Annette ist für sechs Wochen von Santiago de Chile nach Deutschland geflogen. Ich fahre während dieser Zeit langsam mit unserem Toyota Landcruiser nach Arequipa im Süden Perus. Dort wollen wir uns wieder treffen. Im letzten Blogeintrag habe ich meine Tour von Santiago de Chile über die Küstenstadt Valparaiso und durch die Halbwüste und Küsten der sich nördlich anschließenden Region Norte Chico beschrieben.
Playa Los Amarillos
Ich vertrödele einen Tag am einsamen Strand Los Amarillos. Den gesamten zwei Kilometer langen und mehrere hundert Meter breiten Sandstrand habe ich für mich alleine. Die anfängliche geschlossene Wolkendecke löst sich im Laufe des Vormittags vollständig auf und es wird angenehm warm. Der Küstennebel dominiert hier, wo die Atacama bis unmittelbar an den Pazifik reicht, das Klima.
Google Gemini zum Küstennebel:
Das Phänomen des Küstennebels in Chile – dort lokal als Camanchaca bekannt – ist das Ergebnis eines faszinierenden Zusammenspiels aus Meeresströmungen, Winden und der besonderen Topographie der Andenregion.
Kurz gesagt: Der Nebel entsteht, weil eiskaltes Meerwasser auf milde, feuchte Luft trifft und diese abrupt abkühlt.
Hier sind die drei entscheidenden Faktoren, die dieses Wetterschauspiel an der Atacama-Küste antreiben:
1. Der Humboldtstrom und das Upwelling (Auftriebswasser). Die Basis für die Camanchaca legt der Humboldtstrom, eine kalte Meeresströmung, die antarktisches Wasser nach Norden entlang der chilenischen Küste transportiert. Durch ablandige Winde und die Corioliskraft kommt es zudem zum sogenannten Upwelling. Tiefes, extrem kaltes und nährstoffreiches Wasser steigt direkt vor der Küste an die Oberfläche.
2. Abkühlung und Kondensation. Über dem offenen, wärmeren Pazifik nimmt die Luft Feuchtigkeit auf. Wenn diese milden, feuchten Luftmassen nun durch die vorherrschenden Winde in Richtung chilenisches Festland getrieben werden, strömen sie direkt über den eiskalten Humboldtstrom. Die warme Luft kühlt von unten her schockartig ab. Da kalte Luft deutlich weniger Wasserdampf speichern kann als warme, wird der Taupunkt schnell unterschritten. Das Wasser kondensiert: Es bildet sich eine dichte, tiefe Wolken- und Nebelschicht über dem Meer.
3. Die Inversionslage als meteorologische „Falle“. Normalerweise wird Luft in der Atmosphäre nach oben hin kälter. In der Atacama-Region sorgt das dortige stabile Hochdruckgebiet jedoch dafür, dass Luftmassen aus großen Höhen absinken und sich dabei erwärmen. Dadurch entsteht eine Inversionsschicht: Eine warme Luftschicht liegt wie ein Deckel über der kalten, feuchten Nebelluft am Boden. Weil die kalte Luft schwerer ist, kann der Nebel nicht nach oben steigen. Er sitzt in der Falle – meist gefangen in einer Höhe zwischen 400 und 1.200 Metern – und wird vom Seewind landeinwärts gedrückt, wo er an den Hängen der Küstenkordillere hängen bleibt. Die Camanchaca kann zwar das ganze Jahr über auftreten, zeigt sich aber besonders intensiv, beständig und großflächig im chilenischen Spätfrühling und Sommer (etwa von November bis März). Das hat zwei Gründe:
1. Stärkere Temperaturkontraste. Im Sommer heizt sich das Landesinnere der Atacama-Wüste tagsüber extrem auf. Die Luft über dem Humboldtstrom bleibt dagegen eisig. Dieser enorme Temperaturunterschied verstärkt das thermische Tiefdruckgebiet über dem Land, welches die feuchte Nebelluft wie ein Staubsauger vom Meer landeinwärts zieht.
2. Beständige Winde. Der pazifische Antizyklon (das Hochdruckgebiet) ist im Sommer besonders stabil und sorgt für verlässliche Winde, die den Nebel exakt gegen die Küstenberge drücken. Im Winter ist der Temperaturunterschied zwischen Land und Meer geringer, weshalb sich der Nebel dann häufiger auflöst oder gar nicht erst die Intensität erreicht, um weit ins Landesinnere zu ziehen.
Ich gehe über den einige hundert Meter breiten feinen Sand zum Meer und wandere entlang der Wasserkante. An beiden Enden wird der Strand von Lavafelsen begrenzt. Die auf den Sand klatschenden Wellen sind durchaus kräftig, trotz, dass heute so gut wie kein Wind existiert. Ich stoße auf einige in Auflösung befindliche, auf dem Sand liegende Robbenkadaver. Mein Übernachtungsplatz liegt einige Meter oberhalb der riesigen Sandfläche in einem leicht hügeligen sandigen Gelände, das von scharfkantigen Lavafelsen durchsetzt ist. Unzählige Fahrspuren ziehen sich durch den Sand. Auch auf dem Sandstrand gibt es viele Spuren von Fahrzeugen. Der Sand kann durchaus weich sein und ein schweres Fahrzeug ordentlich einsinken lassen. Ich habe den Landcruiser daher nicht weit von einer festen Piste zum Übernachten abgestellt. Das Risiko, sich im Sand festzufahren, ist mir zu hoch. Ich habe keine Lust für eine längere Bergungsaktion mit Schaufel und Sandblechen.
Playa Los Amarillos
Wie ist die Lava an den Playa Los Amarillos gelangt? Hierzu habe ich Google Gemini befragt:
Die markanten, dunklen und oft scharfkantigen Felsformationen, die direkt an der Playa Los Amarillos sowie im gesamten Küstenstreifen rund um den Nationalpark Pan de Azúcar angetroffen werden, sind vulkanischen Ursprungs. Diese Felsen sind das Ergebnis einer dramatischen und Jahrmillionen alten Entstehungsgeschichte, die eng mit der Geburt der chilenischen Cordillera de la Costa (Küstenkordillere) verknüpft ist. Die Entstehung lässt sich im Wesentlichen durch drei Phasen erklären:
1. Das jurassische Rifting und Vulkanismus (vor ca. 150–200 Millionen Jahren).
In der Jura-Zeit war die Geometrie Südamerikas noch eine völlig andere. Die Erdkruste im heutigen Küstenbereich war extremen Dehnungskräften ausgesetzt (Extensions-Tektonik), wodurch tiefe Spalten aufrissen. Durch diese Dehnungszonen stiegen enorme Mengen Magma aus dem Erdmantel auf. An der Erdoberfläche – teils am damaligen Meeresboden, teils an flachen Küstenlinien – ergoss sich diese Lava als mächtige Lavaströme.
2. Schnelle Abkühlung im Meerwasser.
Da diese Vulkanausbrüche im unmittelbaren Küstenmilieu stattfanden, traf die glutflüssige Lava (mit Temperaturen um 1000 bis 1200 Grad Celsius) oft direkt auf kaltes Meerwasser oder wassergesättigtes Sediment. Das führte zu einer schockartigen Abkühlung. Dabei entstehen charakteristische, feinkörnige bis glasige Strukturen sowie Risse im Gestein.
3. Tektonische Hebung und maritime Erosion.
Über die folgenden Jahrmillionen änderte sich das tektonische Regime: Die pazifische Nazca-Platte schob sich (und schiebt sich bis heute) unter die Südamerikanische Platte. Dieser enorme Druck führte dazu, dass der einstige Meeresboden mitsamt den erkalteten Lavaströmen angehoben wurde und die heutige Küstenkordillere bildete.
Heute sieht man an der Playa Los Amarillos das spektakuläre Endergebnis: Die uralten, dunklen Lavagesteine stehen im direkten, harten Kontrast zu den deutlich jüngeren, hellen Sandablagerungen und den namensgebenden, gelblich-orangen, oxidierten Granitgesteinen (Playa Los Amarillos), die durch hydrothermale Prozesse und Verwitterung gefärbt wurden. Der Pazifik erodiert das ohnehin durch die schnelle Abkühlung klüftige Lavagestein unablässig, wäscht weichere Schichten heraus und hinterlässt die bizarren, zerklüfteten Riffe direkt am Flutsaum.
Im nur 20 Kilometer vom Playa Amarillos entfernten Ort Chañaral möchte ich meine Obstvorräte auffrischen. Letztlich erweist sich das als ziemlich schwierig. In einem kleinen Supermarkt gibt es überhaupt kein Obst und Gemüse und in dem einzigen Obst- und Gemüseladen ist die Auswahl sehr eingeschränkt und von einer schlechten Qualität, entsprechend gering fällt mein Einkauf aus. Finde ich nur nicht das richtige Geschäft oder gibt es in diesem Ort kein Obst und Gemüse? Ich fahre noch einmal zum Duschen zur Copec-Tankstelle. Auf dem Parkplatz der Tankstelle lungert eine Gruppe fahrenden Volkes herum und versucht, billigen Schmuck zu verkaufen. Mehrere Kleintransporter stehen auf dem Parkplatz, in denen sie scheinbar umherfahren und leben. In Rekordzeit dusche ich mich in der Sorge, dass sie versuchen werden, während meines Duschens etwas zu entwenden. Letztlich ist nichts passiert.
Vom Playa Los Amarillos zur Caleta Esmeralda
Ich fahre in den quais gleich um die Ecke liegenden Parque Nacional Pan de Azúcar. Da wir bereits auf der Fahrt nach Süden hier waren, fahre ich zügig durch den Park. Noch innerhalb des Nationalparks liegt die Quelle „Aguada Quinchihue“ nahe der Straße und hat in einem Graben das Wachstum von Pflanzen ermöglicht.
Parque Nacional Pan de Azúcar
Ich bin neugierig und befrage Google Gemini, wie hierher inmitten der völlig trockenen Wüste Wasser gelangt und erhalte folgende Antwort:
Auch wenn es in der Atacama-Wüste kaum regnet, gibt es im Hinterland und in den höheren Lagen der Kordillere seltene Niederschläge. Die besondere Geologie des Nationalparks Pan de Azúcar besitzt an bestimmten Stellen bruchhafte Zonen und hochgradig durchlässige Gesteinsschichten.
Das spärliche Wasser versickert in höheren Lagen im Boden, wandert als tiefes Grundwasser ungesehen Richtung Küste und stößt dort auf undurchdringliche Barrieren. Durch den Druck und die geologischen Gegebenheiten wird es an ganz spezifischen Punkten – den sogenannten Aguadas – wie einer natürlichen Quelle an die Oberfläche gedrückt. Das Wasser an der Aguada Quinchihue ist übrigens brackig (salzhaltig), weshalb dort hochspezialisierte Pflanzen wie das Salzgras (Distichlis spicata) gedeihen.
Da diese Quellen im absolut trockensten Teil der Welt so verlässlich sind, waren sie schon vor 8.000 Jahren Lebensadern für indigene Fischer und Sammler. Im 19. Jahrhundert, während des Kupferbooms in der Region, diente die Aguada Quinchihue als lebenswichtige Wasserstation für die Ochsenkarren-Karawanen, die das Erz zum alten Hafen von Pan de Azúcar transportierten.
Quelle im Parque Nacional Pan de Azúcar
Wenig später erreiche ich die Panamericana. Hier ist die wichtigste Nord-Südverbindung Chiles nur zweispurig ausgebaut. Ich biege nach kurzer Fahrt in die geteerte B-936 ab und dann in die ungeteerte Ruta B-944. Die entwickelt sich rasch zu einer üblen Wellblechpiste.
Piste auf dem Weg zur Caleta Esmeralda
Ich lasse 20 Prozent Luft aus den Reifen und trotzdem rappelt der Landcruiser enorm. Bei einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde wird der Wagen schließlich ruhiger, fliegt sozusagen über das Waschbrett. Plötzlich ist die Straße ganz glatt. Ich halte mal an und prüfe, ob ich auf Asphalt fahre, aber es ist nur ganz hart gefahrener Boden. Feuchtigkeit hat an dieser Stelle den Boden durch das Gewicht der Fahrzeuge zusammenbacken lassen. Wieder einmal ist es für ein kurzes Stück grün, ich durchfahre erneut eine „Aguada“. Ein Guanako steht mit seinem Nachwuchs im Grün und schaut neugierig zu mir herüber. Nach wenigen hundert Metern ist es bereits wieder staubtrocken. Plötzlich ist die Straße sogar geteert.
Die Landschaft ist von vielen kleinen kegelförmigen Hügeln durchsetzt, zwischen denen sich die Straße hindurchwindet. Erneut biege ich an einer Gabelung in eine weitere Straße ein. Sie hat in meiner Karte keine Nummer, heißt jedoch Camino a Islotes Fernandez Vial.
Piste auf dem Weg zur Caleta Esmeralda
Auch hier gibt es wieder eine Aguada, die einigen wenigen Pflanzen Leben ermöglicht. Ansonsten fahre ich durch ein trockenes Flussbett. In der Nähe des Pazifiks halte ich mich in Richtung Süden und folge in einem meistens größeren Abstand der Küstenlinie. Sie ist hier durch scharfkantige Felsen geprägt, Sandstrände gibt es nicht. Ich suche nach einem Übernachtungsplatz und bin überrascht, auf (relativ) viele Hütten von Tangsammlern zu stoßen. Immer, wenn Fahrspuren in Richtung Meer abzweigen, führen sie zu den einfachen Holzhütten von Tangsammlern. Endlich erreiche ich einen in der App iOverlander verzeichneten Übernachtungsplatz. Auch er liegt in Sichtweite zu Hütten, aber ich finde den Abstand ausreichend. Dieses Gelände ist mal nicht von Felsen durchsetzt und relativ eben. Ich stehe mit Blick auf die Brandung und sehe einen tollen Sonnenuntergang. Auf der Piste kommen ab und zu Pickups vorbei und einmal ein kleiner LKW, der hoch mit Tang beladen ist.
Caleta Esmeralda
Hütten von Tangsammlern an der Caleta Esmeralda
Exkurs mit Google Gemini zu den Tangsammlern:
Das Leben der Algueros (Tangsammler) an der kargen Pazifikküste der Atacama-Wüste ist eine faszinierende, aber auch extrem harte Nische der chilenischen Wirtschaft. Es ist eine Existenz am absolut äußersten Rand – geografisch, klimatisch und sozial. Dennoch ist dieses Leben in den einfachen Strandhütten („Ranchos“) kein reines Elend, sondern das Ergebnis einer harten ökonomischen Realität, die von globalen Märkten gesteuert wird. Die Tangsammler leben fast ausschließlich vom Export von Braunalgen. Chile ist einer der weltweit größten Exporteure dieses Rohstoffs. Die Algen werden nicht als Lebensmittel gesammelt, sondern für die internationale Chemie-, Kosmetik- und Lebensmittelindustrie. Aus ihnen wird Alginat gewonnen – ein hocheffizientes Geliermittel, das in Zahnpasta, Eiscreme, Textilfarben und Medikamenten steckt. Der Hauptabnehmer dieses Rohstoffs ist China.
Die Atacama bietet für den Trocknungsprozess die perfekten klimatischen Bedingungen. Die extreme Trockenheit, die unbarmherzige Sonne und die stetigen Winde trocknen den tonnenschweren Tang auf den Felsen und im Sand innerhalb kürzester Zeit – und das völlig kostenlos. Die Sammler verkaufen die getrockneten Algen nach Gewicht an Zwischenhändler, die regelmäßig mit Lastwagen die entlegenen Küstenabschnitte abfahren. Diese Händler bringen die Ware zu Schredderanlagen in den Küstenstädten (wie Antofagasta, Iquique oder Coquimbo), von wo aus sie verschifft wird. Das Einkommen ist extrem schwankend und hängt direkt vom aktuellen Weltmarktpreis und den asiatischen Aufkäufern ab. In guten Phasen lässt sich damit ein Einkommen erzielen, das über dem chilenischen Mindestlohn liegt. In schlechten Phasen oder bei Fangverboten reicht es kaum zum Überleben. Die einfachen Hütten aus Holz, Planen, Blech und Fischernetzen direkt in der Gezeitenzone wirken oft wie Elendsviertel. Für viele Algueros erfüllen sie jedoch einen rein pragmatischen Zweck. Der Tang muss sofort nach dem Anlanden oder Ernten aus dem Wasser gezogen und ausgebreitet werden. Jede Minute Transportweg im nassen, schweren Zustand kostet Kraft und Zeit. Viele Sammler sind registrierte Kleinfischer (Pescadores artesanales). Sie ziehen dorthin, wo das Meer gerade den meisten Tang anspült (oft nach Stürmen oder Schwell) oder wo die staatlichen Sammelquoten es erlauben. Feste Häuser würden sie an einen Ort binden. Das Land direkt an der Küste ist meist Staatsland. Feste Gebäude zu errichten ist dort illegal und würde vom chilenischen Seeamt (Armada) geräumt. Die temporären Hütten werden oft geduldet.
Die größte Herausforderung in diesem Abschnitt der Atacama ist nicht das Einkommen, sondern die „Überlebenslogistik“, da es an dieser Küste keinerlei natürliche Süßwasserquellen gibt. Alles Lebensnotwendige muss per Pick-up oder Lkw herbeigeschafft werden. Das Trinkwasser wird in großen Plastiktanks (Estanques) an den Hütten gelagert und muss teuer bezahlt werden. Strom gibt es nur über kleine Benzingeneratoren oder zunehmend über einfache, billige Solarpanels, die für etwas Licht und das Laden von Mobiltelefonen reichen. Obwohl man von der Algenernte leben kann, steht das System unter massivem Druck. Weil die Preise für das „grüne Gold“ zeitweise stark stiegen, wird nicht mehr nur angespülter Tang gesammelt (Recolección). Viele Sammler gehen mit Brechstangen ins Wasser und reißen die Algen direkt von den Unterwasserfelsen ab (Barreteo). Das zerstört die sensiblen Ökosysteme, da die riesigen Unterwasser-Tangwälder die „Kinderstube“ für unzählige Fisch- und Krebsarten sind. Die chilenische Fischereibehörde versucht regulierend einzugreifen und verhängt immer strengere Quoten und Sperrzeiten, was die wirtschaftliche Situation der Sammler in manchen Monaten extrem prekär macht.
Von der Caleta Esmeralda zur Playa Las Tortolas
Bis zum südlichen Ende der Stichstraße entlang der Caleta Esmeralda zu fahren, habe ich keine Lust. Ich erwarte keine großartigen Veränderungen in der Landschaft und fahre daher auf der kurvenreichen Piste mit reichlich Wellblech zurück. Einige kurze Abschnitte sind sehr steil. Ich schaue mir auch noch den nördlichen Zipfel der Straße an, die letztlich nur die Caleta Esmeralda für die Tangsammler erschließt. Wo die Piste vom Inland kommend sich nach Norden und Süden verzweigt, fahre ich heute nach Norden auf üblen Wellblech zur Küste. Die Einheimischen haben, in dem Bemühen, dem Wellblech auszuweichen, eine parallel verlaufende Piste angelegt, die ich natürlich auch benutze. An der Küste stoße ich wieder auf Hütten von Tangsammlern. Im Wasser liegt sogar ein kleines Motorboot.
Piste entlang der Caleta Esmeralda
In OpenStreetMap ist eine Piste entlang der Küste in nördlicher Richtung eingezeichnet, die zur nächsten Bucht, der Caleta Tigrillo führt. Auch von dort könnte ich zurück zur Teerstraße fahren. Allerdings ist auf einem kurzen Stück die Strecke als Fußweg in der Karte gezeichnet. Und tatsächlich endet recht schnell der Fahrweg an der Hütte eines Tangsammlers und von dort geht es nur noch auf einem Fußweg weiter. Ein Tangsammler schaut neugierig aus seiner Hütte, hierher wird sich vermutlich nie ein Fremder verirren. Also muss ich wieder zurück zur T-Kreuzung und durch das trockene Flusstal wieder hinauf zur Teerstraße. Von mehr als 200 Metern Breite verjüngt sich das Flusstal rasch auf nicht viel mehr als Fahrzeugbreite. Wenn hier mal Wasser strömt, möchte ich mich nicht im Flussbett aufhalten. In die geteerte, schmale Ruta D-911 biege ich nach Norden ein. Auch sie verläuft in vielen Kurven durch ein trockenes Flussbett. Steil ragen links und rechts die Wände des Tales auf, es ist eine sehr schöne Strecke, auf der ich niemandem begegne. Mit Erreichen der breiter ausgebauten B-938 endet das Tal und die Landschaft weitet sich.
Von der Caleta Esmeralda zur Playa Las Tortolas
Es geht an einer in Betrieb befindlichen Mine vorbei, die Ursache für einigen Lastwagenverkehr auf der Strecke ist. Ich biege erneut in eine Stichstraße zum Pazifik ein, ich habe ja Zeit. Auf der nur fünf Kilometer langen Stichstraße erreiche ich den Playa Cifuncho. Hier waren Annette und ich bereits auf unserer Fahrt nach Süden. Damals war Ferienzeit und entlang des Sandstrandes reihten sich die Zelte chilenischer Urlauber aneinander. Jetzt ist hier überhaupt nichts los. Ich stoppe hier für eine Mittagspause. Ein kräftiger, kalter Wind kommt vom Meer und gestaltet meinen Aufenthalt nicht sehr gemütlich. Mein nächstes Ziel ist der Playa Las Tortolas. Mangels einer Straße entlang der Küste muss ich dorthin erneut einen größeren Bogen durchs Inland fahren. Der Sandstrand des Playa Las Tortolas ist wunderschön, in nördlicher Richtung geht er in wild gezackte weiße Felsen über. Ich bin überrascht, auf dem Strand einen chilenischen Camper stehen zu sehen. Er hat einen auffaltbaren Wohnwagen und davor Partyzelte gegen den starken, kalten Wind aufgebaut. Während der chilenischen Urlaubszeit scheint hier Hochbetrieb zu herrschen, überall liegen Unmengen Müll herum.
Playa Las Tortolas
Vom Playa Las Tortolas zum Mirador El Cobre
Auf geteerter Straße geht es weiter entlang der Pazifikküste nach Taltal. Unterwegs lese ich eine Anhalterin auf, die auch nach Taltal möchte. Sie gehört zur indigenen Gruppe der Mapuche und ist ein Jahr älter als ich, also 68 Jahre alt. Ich erkläre ihr, dass ich nur sehr wenig Spanisch spreche, aber das stoppt kaum ihren Redefluss. Vieles muss ich erraten. Sie ist sehr dick angezogen und sagt, heute wäre es kalt, während ich im T-Shirt neben ihr sitze.
Ein kleiner Exkurs zu den Mapuche:
Die Mapuche sind die größte indigene Gruppe in Chile und Argentinien, deren Name übersetzt „Menschen der Erde“ bedeutet. Sie sind bekannt für ihren tiefen Respekt vor der Natur (Ñuke Mapu) und ihren historischen Widerstand gegen die spanischen Eroberer. Heute bewahren sie ihre Kultur, Sprache (Mapudungun) und Traditionen, während sie zugleich für die Rückgabe ihrer angestammten Territorien eintreten.
Traditionell leben sie in eng verbundenen Familiengemeinschaften, den Lofs. Die Beziehung zur Natur prägt ihren Alltag; Landwirtschaft, Kräuterkunde und traditionelles Kunsthandwerk sind tief in ihrer Kultur verwurzelt.
Seit Jahrzehnten stehen die Mapuche in Konflikten mit Regierungen und Großunternehmen (vor allem in der Forstwirtschaft). Es geht um den Schutz von heiligem Land und die Rückgabe von Gebieten, die ihnen im 19. Jahrhundert genommen wurden. Während die meisten Mapuche friedlich leben, gibt es radikalisierte Gruppen, die in bestimmten Regionen (wie La Araucanía) direkte Aktionen und Guerilla-Taktiken zur Durchsetzung ihrer Forderungen anwenden.
In Taltal lasse ich meine Anhalterin vor dem Bankgebäude heraus. Bei der Gelegenheit entdecke ich die Plaza de Armas, die wir vor zwei Monaten auf dem Weg nach Süden übersehen haben. Der Platz ist ein grünes Idyll. Hohe Bäume wachsen hier und viele Blumen. Die Alten sitzen im Schatten auf den Bänken und quatschen. Wenn man aus der Wüste kommt, ist soviel Grün schon etwas Besonderes.
Dazu Google Gemini:
Taltal bezieht sein Wasser aus einer Kombination aus moderner Technik und historischer Infrastruktur. Ein Großteil des heutigen Brauch- und Trinkwassers wird über eine moderne Entsalzungsanlage (Planta Desalinizadora) gewonnen. Zusätzlich wird Wasser über eine Pipeline aus der Oase Agua Verde, die weiter landeinwärts liegt, in die Stadt geleitet. Dass die Plaza de Armas und einige Gebäude im Ort so repräsentativ und großzügig angelegt sind, liegt an Taltals Geschichte als einstiger Wohlstands- und Boomtown. Während des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts war Taltal ein bedeutender Exporthafen für Salpeter (Nitrat). Mit dem Reichtum der „Nitrat-Barone“ wurde auch die städtische Architektur und die Gestaltung des zentralen Platzes finanziert.
Obwohl es an der Küste fast nie regnet, birgt die geografische Lage Taltals extreme Risiken. Bei seltenen, aber heftigen Wetterereignissen in den Bergen kann es zu Sturzfluten und Schlammlawinen (Aluviones) kommen. Solche Ereignisse haben in der Vergangenheit bereits die kritische Infrastruktur – einschließlich der Pipelines und der Wasserversorgung der Stadt – schwer beschädigt oder für Tage unterbrochen.
Ruta 1 ab Taltal entlang der Küste nach Norden
Ich fahre weiter auf der Ruta 1 entlang der Küste. Die Küstenlinie wird nun von steil aufragenden Schotterhalden begrenzt. Sie reichen manchmal bis ans Meer. Wenn ein schmaler Uferstreifen vorhanden ist, stehen dort oft Hütten von Fischern und Tangsammlern. In Paposo biegt der Hauptverkehr auf die Ruta B-710 ins Landesinnere zur Ruta 5 ab. Die Ruta 1 bleibt weiterhin an der Küste, ist jedoch deutlich schmaler und es gibt kaum noch Verkehr. Ganz selten begegne ich nun mal einem Fahrzeug. Schließlich zweigt auch die Ruta 1 ins Landesinnere ab. Entlang der Küste führt noch für wenige Kilometer eine Dirtroad, die ich natürlich erkunden muss. Sie ist in einen steilen Schotterhang gebaut. Bald biegt auch sie ins Landesinnere ab. Hier soll laut der App iOverlander ein Übernachtungsplatz am Meer liegen. Er erweist sich jedoch als reine Notlösung, die unmittelbar am Weg liegt und zudem nur aus einer sehr schrägen groben Schotterfläche besteht. Trotzdem, dass es bereits 17 Uhr ist, beschließe ich, hier nicht zu bleiben und weiter der Dirtroad ins Landesinnere zu folgen. Die Piste führt durch eine gigantische Schlucht mit steil aufragenden Seitenwänden. Überall liegen Felsklötze, die irgendwann mal von oben heruntergestürzt sind. In Kehren windet sich die erstaunlich breite Piste steil aufwärts durch die Schlucht. Warum hat man hier eine derart breite Piste mit so viel Aufwand gebaut? Kein Fahrzeug kommt mir entgegen. Nach vielen Kilometern sehe ich riesige Abraumhalden einer Mine und das Rätsel der Piste klärt sich auf. Ich fahre weiter aufwärts und finde endlich auf 1200 Metern Höhe eine von Baggern geebnete Fläche neben der Fahrbahn. Ich stehe quasi direkt unterhalb des Mirador Caleta el Cobre. Er liegt allerdings 500 Höhenmeter über mir, die ich mir für Morgen aufspare.
Von der Pazifikküste aufwärts zum Mirador El Cobre
Mirador el Cobre
Von der Pazifikküste aufwärts zum Mirador El Cobre
Noch vor dem Frühstücken fahre ich die wenigen Kilometer und 500 Höhenmeter hoch zum Mirador. Oben angekommen, weht ein frischer Wind, sodass ich mal wieder meinen Tee im Landcruiser trinke, immerhin mit Blick auf den sich unter einer Wolkendecke verbergenden Pazifik, was auch seinen Reiz hat. Mein Aussichtspunkt auf 1725 Metern Höhe liegt hingegen bereits in der Sonne und den Haferbrei kann ich schon in der Sonne essen, da der Wind rasch einschläft. Nur drei Fahrzeuge kommen während meines Aufenthalts am Mirador el Cobre vorbei. Ein chilenisches Pärchen stoppt für ein Frühstückspicknick und schenkt mir zwei hartgekochte Eier. Mit einem Motorradfahrer aus Antofagasta unterhalte ich mich länger, obwohl es mit der Übersetzer-App mühsam ist. Er möchte mich unbedingt für alle möglichen Sehenswürdigkeiten nördlich von Antofagasta begeistern. Schließlich nehme ich einen kleinen Ortswechsel vor. Ich fahre zurück zu der Stelle, wo die heute gefahrene Piste in die geteerte Ruta B-700 einmündet. Kurz vor der Einmündung verzweigt sich die Dirtroad und ich möchte versuchen, idort irgendwo einen einsamen Aussichtspunkt auf den Pazifischen Ozean zu finden. Nach wenigen Minuten Fahrt sehe ich dann auch schon, dass auch diese Piste ihr Dasein einer Mine zu verdanken hat. Tatsächlich finde ich einen guten Aussichtspunkt auf einem Hügel, zu dem ein Stichweg hinaufführt. Hier sehe ich genauso viel wie auf dem Mirador el Cobre, bin jedoch ganz alleine und beschließe spontan, hier heute Abend den Sonnenuntergang zu erleben. Der Sonnenuntergang wird ein würdiger Abschluss des beschaulichen Tages. Über dem Meer liegt wieder eine geschlossene Wolkendecke. Ich schaue von oben auf die Wolkendecke und sehe die Sonne blutrot über den Wolken untergehen.
Blick auf die über dem Pazifik untergehende Sonne von einem Übernachtungsplatz in der Nähe des Mirador El Cobre
Vom Mirador el Cobre nach Maria Elena
Ruta 1 in der Nähe des Mirador El Cobre
Die Sonne ist noch ein wenig hinter den Bergen, da bereits am frühen Morgen der Wind. Wieder einmal trinke ich den Tee im Landcruiser, da der Wind und die noch fehlende Sonne es draußen nicht gemütlich machen. Als die Sonne schließlich scheint, sitze ich halbwegs im Windschatten hinter dem Wagen. Gemütlich ist das jedoch nicht, da es unter dem Landcruiser hindurch weht. Ich fahre von meinem alternativen Aussichtspunkt über die Ruta B-700 zur Panamericana (Ruta 5). Sie ist hier zweispurig ausgebaut. Am Abzweig zur Hafenstadt Antofagasta hat sich viel Industrie links und rechts der Panamericana angesiedelt. Es sind alles verstaubte Fabriken, die durch den hier vorherrschenden Nebel gespenstisch aussehen. Dazu Google Gemini:
Bei dem großen Industriegebiet, das sich an der Ruta 5 direkt am wichtigen Abzweig nach Antofagasta erstreckt, handelt es sich um den Industriepark „La Negra“. Es ist ein gigantisches, rund 2.400 Hektar großes Industrie- und Logistikzentrum, das vor allem zwei Hauptzwecke erfüllt:
1. Zulieferer und Dienstleister für den Bergbau
Da die Region Antofagasta das Herz des chilenischen Kupfer- und Lithiumbergbaus ist (hier befinden sich weltberühmte Minen wie Escondida oder Chuquicamata), haben sich in La Negra über 100 Unternehmen angesiedelt, die direkt für die Minen arbeiten. Dazu gehören Schwerlast- und Logistikunternehmen für die Wartung, Lagerung und Transport von riesigen Bergbaufahrzeugen, Spezialmaschinen und Sprengstoffen. Und Industrieunternehmen für Maschinenbau und Metallverarbeitung mit Werkstätten, die Großkomponenten für die Förderbänder, Mühlen und Bagger der Minen fertigen oder reparieren. Auch chemische Industrie für die Lagerung und Verarbeitung von Schwefelsäure und anderen Prozesschemikalien, die für die Kupfererz-Extraktion benötigt werden.
2. Großlogistik und der Bi-Ozeanische Korridor
Durch die strategische Lage direkt an der Kreuzung der Panamericana mit den Zufahrtsstraßen zu den Häfen von Antofagasta und Mejillones fungiert das Gebiet als riesiger Umschlagplatz. Es gibt Güterbahnhöfe, da sich hier die Schienennetze verbinden, die Erze aus den Anden zu den Häfen transportieren.
Das Zukunftsprojekt „Corredor Bioceánico“: La Negra wird massiv ausgebaut, um als zentraler Logistikhub für den Warenverkehr zwischen dem Atlantik (Brasilien/Paraguay/Argentinien) und dem Pazifik zu dienen. Unter anderem gibt es dort ein eigenes, zollfreies Areal für Waren aus Paraguay. Wenn man dort vorbeifährt, sieht man kilometerweit riesige Werkshallen, Freilagerflächen mit tonnenschwerem Bergbau-Equipment, zahllose Lkw-Flotten sowie markante Anlagen zur Zement-, Kalk- und Chemie-Verarbeitung (wie etwa große Werke von Inacesa). Es ist im Grunde der „Maschinenraum“ hinter Chiles gigantischer Kupferindustrie.
Im weiteren Verlauf ist die Ruta 5 bis zum Abzweig zur Berbaustadt Calama vierspurig. Nicht selten sehe ich gigantische Schwertransporter auf der Straße, die zum Beispiel die riesigen in den Minen eingesetzten Muldenkipper transportieren. Überhaupt reihen sich zwischen La Negra und Calama die Lastwagen auf der Panamericana aneinander. Fast der gesamte Schwerverkehr biegt in die Straße nach Calama ab. Auf der nun wieder zweispurigen Panamericana geht es wieder etwas beschaulicher zu. Die Landschaft ist sehr öde, es ist ziemlich flach und ziemlich heiß. Weder die Landschaft noch die Temperatur laden zu einer längeren Pause ein. Im Stehen esse ich einen Apfel und eine Banane und fahre weiter. Mein Ziel ist die Geisterstadt Oficina Pedro de Valdivia. Dazu Google Gemini:
Die Oficina Pedro de Valdivia ist eine der faszinierendsten und geschichtsträchtigsten Geisterstädte in der Atacama-Wüste im Norden Chiles. Sie liegt in der Region Antofagasta, etwa 15 Kilometer östlich von María Elena und unweit der Ruta 5. Im Gegensatz zu den älteren, bekannteren Humberstone- und Santa-Laura-Werken repräsentiert Pedro de Valdivia (oft einfach Pedro genannt) die absolute Spät- und Blütezeit der chilenischen Salpeterindustrie.
Pedro de Valdivia wurde 1931 in Betrieb genommen. Sie war die vorletzte große Salpeter-Oficina, die in Chile gebaut wurde. Bis in die 1920er-Jahre wurde Salpeter mit dem ineffizienten Shanks-Verfahren unter hohem Krediteinsatz und Brennstoffverbrauch gekocht. In Pedro de Valdivia setzte man von Anfang an auf das revolutionäre Guggenheim-Verfahren. Dadurch konnten auch minderwertige Erze im großen Stil mechanisiert und kostengünstig bei Umgebungstemperaturen ausgelaugt werden. Zu Spitzenzeiten war Pedro de Valdivia keine einfache Arbeitersiedlung mehr, sondern eine hochmoderne, autarke Stadt in der Wüste mit über 14.000 Einwohnern.
Die Oficina war eine streng hierarchisch organisierte Welt, die komplett vom Betreiber (zuletzt der staatlichen SQM) kontrolliert wurde. Die Architektur spiegelt das bis heute wider: Es gab das Viertel der Arbeiter und das exklusivere Viertel der meist ausländischen Ingenieure und Chefs. Trotz der Isolation inmitten der trockensten Wüste der Welt bot die Stadt eine erstaunliche Infrastruktur:
Ein großes Krankenhaus (eines der modernsten der Region zu dieser Zeit).
Ein prachtvolles Theater und ein großes Kino.
Sportanlagen, darunter ein Freibad und ein großes Fußballstadion.
Eine eigene Kirche, Schulen und ein Marktplatz, der das gesellschaftliche Herzstück bildete.
Die Menschen entwickelten eine völlig eigene Identität – die Kultur der Pampinos. Da die Firma eigenes Geld herausgab, das nur in den werkseigenen Läden gültig war, war das Leben dort ein in sich geschlossenes Ökosystem.
Während die meisten alten Oficinas bereits in den 1950er- und 1960er-Anlagen schlossen, hielt sich Pedro de Valdivia extrem lange. Die eigentliche Siedlung wurde erst 1996 komplett geräumt, da die Betreiberfirma SQM die Logistik und die Arbeiter in der nahegelegenen Stadt María Elena konzentrieren wollte. Die Produktionsanlagen selbst liefen sogar noch einige Jahre länger als reine Jod- und Nitratwaschanlagen weiter. Heute steht Pedro de Valdivia unter Denkmalschutz. Es ist eine monumentale Geisterstadt. Während die Wohnhäuser der Arbeiter aus Holz und Wellblech im rauen Wüstenklima stark gelitten haben, sind die zentralen Beton- und Steinbauten rund um die Plaza – wie die Kirche, die Schule und das Theater – noch erstaunlich gut erhalten.
Geisterstadt Oficina Pedro de Valdivia
Mir gefällt die Anlage nicht, trotz ihrer oben beschriebenen Bedeutung. Es ist eigentlich eine gigantische Siedlung einstöckiger Baracken, vermutlich die ehemaligen Arbeiterunterkünfte. Der Fabrikkomplex ist abgesperrt und kann nicht besichtigt werden. Kirche, Theater und Kino sind verschlossen. Das Museum ist extrem rudimentär und schon fast ein Witz. Einzig der zentrale Platz wird gepflegt. Dort wachsen dank Bewässerung Pflanzen. Das war es auch schon. Der Ort Maria Elena liegt nur wengie Kilometer von Pedro entfernt. Dort finde ich in einem weiträumigen Gelände einen Übernachtungsplatz.
Während ich vor dem Landcruiser sitze, gibt es plötzlich ein lautes Donnern wie von einem Gewitter und der Wagen wird durchgeschüttelt. Der Boden wankt heftig. Zum Glück sitze ich in einer Ebene, wo nichts einstürzen kann. Nur sich öffnende Risse in der Erde wären blöd gewesen. Sonst kann hier eigentlich nichts passieren. Die Schlösser an den Wasserkanistern des Landcruisers bewegen sich heftig durch die Vibration der Erde hin und her. Zuerst dachte, in einer nahen Mine, die vielleicht hinter einem der kleinen Hügel in meiner Nähe liegt, wird gesprengt. Im Internet lese ich später, dass ich mich nur 100 Kilometer östlich vom Epizentrum des Bebens befinde, das östlich von Calama gewesen sein soll. Mit einer Magnitude von 6,8 ist es sogar ein schweres Erdbeben. Es ereignete sich in einer Tiefe von knapp 103 Kilometern.
Ich frage Google Gemini zu dem Hintergrund des von mir wahrgenommenen lauten Donnerns:
Dieses tiefe, unheimliche Grollen oder Donnern – im Fachbereich oft Erdbebenbrechen oder seismischer Brummton genannt – ist ein bekanntes Phänomen, das viele Menschen bei starken Erdbeben erleben. Dass es sich in María Elena wie ein Gewitter angehört hat, liegt an einem physikalischen Übersetzungsprozess von der Erde in die Luft. Das Ganze funktioniert im Grunde über zwei Hauptmechanismen:
1. Die Transformation von Erd- in Luftschall
Wenn sich die seismischen Wellen (insbesondere die schnellen Primärwellen) vom Erdbebenherd nach oben fressen und die Erdoberfläche erreichen, bewegen sie den Boden vertikal – also rauf und runter. Die Erdoberfläche wirkt in diesem Moment wie die riesige Membran eines gigantischen Lautsprechers. Sie drückt die direkt darüber liegende Luftmasse zusammen und dehnt sie wieder aus.
Ein Großteil der Energie eines Erdbebens liegt in einem Frequenzbereich, den wir Menschen gar nicht hören, sondern nur als Erschütterung spüren können (Infraschall). Ein kleiner Teil der Wellen hat jedoch eine Frequenz von über 20 Hertz. Sobald diese Schwingungen auf die Luft übertragen werden, werden sie für unser Gehör als extrem tiefer, dumpfer Schall wahrnehmbar – eben wie das ferne Donnern eines Gewitters.
2. Das Zerreißen des Gesteins in der Tiefe
Ein weiterer Teil des Geräusches entsteht direkt an der Quelle. Wenn kilometerdicke Gesteinsschichten unter gigantischem Druck plötzlich nachgeben, aneinander vorbeischrammen oder brechen, erzeugt das eine gewaltige akustische Kulisse. Da der Schall durch festes Gestein extrem schnell transportiert wird (bei P-Wellen mit rund 5 bis 7 Kilometern pro Sekunde), kann dieses akustische Signal der Bruchzone die Oberfläche sogar kurz vor den spürbaren, langsameren Schüttelwellen (S-Wellen) erreichen. Das erklärt, warum man das Grollen oft Sekunden vor dem eigentlichen Hauptbeben hört.
Warum war es in María Elena so intensiv?
María Elena liegt in der Pampa del Tamarugal, einer Wüstenhochebene. Der Untergrund hier besteht teilweise aus mächtigen Sedimenten und Salzstrukturen. Solche lockeren oder geschichteten Böden können seismische Wellen lokal noch einmal verstärken. Das führt dazu, dass die Erdoberfläche noch stärker in Schwingung gerät und der „Lautsprecher-Effekt“ für die Luft besonders intensiv ausfällt.
Ich recherchier am nächsten Morgen nach den Auswirkungen des Bebens. Augenzeugen aus Calama berichteten auf seismologischen Plattformen von einem „langen, rollenden“ Beben, schwankenden Gebäuden und klirrendem Geschirr. Dass trotz der hohen Magnitude von 6,8 keine nennenswerten Schäden oder schweren Zerstörungen gemeldet wurden, liegt vor allem an der großen Herdtiefe von über 100 Kilometern. Die Erde fängt die Energie bei tiefen Beben deutlich besser ab, als wenn das Zentrum dicht unter der Erdoberfläche liegt. In Calama waren 22.000 Haushalte ohne Strom und 3.000 ohne Trinkwasser wegen eines geplatzten Hauptwasserrohrs. Es gab Schäden in Supermärkten, eine Vorsorgeevakuierung der Bergarbeiter bei der Minera Zaldívar, Steinschläge auf der Straße zwischen Antofagasta und Calama, sowie Staubwolken über Chuquicamata.
291 Kilometer.
Ein Meer aus glatt geschliffenen Felsen bei Maria Elena
Auf der Ebene rund um meinen Übernachtungsplatz liegen viele glatt geschliffene Steine in allen Größen bis zu ungefähr einem Meter Durchmesser. Das hat laut Google Gemini folgende Ursache:
Diese glatt geschliffenen Steine, die man in der chilenischen Wüsten- und Halbwüstenlandschaft findet, verdanken ihr Aussehen und ihre Lage einer faszinierenden Kombination aus urzeitlichem Wasser und ständigem Wind.
Es sind geologische Zeugen aus einer Zeit, als diese heute extrem trockene Region ein völlig anderes Klima hatte. Hier sind die drei entscheidenden Prozesse, wie diese Steine so glatt wurden und dort gelandet sind:
1. Der Schliff durch urzeitliche Flüsse und Schlammströme
Die grundlegende, runde Form haben die Steine fast immer dem Wasser zu verdanken. Vor Jahrtausenden (oder gar Jahrmillionen) war das Klima in dieser Region deutlich feuchter. Bei Gletscherschmelzen oder heftigen Regenperioden in den nahen Anden schossen gewaltige Wassermassen und Schlammströme die Hänge hinab in die Ebene. Auf dem Weg wurden die Steine kilometerweit mitgerissen, prallten aneinander und rieben gegen den Untergrund. Dabei wurden Ecken und Kanten systematisch abgerundet. Dass die Steine bis zu einem Meter groß sind, zeigt, mit welcher enormen Energie diese Ur-Flüsse oder Schlammlawinen damals in die Ebene geschossen sind.
2. Der Feinschliff durch Wind und Sand
Nachdem das Wasser verschwand und die Region austrocknete, übernahm der Wind die Arbeit. In den chilenischen Ebenen weht der Wind oft stark und beständig aus einer Richtung. Der Wind wirbelt feine Sandkörner auf, die knapp über dem Boden fliegen. Diese Sandkörner prallen ununterbrochen gegen die herumliegenden Steine. Dieser Prozess wirkt wie ein industrielles Sandstrahlgebläse. Er schleift die Oberflächen der Steine extrem glatt, oft sogar glänzend. Steine, die durch diesen Windsand-Schliff geformt wurden, nennt man in der Geologie Ventifakte.
Von Maria Elena zum Punto Chileno an der Ruta 1
Gestern habe ich gemerkt, dass ich bei den in der Atacama herrschenden Temperaturen zwischen Sonnenauf- und untergang nur unentwegt fahren kann. Mal Mittags eine Stunde vors Auto setzen oder einen Nachmittag irgendwo verbringen ist nicht möglich. Dafür ist es zu heiß. Daher beschließe ich, von Maria Elena über die Ruta 24 zurück zur Pazifikküste zu fahren. Die 24 erreicht die Küste bei der kleinen Hafenstadt Tocopilla. Bis dorthin geht es auf einer ziemlich kurvenfreien, geteerten Straße mit wenig Verkehr durch eine endlose Ebene. Schließlich führt die Straße kurvenreich durch ein enges Tal 1000 Höhenmeter hinunter zum Meer. Tocopilla wird von verrosteten Hafenanlagen beherrscht. Einige wenige Frachtschiffe liegen auf dem Meer vor Anker. Immerhin gibt es einen größeren Supermarkt, in dem ich Yoghurt und Chiabattabrötchen kaufen kann. Ich finde sogar einen Shop mit Agua Purificada, wo ich 20 Liter Trinkwasser auffüllen kann. Die beiden Männer im Geschäft sind so begeistert von dem Kunden aus Deutschland mit seinem Landcruiser, dass sie bitten, mich gemeinsam mit ihnen vor dem Wagen ablichten zu lassen. Auf einer etwas heruntergekommenen Promenade am Meer esse ich meine Brötchen und dann geht es weiter über die Ruta 1 nach Norden. Sie ist geteert und führt kurvenreich entlang der gleich neben der Straße steil aufragenden Küstenlinie nach Norden. Nach kurzer Fahrt ist die Straße wegen Bauarbeiten gesperrt. Ich komme mit dem Fahrer des vor mir stehenden Pickups ins Gespräch. Er besitzt einen Vertrieb von Süßigkeiten, die er bis nach Europa und in die USA verkauft und ist geschäftlich bereits viel in der Welt herumgekommen, war in Neuseeland, vielen Ländern Europas, in den USA und auch in Asien. In Deutschland kennt er Köln und diverse andere Städte. Ich bin erstaunt. Wegen eines längeren Aufenthaltes in den USA spricht er sehr gut Englisch. Eine Stunde müssen wir nach seiner Aussage warten, bis die Straße wieder frei ist. Dann darf jedoch erst der Gegenverkehr fahren und wir müssen nochmals mehr als eine halbe Stunde warten. Den für heute anvisierten Übernachtungsplatz kurz vor Iquique werde ich ohne Hektik nicht mehr erreichen können. Ich übernachte schließlich am Punta Chileno, der noch 2,5 Fahrstunden von Iquique entfernt liegt. Es handelt sich um eine große, von kleinen Hügeln durchsetzte sandige Fläche zwischen Straße und Meer. Wegen der Hügel kann ich von der Straße aus nicht gesehen werden.
Übernachten an der Steilküste zwischen Tocopilla und Iquique
Ich informiere mich bei Google Gemini zu diesem Küstenabschnitt:
Die Steilküste zwischen Tocopilla und Iquique wird geografisch als Costa Acantilada (Steilküste) bezeichnet. Geomorphologisch ist dieser Abschnitt weltberühmt, da hier das chilenische Küstengebirge (Cordillera de la Costa) praktisch schnurgerade und fast senkrecht direkt ins Meer abfällt. Man spricht dabei von einem Faro Costero (Küstenkliff).
Die Felswände ragen oft völlig unvermittelt 300 bis über 500 Meter steil aus dem Pazifik auf. Es gibt kaum nennenswerte flache Küstenstreifen, weshalb die Städte Tocopilla und Iquique selbst auf sehr engen, marinen Terrassen eingezwängt sind. Die Küstenstraße (Ruta 1), die beide Städte miteinander verbindet, gilt als eine der spektakulärsten Panoramastraßen Südamerikas. Sie wurde mühsam in den Fuß dieser gigantischen Steilwand geschlagen. Da die Steilwand wie eine Barriere wirkt, prallt die feuchte Meeresluft der berüchtigten Camanchaca (der dichte Küstennebel) direkt gegen die Felsen und sorgt dort für ein ganz spezielles Mikroklima mit Wüsten-Kakteen und Flechten, während es unten am Wasser komplett arid ist.
Vom Punto Chileno an der Ruta 1 nach Pozo Almonte an der Ruta 5
Zwei Stunden fahre ich vom Punto Chileno entlang der Steilküste „Costa Acantilada“ bis nach Iquique.
Info zur Steilküste zwischen Tocopilla und Iquique (Google Gemini):
Geomorphologisch ist dieser Abschnitt weltberühmt, da hier das chilenische Küstengebirge (Cordillera de la Costa) praktisch schnurgerade und fast senkrecht direkt ins Meer abfällt. Man spricht dabei von einem Faro Costero (Küstenkliff).
Die wichtigsten Merkmale dieser Strecke:
Die Felswände ragen oft völlig unvermittelt 300 bis über 500 Meter steil aus dem Pazifik auf. Es gibt kaum nennenswerte flache Küstenstreifen, weshalb die Städte Tocopilla und Iquique auf sehr engen, marinen Terrassen eingezwängt sind. Die Küstenstraße (Ruta 1), die beide Städte miteinander verbindet, gilt als eine der spektakulärsten Panoramastraßen Südamerikas. Sie wurde mühsam in den Fuß dieser gigantischen Steilwand geschlagen. Da die Steilwand wie eine Barriere wirkt, prallt die feuchte Meeresluft der berüchtigten Camanchaca (der dichte Küstennebel) direkt gegen die Felsen und sorgt dort für ein ganz spezielles Mikroklima mit Wüsten-Kakteen und Flechten, während es unten am Wasser komplett arid ist.
Das gewaltige Küstenkliff ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus plattentektonischen Kräften, Erdbeben und extremer Aridität (Trockenheit) über Jahrmillionen. Drei Hauptfaktoren haben dieses Naturwunder geformt:
1. Die tektonische Hebung (Die treibende Kraft)
Die chilenische Küste liegt direkt an einer der aktivsten Subduktionszonen der Erde. Hier schiebt sich die ozeanische Nazca-Platte mit hoher Geschwindigkeit (ca. 6–7 cm pro Jahr) unter die kontinentale Südamerikanische Platte. Dieser immense Druck führt nicht nur zur Entstehung der Anden, sondern drückt auch den westlichen Rand der Südamerikanischen Platte – die heutige Küstenkordillere – wie eine riesige Barriere nach oben. Das Gestein selbst besteht hier oft aus sehr alten, harten vulkanischen Abfolgen (der jurassischen Formación Tocopilla oder Juana), die dieser Hebung standhielten, anstatt flach abgetragen zu werden.
2. Marine Abrasion und gigantische Hangschutzeffekte
Bevor das Kliff seine heutige Höhe erreichte, nagte der Pazifik unaufhörlich an der Basis der aufsteigenden Küstenkette.
Die Brandung (Abrasion): Das Meer wirkte wie eine riesige Säge. Es untergrub die ansteigenden Felswände an der Basis.
Großflächige Kollapse: Sobald die Unterhöhlung zu stark oder die Hebung zu steil wurde, kam es – oft getriggert durch die schweren Erdbeben der Region – zu gigantischen Felsstürzen und Rutschungen. Ganze Bergflanken brachen ab und stürzten in den Ozean. Dadurch wanderte die Küstenlinie stückweise nach Osten zurück, während die Wand nahezu vertikal blieb.
3. Das „Konservieren“ durch die Atacama-Wüste
Warum ist das Kliff so extrem steil geblieben und nicht zu sanften Hügeln erodiert? Der Schlüssel liegt im Klima. Die Atacama-Wüste ist die trockenste Wüste der Erde (abgesehen von den Polargebieten) und das schon seit mindestens 10 bis 15 Millionen Jahren. Da es hier so gut wie nie regnet, gibt es keine nennenswerten Flüsse, Bäche oder Sturzbäche, die Täler in das Kliff graben oder die Kanten abrunden könnten. Die klassische Verwitterung durch Wasser fehlt fast völlig. Das Kliff wurde durch die Trockenheit quasi im Zustand seines Abbruchs „konserviert“.
Ein dynamischer Prozess: Marine Terrassen
Wenn man die Strecke zwischen Tocopilla und Iquique fährt, bemerkt man, dass die Straße oft auf einem schmalen, flachen Streifen Land direkt zwischen dem Kliff und dem Meer verläuft. Diese schmalen Küstenebenen sind sogenannte marine Terrassen. Sie entstehen, weil die Hebung der Küste nicht gleichmäßig verläuft, sondern in ruckartigen Schüben bei schweren Erdbeben. In Phasen relativer Ruhe spült das Meer eine flache Plattform in den Fels. Beim nächsten Megathrust-Erdbeben wird diese Plattform angehoben und wird trockenes Land, während die Brandung darunter anfängt, die nächste Stufe in den Fuß des gigantischen Kliffs zu fressen.
Der flache Küstenstreifen wird allmählich immer breiter. Es schließt sich ständig die mehrere hundert Meter hohe Steilwand an. Nach kurzer Fahrt passe ich einen Kontrollpunkt. Es heißt, die Region rund um Iquique sei zollfrei und deshalb würde hier kontrolliert. Ich muss noch nicht mal meinen Ausweis zeigen, bekomme lediglich einen Stempel in mein TIP und kann ohne weitere Kontrollen weiterfahren. In Iquique fahre ich zu Omar Miqueles. Er betreibt eine kleine Werkstatt und ist eine der wenigen Anlaufstellen in Chile, die ausländische Gasflaschen auffüllen. Dazu schließt er meine Gasflasche an seine auf dem Kopf stehende große Gasflasche an. Ich kann auch meine noch in Gebrauch befindliche Flasche auffüllen lassen.
Iquique ist eine sehr große Stadt, die sich auf den schmalen ebenen Saum zwischen Steilhang und Meer zwängt und auch schon ein wenig in den Hang gebaut ist. Der Hang wird jedoch rasch so steil, dass sich bei geschätzten 80 Grad beim besten Willen keine Häuser hineinbauen lassen. Es führen jedoch einige Straßen durch den Hang hinauf. Oben gibt es noch den Ortsteil Alto Hospicio. Dann verläuft die vierspurige Straße in Richtung Osten zur Panamericana. Nach kurzer Fahrt treffe ich auf eine junge Frau, die mit ihrem Wagen liegengeblieben ist. Das gesamte Kühlwasser ist ausgelaufen. Sie ist fast am Heulen. Ich schleppe sie ca. 40 Kilometer bis zur Panamericana ab und ruiniere mir dabei mein noch nie gebrauchtes Abschleppseil an einer scharfen Kante ihres Fahrzeugs. Bei der Einmündung in die Ruta 5 liegt der Ort Pozo Almonte. Dort setze ich sie ab und übernachte bei einer etwas außerhalb liegenden Copec-Tankstelle, wo auch viele LKW stehen. Endlich kann ich hier mal wieder warm duschen und ziehe frische Kleidung an. Im klimatisierten Restaurant der Tankstelle esse ich einen Hotdog und arbeite am Notebook.
Von Pozo Almonte an der Ruta 5 nach Arica
Panamericana zwischen Pozo Almonte und Arica
Es ist überraschend ruhig auf dem Parkplatz für die LKW. Sie fahren nicht, wie ich befürchtet hatte, alle schon sehr früh los. Ich trinke noch einen Kaffee im Restaurant der Tankstelle und dann geht es 260 Kilometer auf der Ruta 5 durch die Atacama nach Norden. Es gibt keine Tankstellen und auch keine Städte oder Orte entlang der Strecke. Zunächst fahre ich durch eine endlose Ebene ohne Vegetation. In einem Bereich stehen jedoch Bäume, die so regelmäßig angeordnet sind, dass sie angepflanzt zu sein scheinen. Ich befrage dazu Google Gemini:
Es handelt sich um die Reserva Nacional Pampa del Tamarugal. Dieses Areal ist eines der bemerkenswertesten Aufforstungsprojekte in einer der trockensten Regionen der Erde und umfasst heute fast eine Million Bäume auf rund 24.000 Hektar.
Dass in dieser extrem lebensfeindlichen Umgebung überhaupt ein Wald existieren kann, liegt an einer Kombination aus einer besonderen Baumart und der spezifischen Geologie der Region:
– Der Tamarugo-Baum (Prosopis tamarugo): Dieser endemische, dornige Baum ist ein absoluter Überlebenskünstler. Er gehört zu den Tiefwurzlern (Phreatophyten). Seine Wurzeln wachsen extrem tief in den Boden, um direkt an das Grundwasser zu gelangen. Zudem ist er extrem salztolerant – er wächst auf Böden, die für fast alle anderen Pflanzen giftig wären.
– Ein unterirdisches Wasserspeichersystem: Die Pampa del Tamarugal ist ein riesiges Sedimentbecken. Das Regen- und Schmelzwasser, das in den östlich gelegenen Anden fällt, fließt unterirdisch in die Ebene herab. Dort sammelt es sich in relativ geringer Tiefe unter einer harten Salzkruste (oft nur wenige Meter unter der Oberfläche).
– Die künstliche Pflanzmethode: Da die Erdoberfläche knochentrocken und von einer harten Salzschicht bedeckt ist, mussten die Bäume tatsächlich künstlich gepflanzt werden. Die Arbeiter brachen die dicke Salzkruste auf, hoben Pflanzlöcher aus, füllten diese mit fruchtbarerem Boden und setzten die Setzlinge ein. In den ersten Monaten wurden die jungen Pflanzen künstlich bewässert. Sobald die Wurzeln die Grundwasserschicht erreicht hatten, versorgte sich der Wald komplett von selbst.
– Der historische Hintergrund: Ursprünglich gab es hier einen natürlichen Tamarugo-Wald. Während des großen Salpeter-Booms im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde dieser Wald jedoch fast vollständig abgeholzt, da das Holz als Brennstoff für die Salpeter-Raffinerien (wie die nahegelegenen Geisterstädte Humberstone und Santa Laura) genutzt wurde. Die heutigen, schnurgeraden Baumreihen sind das Ergebnis massiver staatlicher Wiederaufforstungsprogramme ab den 1930er bis 1960er Jahren, um das Ökosystem vor dem endgültigen Verschwinden zu retten.
Lastwagen auf der Panamericana in enem gigantischen Flusstal zwischen Pozo Almonte und Arica
Mit meinem Vorankommen nach Norden sind allmählich quer verlaufende Schluchten zu durchfahren. Der Abstand der Schluchten bzw. Täler wird zunehmend kürzer und die Schluchten werden immer tiefer. Bei Cuya treffen sich zwei gigantische Schluchten, deren Talboden 700 Meter unterhalb des sonstigen Levels der Atacama auf nur noch 100 Metern Höhe fast Meereshöhe erreicht. Schließlich erreiche ich die große Hafen- und Grenzstadt Arica. Ich übernachte auf dem Camping Belem Arica, der in Richtung Grenze nicht weit vom Meer entfernt liegt.
Grünes Flusstal in der Atacama zwischen Pozo Almonte und Arica
Von Arica über die chilenisch-peruanische Grenze nach Tacna
Chilenische Hafenstadt Arica an der Grenze zu Peru
Nur wenige Minuten vom Campingplatz entfernt liegt der Grenzübergang nach Peru. Hier sind wieder die Büros der chilenischen und peruanischen Zollbeamten nebeneinander angeordnet und sie sind sogar in der Reihenfolge platziert, in der man sie abarbeiten muss. Zunächst geht es zur Migración von Chile, wo ich den Ausreisestempel erhalte. Es folgt meine Einreise nach Peru. Ich bekomme wieder eine Aufenthaltsdauer von 90 Tagen. Dann laufe ich zur Adana von Chile, wo das TIP (temporäre Einfuhrerlaubnis) für den Landcruiser beendet wird und gleich daneben sitzt der peruanische Beamte, der mir ein TIP über 90 Tage für Peru ausstellt. Es folgt die Kontrolle des Fahrzeugs durch den peruanischen Zoll. Hier geht es scheinbar in der Hauptsache darum, ob ich frische Lebensmittel einführe, was strikt verboten ist. In den Innenraum schauen sie gar nicht, wollen aber einen Blick in die Dachbox werfen. Ich versichere, dass sie nur Werkzeug enthält und angesichts dessen, dass eine Leiter gebraucht wird, lassen sie mich fahren. Ich möchte nicht, dass sie durch die Luke im Dach klettern und dort auf den Solarzellen herumturnen. Nach einer Stunde liegt die Grenze hinter mir. Das war sehr schnell. Ich fahre noch eine Dreiviertelstunde nach Tacna und bin dort schon sehr früh auf dem Camping Elvis, den wir schon bereits während unserer Fahrt nach Süden benutzt haben. Arequipa liegt noch fünf Fahrstunden entfernt mit kaum Übernachtungsmöglichkeiten. Daher werde ich diese Strecke erst morgen fahren.
Panamericana nördlich von Tacna
Von Tacna nach Arequipa
Ich fahre über die 15 nach Norden. Es ist die selbe Strecke, die wir auf unserem Weg nach Süden genommen haben. Sie führt durch eine vegetationslose Wüste. Lediglich in den wenigen quer zur Fahrtrichtung verlaufenden Tälern können Pflanzen wachsen. In weiten Bereichen ist die Straße gerade mit wenig Kurven. Bei der Ortschaft Moquegua fahre ich durch ein grünes Tal mit dem wasserführenden Rio Moquegua. Vom Ort sehe ich nichts, da die 15 an ihm vorbei führt. Nördlich des Ortes geht es kurvenreich durch ein enges Tal. Der Ort Cruz Misionera liegt mitten in der Wüste und besteht nur aus schachbrettartig angeordneten Staubstraßen mit ganz einfachen kleinen Häusern, die eher wie Baracken aussehen. Neben diesem Ort liegt ein riesiges Solarfeld.
Dazu Google Gemini:
Das Vorhandensein des Ortes Cruz Misionera mitten in der kargen Pampa de la Clemesí (nördlich der Straßenkreuzung bei Thakkar an der Route 15) mag auf den ersten Blick mitten im „Nichts“ überraschen. Seine Existenz lässt sich jedoch durch eine Kombination aus Geografie, Infrastrukturgeschichte und jüngsten Entwicklungen erklären:
1. Der historische Knotenpunkt im Wüstenbecken
Bevor das riesige Solarfeld Central Solar Fotovoltaica Rubí im Jahr 2018 in Betrieb genommen wurde, war diese Gegend keineswegs völlig unbedeutend. Die Pampa de la Clemesí liegt strategisch günstig auf einer Hochebene (ca. 1400 m ü. d. M.) zwischen den Ausläufern der Küstenkordillere und dem tiefen Tal von Moquegua. Der Name Cruz Misionera (Missionskreuz) verweist auf eine jahrhundertealte Tradition in dieser Region Perus: An alten Handels- und Karawanenwegen (die teils noch aus der Epoche des kolonialen Maultierhandels und davor stammen) wurden an markanten Geländepunkten, Pässen oder Weggabelungen Kreuze errichtet. Diese dienten den Reisenden in der lebensfeindlichen Wüste sowohl zur spirituellen Andacht als auch als überlebenswichtige geografische Orientierungspunkte. Um dieses namensgebende Kreuz herum bildete sich eine kleine Ansiedlung.
2. Weidewirtschaft und temporäre Siedlungen
Auch wenn die Landschaft extrem trocken ist, handelt es sich um eine typische peruanische Pampa. In unregelmäßigen Abständen – oft bedingt durch Klimaphänomene wie El Niño – kommt es in diesen Höhenlagen zu kurzem, spärlichem Grünwuchs (Lomas oder Wüstenvegetation). In der Vergangenheit nutzten Ziegenhirten und lokale Bauern solche kleinen Oasen oder spärlichen Brunnenpunkte als temporäre Stützpunkte.
3. Der moderne Boom durch das Solarprojekt „Rubí“ I
hre heutige, auf Satellitenbildern deutlicher erkennbare Struktur verdankt die Siedlung maßgeblich der Energieinfrastruktur. Als Enel Green Power die Anlage Rubí – zeitweise das größte Solarkraftwerk Perus mit über einer halben Million Paneelen – errichtete, wurde die Pampa schlagartig zum Logistikzentrum. Für den Bau und den laufenden Betrieb einer solchen Megaanlage mitten in der Wüste braucht es:
– Zufahrtswege und Logistikbasen: Die Route 15 und die Stichstraßen nach Norden wurden für schwere Transporte ertüchtigt.
– Unterkünfte und Versorgung: Während der Bauphase lebten Hunderte Arbeiter in temporären Camps vor Ort. Ein Teil dieser Strukturen bleibt oft als Wartungsstützpunkt erhalten oder zieht informellen Service (kleine Kioske, Mechaniker, Unterkünfte) nach sich, die von der strategischen Lage direkt neben dem Kraftwerksgelände profitieren.
Ortschaft Cruz Misionera an der Panamericana zwischen Tacna und Arequipa
Entlang der Ruta 15 sehe ich viele kleine unbewohnte Häuser. Sie bestehen nur aus einem gemauerten Raum mit einem Flachdach. Ringsum gibt es keine Vegetation und kein Wasser. Ich befrage Google Gemini nach deren Bewandtnis:
Diese oft winzigen, kargen und unbewohnt wirkenden Häuschen aus Ziegeln oder Betonsteinen, die man in Peru entlang von Wüstenstraßen – wie der Route 15 in der Pampa de la Clemesí oder an der Panamericana – sieht, erfüllen einen ganz bestimmten, primär rechtlichen Zweck.
Man nennt sie im peruanischen Spanisch oft „Casitas de posesión“ (Besitzhäuschen). Sie dienen nicht dem Zweck, darin zu wohnen, sondern sind ein Instrument der informellen oder halblegalen Landnahme (Invasión de tierras).
Der rechtliche Hintergrund: Warum baut man dort?
Hinter diesen Hütten steckt das peruanische Gewohnheitsrecht und spezifische Gesetze zur Regelung von Landbesitz (Prescripción Adquisitiva de Dominio). Wenn staatliches oder ungenutztes Land besetzt wird, gilt im peruanischen Recht vereinfacht: Wer das Land sichtbar nutzt und bebaut, kann nach einigen Jahren ein dauerhaftes Nutzungs- oder Eigentumsrecht (Besitzstand/Posesión) geltend machen.
Da ein reines Abstecken mit Holzpfählen oder Schnüren im Wüstensand schnell verweht oder leicht von Behörden ignoriert wird, bauen die Menschen diese Steinhäuschen. Sie sind der unmissverständliche, physische Beweis für: Dieses Stück Land ist beansprucht, hier steht ein festes Fundament.
Warum wirken sie so leer und verlassen?
Strategisches Minimum: Die Errichtung kostet Geld. Um das Recht zu wahren, reicht das absolute Minimum: vier Wände, oft nicht einmal verputzt, manchmal ohne Dach, Fenster oder Türen und meist nur ein einziger, winziger Raum.
Keine Infrastruktur: In diesen Abschnitten der Pampa gibt es keinerlei Wasser-, Abwasser- oder Stromanschlüsse (selbst das Dorf Pampa Clemesí direkt neben dem riesigen Solarpark kämpft seit Jahren um den finalen Netzanschluss). Ein dauerhaftes Leben ist dort ohne extremen logistischen Aufwand unmöglich.
Die „Wächter“-Taktik: Die Eigentümer wohnen meist in den umliegenden Städten (wie Moquegua oder Tacna) oder stammen aus den Hochlandregionen wie Puno. Sie kommen oft nur sporadisch – manchmal nur einmal pro Woche oder im Monat – vorbei, um nach dem Rechten zu sehen, damit die Hütte nicht von konkurrierenden Landbesetzern oder staatlichen Baggern abgerissen wird.
„Casitas de posesión“ (Besitzhäuschen) an der Panamericana bei Cruz Misionera
Hinter den Häuschen stehen zwei unterschiedliche Motivationen:
Hoffnung auf Agrarland oder Expansion: Lokale Kooperativen und Zuzügler hoffen, dass das Land irgendwann durch staatliche Projekte bewässert wird oder die Städte expandieren, sodass sie rechtmäßig Landwirtschaft oder Gewerbe betreiben können.
Spekulation und Grundstückshandel (Tráfico de terrenos): Das ist die Kehrseite. Informelle Organisationen besetzen strategische Flächen entlang von Hauptverkehrswegen oder in der Nähe von Großprojekten (wie eben dem Solarpark Rubí). Sobald das Land durch die Infrastruktur an Wert gewinnt, versuchen sie, ihre „Besitzrechte“ teuer an Logistikunternehmen, Agrarbetriebe oder den Staat zu verkaufen, wenn dieser die Straßen erweitern will.
Weiter nordwärts wurden kilometerlang Pflanzen auf beiden Seiten der Ruta 15 angepflanzt. Der Hintergrund von Google Gemini:
Wenn man auf der Route 15 weiter nach Norden fährt (Richtung Torata / Moquegua), bewegt man sich im direkten Einflussbereich einer der weltweit größten und modernsten Kupferminen der letzten Jahre: Quellaveco (betrieben von Anglo American in Kooperation mit Mitsubishi).
Die kilometerlangen, akkurat gezogenen Pflanzenreihen links und rechts der Straße sind Teil eines ambitionierten Umwelt- und Kompensationsprojekts der Mine, das unter dem Namen „Quellaveco deja Huella Verde“ (Quellaveco hinterlässt einen grünen Fußabdruck) läuft. Dass dort in der kargen Landschaft plötzlich so systematisch aufgeforstet wird, hat im Wesentlichen drei Gründe:
Um die Genehmigung für ein gigantisches Tagebauprojekt wie Quellaveco zu erhalten, verpflichten die peruanischen Umweltbehörden (wie die OEFA und das Umweltministerium) die Minenbetreiber zu strengen Kompensationsmaßnahmen. Da durch den Minenbau andine Ökosysteme in den höheren Lagen beeinträchtigt wurden, muss das Unternehmen an anderer Stelle – unter anderem entlang der logistischen Hauptachsen wie der Route 15 – großflächig neue Grünzonen schaffen. Das erklärte Ziel des Projekts ist es, über 100 Hektar Land komplett neu zu bewirtschaften.
2. Erosionsschutz und Staubbindung
Wo schwere Minen-Lkw und Versorgungsfahrzeuge über die Straßen und Pisten rollen, wird unweigerlich Staub aufgewirbelt. Die kilometerlangen Pflanzstreifen direkt am Straßenrand fungieren als natürliche Staub- und Windbarrieren. Sie verhindern, dass der Wüstenwind den feinen Sand auf die Fahrbahn weht (was die Sicht und Fahrsicherheit gefährden würde), und binden gleichzeitig die Emissionen des Verkehrs. Zudem stabilisieren die Wurzelwerke den kargen Wüstenboden gegen Erosion bei den seltenen, aber heftigen Starkregenereignissen (Huaycos).
3. Was wird dort gepflanzt?
Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man oft, dass jedes Pflänzchen an ein ausgeklügeltes, computergesteuertes Tröpfchenbewässerungssystem angeschlossen ist. Ohne dieses würde in dieser Trockenheit nichts überleben. Gepflanzt werden vor allem extrem widerstandsfähige, einheimische Baumarten wie die Queñua (Polylepis) und der Cole (Tecoma fulva). Diese Pflanzen stammen aus einem eigens dafür errichteten, vollautomatisierten „Bio 4.0“-Invernadero (einem Hightech-Gewächshaus) direkt auf dem Minengelände. Dort werden die Setzlinge mit digitaler Überwachung von UV-Strahlung und Feuchtigkeit herangezogen, um eine Überlebensquote von über 75 % nach dem Aussetzen in der Wüste zu garantieren. Als Dünger wird unter anderem Kompost genutzt, der aus den organischen Abfällen der riesigen Minen-Arbeiterküchen gewonnen wird – ein geschlossener Kreislauf. Es handelt sich hierbei also nicht um ein landwirtschaftliches Projekt von lokalen Bauern, sondern um eine hochtechnisierte, milliardenschwere ökologische Visitenkarte der modernen Bergbauindustrie direkt am Wegesrand.
In vielen Kurven geht es über 900 Höhenmeter durch ein enges Seitental hinab zum Rio Tambo. Er fließt hier nur noch auf einer Höhe von 120 Metern, führt Wasser und ermöglicht sogar den Anbau von Reis. Der Hintergrund:
Dass der Río Tambo an der Brücke der Route 15 (auf rund 120 Metern Höhe) selbst in dieser extremen Wüstenregion noch so viel Wasser führt, dass im breiten Tal üppige grüne Reisfelder bewirtschaftet werden können, ist ein faszinierendes hydrologisches Phänomen. Es grenzt an ein kleines Wunder, da der Fluss auf den letzten 100 Kilometern vor seiner Mündung in den Pazifik praktisch keinen einzigen Tropfen Regen mehr erhält.
Das Wasser kommt fast ausschließlich aus den Hochanden (Puna), Tausende Meter über der Wüste, und legt eine lange Reise durch ein riesiges Einzugsgebiet zurück. Die Hauptquellen teilen sich in drei Bereiche auf:
1. Das „Wasserschloss“ der Hochanden (4.000 bis über 5.500 m)
Das Einzugsgebiet des Río Tambo ist gigantisch (über 13.000 km²) und reicht hinauf bis in die schneebedeckten Gipfel der Westkordillere an den Grenzen der Regionen Moquegua, Puno und Arequipa. Regen- und Schneeschmelze: In den Höhenlagen über 4.000 Metern gibt es – im Gegensatz zur Küste – eine ausgeprägte Regenzeit (von Januar bis März). Schnee, Hagel und heftige Niederschläge speisen dort oben unzählige Bäche.
2. Die Bofedales (Hochlandmoore)
Diese riesigen, torfhaltigen Feuchtgebiete in den Anden wirken wie gigantische natürliche Schwämme. Sie saugen das Wasser während der Regenzeit auf und geben es in den trockenen Monaten (Mai bis November) ganz langsam und kontinuierlich ab. Dadurch wird der Fluss das ganze Jahr über stabil mit Wasser versorgt.
3. Die großen Quellflüsse
Der Río Tambo entsteht nicht aus einer einzigen Quelle, sondern bildet sich im Hochland von Moquegua durch den Zusammenfluss mächtiger Gebirgsflüsse. Dazu gehören der Río Ichuña, der Río Coralaque und der Río Vagabundo/Titire. Diese Flüsse schneiden sich tief durch die vulkanisch geprägten Hochtäler und vereinen sich weiter unten zum eigentlichen Río Tambo, der sich dann seinen Weg durch die tiefe Wüstenschlucht bricht.
4. Menschengemachte Regulierung mit der Talsperre Pasto Grande
Die Natur allein würde dafür sorgen, dass der Fluss im peruanischen Sommer (Januar–März) gigantische Hochwasser führt, im Winter aber stark austrocknet. Um den Reisanbau im nachgelagerten Valle de Tambo ganzjährig zu sichern, greift der Mensch massiv in den Wasserhaushalt ein. Wichtigstes Puzzleteil ist das Pasto-Grande-System. Hoch oben in den Bergen fängt eine riesige Talsperre die Wassermassen der Regenzeit auf. Über ein ausgeklügeltes System aus Kanälen und Tunneln wird dieses Wasser kontrolliert abgelassen. Es fließt teilweise in die Flusssysteme ab, die letztlich den Río Tambo speisen. Auch neuere Infrastrukturprojekte der Region (wie das von der Mine Quellaveco als Kompensationsmaßnahme errichtete Vizcachas-Reservoir) fangen Überschusswasser der Regenzeit auf, um es in der Trockenzeit gezielt für die Landwirtschaft im Tambo-Tal abzugeben.
Flussoase am Rio Moquegua nördlich von Tacna
Warum wird gerade Reis angebaut?
Reis benötigt enorm viel stehendes Wasser. Dass die Bauern im Valle de Tambo trotz der Wüstenlage ausgerechnet Reis anbauen, liegt an der Kombination aus:
Der ständigen Wasserzufuhr aus den Anden.
Den hohen Temperaturen und der intensiven Sonneneinstrahlung auf 120 m Höhe, die phänomenale Ernteerträge ermöglichen.
Einziger Haken der Region: Da viele der Quellflüsse (wie der Río Titire oder der Coralaque) an geothermalen Quellen und Vulkanen wie dem Ubinas vorbeifließen, ist das Wasser von Natur aus sehr stark mit Mineralien, Bor und Arsen belastet. Der Reis verträgt diese Zusammensetzung erstaunlich gut – für die Trinkwasserversorgung der umliegenden Orte ist die geologische Fracht des Flusses jedoch seit Jahrzehnten eine große Herausforderung.
Vulkan El Misti bei Arequipa
Ich erreiche die Region bei Arequipa und sehe nun erstmals die hohen Vulkane bei der Stadt. Während unseres letzten Aufenthaltes war es andauernd bewölkt, sodass wir überhaupt nichts von ihnen gesehen haben. Es sind der 6025 Meter hohe Chachani, der 5900 Meter hohe Fatima, der 5840 Meter hohe Angel und der in größerer Entfernung davon stehende 5822 Meter hohe Bilderbuchvulkan Misti. Sie überragen Arequipa um ungefähr 4000 Meter!
Vulkane bei Arequipa
Ich kämpfe mich durch die Stadt zum Hostel und Camping Las Mercedes. An die rücksichtslose Fahrweise der Peruaner muss ich mich erst einmal wieder langsam gewöhnen. Dieses ständige Überholen in völlig riskanten oder sinnlosen Situationen, das Schneiden der Bahn und Drängeln ist das extremste Fahrverhalten, das mir bisher in einem Land begegnet ist.
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