Grand Lake – Encampment

Vor uns liegt eine lange Tagesetappe mit vielen zu bewältigen Höhenmetern, daher wollen wir am 28.6. früh aus Grand Lake aufbrechen. Da der Aufenthaltsraum des Campingplatzes noch abgesperrt ist, frühstücken wir kurzerhand im warmen Duschraum!

245 Kilometer auf dem CDT von Grand Lake nach Encampment
245 Kilometer von Grand Lake nach Encampment

Die ersten 16 km führen uns durch den Rocky Mountain National Park. In den frühen Morgenstunden haben wir den Park noch für uns, genießen die gut ausgebauten Wege – und können ein Elchpärchen bei deren Frühstück beobachten! Doch nach kurzer Zeit strömen wahre Besucherschwärme in den Park, zwar sehen wir noch ein paar weitere Elche – die sind den Trubel wohl gewohnt – aber wir sind froh, schon bald wieder alleine zu sein.

Unsere erste Begegnung mit Elchen im Rocky Mountain National Park

In der Never Summer Wildernis geht es stetig bergauf, 1000 Höhenmeter auf den Bowen Pass, und das ironischer Weise bei einer wahnsinnigen Hitze. Wieder treffen wir auf einen Elch, diesmal können wir die Begegnung richtig in Ruhe genießen.

Am nächsten Tag kommen wir schon nach wenigen Kilometern von Weg ab, die Beschilderung CDT war falsch. Zum Glück bemerken wir unseren Fehler erst so spät, dass wir beschließen weiter bis zu einer Forststraße zu laufen, um dann über den Highway zurück zum Trail zu Hitchhiken. Denn kaum kommen wir an der Forststraße an, geht Speedys heimlicher Traum in Erfüllung: Von der Veranda eines Blockhauses ruft uns eine Frau zu, ob sie uns helfen könne den Weg zu finden, sie habe auch gerade frische Muffins gebacken… So werden wir herzlich zum zweiten Frühstück auf die Vagabond Ranch eingeladen. Das ältere Ehepaar ist es inzwischen gewohnt, verirrte CDT Hiker auf ihrem Grundstück zu finden. Wir bekommen eine Rundfahrt über die Ranch, jede Menge zu Essen mit auf den Weg gegeben (eine Familienpackung Humus!), und eine exklusive Fahrt bis zum Trail zurück! Die Ranch ist ein absoluter Traum, herrlich einsam gelegen, urig und gemütlich. Wir sind überwältigt von der unkomplizierten Herzlichkeit mit der wir empfangen wurden. Wie gut es sein kann, sich zu verlaufen…

Unsere Gastgeberin auf der Vagabond Ranch. Again: thank you so much for your hospitality on Vagabond Ranch!

Zurück auf dem Trail beschließen wir, zum ersten Mal getrennte Wege zu gehen: Dreamwalker will unbedingt der Hauptroute über Parkview Mountain folgen, Speedy will lieber die deutlich längere aber viel leichtere Alternative außen rum über die Forststraße gehen. Nachmittags kommt Speedy als Erste am vereinbarten Treffpunkt an. Als nach fast einer Stunde warten Dreamwalker noch immer nicht auftaucht, beschließt Speedy ihr entgegen zu gehen. Der Rucksack bleibt am vereinbarten Treffpunkt stehen. Fast 400 Höhenmeter steigt sie dafür den Berg wieder steil hoch (was ohne Rucksack herrlich leicht geht), keine Spur von Dreamwalker. Mittlerweile ist es schon 18:30 Uhr, sie macht sich ernsthaft Sorgen. So lange kann man für die Strecke eigentlich nicht brauchen. Aber weiter suchen wäre sinnlos, bald wird es dunkel. Sie muss zurückgehen. Unterwegs malt sich das Gehirn schon die schlimmsten Szenarien aus. Doch welch ein Glück…. dort unten am Treffpunkt steht Dreamwalker und hat schon das Zelt aufgebaut. Eine ungeheure Erleichterung! Da es mit dem starken Wind einfach unmöglich und viel zu gefährlich war den schmalen Grad über den Berg zu laufen, musste Dreamwalker nach 1,5 Stunden steilen Anstieges wieder umkehren und auch die alternative Route um den Berg herum nehmen.

Der nächste Tag verläuft schön unspektakulär, einige Hügel und viele umgefallene Bäume gilt es zu überqueren. Nachts wird es wieder so kalt, dass das Zelt gefriert. Zum Glück können wir es uns leisten, später als gewöhnlich loszulaufen. Denn am vierten Tag haben wir einen “nero“ (nearly zero) day eingeplant, an dem wir nur bis zur Straße laufen und dann zum Einkaufen nach Steamboat hitchhiken wollen. Wir fallen in den örtlichen Walmarkt ein, in der Kundentoilette waschen wir uns notdürftig und klauen hervorragendes zweilagiges (!) Klopapier. Nach einem Großeinkauf und Festmahl auf dem Grünstreifen hinter einer Bushaltestelle hitchen wir zurück zum Trail. Ausnahmsweise lassen wir einen Teil des Trails aus: 20km verläuft hier der CDT direkt auf dem stark befahrenen Highway, das wollen wir uns nicht antun und setzen die Wanderung nun am Rabbit Ears Pass fort.

Wir zelten direkt am trailhead, am nächsten Tag geht es weiter. Wieder wird es unglaublich heiß. Wir laufen über saftige Wiesen mit sumpfigen Seen und lichten Wäldern, fast wie in Finnland, auch mit der entsprechenden Menge an Mücken. Speedy nimmt natürlich trotzdem ein erfrischendes Bad in einem Sumpfsee! Abends erklimmen wir noch eine Hochfläche mit wunderbarer Aussicht auf die umliegenden Berge und Täler, ein Waldrand in der Nähe sorgt für diesiges, bräunliches Licht.

Abschied von den hohen Bergen Colorados

Am nächsten Tag kommen wir ein letztes Mal in die “richtigen“ Berge mit schroffen Felsgipfeln, es gibt sogar noch vereinzelte Schneefelder zu queren, die Wiesen sind voller Blumen. Mittags steigen wir ins Tal ab, auf der Forststraße ist die Hitze kaum zu ertragen. Auch ein kurzes Gewitter und Schauer helfen nicht. Das nächste Tal, in das wir kommen, ist unfassbar deprimierend, fast alle Bäume sind von Borkenkäfern und Waldbrand getötet, ein wahres Mikado aus Baumstämmen bedeckt den Boden, die noch stehenden Bäume sind umsturzgefährdet. Wir sind müde, doch hier lässt es sich nicht zelten. Zum Glück finden wir noch eine gute Stelle direkt an einem Fluss.

Der folgende Tag fordert unsere Duldsamkeit heraus. Der Wanderweg ist auch für ATV (extrem geländegängige Fahrzeuge) freigegeben. An den zahlreichen steilen Steigungen und Gefällen ist der Weg komplett zerfahren und besteht nur noch aus großen Felsbrocken und losem Sand, jedesmal eine wahre Rutschpartie. Unterwegs werden wir von mehreren Gruppen fröhlich winkender ATV-Fahrern überholt, die uns ungebremst mit Staub eindecken. Es ist der 4.7., also Independent Day,  Nationalfeiertag, da will ein guter US-Amerikaner schließlich seinen Spaß haben. Bei uns kommen da langsam, aber sicher wahre Hassgefühle auf. Wieso können die ihren PS-Wahn nicht in einer alten Kiesgrube austoben, anstatt den Wald zu zerstören?

Die große Hitze zwingt uns zu einer langen Mittagspause. Am späten Nachmittag passieren wir die Grenze nach Wyoming. Jetzt haben wir die Hälfte unseres Weges geschafft, es ist wirklich ein tolles Gefühl. Colorado mit seinen hohen steilen Bergen liegt hinter uns. Mit einigem Bauchkribbeln sind wir vor ein paar Wochen aus New Mexico nach Colorado gekommen, mit gehörigem Respekt vor diesen schweren Etappen. Aber es ist alles gut gegangen und war, auch mit einer gehörigen Portion Glück, viel leichter als gedacht.

Der letzte Tag dieser Etappe ist unspektakulär. Noch immer viel Auf und Ab bei großer Hitze, durch Wald und riesige Flächen voller duftender lilafarbener Lupine, über felsige Hochflächen und durch sumpfige Wiesen mit unzähligen Moskitos. Schon gegen 17:00 Uhr zelten wir kurz vor dem Highway und hitchen am nächsten Morgen vom Battle Pass 20 Kilometer ins Tal nach Encampment.

Hier wollen wir ein oder zwei Ruhetage einlegen, einkaufen und vor allem viiiiel essen. Außerdem müssen wir unsere stinkenden Sachen waschen, die Socken kann man nach 8 Tagen in die Ecke stellen.

Diese Socken haben es in sich!

2 Kommentare

  1. I am so relieved to read your blog. Now I have only to worry for the rest of the way. You two are my heroes. I think I would have lasted three days at most. The photographs are astonishing, except for the one of me with no makeup and in a long skirt with a misfitted top. We lived in Steamboat Springs eight years when our children were little so I smiled at your recollection of getting through Steamboat. Best to you two.

    1. Dear Donna and Eno, again thank you so much for ensuring inviting us and showing us your home- We were so glad we got lost! We wish you all the best, and happy times on Vagabond Ranch! Speedy + Dreamwalker, Rawlins

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