälfte der Strecke fahren wir auf einer zweispurigen Schnellstraße, die jedoch furchtbar zerfahren ist. In Brasilia führt uns mittags unter erster Weg durch eine der Superquadras-Wohnblöcke, dem Kernkonzept des Stadtplaners Lúcio Costa.

Schöner Wohnen in den Superquadras

Eine Superquadra misst rund 280 x 280 Meter und ist als Grünfläche angelegt, darin stehen die Wohngebäude umgeben von dicht bepflanzten Baumreihen. Costa trennte auch hier die Nutzungen strikt nach Funktionen: Die Wohnblöcke stehen im Inneren oder am Rand der Quadra. Zwischen den Quadras liegen großzügig bemessene Ladenflächen. Die Fassaden am Rand der Quadra zeigen nach außen, die innenliegenden Gebäude öffnen sich zur internen Grünfläche oder zu öffentlichen Nutzungen, wie Schule, Kirche und Gemeinschaftseinrichtungen, die alle fußläufig erreichbar sind. Autos bleiben am auf den breiten Zufahrtsstraßen zwischen den Quadras, das Innere ist für Fußgänger reserviert. Die 6 geschossigen, einheitlichen Wohnblöcke sind aufgeständert und als Bauprojektionen statt klassischer Grundstücke konzipiert, sodass das Erdgeschoss für die Öffentlichkeit frei und durchlässig bleibt – ein zentrales Element von Niemeyer und Costa. So wurde hier eine sehr hohe Wohnqualität erreicht. Gescheitert ist jedoch der Anspruch einer gesellschaftlichen Durchmischung der Wohnquartiere. Die Viertel sind heute die teuerste innerstädtische Wohnadresse. Die neueren Wohnviertel sind gesichtslose verglaste Blöcke, die sich zur Straße total abschotten und kleine, begrünte Innenhöfe haben. Es gibt außer der breiten Straße und den überall vorhandenen Parkplätzen keinen öffentlichen Raum und keine Aufenthaltsqualität. Insgesamt ist die Modellstadt Brasilia ein Ghetto der Reichen. Die „normalen“ 2,3 Millionen Einwohner leben in den Satellitenstädten ringsherum.

Ein kurzer Abstecher führt zum Regierungsviertels, „dem Rumpf des Flugzeuges“ und zeigt uns die Dimensionen dieser autogerechten Stadt. Die monumentalen Achse ist ca. 5 km lang mit 4 bis 5 Fahrspuren plus eine Spur für den Busverkehr, dazwischen eine 250 Meter breite Grünfläche. Das hat keinen menschlichen Maßstab. Man fühlt sich hier als Fußgänger völlig verloren.

Die autogerechte Stadt ist nichts für Fußgänger

Es ist faszinierend, aber auch abschreckend. Trotzdem ein beeindruckender erster Eindruck, ich freue mich schon auf die Stadttour. Für alle an Raumplanung, Städtebau und Architektur interessierte Menschen ist dieses letztlich nicht wirklich erfolgreiche Experiment trotzdem etwas ganz Besonderes.

Danach fahren wir zu unserem Stellplatz, der an Vorder-Spitze der Stadt, also praktisch am „Cockpit“ liegt. Hier befinden sich die Freizeitanlagen. Auf dem Grundstück eines Sportclubs kann man gegen Gebühr parken und die Sanitäraranlagen benutzen. Es ist der beliebteste Platz für Overlander in der Stadt – und natürlich steht schon ein MAN-Expeditions-LKW aus Deutschland dort. Am späten Nachmittag laufen wir noch eine Viertelstunde bis zum künstlichen Lago Paranca, der sich um das „Flugzeug“ schmiegt. Die Ponte Juscelino Kubitschek, benannt nach dem Präsidenten, der den Auftrag zum Bau von Brasilia gegeben hatte, ist mit ihren eleganten Bögen eines der Wahrzeichen der Stadt.

Ponte Juscelino Kubitschek

Am nächsten Tag sind wir in der Werkstatt. Bruno und sein Kollege erwarten uns schon in freudiger Erwartung. Angeblich soll es nur  4 Landcruiser HzJ78 in ganz Brasilien geben. Da ist unser Yoda ein wahrer Leckerbissen für den Landcruiser Enthusiasten. Da Bruno fließend Englisch spricht, ist die Kommunikation perfekt. Er prüft sehr gründlich alle zu wartenden Teile. Es muss nichts ausgetauscht werden, obwohl die Intervalle teilweise schon deutlich erreicht oder überschritten sind. Auch nicht die Scheibenbremsen, wegen denen wir in Cusco mit viel Aufwand in der Werkstatt waren. Bruno amüsiert sich etwas über die perfektionistischen Deutschen, er hatte letzte Woche zwei Schweizer hier, die genauso gestrickt waren. Unser mobiles Ersatzteillager wird also nicht leerer. Olaf bekommt alles gründlich erklärt und lernt viel dazu. Das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen und eine Freude, die drei enthusiastisch bei der Arbeit zu beobachten. Mittags gehen wir in einem Supermarkt-Restaurant essen. Das gibt es hier häufig, angeboten wird ein sehr vielseitiges und gutes Buffett, der Preis wird ermittelt nach Gewicht.

In der Werkstatt von Bruno

Der Werkstattbesuch zieht bis 17 Uhr hin, obwohl wir uns nach eingehender Beratung, auch durch die Toyota-Werkstatt unseres Vertrauens in Deutschland, gegen einen Austausch des leicht Öl verlierenden Stoßdämpfers. Es wäre nur ein nicht komplett kompatibles Ersatzteil vorhanden, Koni-Autoteile gibt es in Brasilien nicht. Wir wollen die Reparatur auf Uruguay oder Paraguay verschieben, wo die Wahrscheinlichkeit für den Einbau von Koni-Dämpfern höher ist. Für die komplette Wartung durch 2 Personen mit je 10 Arbeitsstunden zahlen wir rund 200€ plus 100€ für neues Öl.

Am nächsten Tag sind wir bis Mittags beschäftigt. Olaf kümmert sich um Infos, wie er in Argentinien, Paraguay oder Uruguay an Ersatz-Stoßdämpfer kommt und ich organisiere die Betreuung meiner Mutter, die heute aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Sanctuario Dom Boco
Sanctuario Dom Bosco, Außenansicht

Ab dem frühen Nachmittag sind wir in der Innenstadt. Zunächst sehen wir uns die Kirche Santuario Dom Bosco an. Die Wände des schlichten, würfelförmigen Baus bestehen ausschließlich aus 80 schlanken Betonsäulen, die an die Hochgotik erinnernde Spitzbögen bilden. Die Zwischenräume sind komplett mit Glasquadern in 12 verschiedenen Blautönen bzw. in den Ecken in malvenfarbigen Tönen gefüllt. Sie erzeugen ein wunderbares Licht Hier einfach still zu sitzen und die kontemplative Atmosphäre wirken zu lassen, tut gut.

Fernsehturm an der monumentalen Achse im Zentrum
Das Zentrum Brasilias – Blick auf die Monumentale Achse vom Fernsehturm zum Nationalkongress, flankiert von den uniformen Blöcken der Ministerien

Die nächste Station ist der grazile Fernmeldeturm auf der zentralen Monumentalen Achse. Leider ist er wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, aber auch der Blick von diesen höchsten Punkt der Achse hinunter auf das Regierungsviertel mit ist ungemein beeindruckend. Irritierend sind immer noch überdimensionierten und daher die relativ leeren Straßen, die man trotz der enormen Breite gefahrlos queren kann. Der Fußweg endet an großen Kreuzungen öfters einfach im Nirgendwo oder führt mit großen Umwegen zum Ziel. Definitiv keine Stadt für Fußgänger.

Die Kathedrale Brasilias – Meisterwerk von Oskar Niemeyer
Das Nationalmuseum – wie ein gelandetes UFO

Wir laufen bis hinunter zur blütenförmigen Kathedrale und  der weißen Halbkugel des Nationalmuseums. Bei diesen Meisterwerken Niemeyers  ist die konsequente Umkehr der Prinzipien des Bauhaus besonders deutlich, denn hier dominiert die Form über die Funktion. Mit Uber sind wir bequem zum Stellplatz zurück. Am Abend bekommen wir noch von unserem sehr netten Platzwärter ein kleines Gitarrenkonzert mit Gesang vor unserem Auto.

Der Nationalkongress mit seinen Bürotürmen und den Halbkugeln der Plenarsäle für Senat und Kongress – Das Wahrzeichen Brasilias

Auch am nächsten Tag kommen wir erst spät los und sind um 11 Uhr zu unserem Besichtigungstermin im Nationalkongress. Das Wahrzeichen Brasilias mit der jeweils nach oben und nach unten gedrehten weißen Halbkugel zwischen den Zwillingstürmen beherbergt die Sitzungssäle des Kongresses und des Senats – ein föderales Zwei-Kammer-Prinzip ähnlich den USA oder Deutschland. In den beiden Hochhäusern sind die Büros der Volksvertreter untergebracht. So elegant-leicht die Gebäude über der spiegelnden Wasserfläche ringsherum erscheinen, so düster und fast muffig wirkt das Innere mit den dunklen Teppichen an Seitenwänden und Böden, eben typisch 60er Jahre. Sehr interessanter Kontrast.

Außenministerium – das Palacio Itamaraty scheint auf dem Wasser zu schweben
Justizpalast

Die benachbarten Regierungsgebäude, wie Justizpalast, Außenministerium und Präsidentenpalast sind sehr schlicht und filigran mit großen Fensterflächen und leicht wirkenden Betonstreben. Auch sie sind umgeben von Wasser, eine tolle Raumwirkung. Zum Abschluss besichtigen wir die Kathedrale von innen mit ihrer leuchtenden Glaskuppel. Die gesamte Stadt und besonders die in Ost-West-ausgerichtete Monumentalachse ist ein einziges Gesamtkunstwerk, bei dem wirklich jedes Detail beachtet wurde. So geht geht die Sonne z.b. direkt zwischen den Türmen des Nationalkongresses und hinter dem Fernmeldeturm auf und unter. Einzig Fußgänger und eine an das im Sommer extrem heiße Klima angepasste Bepflanzung hat man vergessen. Abends erleben wir wieder einmal einen dieser extremen Zufälle, in denen praktisch aus dem nichts eine Lösung auftaucht. Wir sitzen noch einmal am See in der Nähe der JK-Brücke und rätseln, wie wir die spanische Sprachnachricht eines Ersatzteilimporteuers aus Paraguay verstehen sollen, den Olaf wegen des Stoßdämpfers kontaktiert hatte. Da spricht uns zufällig ein netter Spaziergänger an, er kann etwas Deutsch und ausgezeichnet Englisch und Spanisch und übersetzt uns den Text. So einfach kann das Leben sein.

Unverhofft bleiben wir noch einen weiteren Tag in Brasilia. Der Gesundheitszustand meiner Mutter macht es erforderlich, dass ich möglichst schnell noch Deutschland zurückkehre. Von Brasilia aus gibt es gute Flugverbindungen mit der portugiesischen Airline TAP nach Lissabon und dann weiter nach Düsseldorf Ich buche für 630€ einen Flug am nächsten Nachmittag gegen 17 Uhr und bin dann planmäßig Sonntagmittag dort. Die Stunden gehen mit Organisation, Packen und Telefonaten rasch vorbei. Ab Mittag sind wir in der Innenstadt, gehen sehr gut essen und durchstreifen die Grünanlagen der Wohnblocks. Der Weg zur Kathedrale ist dann wieder ein Hindernislaufen über autobahnähnliche Erschließungsstraßen. Von dort geht es abends mit Uber zurück zum Stellplatz.

Wie schon in der Nacht zuvor schlafe ich nur sehr wenig. Noch immer verblüfft  uns die totale Unempfindlichkeit der Südamerikaner gegenüber jeder Art von Lärm. Vom Club de Bombaderos (Verein der Feuerwehr) gegenüber von unserem Stellplatz dröhnt nämlich von 22 bis 6 Uhr Musik in unglaublicher Lautstärke. Morgens bin ich wieder scheintot, beste Voraussetzungen für den langen Flug nach Deutschland. Mittags gehen wir nochmals in das schöne vegetarische Restaurant, dann setzt mich Olaf am Flughafen ab und fährt weiter Richtung Rio. Sein nächstes Ziel soll die 10 Fahrstunden entfernte Kolonialstadt Diamantina sein. So richtig realisieren kann ich es noch nicht, dass dieser Reiseabschnitt nach etwas mehr als 5 Wochen für mich dagegen ein abruptes Ende findet. Dankbar denke ich zurück. Es war eine wunderschöne Etappe mit vielen ganz besonderen Höhepunkten, wie Cusco, Machu Picchu, den Jaguaren im Pantanal und nicht zuletzt dem Stadtexperiment Brasilia. Vor allem tut es mir so leid für Olaf, dass er nun vorerst alleine weiterreisen muss. Mit Bangen denke ich aber auch daran, in welchem Zustand ich meine Mutter vorfinden werden. Alles nicht einfach. 

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